Gottesdienst – Matthäus 13, 44-46

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9. Sonntag nach Trinitatis, 05.08.2007, Matthäus 13, 44-46

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

In unserem heutigen Schriftwort für die Predigt geht es um das Himmelreich. Im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums lesen wir zwei Bildworte, die der Herr Jesus für das Himmelreich gebraucht. Ich lese die Verse 44-46:

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg. Und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte den Acker.

Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie.

Hier werden Träume wahr.

1. Der Traum eines kleinen Mannes.

2. Der Traum eines Liebhabers und Sammlers.

Wahrscheinlich sind beide Gleichnisse deshalb nur so kurz skizziert, weil jeder Mensch den einen oder anderen ähnlichen Traum selbst schon geträumt hat und immer wieder träumt. Jeder von uns kann sich vorstellen, wie das wäre, wenn…

Sehen wir uns an, was der Herr Jesus beschreibt. Da ist einmal der kleine Landarbeiter, dem nichts gehört. Er schindet sich Tag für Tag auf dem Besitz seines Herrn. Er macht sich die Hände schmutzig, kämpft sich durch Dreck und Dornen, damit sein Herr feine Kleider tragen kann und im Luxus lebt.

Wie oft mag er geträumt haben bei seiner Arbeit: „Ach , das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten“… Ein eigenes Stück Land, den Ertrag selber verkaufen, sich am Gewinn freuen. Andere für sich arbeiten lassen und trotzdem verdienen. Genug haben, nicht nur für einen Tag, sondern für immer. Wie oft haben diesen Landarbeiter sein schmerzender Buckel und die Schwielen an seinen Händen herausgerissen aus den schönen Träumen. Sein Alltag war alles andere als traumhaft. Tagelang hinter einem Ochsengespann herlaufen und einen Holzpflug in die harte steinige Erde drücken. Da fließt der Schweiß in Strömen, Muskeln werden taub, Gelenke schmerzen. – Wozu? Damit ein anderer Gewinn davon hat.

Plötzlich, mitten im Pflügen und Sinnieren, ein dumpfer Schlag an der Pflugschar, ein ungewohntes Geräusch. Die Ochsen stehen. War das ein großer Stein dicht unter der Erde? Er kniet nieder, räumt ein paar Hand voll Erde weg und – ein Traum wird wahr! – Eine Kiste voller Gold, ein Schatz mitten im Acker.

Der Mann ist clever. Er bleibt besonnen. Nach dem ersten Freudenschrei überlegt er, was er tun muss, um den Schatz selbst behalten zu dürfen. Es sollte nicht wieder ein anderer den Gewinn haben. – Wenn ich alles zusammenkratze, was ich habe, dann kann ich meinem Herrn dieses Stück Land abkaufen und dann gehört der Schatz, der sich darin findet mir.

Kaum ist der Plan gefasst, geht er hin und setzt ihn in die Tat um. Es fällt ihm nicht schwer, sein sauer verdientes und lange gespartes Geld für einen wenig ertragreichen steinigen Acker hinzugeben. Er weiß ja um den Schatz, weiß, dass er bald reich ist. Er strahlt vor Erwartung und Vorfreude.

Der andere, ein Händler und Sammler. Schmuck, Perlen, edle Steine. Er ist ein alter Hase in seinem Geschäft, kennt den Markt, das Angebot, die Nachfrage. Er hat nicht schlecht verdient in seinem Leben und sich soviel zur Seite gelegt, dass er gut auskommen kann auf seine alten Tage. Allerdings, sein Traum ist nie in Erfüllung gegangen: Etwas Einzigartiges, Unvergleichliches, Einmaliges müsste man mal finden: Den größten Diamanten oder die schönste Perle. Als er die Hoffnung fast schon aufgegeben hat, wird auch sein Traum wahr: Ein Perlenfischer bietet ihm eine Perle an, wie er sie noch nie gesehen hat. Riesengroß, von makelloser Schönheit und wunderbarem Glanz.

