Gottesdienst – Matthäus 6,1-4
Zur PDFPredigt zu Matthäus 6,1-4 am 13. Sonntag nach Trinitatis 2.9.07 – Pfarrerin Birgit I. Bauer
Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Liebe Gemeinde,
„in letzter Zeit sind in unserer Belegschaft ausgesprochen unschöne Dinge zum Vorschwein gekommen …“ Mit diesem prachtvollen Freudschen Versprecher soll ein Firmenchef eine Betriebsversammlung eröffnet haben, ohne es selbst zu merken. Klar, von Schweinereien wollte er nicht gerade reden, aber gedacht hat er daran. Und so bahnte sich das Wort unbewusst seinen Weg zum Gehör der überraschten Menge.
Nicht nur die Worte entziehen sich manchmal unserer Kontrolle. Auch unsere Handlungen machen sich mitunter selbständig. Kennen Sie das? Meine Schlüssel liegen manchmal plötzlich irgendwo, von mir selbst dort abgelegt. Starke Raucher, die entschlossen ihren Zigarettenkonsum stoppen wollen, ertappen sich auf einmal beim Griff zum Glimmstängel. Und der musikbegeisterte Konzertbesucher wird von seiner Frau in die Seite gestoßen, weil er bei Beethovens „Fünfter“ in derart enthusiastische Bewegung gerät, dass sich die Sitznachbarn unruhig umdrehen.
Wenn die Linke nicht weiß, was die Rechte tut, muss das freilich kein Zeichen von geistiger Verwirrung sein. Jesus jedenfalls meint mit seinen Ermahnungen Menschen, die sich von Gottes weitherziger und freigebiger Güte so reich beschenkt wissen, dass ihnen das Gute quasi unterläuft. So wie man selbstvergessen eine mitreißende Melodie mitsummt, sich von einem herzhaften Kinderlachen anstecken lässt oder unwillkürlich das freundliche Winken eines Vorbeifahrenden erwidert.
Ein Mensch sprang von einer Brücke ins Wasser. Ein anderer sprang ihm nach, um ihn zu retten. Nachdem ihm das geglückt ist, wird er gefragt, wie ihm solche Entscheidung innerlich möglich gewesen sei. Er antwortet: von einer Entscheidung könne keine Rede sein. Vielmehr sei der Versuch einer Lebensrettung für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen.
Nicht wahr, das dürften wohl unsere besten Taten sein, die uns gleichsam passieren – ohne Berechnung und Eitelkeit, ja sogar ohne Schielen nach einem himmlischen Lohn. Einfach aus einer Haltung der Liebe. Aus froher Dankbarkeit für Leben und Atem. Taten oder Gaben, die von Herzen kommen – aus einem übervollen und freien und freudigen Herzen.
Ein Kapitel weiter in seiner Bergpredigt spricht Jesus vom natürlichen Tun des Guten: „So bringt jeder gute Baum gute Früchte.“ (Mt 7,17) Heißt das nicht?: Das Gute wächst tatsächlich ungesehen, absichtslos, unbewusst aus der Mitte unseres Wesens, wenn wir von Gottes Liebe erfüllt und verwandelt sind. Es geschieht einfach.
Nun aber hebt Jesus in unserem Predigtabschnitt ja ganz anders an: „Habt Acht auf eure Frömmigkeit!“ Warum lenkt er unseren Blick auf unser Tun und Verhalten, wenn wir doch im besten Fall gar nicht auf uns schauen sollen, sondern eben ungesehen, absichtslos und unbewusst agieren möchten? Jesus tut das, weil er um die Gefahren des Frommseins weiß und weil er uns kennt.
Wir sind Menschen, die selten lautlos wachsen, bis sich ihre fruchtbeladenen Kronen schließlich hingebungsvoll zur Erde neigen, als seien sie nur zum Dienen da. Wir sind Menschen, die auch im religiösen Bereich gern Designer und Stilberater beauftragen, Werbefachleute und Meinungsforscher befragen, Frauenzeitschriften und Imagekampagnen studieren, um unsere Erscheinung nach außen aufzubessern und unser Bild möglichst schön zu malen. Nach ein wenig Beifall juckt es uns immer wieder.
Wenn zum Beispiel Politiker im Wahlkampf Kinderwangen tätscheln, wenn sich finanzkräftige Manager beim Überreichen plakatgroßer Schecks an Hilfsorganisationen fotografieren lassen, dann haben sie genau kalkuliert, was sie damit zur Pflege ihres Selbstbildnisses tun. Sie werben um Wähler und Kunden nach dem Motto: „Tue Gutes und rede darüber!“
Eigentlich lautet ein Sprichwort: „Tue Gutes und wirf es ins Meer, sieht es der Fisch nicht, so sieht es der Herr.“ Aber könnte unsere Gesellschaft so funktionieren? Wird nicht auch in der Natur mit lauten Liebesgesängen und farbenprächtigem Imponiergehabe geworben, unter jungen Vögeln wie unter jungen Leuten? Es ist nun mal so: Klappern gehört zum Handwerk. Gleichzeitig wird uns dieser Drang, gesehen zu werden, selbst oft peinlich.
Natürlich wusste all das der gelernte Bauhandwerker Jesus auch. Und nun will er uns zeigen, wie wir herauskommen aus dem Kreisen um uns selbst und seinem klebrigen Beigeschmack. Denn ehrlicherweise spüren wir es ja unangenehm pappig: In dem Augenblick, in dem wir empfinden: Es tut so gut, ein edler Mensch zu sein!, in dem Augenblick verderben wir unser feinstes Tun. Sobald mein Verhalten mit Hintergedanken geschieht, hat es seinen Glanz verloren. „Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt“, dichtete Goethe.
