Gottesdienst – Matthäus 21, 1-9

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Kreuzkirche, 1.Advent, 30.11.2008, Matthäus 21, 1-9

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …

Das Schriftwort für die Predigt
am 1.Advent steht im 21. Kapitel des Matthäusevangeliums:

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.
Aber siehe, eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

War das ein Adventsrummel! Die ganze
Hauptstraße, die von Osten her über den
Ölberg auf die Stadt Jerusalem zu geht voller Leute. Nicht wie
sonst staubig und steinig, sondern ein bunter Teppich. Tücher
und Umhänge, Mäntel und Kopftücher,
dazwischen Palmzweige und Blumen. Der Straßenrand von
jubelnden Menschen gesäumt. Nur weiter hinten einige, die ihre
Mäntel nicht abgenommen haben und die ihre grauen
Häupter schütteln und die Stirn runzeln.

Wer kommt denn da? Was ist da los? Jesus kommt! Er
ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er kommt von Jericho, wo er einen
Blinden geheilt hat. Die Menschen feiern ihn wie einen König.
Der König über Krankheit und Leid. König der
Hoffnung und der Hoffnungslosen, die im Dunkeln leben. Ein
König der Bettler und der kleinen Leute. Die jubeln ihm zu.
Mit Worten und Titeln, die in Israel jedes Kind kannte: Aus dem
Propheten Sacharja im 9. Kapitel. Der hatte dort beschrieben, wie es
einmal sein würde, wenn das Friedensreich anbricht und der
Retter kommt, den Gott schickt:

Du Tochter Zion, freue dich sehr und du Tochter Jerusalem jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der Eselin.

Und genauso kommt er. Nicht auf einem prunkvollen
Wagen, nicht mit Soldaten und Leibwächtern, nicht hoch zu
Ross, sondern auf einem jungen Esel. Er sieht nicht auf sein Volk
herab, sondern bleibt auf Augenhöhe mit den Menschen. Er will
nicht über sie herrschen, sondern ihnen dienen. Er beutet sie
nicht aus, sondern beschenkt sie. Sie müssen nicht
für ihn bluten, sondern er blutet für sie.

Was für ein König! Einer der
Brot gibt und der aus nichts etwas macht. Einer, der nicht Krieg
befiehlt, sondern Frieden macht. Ein Gottessohn, der sich selber
Menschensohn nennt und durch den das Reich Gottes ganz nah kommt. Er
stellt alles auf den Kopf. Bei ihm werden die Ersten die Letzten sein
und die Letzten die Ersten. Verlorene sind durch ihn gerettet und
Sünder werden durch ihn zu Gerechten.

Die Königinnen und Könige der
Welt sitzen auf ihren Thronen und lassen zu ausgewählten
Zeiten sorgfältig ausgegesuchte Menschen kommen. Wer zur
Audienz ins Schloss gelassen wird, muss weite Wege auf sich nehmen und
scharfe Kontrollen über sich ergehen lassen, erhält
genaue Instruktionen, muss die Etikette beachten und die Form wahren.

Ganz anders der König, von dem hier am
Anfang eines neuen Kirchenjahres die Rede ist: Der nimmt an sich eins
Knechts Gestalt, wird niedrig und gering. Wird zum Gespött der
Leute. Siehe! Siehe, heißt es in der
Bibel immer dann, wenn etwas Wichtiges, etwas Besonderes kommt. Schau
hin! Übersieh es nicht! Dein König kommt zu
dir!
Dieser König lässt nicht herablassend
bitten, wenn man lange genug geklopft hat, sondern er kommt und bittet
selbst darum hereingelassen zu werden: Ich stehe vor der
Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören
wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen
.
(Off 3, 20)

Wenn das also vorhin nicht nur gedankenlos dahin
gesungen war, wenn wir wirklich offene Herzenstüren
für ihn haben, dann kommt er auch, garantiert! Wenn wir singen
oder beten:

Komm, o mein Heiland, Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist,
ach zieh mit deiner Gnade ein,
dein Freundlichkeit auch uns erschein.

Dann
kommt er, der freundliche Gott. Er kommt nicht nur zu solchen, die auch
immer freundlich sind, sondern auch zu denen, denen das Lachen oder
sogar das Lächeln vergangen ist. Er kommt zu denen, die
überfordert sind und kein Land mehr sehen. Zu denen, die nicht
mehr lachen können, weil sie immer nur Trauriges erleben. Zu
denen, die Angst haben vor morgen, vor jeder Entscheidung und vor jedem
Schritt in die Zukunft.