Da hält ihn nichts mehr. Ohne zu zögern, entschließt er sich zum Kauf. Wenn er alles dafür gibt, seine Ersparnisse und Sicherheiten, kann er den hohen Preis für die Perle bezahlen. Gesagt, getan. Er gibt alles, was er hat, her und kauft die kostbare Perle. Seine Freude, sein Glück ist unbeschreiblich: Jetzt habe ich das Kostbarste, was es gibt!

Träume werden wahr. Träumen wir nicht gern solche Träume? Wenn wir in der Zeitung lesen von dem letzten Lottogewinner, einem kleinen Rentner oder von dem Auszubildenden, der auf einen versteckten, herrenlosen Geldkoffer stieß. Weil solches große Glück selten ist, wären wir auch schon mit kleinerem Glück zufrieden. Die Medien berichten immer wieder mit Bildern davon: Der größte Steinpilz der Saison mit seinem strahlenden Finder. Der längste Hecht mit seinem stolzen Angler. Der mächtigste Kürbis mit seinem glücklichen Hobbygärtner. Ja, das kleine Glück gibt’s immer wieder, vielleicht hatten Sie’s auch schon mal. Aber das große, vielleicht größte Glück, bleibt ein Traum.

Manche wollen es sich erarbeiten und setzen alles ein dafür. Sportler, die einmal ganz oben stehen wollen auf dem Treppchen bei Olympia oder der Weltmeisterschaft, opfern ihre ganze Zeit und Kraft um nur ja dieses Ziel zu erreichen. Sie verzichten auf alles, schinden sich, ertragen Schmerzen, leben streng diszipliniert, um diese höchste Form des Glücks, wie sie meinen, zu erreichen. Kein Preis ist ihnen zu hoch.

Das will der Herr Jesus sagen: Es gibt ein Glück, eine Freude, einen Wert, für den kein Preis zu hoch ist. Dafür lohnt es sich alles andere zurückzustellen: Das Himmelreich. Das Reich Gottes. Wer das gefunden hat, so sagt der Herr Jesus mit den beiden Bildern, der hat die große Freude, den hat den wertvollsten Schatz, dessen kühnster Traum ist noch übertroffen.

Das Himmelreich? Vielleicht lächeln manche jetzt. Ist das nicht auch so ein Traum, der nie Wirklichkeit wird? Das Paradies, ein Zustand ohne Last und Leid, ohne Trauer und Tränen. Haben wir diesen Traum nicht auch alle von Zeit zu Zeit? – Ich möchte im Himmel sein, dort, wo es keine Not mehr gibt, keinen Streit, keine Sorge, keine Angst, keinen Druck. Wie wunderbar wäre es, wenn ich nicht mehr so plagen müsste, wenn ich keine Schmerzen mehr hätte. Wenn es keine Bosheit gäbe, keine Gifte, keine Krieg, Keine Terrorakte, keinen sinnlosen Mord an Menschen und Tieren. Wenn es kein Altwerden und Sterben gäbe, keine Einsamkeit, keine verletzenden Worte und keine erschütternden Nachrichten. Keine einstürzenden Brücken, abstürzenden Flugzeuge, alles überflutenden Wassermassen… Das wäre himmlisch! – Aber bleibt das nicht ein schöner Traum? Viele sind sich sicher, dass er nie wahr werden wird.

Und doch spricht der Herr Jesus immer wieder davon, stellt die Bibel das Himmelreich in Aussicht, in zweifacher Weise:

1. Das Reich Gottes ist mitten unter euch! – Glaubt es, lasst euch darauf ein, rechnet mit Gott und seinen Möglichkeiten und schon hier werdet ihr das Himmelreich in euerem Leben erfahren.

Und Jesus redet 2. vom zukünftigen Gottesreich, von einem perfekt vollendeten Reich Gottes, für das er uns gewinnen möchte. In den beiden Bildworten zeigt Jesus, dass es verschieden Wege gibt um den Schatz des Himmelreiches für sich zu entdecken und die damit verbundene tiefe Freude zu erfahren: Jetzt habe ich das Wertvollste gefunden, jetzt ist mein Leben erfüllt, jetzt ist es reich, hat Sinn und Ziel.

