Gottesdienst – Matthäus 11, 2-6
Zur PDF3. Advent, 14.12.2008, Matthäus 11, 2-6
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir beten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Was für eine Adventszeit verbringen Sie in diesem Jahr? Geht es Ihnen gut? Freuen Sie sich über die niedrigen Heizöl- und Spritpreise und über die sinkende Inflationsrate? Können Sie die vorweihnachtliche Lichterflut genießen und haben Sie Spaß an den Vorbereitungen fürs Weihnachtsfest? Dann will ich Ihnen diese Freude nicht nehmen.
Aber allen wird’s nicht so gehen. Manchen, das weiß ich aus vielen Gesprächen, ist gar nicht nach Festvorbereitungen zumute. Zu sehr drücken Sorgen um Gesundheit und Zukunft, ums Einkommen und Auskommen und der Sinn steht Ihnen nicht nach Sternchen und Geschenkpapier. Sie überlegen, ob Sie in diesem Jahr überhaupt die Krippe auspacken sollen, weil Ihnen alles sinnlos erscheint. So viele Fragen, so viele Zweifel, so viel Trauriges. Und Gott scheint so weit weg. Vielleicht ist Ihr Glaube ins Wanken geraten und Sie kommen sich ganz gottverlassen vor in dieser Adventszeit.
Dann sollten Sie besonders auf das Schriftwort für die Predigt an diesem 3. Adventssonntag hören. Es steht im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums:
Nachdem Jesus seinen zwölf Jüngern Anweisungen gegeben hatte, zog er weiter, um in den Städten des Landes die Heilsbotschaft zu verkündigen.
Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:
Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Was für eine Adventszeit verbringt dieser unerschrockene Gottesbote, Johannes! Bestenfalls eine Kerze brennt, vielleicht auch nur ein kleines Öllämpchen in seinem muffigen Verließ. Nix mit Plätzchen, Stollen und Glühwein. Wasser und Brot gibt’s in seinem Gefängnis, wenn überhaupt. Kein Adventslied klingt an sein Ohr. Schreie vielleicht aus den Nachbarzellen oder das Gegröle eines angetrunkenen Wachsoldaten. Nicht Glöckchen klingen, sondern Ketten klirren. Das Lager ist hart und das Zeitgefühl geht verloren im eintönigen Dunkel der Zelle.
Immerzu kreisen die Gedanken in den endlosen und tatenlosen Stunden: Hab ich was falsch gemacht? Bin ich einem Phantom hinterher gejagt oder – besser vorangegangen? Ist er doch nicht der Messias? Ist Jesus vielleicht doch nicht der von Gott so lange verheißene Retter. Müsste sonst nicht alles ganz anders sein? Jetzt hab ich so fest geglaubt und meinen Auftrag erfüllt und nun sitze ich sinnlos allein hier drinnen und draußen bleibt alles beim Alten.
Sollte doch alles nur Einbildung gewesen sein? Warum schweigt Gott? Warum reißt er den Himmel nicht auf? Warum schlägt er nicht endlich drein, wenn er doch die Macht hat? Warum lässt er all das Unrecht zu in der Welt und in meinem Leben? Ich versteh’s nicht! Ich kann’s einfach nicht begreifen. Gott, wo bist du? Rede doch! Tu doch was! „O Heiland, aus der Erden spring! Oder aus dem Himmel, egal was! Aber diese Stille, dieses Schweigen, dass nichts geschieht, kein Lichtblick, kein Hoffnungsschimmer! Das ertrag ich nicht länger.
Ganz tief unten ist er. Verzweifelt, voller Zweifel. Johannes weiß nicht mehr, was er glauben soll. Seine Vorstellungen vom „Lieben Gott“ sind zerbrochen. Und die Erwartungen an den „Gerechten Gott“ haben sich auch nicht erfüllt. Was soll da gerecht sein, wenn ich hier Tag für Tag in diesem Loch sitze und vor mich hin dämmere? Draußen geht auch die Ungerechtigkeit weiter und die Willkür der Mächtigen. Die einen werden immer reicher, die anderen immer ärmer.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Bestimmt hat auch er den 22. Psalm und diesen Vers gebetet. So verlassen und verzweifelt wie er war.
