Gottesdienst – Matth. 18, 15-20
Zur PDF22.So. n. Trinitatis, 23.10.05, Kreuzkirche, Matth. 18, 15-20
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus
Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören.
Folgende Verse aus dem 18. Kapitel des Matthäusevangeliums liegen
dieser Predigt zugrunde (15-20):
Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht,
zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder
gewonnen.
Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir,
damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt
werde.
Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er
auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und
Zöllner.
Wahrlich, ich sage euch, was ihr auf Erden binden werdet, das
soll auch im Himmel gebunden sein und was ihr auf Erden lösen werdet,
das soll auch im Himmel gelöst sein.
Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf
Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem
Vater im Himmel.
Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich
mitten unter ihnen.
Heute, auf den Tag genau vor fünfundvierzig Jahren wurde dieses
Haus als Kirche geweiht und dem gottesdienstlichen Gebrauch übergeben.
Für uns ein guter Anlass über den Sinn und Zweck von Kirche nachzudenken.
Kirche, wer braucht sie eigentlich? Warum haben die Bewohner
dieses Stadtteils Kreuz gut zehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg Mark
für Mark von ihrem damals noch recht bescheidenen Einkommen abgezweigt
und den Sammlerinnen und Sammlern an den Türen für den geplanten
Kirchenbau gegeben? Weil sie nach den schlimmen Erfahrungen des Nationalsozialismus
wussten, dass es ohne Gott und sein Wort, ohne seine Korrektur nur in den
Untergang gehen kann.
Vielleicht haben manche von Ihnen in der vergangenen Woche den Film
„Der Untergang“ gesehen und in wenigen Stunden zusammengefasst nacherlebt,
wie Machtbesessenheit und Selbstüberschätzung, wie die Intelligenz
des Bösen zunächst Erfolg verspricht, dann aber in Tod und Untergang
führen muss.
Nach diesem Untergang war den meisten Überlebenden klar: Wir brauchen
Gott, wenn wir überleben wollen. Wir brauchen Kirche um mit dem Herrn,
Jesus Christus in Verbindung zu bleiben. Und wir brauchen Gotteshäuser
in unserer Nähe, um unseren Glauben zu leben. Wir wollen die Glocken
am Morgen, Mittags und am Abend hören, weil sie uns ans Gebet erinnern.
Wir wollen zum Gottesdienst zusammenkommen, weil wir Grund zu Lob und Dank
haben, weil es immer Anliegen und Nöte gibt, die wir vor Gott bringen
wollen und weil wir immer wieder den Zuspruch der Vergebung brauchen und
dass uns das Wort Gottes wieder auf den richtigen Kurs bringt.
Wir brauchen Kirche. Wir brauchen sie 45 Jahre nach ihrer Einweihung
vielleicht noch nötiger als damals, denn die Erfahrungen jener Zeit
scheinen mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Die Zahl derer, die
meinen Gott nicht zu brauchen nimmt kontinuierlich zu. Auch viele Verantwortliche
in Politik und Wirtschaft, in Bildung und Medien treffen ihre Entscheidungen
ohne auch nur im Geringsten nach dem Willen Gottes zu fragen. Viele Normalbürger
tun es ihnen gleich. Sie brauchen Kirche nicht, ja manche würden sie
am liebsten wieder aus unserer Mitte verschwinden lassen. Auch um diesen
Kirchturm herum leben nicht wenige, die längst ausgetreten sind und
noch mehr, die Sonntag für Sonntag den Ruf der Glocken ignorieren.
Lassen wir uns durch die gut gefüllten Reihen nicht täuschen.
400 Gottesdienstbesucher bei viertausend Gemeindegliedern, das ist nicht
viel. Einer von zehn. Würden wir nur die zählen, die tatsächlich
in unserer Gemeinde wohnen, dann wäre es wahrscheinlich nur einer
von zwanzig.
Kirche, wer braucht sie eigentlich? Wenn Menschen sie nicht brauchen,
braucht Gott sie? Wohl kaum. Sein Lob findet in dieser Welt auch ohne uns
statt. Jeder Baum, jede Blume, jede Wolke, jede Welle, jeder Stein und
jeder Stern sind Zeichen seiner Macht und Größe. Moderne Naturwissenschaftler
sprechen von „intelligent Design“, wenn sie die genial aufeinander abgestimmten
Zusammenhänge der Schöpfung nach und nach entschlüsseln.
Je tiefer sie in die Geheimnisse des Lebens eindringen um so klarer wird,
dass dahinter die intelligenten Baupläne eines außergewöhnlichen
Architekten stehen müssen.
