Gottesdienst – Matthäus 20, 1-16

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Septuagesimae, 08.02.2009, Matthäus 20, 1-16

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. 
Wir beten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Das Schriftwort für die heutige Predigt steht bei Matthäus im 20. Kapitel. Aber bevor ich es lese, möchte ich an eine Lebensgeschichte erinnern:

Alle nannten ihn Rocky und er war in der Rock und Rockerszene überall bekannt. Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn nicht mehr. Von Kopf bis Fuß tätowiert, mit Irokesenhaarschnitt, in schwarzer Lederkluft, mit Ketten behängt und zahlreichen Ringen in Nase, Ohren und anderen Gesichtspartien. Rocky, mit bürgerlichem Namen Gerhard Bauer war nach einer schwierigen Kindheit und Jugend in Kriegs- und Nachkriegszeit als Fluchthelfer in der DDR geschnappt worden und jahrelang im berüchtigten Gefängnis in Bautzen inhaftiert.

Nach seiner Entlassung war die Mutter gestorben und seine ehemalige Freundin mit einem anderen Mann zusammen. In eine bürgerliche Existenz fand er nicht, aber in der gewalttätigen Rockerszene wurde er akzeptiert. Bei den Außenseitern der Gesellschaft in Hamburg St. Pauli war er angesehen. Er lebte als Gottloser und Gesetzloser unter Gottlosen und Gesetzlosen. – Bis er eines Tages, er war 58 Jahre alt, auf der Reeperbahn auf eine Gruppe junger Christen stößt, „Jugend mit einer Mission“, die dort mit einer Pantomime auf „das Lamm“, auf Jesus Christus hinweisen.

Rocky war gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo man Krebs bei ihm festgestellt hatte. Er sah ein wenig zu, wollte weitergehen, wurde aber von den jungen Christen angesprochen. In den folgenden Tagen gab es mehrere Begegnungen und Gespräche zwischen dem Exoten aus der Drogen- und Perversenszene, mit okkulter und krimineller Vergangenheit und diesen mutigen jungen Christen. Das unglaubliche geschieht: Rocky kommt zum Glauben, legt seine Ketten und Ringe ab und alle Zeichen Satans, kniet nieder und übergibt sein Leben Jesus Christus.

Eine Hamburger Baptistengemeinde nimmt ihn auf. Altgediente Diakonissen, der emeritierte Prediger, Kindergottesdienstkinder lassen ihn spüren, dass sie ihn trotz seines Äußeren mögen. Rocky spürt durch sie, dass die Liebe Jesu mehr ist als fromme Worte. Er wird in den nächsten eineinhalb Jahren selber zum Zeugen für Jesus Christus. Dann stirbt er an seiner Krankheit. Nein, das ist zu wenig gesagt, denn seine neuen Freunde, die ihn in dieser Zeit begleitet haben, bezeugen, dass Gerhard Bauer in Frieden heimgegangen ist. Er wusste sich angenommen. In seinem letzten Gebet sagte der einst gewalttätige Rockerkommandant: „Vater, ich gehe jetzt zu dir.“ Am nächsten Morgen wacht er nicht mehr auf.

Die Beerdigung wird keine Trauerfeier, sondern eine Siegesfeier des Herrn Jesus Christus. Neben den ungefähr 200 Christen aus der Gemeinde waren auch etwa 100 Atheisten anwesend, alte Bekannte aus der Show-, Rocker und Schwulenszene dabei. Und der Pastor konnte davon sprechen, dass da ein Sünder Gnade gefunden hatte.

Über 58 Jahre gottlos gelebt, dann 20 Monate als Christ geglaubt und bekannt. Ist der wirklich angenommen und von Gott aufgenommen wie ein Heiliger. Ist das gerecht? Nein! Das ist Gnade. Aber solche Gnade gibt es, für Menschen, die nicht davonlaufen, wenn Gott sie ruft, vielleicht auch spät ruft.