Wir beten den Psalmvers: Danket dem
Herrn, denn er ist freundlich.
Aber rechnen wir auch damit,
dass er freundlich ist? Uns wirklich wohl gesonnen, wie ein guter
Freund, wie eine beste Freundin? Die kommen, weil sie uns lieb haben,
weil sie uns helfen wollen und weil wir ihnen etwas wert sind.

Vor einem wirklichen Freund, einer echten Freundin
muss man sich nicht verstellen. Die lässt man auch in eine
unaufgeräumte Wohnung, man empfängt sie auch
ungekämmt und ohne Schmuck und Schminke. Du kennst mich ja! Du
weißt ja, wie ich wirklich bin. Ja, er weiß, wie
wir wirklich sind. Er sieht hinter die Fassade, sieht tief ins
Innerste, kommt trotzdem und ist dennoch freundlich. Auch zu dir und zu
mir. Das ist die Botschaft, die uns entgegenkommt, wenn wir an diesem
ersten Advent uns öffnen für ihn.

Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer!
Bei dem Wort gerecht zucken
wir schon wieder. Ist das nicht doch bedrohlich? Kann mir Gott, wenn er
doch gerecht ist überhaupt freundlich begegnen? Muss er mich
nicht mit der ganzen Härte seines Gesetzes in die Schranken
weisen? Habe ich nicht zu oft seine Gebote missachtet? Ja, das stimmt.
Mit solchen Gedanken sind schon viele vor dem kommenden Herrn
davongelaufen und haben versucht sich vor ihm zu verstecken, wenn es
auch nicht gelingt.

Aber die Bibel zeigt uns doch seine Gerechtigkeit
ganz anders. Nicht fordernd, nicht streng prüfend und hart
strafend, sondern schenkend. In seinen Gleichnissen und Predigten macht
Jesus immer wieder deutlich, dass Gott Gerechtigkeit schenkt und nicht
fordert. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg lässt
Jesus den Verwalter an alle Arbeiter den vollen Lohn auszahlen. Nicht
nur an jene, die den ganzen Tag gearbeitet haben, sondern auch an
solche, die nur einen halben, einen viertel Tag oder gar nur eine
Stunde im Weinberg waren. Sie alle bekommen, was sie brauchen.
Das ist Gottes Gerechtigkeit, er gibt, was wir brauchen.

Wir müssen nicht daran zweifeln: Kann
Gott wirklich auch mir seine Gerechtigkeit schenken, obwohl ich oft so
unmöglich bin? Ja er kann, der König, der kommt. Er wartet
nicht
auf Geschenke, sondern er bringt
sein Geschenk: Gerechtigkeit. …uns macht gerecht
der treue Knecht, der für uns ist gestorben.
(EG 346, 2)

Und wenn der Herr Jesus im Kernsatz der
Bergpredigt sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und
nach seiner Gerechtigkeit
, dann meint er genau diese
geschenkte Gerechtigkeit, die wir von ihm erbitten dürfen,
wenn wir merken, wie wenig wir selber gerecht sind. Der König,
um den es hier geht, will uns zurecht bringen durch seine
Gerechtigkeit. Ganz konkret und spürbar will er heilen, was
bei uns nicht recht ist. In unseren Ehen, Familien, Beziehungen, bei
unserer Arbeit, in unserem Verhältnis zum Geld und zum Besitz
und zur Wahrheit.

Der kommende
König kann einem ehemals Geizigen, wie dem Zachäus
durch seine Freundlichkeit die Freiheit geben, dass er die
Hälfte seines Besitzes den Armen schenkt und das Vierfache des
gestohlenen Guts zurückgibt.

Er kann einem
untreuen Mann, einer treulosen Frau sagen. Ich verdamme dich nicht. Geh
hin und sündige nicht mehr. Ich gebe dir die Kraft treu zu
sein. Ich gebe dir auch wieder die Stärke deinem Ehepartner
neu zu vertrauen.

Er ist ja auch ein Helfer! Der
König, der zu Dir und zu mir kommt, ist nicht nur einer, der
Gerechtigkeit schenkt, sondern auch einer, der hilft. Der heraushilft
und durchhilft. Er hilft heraus auch aus finanzieller Not, aus
Traurigkeit, aus Einsamkeit, aus hoffnungslosen Lagen, was es auch sei.
Er hilft auch schlechten Schülern, dass es dann durch ein
Wunder doch noch reicht. Zur Vier oder zum Durchkommen. Das
weiß ich aus eigener Erfahrung. Wenn es nötig ist
hilft er durch ein Wunder oder er benutzt Menschen so, dass wir uns nur
wundern können.