Intelligent Design, das ist leicht untertrieben und vielleicht auch
ein bisschen Ausdruck menschlicher Arroganz, wenn Menschen Gott zugestehen,
dass er seine Schöpfung doch intelligent angelegt hat. Trotzdem hat
mich dieser Ausdruck irgendwie gefreut, als ich ihn das erste Mal hörte,
denn er ist das zunächst unpersönliche Zugeständnis, dass
da eine Höhere Weisheit und Kreativität nötig war um diese
Erde und den Kosmos zu schaffen. Kirche hilft uns, dass aus dieser unpersönlichen
Ahnung ein persönlicher Gott für uns wird. Ein Gott, der uns
anredet, der uns meint, der sagt: Fürchte dich nicht, denn ich
habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist
mein.
Wir brauchen Kirche, auch diese Kreuzkirche, damit hier in diesen Mauern
immer wieder die persönliche Begegnung stattfindet zwischen Gott und
uns und zwischen uns vor Gott. Wir brauchen Kirche vor Ort, damit der wunderbare
Gott, der intelligente Designer allen Lebens immer wieder eingreifen kann
in unseren Alltag, damit seine Macht und Kraft noch viel mehr in unserem
Bewusstsein verankert wird, damit wir ihn nicht an den Rand unseres Lebens
drängen, sonder in die Mitte rücken. Nur das kann wirklich intelligent
und zielführend sein.
Kirche, was ist das? Es ist nicht nur dieses Versammlungshaus mit Altar
und Kanzel, Taufstein und Turm, Empore und Orgel. Kirche, das ist Gemeinschaft
mit dem Herrn. Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da
bin ich mitten unter ihnen. Was ist das für ein Versprechen! Wir
dürfen zusammenkommen mit dem intelligenten Designer des Lebens. Von
seiner Nähe, von seinen Worten, von seiner Ausstrahlung können
wir nur profitieren. Jede Verbindung mit ihm kann uns nur Gewinn bringen.
Je mehr wir mit diesem Herrn zusammen sind, desto intelligenter und
sinnvoller wird unser Leben werden. Um so eher kann unser Zusammenleben
gelingen und gut werden. Ein Mensch der sich der Leitung durch den Geist
Gottes entzieht, ist wie ein Stein, der sich aus seinem Bauwerk entfernt.
Allein verliert er seinen Sinn. Irgendein einzelner Stein, der irgendwo
herumliegt, nutzlos, vielleicht gar hinderlich.
Je öfter ich mir diese Kreuzkirche genau ansehe oder sie Konfirmanden,
Besuchern, Gruppen erkläre um so mehr muss ich den Architekten Reissinger
bewundern, wie er viele Details aufeinander abgestimmt hat und wie er durch
seine Gestaltung schon versucht hat eine Botschaft an die Menschen weiterzugeben,
die in diese Kirche kommen: Der segnende Christus, einladend und tröstend:
Wer
an mich glaubt, der wird leben auch wenn er stirbt. Die Nägelmale
an seinen Händen und Füßen zeugen von der Schuld, die er
am Kreuz für uns getragen hat und zugleich von dem Leid, das er überwunden
hat und überwinden hilft. Licht vom unerschöpften Licht fällt
durch die großen verdeckten Altarfenster herein. Die Quelle des Lichts
bleibt uns verborgen, aber das Licht nicht.
Voller Hinweise auf die Offenbarung des Johannes und die Zukunft, die
Gott gehört, ist dieses Gotteshaus. Die goldene Stadt(Fensterwand),
die sich am Ende der Zeiten auf die dunkle Erde herabsenkt, wenn alles
Leid überwunden sein wird. Das Lamm Gottes, Jesus Christus, vor dem
die Obersten des Himmels sich beugen und ihre Kronen in den Staub werfen,
draußen auf dem Reliefstein in der Kirchenwand. Das zeltartig gefaltete
Dach, das an das wandernde Gottesvolk erinnert, an die Menschen, die wissen,
dass sie auf dieser Welt nicht immer sein werden, sondern einmal ihre Zelte
abbrechen müssen.
Es gäbe noch vieles zu entdecken, was der Baumeister in sein intelligentes
Design eingearbeitet hat. Dabei hatte er weder grenzenlos Geld zur Verfügung,
noch das allerbeste Material. Mancher gebrochene oder beschädigte
Stein ist in diese Mauern eingebaut. Der Beton war wohl nicht der Beste
und die Eisen die ihn verstärken, leicht angerostet. Manches ist zu
schnell gegangen damals und nicht ganz nach Vorschrift. Das Kupferdach
musste schon nach 12 Jahren gegen ein Bitumendach ausgewechselt werden.
Nichts ist perfekt. Schaut man genau hin, kann man viele Risse entdecken.
Und nach 45 Jahren ist es an der Zeit an eine Außenrenovierung zu
denken, der Kirchenvorstand beschäftigt sich bereits mit der Vorbereitung.