Wenn ich Ihnen jetzt unseren Predigttext vorlese aus Matthäus 20, dann hören Sie ihn doch auch auf dem Hintergrund dieser Lebensgeschichte von Rocky:

Jesus sprach:“ Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere arbeitslos auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin.
Noch einmal ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag untätig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den Letzten bis zu den Ersten. Da kamen die um die elfte Stunde eingestellt waren und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; aber auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten heben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben!
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht, zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Ärgerst du dich, dass ich so großzügig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Gerhard Bauer, alias Rocky, mag so einer gewesen sein, der erst kurz vor Feierabend noch zur Ernte in den Weinberg des Herrn geholt worden ist. Ein Letzter, der dann behandelt wurde wie ein Erster. Und es kann schon sein, dass manche, die ihr Leben lang fromm waren und vielleicht sogar treu in der Gemeinde mitgearbeitet haben, sich schwer damit tun, dass so ein „Last-Minute-Christ“ den vollen Lohn kriegen soll. Und dass der ihnen im Reich Gottes gleichgestellt sein soll. Ja noch mehr, dass er vielleicht sogar vor ihnen steht, denn die Ersten werden ja nach den Worten Jesu möglicherweise einmal die Letzten sein.

Nicht falsch verstehen! Das ist kein Aufruf, mit dem Glauben zu warten, bis man vielleicht todkrank oder steinalt ist. Mit Berechnung klappt das nicht, dass man fünf vor zwölf noch die Kurve kriegt. Das Gleichnis und die Geschichte von Rocky sollen uns davor bewahren überheblich zu sein, uns über andere zu stellen und Menschen abzuschreiben. Gott hat keinen abgeschrieben, solange er noch lebt. Jesus sagt von keinem: Den hab ich aufgegeben.

Wie würden wir wohl einen wie Rocky aufnehmen, wenn er eines Sonntags in unseren Gottesdienst käme? Würde er sich angenommen oder abgewiesen fühlen? Wie begegnen wir Neuen in der Gemeinde? Nur freundlich, wenn sie angepasst sind? Jesus hat die Zöllner und Sünder angenommen und mit überheblichen Frommen ist er hart ins Gericht gegangen.

Ich bin mir sicher, dass in der Altonaer Gemeinde viele für Gerhard Bauer gebetet haben, als er dort auftauchte. Wenn man für einen Menschen betet, dann verschwinden nämlich die Vorurteile die man gegen ihn hat und die Abneigung und Widerstände, die man in sich gegen diesen Menschen spürt, werden schnell kleiner. Aber wenn man von einem denkt: den möchte ich hier in unserer Kirche und Gemeinde gar nicht sehen, dann ist das mit Sicherheit gegen Gottes Willen.

Einüben in so eine annehmende und freundliche Haltung kann man sich nicht erst wenn ein tätowierter Irokese vor einem sitzt, sondern auch an einem zappeligen Konfirmanden, der dauernd mit seinem Nachbarn schwätzt, mit dem Handy spielt oder sogar beim Gebet den Mund nicht halten kann.

Oder wenn die Nachbarin oder der Kollege eine Kirchenbank weiter sitzt, die es einem immer so schwer machen. Denkt man dann nicht schnell: Scheinheilige Type, was willst denn du hier!? Dann verhält man sich so, wie einer der im Gleichnis viele Stunden länger gearbeitet hat und der mit dem vollen Lohn plötzlich nicht mehr einverstanden ist.

Die Unzufriedenen in dem Gleichnis sind in eine Falle gegangen. Sie bekommen, was ihnen zusteht. Sie erhalten den versprochenen, den vereinbarten Lohn. Aber sie fangen an zu vergleichen: Wenn einer nur drei oder gar nur eine Stunde gearbeitet hat und 100% Lohn bekommt, dann muss ich, der ich viermal oder zwölfmal soviel gearbeitet habe auch den vier- bzw. zwölffachen Lohn bekommen. Und indem sie so vergleichen, rechnen und denken, werden sie mit dem, was sie bekommen, immer unzufriedener. Ihre Mienen verfinstern sich, sie zürnen mit dem Herrn und lehnen den anderen, der so reich entlohnt, so wunderbar beschenkt wurde ab.

Die Falle des Vergleichens schnappt oft zu. Und sie treibt einen Keil zwischen Gott und den Menschen und zwischen den anderen und mich selbst. Vergleichen wir nicht auch oft: Die ist viel schöner als ich, der ist stärker als ich. Die haben das schönere Haus, das größere Einkommen. Warum hat die einen Mann und ich nicht? Warum hat der eine Freundin und ich nicht? Der wird befördert, obwohl ich schon viel länger drauf warte. Die kriegt den Job, obwohl ich ihn viel dringender bräuchte. Die anderen sind alle gesund und ich quäle mich mit meiner Krankheit oder Behinderung herum.

