Gottesdienst – Matthäus 3, 13-17

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1. Sonntag nach Epiphanias, 11.01.2009 Matthäus 3, 13-17

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Wir beten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Wir stehen am Anfang des Superwahljahres 2009. acht Kommunalwahlen, vier Landtagswahlen, Europawahl im Juni, Bundestagswahl im Herbst, Bundespräsidentenwahl. Überall stellen sich Kandidaten vor oder werden vorgestellt. Es werden Programme angepriesen und nach der Wahl sicher manche neuen Leute in ihr Amt eingeführt.

Am 20. Januar wird der neue Präsident der vereinigten Staaten in Washington in sein schweres Amt eingeführt. Viele wollen dabei sein, live oder vor dem Bildschirm. Die Tickets für die Veranstaltung werden zu Wahnsinnspreisen gehandelt. Geladen sind nur wichtige Personen. So ist das eben. Die kleinen Leute sind da nicht erwünscht.

Mit unserem heutigen Predigttext werden wir Zeugen einer Amtseinführung. Es ist keine politisch bedeutsame Amtseinführung, sondern eine heilsgeschichtlich wichtige. Sie betrifft nicht nur die Menschen eines Bundeslandes oder einer Nation, sondern alle Menschen. Es ist kein Wahlkampf und kein demokratischer Akt vorausgegangen, sondern ein Akt der Barmherzigkeit Gottes. In Jesus Christus ist er Mensch geworden und dieser Jesus von Nazareth, wie in die Menschen auch nennen, wird nun im Alter von etwa dreißig Jahren in sein schweres Heilandsamt eingeführt. Von ganz oben bekommt er seine Macht und Legitimation. Der Allerhöchste weist ihn als seinen Repräsentanten aus. Johannes der Täufer assistiert ihm.

Ich lese Matthäus 3, die Verse 13-17:

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen, denn so gebührt es uns alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Da ließ er’s geschehen.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.
Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach:
ies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Das war kurz und klar. Keine stundenlange Zeremonie, kein Protokollchef, keine feierlichen Reden. Martin Luther sagt einmal: So predigt der höchste Prediger vom höchsten und größten Predigtstuhl, vom Himmel herab. Er predigt von seinem gleich allmächtigen lieben Sohn.  Der größte Schüler und Zuhörer dieser Predigt ist der Heilige Geist, die dritte Person der göttlichen Majestät. 

„Was hilft mir das?“ Wird Luther gefragt. „Christus ist Gottes Sohn, ohne Sünde. Ich aber bin ein alter Sünder, in Sünden empfangen und geboren, darum wird’s bei meiner Taufe so herrlich nicht zugehen.“

„Nein!“ antwortet ihm der Reformator. „Nicht so! Du musst mit deiner Taufe in Christi Taufe kommen, so, dass Christi Taufe deine Taufe und deine Taufe Christi Taufe sei.“ (Christlicher Wegweiser vom 7.1.)

Wir können also nicht nur fasziniert, staunend oder zweifelnd neben diesem göttlichen Ereignis stehen. Es geht uns direkt an. Nur weil Gott seinem Sohn Jesus hier das Messiasamt und die Heilandsvollmacht überträgt, wird unsere Taufe sinnvoll.

Aber vielleicht ist der Zusammenhang leichter zu begreifen, wenn wir noch einmal genau hinsehen und hinhören, was bei der Taufe Jesu abläuft: Johannes der Täufer hatte in seiner Predigt die Leute aufgefordert, sich zu prüfen und ganz ehrlich zu werden. Ehrlich zu sich selber und vor Gott. Das ist ja gar nicht so einfach. Wir machen ja nicht nur anderen etwas vor, sondern oft auch uns selber.

Wenn ich an meine Bubenzeit zurückdenke: Da hab ich versucht manches zu verheimlichen. Die Grasflecken an der neuen Hose, mit der ich gar nicht hätte Fußball spielen dürfen, so hinzudrehen, dass meine Mutter sie nicht gleich sehen würde, wenn ich heimkam.

Oder wenn unter meinen vorwitzigen Fingern etwas zerbrach, oder kaputt ging, was ich eigentlich gar nicht hätte nehmen dürfen, dann hab ich es vorsichtig so wieder zurückgelegt, dass man denken musste, sei noch heil.