Man kann mitten im Alltag damit in Berührung kommen, ohne dass man es gesucht hat. So war’s bei dem Landarbeiter, der rein zufällig mit dem Pflug am Schatz im Acker hängen bleibt. Er hat ihn nicht gesucht, nicht erwartet, hier doch nicht.

So ging es dem Paulus vor Damaskus. Der dachte, alles zu haben, hielt den Jesus der Christen und das Gerede von der Auferstehung für ein Hirngespinst einiger Fanatiker. Bis der Auferstandene zu ihm spricht, und ihm eine völlig neue Sicht schenkt. Er lässt ihn den Schatz finden, so dass Paulus später sagen kann (Epistel Phil.3): Alles andere ist für mich nichts mehr, ich erachte es für Schaden und Dreck.

Mitten im Leben, in der Arbeit, im Alltag ist Gott Menschen begegnet und das hat ihr Denken völlig verändert. Durch ein Gespräch, ein Buch, eine Predigt, ein Erlebnis, eine Krankheit. Die Pflugschar des Lebens bleibt hängen an dem großen Schatz. Man kann es schnell abtun und einfach nur weitermachen, – der Landarbeiter hätte dann den Schatz nicht entdeckt, – oder man hält inne und geht der Sache auf den Grund, räumt den oberflächlichen Dreck weg, geht auf die Knie und findet den größten Schatz, Reich Gottes, Frieden, Vergebung, neues Leben mit neuen Zielen und den Zusagen Gottes: Zukunft für Dich, Trost für Dich, Erbarmen für Dich!

Bei vielen, die zum Glauben gekommen sind, war es so. Da hat sie etwas aus ihrem Lebenstrott herausgerissen, vielleicht erschreckt oder verunsichert, hat ihre bisherigen Ziele und Werte in Frage gestellt. Sie sind nicht ausgewichen, haben sich nicht ärgerlich abgewendet, sondern sind dem Anstoß Gottes nachgegangen, meist zuerst mit der schmerzlichen Erkenntnis von Schuld und wenig schmeichelhaften Einsichten über sich selbst. Aber dann auch mit der tiefen Freude der Vergebung: Ich bin angenommen und geliebt. Otto Lock beschreibt das in seinem Lied so:

Mein Leben war ein einzig Jagen nach dem Glück,

ich wusste nichts von Gott und nichts von Golgatha,

ein Teil des Lebenswegs lag hinter mir zurück,

bis Gott mich suchte und ich endlich sagte: Ja!

Das war der schönste Tag, den Gott mir jemals gab,

als Jesus in mein dunkles Erdendasein kam.

Reich Gottes, Himmelreich, mit seiner Freude und seinem Frieden hier schon spürbar und als großes Ziel am Ende des Lebenswegs. Weil Gott ihn gesucht hat und er sich hat finden lassen. Das ist eine Möglichkeit.

Den anderen Weg zum Himmelreich verkörpert der Kaufmann auf der Suche nach der kostbarsten Perle. Vieles hat er gesehen, erlebt, erreicht, aber irgendwie ist er ein Suchender geblieben. Sollte das alles sein? Geschäft und Erfolg, Beziehungen und das Abwägen von Risiken. Ist das alles?

Viele sind auf der Suche nach mehr. Sie suchen das Glück und den Kick, die Freude und die Geborgenheit, das Bleibende oder das Vergessen. Sie suchen in der Musik, in der Kunst, im Tanz und im Rausch, auf Reisen und in Religionen, in Kursen und Kulten. Sie reisen an besondere Orte der Kraft oder Energien, zu vermeintlich besonderen Menschen, die einen zum Papst, andere zum Dalei Lama.

Aber wir müssen gar nicht woanders suchen. Wir haben den Schatz, verborgen in den einfachen Worten und Lebensgeschichten der Bibel. Wer da sucht, wird ihn finden. Die Heilige Schrift hat für alle Typen und Lebensphasen Hilfe, Antworten, Kraftpakete, Ermutigungen, Trost. Sie zeigt in jeder Lebensphase Ziele und Aufgaben.