Die wird in den Stadtrat gewählt oder in den Kirchenvorstand dabei hab ich viel mehr Fähigkeiten und werde nicht gewählt. Der wird Dekan und ich nicht! – Ich will gar keiner werden! Die Vergleichsfalle verfinstert und verfeindet gegen Menschen und Gott. Wenn wir sie nicht meiden, werden wir auch zu den Letzten gehören, wenn es um das Himmelreich geht.

Hätten sich im Gleichnis nicht alle über den vollen Lohn freuen und zufrieden sein können? Der Denar war der Betrag, den eine Familie am Tag zum Leben brauchte. Es war genug. Davon konnte man leben. Und das ist auch das Motiv des Weinbergbesitzers. Er will jedem das geben, was er zum Leben braucht. So will Gott jedem geben, was er zum Ewigen Leben braucht. Die volle Gnade! Ohne Gnade, ohne Erlösung und Vergebung wird niemand ins Reich Gottes kommen. Auch die Ehrbarsten unter uns und auch die Frömmsten brauchen Gottes große Gnade um ans Ziel zu kommen. Dass nur niemand meint, er hätte sich den Himmel verdient. Wer so denkt, kann eigentlich nur beten, dass Gott ihm die Augen öffnet und zeigt, dass auch er zu den Letzten gehört. Und wer das erkennt, wird dann mit Freuden nach der Gnadenmünze greifen und nicht anders können, als von Herzen zu danken.

Wer sich von Gott begnadigt und beschenkt weiß, der kann sich dann auch neidlos mit anderen freuen, die mehr haben oder sind, die schöner oder stärker, erfolgreicher oder angesehener sind. Der wird den anderen ihre besseren Noten, schöneren Kleider, größeren Häuser, besseren Jobs, die robustere Gesundheit auch gönnen.

In unserer Gesellschaft wird sehr viel Geld für Schönheitspflege und Wohlfühlartikel ausgegeben. Sogar wir Männer sollten jetzt schon mit Cremes und Gurkenmasken gegen unsere Fältchen ankämpfen. Dabei gibt es viel kostengünstigere und wirksamere Schönheits- und Wohlfühlmittel. Wer anfängt sein Leben dankbar durchzugehen, wer sich nicht mit solchen vergleicht die über ihm sind, sondern mit solchen, denen es schlechter geht, der wird damit manches Magengeschwür vermeiden und Sorgenfalten werden verschwinden. Neid macht alt, hässlich und krank. Man sagt doch: Ich werd vor Neid ganz krank. Dankbarkeit dagegen macht jünger, gesünder und schöner. Wenn jemand sich freut und dankt, weil er so beschenkt ist, dann strahlt er doch über das ganze Gesicht.

Ich bin mir sicher, die „Kurzarbeiter“ in unserem Gleichnis sind strahlend und fröhlich heimgerannt. Und die murrenden „Langarbeiter“ hatten an diesem Tag keine Freude an ihrem Lohn. Schimpfend, ärgerlich über solche vermeintliche Ungerechtigkeit kamen sie missmutig daheim an und haben in der Nacht schlecht geschlafen.

Am reichsten sind wir dann, wenn wir das annehmen und im Glauben fassen, dass der Herr bei uns ist, immer zu erreichen, auch in schweren Zeiten. Die am Schluss so reich Beschenkten, zuletzt eingestellten Tagelöhner hatten ja auch einen harten Tag hinter sich. Sie standen seit dem Morgen am Marktplatz herum und keiner hatte ihnen Arbeit gegeben. Sie mussten es aushalten, dass ihnen andere vorgezogen wurden und sie hatten mit den Sorgen zu kämpfen, wie sie denn ihre Familie ernähren sollten ohne Verdienst. Aber auch wenn wir solche Phasen erleben, müssen wir nicht verzweifeln, denn unser Herr verspricht uns:

Ich bin da, stets zu erreichen, niemals lass ich dich allein!
Eher werden Berge weichen, ich will immer bei dir sein!

Ich bin da in schweren Zeiten. Ich bin größer als die Not
Und ich werde für dich streiten, denn ich bin dein treuer Gott!

Meine Gnade weicht nicht von dir,
denn ich bin dein Gott,der dich niemals verlässt!
Der Bund meines Friedens steht felsenfest!
Komm, schlag neu ein, komm heraus, komm zu mir!
Meine Gnade weicht nicht von dir!

(Text und Melodie Jörg Streng)

Amen. Wir hören vom Jugendchor dieses Lied.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168