Irgendwann wurde es natürlich doch entdeckt, dann versuchte ich so zu tun, als wüsste ich nichts von der Herkunft der Grasflecken oder dem angerichteten Schaden. „Das ist einfach kaputtgegangen“, versuchte ich mich dann herauszureden. Nicht, das habe ich kaputt gemacht. Als Kain von Gott nach seinem Bruder Abel gefragt wurde, den er im Zorn erschlagen hatte, da tat er so, als wüsste er nichts davon: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

So ist der natürliche Mensch. So geschieht es täglich immer wieder. Ausflüchte und Unwahrheiten, Ausreden und verschweigen, vortäuschen vertuschen. – Ehrlich sein vor den Menschen, vor Gott und vor sich selbst, ist etwas anderes: Ich war’s! Das ist meine Schuld! Das war mein Fehler! Ohne „Aber“. Genau dazu hatte Johannes der Täufer die Leute aufgefordert in seiner Predigt am Jordan: Seid doch ehrlich! Bekennt euere Schuld! Kommt damit zu Gott! Bittet ihn um Vergebung. Johannes versprach: Wer das tut, wer so schonungslos ehrlich sich Gott stellt und seine Schuld bekennt, dem wird sie abgenommen, abgewaschen und der darf befreit neu beginnen.

Und dann sind viele zu ihm in den Jordan gestiegen. Nicht alle! Manche sind auch ärgerlich schimpfend wieder heimgegangen. So, als ob zwischen ihnen und Gott alles in Ordnung wäre und als ob Ihnen niemand etwas vorwerfen könnte und sie selbst sich auch nicht. Ich bin immer wieder sprachlos, wie viele Menschen es gibt, die von sich behaupten: Ich hab mir nichts vorzuwerfen. Es kann nur daran liegen, dass die noch nie wirklich ehrlich und selbstkritisch nachgedacht haben.

Wir sind entsetzt über Präsident Mugabe von Simbabwe, der gerade in Malaysia Urlaub macht, während sein Volk unter Inflation, Hunger und Cholera leidet. Mugabe will das nicht wahr haben. Er sieht keine Schuld bei sich. Gibt’s das nicht im persönlichen Rahmen auch bei uns. Nicht wahr haben wollen, dass es auf einen Abgrund zugeht, dass andere unter dem meinem Verhalten massiv zu leiden haben. Sich nichts sagen lassen, keine Kritik annehmen, sonst müsste ich ja umkehren und mein Verhalten ändern. Immer sind die anderen schuld.

Die Ehrlichen waren von der Predigt des Johannes getroffen. Sie haben das Angebot der Vergebung nicht ausgeschlagen. Sie haben sich von Johannes die Wahrheit sagen lassen. Sie haben es angenommen, eingesehen und zugegeben, vor sich und vor Gott. Sie sind heruntergestiegen von ihrem hohen Ross, heruntergestiegen an den Jordan über die Uferböschung, in den Fluss, haben sich vor Johannes gebeugt, sind in die Knie gegangen und haben damit ein öffentlich sichtbares Bekenntnis abgelegt: Ja, ich bin schuldig vor Gott und Menschen. Was ich getan, wie ich gelebt, was ich geredet und gedacht habe, war nicht recht. Es tut mir leid. Sie haben sich nicht davon abhalten lassen, dass andere am Ufer standen, die sie kannten, Nachbarn, Verwandte, Kollegen. Sie wollten unbedingt Gottes Vergebung, ein befreites Gewissen. Sie stellten sich ihrer Schuld: Ja ich bin ein Sünder, aber ein begnadigter.

Mitten in diese Reihe der Sünder stellt sich, ganz unbemerkt, Jesus. Zwischen die Soldaten, die ihre Macht missbraucht und Menschen gemordet, gequält und schikaniert hatten. Zwischen die Männer, die ihre Frauen betrogen oder geschlagen hatten. Zwischen die Händler und Kaufleute, die Gewichte manipuliert und Verträge gebrochen und Kunden betrogen hatten. Zwischen die Frauen, die mit ihrem losen Mundwerk andere verleumdet und in Verruf gebracht hatten. Und zwischen Kinder und Jugendliche, die gestohlen und gelogen hatten.

Zu all denen stellt sich der Sohn Gottes, als ob auch er so einer wäre, obwohl er doch keine Sünde hat. Zuerst merkt es niemand, wer da steht. Bis Jesus an die Reihe kommt und schließlich direkt vor Johannes steht. Der erkennt ihn und erschrickt. Halt! Das geht doch nicht! Du bist doch kein Sünder! Wenn ich dich taufe, das ist ja, wie wenn der Auszubildende den Meister belehrt; wie wenn der Patient den Arzt operiert, wie wenn der Richter auf der Anklagebank sitzt. Wir müssen die Rollen tauschen, stammelt Johannes. Tauf du mich!

Aber Jesus lässt alle Einwände nicht gelten. Johannes, wehr dich nicht! Es geht nicht um dich. Es geht um die Gerechtigkeit Gottes und um seine unglaubliche Barmherzigkeit. Ich bin gekommen um Verlorene zu retten. Mein Platz ist bei den Sündern. Jesus beugt sich und geht vor Johannes im Jordan auf die Knie und lässt sich taufen. Genauso wie all die anderen Sünder vor und nach ihm.