Auch in den Gleichnissen und Bilden der Bibel ist dieser Schatz verborgen und wird der Weg zur kostbarsten Perle beschrieben. Unsere beiden kurzen Bildworte haben einen wichtigen Zug gemeinsam: Nachdem die beiden Männer Schatz und Perle entdeckt haben, gibt es für sie nur noch den einen Gedanken: Wie kann ich den Schatz, die Perle für mich bekommen? Alle anderen Werte werden ihnen daneben unwichtig. Für das eine lassen sie alles andere los. Haben Sie auch schon so gefragt?

Darauf kommt es an, wenn man den Schatz des Himmelreiches entdeckt hat: Nicht dran vorbei eilen, nicht wieder loslassen, nicht wieder weggehen! Sondern nachgraben, nachfragen, nachlesen, sich damit befassen, es zu seiner Sache machen und damit leben. Die Wirklichkeit Gottes festhalten und in die eigene Lebenswirklichkeit einbeziehen. Auch wenn andere vorbeikommen und sagen: Ach, die alte Kiste! Was willst du denn mit dem alten Buch? Bibel, kannst du vergessen, alles Mythen und Märchen!

Nein! Vergiss es nicht! Mach die alte Kiste auf, dann entdeckst du den Schatz. Schlag dieses Buch täglich auf und du entdeckst immer wieder neue Schätze. Und das Himmelreich strahlt mit seinen Inhalten in dein Leben hinein. Es wird hier schon, jetzt schon zur Realität, vermittelt Frieden und Geborgenheit, gibt Halt und Hoffnung.

Manche machen den Fehler und rumpeln mit ihrem Lebenspflug mal drüber und ärgern sich nur, dass Gottes Reich stört und bremst, sie schauen nicht nach, was dahinter ist. Man hört mal was von Gott, von Jesus, stößt sich an Äußerlichkeiten der Kirche oder der Gläubigen und wendet sich enttäuscht ab. Ach, lasst mich in Ruhe! Sie wollen nicht glauben, dass die große Perle echt ist, dass in der alten Kiste wirklich ein Schatz sein soll. Sie halten alles von vorne herein für eine Fälschung und prüfen gar nicht nach.

Hinter den beiden Bildern in die Jesus hier ganz knapp schildert, steckt noch eine andere erschütternde Aussage:

Da war einer, der hatte einen Schatz und hat ihn vergraben.

Da war einer, der hatte die allerschönste Perle und hat sie verkauft. Beide geben das Kostbarste auf, was es gibt.

Wie ein Christ, der seinen Schatz versteckt und vergräbt, der meint, jetzt brauch ich das nicht, vielleicht später mal, dann kann ich meinen Glauben ja wieder ausgraben, wieder hervorholen. Eine ganz gefährliche hoch riskante Einstellung. Vielleicht findest du ihn nicht mehr wieder oder du kommst nicht mehr dazu, ihn auszugraben.Oft hab ich Menschen so reden hören: Ja, früher, da bin ich auch gern in eine Jungschar oder in den Gottesdienst gegangen. Zu Hause, da haben wir immer gebetet. Sie haben die Kraft vergessen, die leuchtenden Augen verloren. Unter der Erde, unter lauter irdischen Dingen ist ihnen der Schatz abhanden gekommen.

Andere haben die unbezahlbare Perle des Himmelreichs für materielle Werte weggegeben oder sind in Gefahr es zu tun. Ihr Herz hängt mehr am Haus und am Konto, an der Rendite und an der Sammlung. Die Urlaubsreise kommt vor der Freizeit, der Brunch sticht den Gottesdienst aus. Erst nur einmal, dann öfter, dann wird’s zur Gewohnheit. Die eigene Ehre ist wichtiger geworden als Gottes Ehre. Man kann den Schatz auch wieder verlieren, wenn er einem nicht wichtig ist. Aber wer das tut, wird es ewig bereuen. Denn nichts ist größer, wertvoller und bleibender als das Himmelreich und nichts ist wichtiger als mit dabei zu sein im Reich Gottes.

Im Heiligen Abendmahl wird uns das Reich Gottes neu zugesagt und zugeeignet. Lassen wir es uns schenken und halten wir es fest. Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168