Frommsein – ja, aber ungesehen, mahnt Jesus deshalb erstens. Almosen, Beten, Fasten, die drei wichtigsten jüdischen Äußerungen von Frömmigkeit, hier in der Bergpredigt Jesu aufgeführt, zählen bis heute zu den grundlegenden Bestandteilen gelebter Spiritualität, auch im Christentum. Als Jesus darüber lehrte, wie wir diese Werke der Frömmigkeit angehen sollen, hat er dem Verborgenen besondere Bedeutung beigemessen.
Mehrfach finden wir da solche Hinweise Jesu: „Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden“; „damit dein Almosen verborgen bleibe“; „dein Vater, der in das Verborgene sieht“; dein Vater, der im Verborgenen ist“. Ihr Lieben, es gibt wohl einen unfehlbaren Weg, um in Gottes Gegenwart zu gelangen. Wir müssen ins Verborgene gehen.
Denn dort ist der Vater. Dahin ist er dir vorausgegangen. Dort wartet er auf dich. In dem Moment, in dem du in das Verborgene eintrittst, befindest du dich in der unmittelbaren Gegenwart deines himmlischen Vaters. Das Verborgene ist unser Zugang zum Gnadenthron, dem Platz, wo wir den Himmel schmecken dürfen.
Die einzige Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wollen wir den Himmel schmecken oder doch lieber die Erde? Wollen wir die Augen Gottes auf uns gerichtet sehen oder doch lieber die Augen der Menschen? Genießen wir das Verbundensein mit Gott oder ziehen wir die Bewunderung der Umwelt vor? Anders gesagt: Können wir es aushalten, wenn niemand mitkriegt, was wir Gutes geschafft haben? Sind wir bereit, uns darin zu üben?
Es fehlt der Sucht, gesehen zu werden, der Glaube an Gott, weil ihr der verborgene Gott nichts gilt. Und es fehlt der Beifallssucht die Liebe zu Gott, weil sie die Menschen mehr schätzt als Gott. Eines der schönen Lieder von Johann Sebastian Bach beginnt mit der Aufforderung: „Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an …“ Bitten wir Gott herzlich darum, an ihn wahrhaft glauben, ihn wahrhaft lieben zu können!
Frommsein – ja, aber absichtslos, mahnt Jesus zweitens. „Wenn du Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.“ Noch schwieriger wird es jetzt. Wir sollen nicht nur auf das Lob und die Anerkennung der Menschen verzichten, sondern auch auf das Wohlgefallen, mit dem wir selbst unsere Wohltat bedenken. Wir sollen nicht messen, wie verdienstlich unsere Güte strahlt. Wir sollen nicht an ihr unser Selbstbewusstsein stärken. Wir sollen uns nicht auf unser Gutsein stützen, als könnten wir mit ihr vor Gott bestehen.
Alles, was wir tun oder lassen, wurzelt sonst in der Selbstliebe. Dann geht es allein um uns und unsere Gerechtigkeit. Aber genau die will Jesus uns schenken. Nie können wir selber vollkommen gerecht sein, immer wird es uns noch an Gerechtigkeit mangeln. Darum kommt er ja zu uns und tauscht: seine Gerechtigkeit gegen unsere Schuld.
„Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte; die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten. Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan, er ist der Mittler worden.“ (EG 342,1)
Gott will nicht, dass wir für uns und unser Wohl und Heil selber sorgen müssen. Dass wir Pflichten erfüllen, damit uns niemand etwas vorwerfen kann. Dass wir gut sind, damit wir uns gut fühlen. Bitten wir Gott herzlich darum, uns seine Güte schenken lassen zu können!
Frommsein – ja, aber unbewusst, mahnt Jesus schließlich drittens und in all dem. Bringen wir es auf drei zusammenfassende Begriffe, so heißt es also für uns: Nicht nur keine Demonstration – gesehen werden wollen. Nicht nur keine Spekulation – gerecht sein wollen. Sondern auch keine Reflexion – geübt sein wollen.
Reicht es schon, oder ist es noch nicht genug, was ich tue? Wie gut bin ich wirklich oder wie schlecht? Was muss ich noch verbessern, wo sollte ich mich weiter anstrengen? Gerade wir Frommen sind da oft in uns selbst verkrümmt.
Die linke Hand darf nicht wissen, was die rechte tut? Sie braucht es nicht mehr zu wissen. Überflüssig geworden ist alles Registrieren und Punkte-Sammeln, gegenstandslos die Statistik, die ich vielleicht mit Sorgfalt geführt habe und, sofern ich noch als der alte Mensch um mich kreise, unnötigerweise weiterhin führe. Gott, der ins Verborgene sieht, braucht sie nicht. Und wichtiger noch: Christus selbst füllt meine Bilanz. Ich brauche nur ihn anzusehen, und dann weiß ich, was über mich zu sagen ist.
Nun kann ich in meinem Handeln ganz unbefangen sein. Ich mag bloß noch an den Herrn denken, der für mich gutsteht und dem ich diene. Nicht mehr demonstrieren, spekulieren, reflektieren. Bitten wir Gott herzlich darum, auf ihn allein schauen zu können!
„Lass mich kein Lust noch Furcht von dir in dieser Welt abwenden; beständig sein ans End gib mir, du hast´s allein in Händen; und wem du´s gibst, der hat´s umsonst, es mag niemand erwerben noch ererben durch Werke deine Gunst, die uns errett´ vom Sterben.“ (EG 343,4) Amen.