Als er wieder aus dem Wasser steigt, geht der Himmel auf und Gott gibt sein Geheimnis preis: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! So gefällt es Gott, wenn Jesus zu Sündern kommt und wenn Sünder zu Jesus kommen. Dann erfüllt sich Gerechtigkeit Gottes. Sie wird geschenkt. Denen die Buße tun, die ehrlich sind und sich vergeben lassen und ihre Erlösung im Glauben annehmen.

Und da ist die Verbindung zu unserer Taufe. Dem Getauften wird der Zugang gewährt zu der vergebenden und erneuernden Gnade. Auch dir, so sagt Gott, will ich meine Gerechtigkeit schenken und deiner Sünden ewiglich nicht mehr gedenken. Auch dein altes verkehrtes Wesen will ich erneuern und dir ein reines Herz schenken. Komm zu mir, dein Leben lang immer wieder, mit jeder Schuld, mit jeder Last.

Lass es so geschehen, anders geht es nicht. Wenn der Heiland sich beugt, der doch frei von aller Schuld ist, wie sollte es einen Menschen geben, der zu stolz dazu ist? Jesus nimmt das Amt an, in dem ihn nur Demütigungen erwarten. Er lässt sich verachten, verspotten, von den Frommen seiner Zeit ablehnen, weil er Sünder annimmt und rettet. Er nimmt sein Heilandsamt an, obwohl er weiß, dass es ihn ans Kreuz bringt.

Niemand wird von Gott ausgeschlossen und verdammt, weil er Fehler macht, weil er immer wieder neu Schuld auf sich lädt. Aber es werden die ausgeschlossen bleiben aus seinem Reich, die diesen Weg nach unten nicht gehen wollen. Die ihren stolzen Nacken nicht beugen wollen, die nicht bereit sind immer wieder umzukehren, Sünde zu bekennen und Vergebung zu erbitten. Wer diesen Weg nicht gehen will, den rettet dann auch seine Taufe nicht.

Wir müssen nicht den beschwerlichen Weg zum Jordan machen, um Gottes Gnade für uns zu erlangen. Wir bekennen uns in jedem Gottesdienst schuldig und bitten: Gott sei mir Sünder gnädig. Und wenn wir es wirklich so meinen, dann lassen wir uns ja auch nicht davon beeinflussen, dass da andere in unserer Nähe sind, vielleicht neben uns in der Bank oder hinter uns oder auf der Empore, die das sehen. Wir sind alle eine Gemeinschaft von Sündern, zu denen sich Jesus bekennt und die er zu Gerechten macht. Zugleich Sünder und Gerechte!

Die Konfirmanden werden in knapp vier Monaten im Beichtgottesdienst, am Vorabend ihrer Konfirmation, mit der versammelten Gemeinde zum ersten Mal so gefragt: Bekennst du vor Gott, dass du gesündigt hast mit Gedanken, Worten und Werken, bittest du um die Vergebung deiner Sünden im Namen Jesu Christi, Erneuerung durch seinen Geist und glaubst du auch, dass diese Vergebung, die dir von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer zugesprochen wird, Gottes Vergebung ist? so antworte: Ja! Und alle, die da ehrlich mit „Ja“ antworten, sind angenommen, denen ist vergeben, denen ist die Gerechtigkeit geschenkt.

Und das kann und soll in jedem Christenleben immer wieder geschehen, beim Abendmahl, in jedem Gottesdienst. Auch im persönlichen Gebet, wo sich eines vor Gott schuldig gibt, ja selbst bei jedem im Glauben gebeteten Vaterunser – „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – da gilt diese Zusage Gottes. Erst recht im persönlichen Beichtgespräch, das es in unserer Kirche genauso gibt, wie in der katholischen Kirche.

Ich versichere Ihnen: Es ist viel befreiender, diesen Zuspruch zu hören und anzunehmen. Dir sind Deine Sünden vergeben! Als sich immerzu vor Gott und sich selber zu rechtfertigen: Ich hab mir nichts vorzuwerfen und wenn was nicht richtig war, dann sind andere schuld und die Umstände. Vergebung macht fröhlich und befreit. Und Gott hat auch an uns Wohlgefallen, wen wir seine Vergebung immer wieder neu suchen. Er wird niemals einem Sünder, der sich vor ihm beugt, die Vergebung verweigern. Und wenn seine Sünde noch so groß oder es zum tausendsten Mal wäre wäre. Gott widersteht den Hochmütigen, aber den demütigen gibt er Gnade.

Wir haben die Wahl: Jesus, dem Sünderheiland zu vertrauen oder unserer eigenen Gerechtigkeit. Jesus stellt sich zu Sündern.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168