Als ich mal eine Mathematikschulaufgabe
nachschreiben musste, saß ich im Zimmer des
Mathematiklehrers. Er war der Konrektor der Schule. Ich schwitzte
über den Angaben und Aufgaben und kam nicht so recht weiter.
Immer wieder stand mein Lehrer auf, lief um seinen Schreibtisch herum
und sah mir zuerst über die Schulter und dann verzweifelt zum
Himmel, ob meiner falschen Lösungsansätze. Und
schließlich gab er mir ein paar Fingerzeige, sodass ich
plötzlich wusste, wie es ging. Und dann korrigierte er die
Arbeit gleich und siehe da, ich hatte eine Zwei. Nur eine von vielen
erfahrenen Hilfen.

Eine offene Herzenstüre haben,
heißt auch, ihn brauchen und um Hilfe bitten und ihm
zutrauen, dass er helfen kann. Manche Menschen sind so zu, so
verschlossen, dass sie sich gar nicht mehr helfen lassen. Oder sie sind
so stolz, dass sie nicht um Hilfe bitten und Hilfe gar nicht annehmen
und zulassen. Mit bitterer Miene pressen sie zwischen schmalen Lippen
ein „Ich brauch keinen, der mir hilft“, hervor.
Lass dir doch helfen! Jeder braucht Hilfe! Keiner, kommt allein zurecht.

Der Name Jesus heißt in unsere Sprache
übersetzt: Gott hilft.

Hoffentlich ist
niemand unter uns, der den „Gott hilft“ abweist. An Advent geht es um
seine Ankunft. Gott kommt in Jesus und mit ihm kommt Hilfe. Ich
will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt
, verspricht ER
im 12. Psalm (Vers 6) und im 13. Psalm jubelt der Beter bereits: Mein
Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
(Vers 6)

Er hilft auch durch schwere Zeiten. Vielleicht
machen Sie gerade eine schwere Krankheit oder Depression durch oder
haben eine schwere Enttäuschung erlebt oder haben an Ihrem
Arbeitsplatz eine große Aufgabe vor sich oder bald eine
schwere Prüfung. Verzweifeln Sie nicht, bitten sie IHN um
Hilfe. Er hilft gern und seine Hilfe kommt nie zu spät.

Vor zwei Tagen hab ich einen Brief bekommen von
einer Frau, die mich vor Monaten um Fürbitte gebeten hat, in
einer menschlich sehr schwierigen, fast aussichtslosen Lage. Jetzt
schrieb sie, dass ein ganz entscheidender Schritt der Hilfe geschehen
ist. „Es ist noch nicht alles ausgestanden. Der Heiland muss noch
weiter helfen.“ Aber die Hilfe hat schon angefangen. Sie hat auch bei
Ihnen, sie hat auch bei Dir schon angefangen. Hilfe kommt, so gewiss,
wie ER kommt, unser Herr.

Und noch von einem Hilfezeichen will ich
erzählen. Vor einigen Tagen hat ein Mann aus einem anderen Ort
bei uns im Pfarramt angerufen und sich ganz herzlich bedankt
dafür, dass ihm vor einige Zeit in einem Bayreuther
Krankenhaus von dieser Hilfe gesungen wurde. Das Krankenhaussingen
jeden Mittwoch von Glaubensiedern, die Mut machen und von Gottes Kraft
zeugen, hatte ihm so geholfen, dass er jetzt nach seiner Entlassung
meine Telefonnummer anrief, die auf dem Liedblatt unten stand, um zu
sagen, wie wichtig ihm das war.

Mitten im Adventsrummel unserer Tage, der davon
gar nichts mehr weiß, dürfen wir uns Mut machen
lassen von dem, der Hilfe schafft und Gerechtigkeit schenkt. Wir
dürfen uns freuen auf die Begegnung mit dem, der kommt, der
ganz sicher kommt.

So wie damals manche grimmig am Weg standen und
nicht glauben wollten, dass der auf dem Esel der Retter und Helfer ist,
so stehen auch heute manche auf dem Lebensweg neben uns, die
überheblich und manchmal spöttisch den ablehnen, der
so bescheiden auf einem Esel daher kommt und der so elend an einem
Kreuz endet. Lassen wir uns nicht davon abbringen auf ihn zu warten und
mit ihm zu rechnen und ihm zuzujubeln mit alten und neuen Liedern:

Er
ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein
Gefährt.


Sein
Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit.


All
unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt:


Gelobet
sei mein Gott, mein Heiland, groß von Tat.
(EG
1,2)

Amen.


Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168