Aber was ist das? Sind da nicht Stimmen zu hören auf dem Gang? Schritte, die sich nähern? – Doch! Jetzt sieht Johannes im Schein der Fackel drei Männer und er hört ihre Stimmen: „Aber nur kurz… und dass ihr keinem was erzählt!“ „Auf keinen Fall, du kannst dich ganz auf uns verlassen… und danke für die Ausnahme…“
Johannes erkennt die Stimmen. Es sind zwei von seinen Leuten. Wie haben sie das nur geschafft, dass sie eine Besuchserlaubnis erhalten haben? Es wird sie eine ganze Menge Überredungskunst und auch Geld gekostet haben. – Die Begrüßung fällt herzlich aus. „Danke! Danke, dass ihr gekommen seid! Ich halt’s nicht mehr aus hier. Keine Sonne, keine Menschen, mit denen du reden kannst, keine Hoffnung, keine Ahnung, wie es weitergehen wird und immer diese Zweifel.“
„Zweifel? Aber Johannes, du kannst doch keine Zweifel haben! Du hast doch nie gezweifelt. Du hast uns doch immer mit solcher Gewissheit vom kommenden Gottesreich erzählt. Und vom Messias, durch den alles neu und anders wird. Jetzt ist er da, zieht durch die Dörfer und Städte, predigt und tut Wunder. Wie kannst du da nur zweifeln?“
„Ja, aber ich merke hier nichts davon und ich bin unsicher geworden. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Ich hab mir alles ganz anders vorgestellt. Ich bitte Euch: Tut mir den Gefallen, geht noch mal hin zu ihm! Redet mit ihm! Fragt ihn! Ob er wirklich der ist, den Gott gesandt hat? Und schaut genau hin! Beobachtet ihn, was er tut und was um ihn herum geschieht!“
Der Wachsoldat drängt: „Los jetzt, geht, bevor mein Chef kommt!“ Nachdenklich machen sich die Beiden auf den Weg. Dass einer wie Johannes der Täufer in seinem Glauben unsicher werden kann? Dass auch er von Zweifeln geplagt wird? Sie selbst kannten das ja von sich, dass ihr Glaube manchmal angefochten wurde und dass sie immer wieder mit Zweifeln zu kämpfen hatten. Aber Johannes der Täufer? Ist er nicht ein Großer im Reich Gottes?
Ich finde es sehr tröstlich, dass dieser Mann, der doch einen besonderen Auftrag und besondere Vollmacht hatte, auch Zeiten des Zweifels kennt, wie ich. Sieht man sich das Leben besonderer Gottesmenschen genauer an, liest man ihre Briefe, Tagebücher und Aufzeichnungen, dann entdeckt man, dass sie alle solche Phasen in ihrem Leben hatten und in ihrem Glauben angefochten und nicht selten von Zweifeln geplagt waren.
Nicht nur die großen Gestalten der Bibel, Abraham und Jakob, Mose und Elia, Jeremia und Jona, der Jünger Thomas und der Apostel Paulus. Auch die wegen ihres Glaubens berühmt gewordenen Gestalten der Kirchengeschichte, Augustin, Franz von Assisi, Martin Luther und viele andere Männer und Frauen mit großer Wirkungsgeschichte. Sie waren angefochten, wie wir und sie hatten ihre Tiefs und dunklen Stunden, in denen die Zweifel übermächtig groß wurden und ihnen ihr Glaube klein und armselig erschien.
Wenn Gottes Wege anders verlaufen als unsere Vorstellungen,
dann sind wir schnell in Gefahr den Glauben aufzugeben und an der Liebe und Treue Gottes zu zweifeln. Manchmal auch an seiner Gerechtigkeit oder gar an seiner Existenz. Glaube und Zweifel, das sind ungleiche Zwillinge, die selten allein daherkommen. Das ist aber noch nicht schlimm. Es ist nur die Frage, ob wir in unseren Zweifeln nach der Gewissheit im Glauben suchen oder ob wir in unserem Glauben uns von jedem Zweifel aus der Bahn werfen lassen.
Wie ist das hier im Text? Was macht denn Johannes der Täufer? Er spricht seine Zweifel aus. Als seine Jünger zu ihm ins Gefängnis kommen um ihn zu besuchen, da spielt er ihnen kein Theater vor. Er sagt ihnen seine Gedanken und bittet sie, ihm zu helfen. Sie sollen für ihn zu Jesus gehen und ihm Gewissheit verschaffen. So dürfen wir es auch machen: Unsere Fragen und Zweifel anderen Christen anvertrauen, sie um Hilfe bitten. Echte Freunde werden dann unsere Not in der Fürbitte zu Jesus tragen und werden mit Antworten zurückkommen, die uns helfen.
Manchmal sind wir selber ja auch wie eingesperrt: Wenn uns dicke Mauern der Traurigkeit umgeben, wenn Krankheit wie ein dunkler Kerker ist, wenn Angst uns ihre Fesseln anlegt, dass wir uns nicht frei bewegen können. Der Liederdichter Ernst Hansen preist im Kehrvers seines Liedes die befreiende Liebe Gottes aber in den Strophen stellt er fest:
Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen
und nur durch Gitter sehen wir uns an.
Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis
und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.
(EG 638,3)
So viele Mauern, so viele Gitter, so viele Fesseln. Neid und Geiz, Eifersucht und Geltungsbedürfnis, Unversöhnlichkeit und unvergebene Schuld. Sie schließen ein, nehmen das Licht und die Freude, isolieren uns. Wer hilft heraus? Dass wir wieder die Hilfe sehen, für die wir blind waren, den Trost hören, für den wir taub waren, dass wir nicht mehr wie gelähmt im alten Zustand verharren, dass wir wieder rein werden von aller Unreinheit. Wohin nur mit all dem?
Zu dem einen, der auch Zweifler nicht hinaus stößt, der Blinde nicht in die Grube fallen lässt und Taube nicht beschimpft, der den Lahmen auf die Beine hilft und der reinigt von aller Ungerechtigkeit. Die Jünger des Johannes gehen für ihren Freund und Lehrer zu Jesus. Sie bitten ihn um Hilfe, klagen ihm die Not des Johannes. Und er antwortet mit Tatsachen. Geht zu ihm zurück und sagt ihm, was ihr hier hört und seht:
Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Das
waren die Zeichen, die Jeremia schon für den Messias, den Heiland
vorausgesagt hatte (Jer.35, 5.6) Und die Jünger des Täufers
werden Zeugen, wie lauter solche, die mit ihrer Not zu Jesus kommen,
Hilfe erfahren. Jeder da, wo er sie am nötigsten braucht. So ist
das durch alle Zeiten geblieben. Solche, die mit ihrer Not und Schuld
zu Jesus kommen erfahren Hilfe.
Den Armen wird das Evangelium gepredigt. Wem denn sonst? Reichen kann man kein Evangelium predigen. Die haben ja alles. Die sind ja nicht auf Hilfe angewiesen. Das Wort Arme kann man dabei sowohl materiell als auch im geistlichen Sinn verstehen. Wer geistlich arm ist, in seinem Glauben merkt, wie wenig er hat. Der wird sich nach guten Worten sehnen, die ihm Mut machen und die ihm Gottes Kraft zusprechen. Die Starken und Selbstgerechten schauen eher verächtlich auf das einfache klare Evangelium und auf die, die sich daran halten.
Aber alle, die mit leeren Händen, mit kleinem Glauben, mit Not und Schuld zu Jesus kommen und ihn aus der Not ihres Herzens heraus bitten, die werden angenommen und geliebt, mit einer Liebe, die keine Grenzen kennt. Johannes der Täufer war in seinem Auftrag als Bußprediger immer ein Starker und Mutiger gewesen. Einer der sich für seine Sache entschieden hingestellt hat. Auch er musste noch ganz klein werden in seinem Gefängnis, um im Himmelreich, wie Jesus einmal sagt, ein „Großer“ zu werden.
Wer nicht arm wird, der wird das Evangelium nie verstehen und den Schatz und Reichtum des Glaubens nie finden. Und für den wird Jesus immer ein „Stein des Anstoßes“ bleiben, an dem er sich ärgert und über den er sich aufregt. Selig wird nur, wer sich nicht an Jesus ärgert.
Man kann das gut als Prüfstein nehmen. In einer Kirche, die reich und selbstgerecht ist, wird vielleicht von Gott, aber kaum von Jesus geredet. Und Gemeinde, die mit sich selber zufrieden ist, mag die Predigt von Jesus Christus, von dem Heiland, der Sünder rettet nicht hören.
Auch für sich selbst kann man das als Prüfstein nehmen. Ärgert es mich, wenn gepredigt wird, dass Jesus die Sünder liebt oder tröstet es mich?
Jesus verurteilt den Johannes im Gefängnis nicht. Er lässt ihm noch einmal die Heilsbotschaft ausrichten. Daran soll er sich halten, darauf sich verlassen. Kurze Zeit später betrat der Henker die Zelle des Johannes um ihm den Kopf abzuschlagen. Da war es tröstliche Gewissheit für ihn, dass durch Jesus Tote aufstehen. Nichts kann die Armen, die das Evangelium hören und annehmen, trennen von der Liebe Gottes, kein Leid, kein Zweifel, keine Not, auch nicht der Tod. Der Auferstandene Christus durchbricht alle Mauern, sprengt alle Gitter und zerreißt alle Fesseln. Auch für uns.
Er wird nun bald erscheinen, in seiner Herrlichkeit
und all euer Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud.
Er ist’s, der helfen kann; halt eure Lampen fertig
und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.
Amen
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168