Ist das nicht auch ein Gleichnis? Ein genialer Baumeister hat mit unvollkommenen
Leuten und fehlerhaften Teilen ein gelungenes Ganzes geschaffen, das für
viele immer wieder zum Segen wird. Das ist Kirche. Das ist das Werk des
intelligenten Designers, das Werk Gottes durch Jesus Christus. Er baut
seine Kirche und er benutzt uns dazu. Trotz unserer Fehler und unserer
Vergänglichkeit. Er verwirft keinen als unbrauchbar, sondern kann
jeden brauchen.
Und bei jedem, der sich von ihm gebrauchen lässt, macht er es genauso.
Alles was in unserem Leben fehlerhaft und unbrauchbar scheint kann er mit
einbauen in ein gesegnetes Leben. Die Niederlagen und Enttäuschungen,
die Fehler und falschen Entscheidungen, die Schuld und das Leid unseres
Lebens kann durch den Herrn der Kirche zu einem sinnvollen und guten Ganzen
zusammengefügt werden. Wie das Unheil auch heißen mag, das uns
im Augenblick bedroht, er kann Heil draus machen.
Zweierlei braucht es allerdings dazu und davon redet der Herr Jesus
hier: Vergebung und Gebet.
Vergebung der Sünden ist uns durch den Herrn Jesus angeboten und
die Kirche und ihre Boten dürfen sie allen anbieten: Was ihr auf
Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein und was ihr auf
Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel gelöst sein.
Auf diese Vollmacht, die der Herr Jesus an seine Kirche weitergegeben hat
wird in unseren Beichtgottesdiensten und Feiern ausdrücklich hingewiesen.
Es gibt beides, die Vergebung von Schuld im Namen des Herrn Jesus, weil
er unsere Schuld am Kreuz auf sich genommen hat. Und wem diese Vergebung
zugesprochen wird, im Gottesdienst oder im persönlichen Beichtgespräch,
der darf sich hundertprozentig darauf verlassen, dass seine Schuld vergeben
ist und vor Gott nicht mehr gegen ihn steht.
Aber so erschütternd das klingt, es gibt auch das andere, dass
einem Menschen seine Schuld nicht vergeben wird auf dieser Erde, dann wird
er sie auch im Jenseits nicht mehr los. Wenn jemand sich nicht schuldig
gibt, Vergebung nicht begehrt, wenn ihm seine Schuld nicht leid tut und
wenn er von seinem gottlosen sündigen Verhalten gar nicht lassen will,
dann behält er sie. Da nützt dann alles Verdrängen, bagatellisieren
und beschönigen nichts. Wer Vergebung allein aus Gnade durch Jesus
Christus nicht erbittet und annimmt der bleibt unter der Schuld und geht
damit verloren. Wer etwas anderes behauptet, verfälscht Gottes Wort.
Dazu brauchen wir Kirche, dass wir erkennen, bekennen und gelöst
werden, erlöst von unserem sündigen Wesen. Dazu gehört auch,
dass wir uns etwas sagen lassen, dass wir uns auf Fehler ansprechen lassen
und uns das zu Herzen nehmen. Viele Menschen sind nicht mehr bereit sich
etwas sagen zu lassen. Auch nicht, wenn es wie hier im Namen Gottes geschieht.
Zunächst, so rät es uns der Herr Jesus im persönlichen Gespräch
unter vier Augen: Du, was du tust ist doch nicht in Ordnung. Bleibt das
ohne Erfolg, dann sollten noch ein oder zwei andere hinzugezogen werden.
Die letzte Mahnung sollte dann vor der Gemeinde erfolgen. Wird auch die
nicht angenommen, dann gehört der Betreffende nicht mehr zur Gemeinde.
Wer sich nichts mehr sagen lässt ist wie ein Heide und ein Zöllner,
also wie einer der ohne Gott lebt und sich seine eigenen Gesetze zu seinem
Vorteil und nach seinem Gutdünken macht.
Doch heißt das nicht, dass man den Heiden und Zöllner, den
Gottlosen und offensichtlichen Sünder deshalb verachten darf. Jesus
hat genau die mit Liebe und Geduld zu gewinnen versucht. Wir dürfen
keinen aufgeben, der noch lebt, vielleicht kehrt er ja noch um. Und damit
sind wir beim zweiten grundlegenden Fundament von Kirche und Gemeinde:
Das Gebet. Und Jesus spricht hier besonders das gemeinsame Gebet an.
„Wenn zwei unter euch eins werden, worum sie bitten wollen, so soll
es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel!“ Ist das nicht ein
gewaltiges Versprechen?
Kirche, das heißt zusammenstehen im Gebet. Sich einsetzen für
die Sache des Herrn. Die Nöte der Gemeinde, Einzelner oder unseres
Landes gemeinsam vor Gott bringen. Das kann auch so geschehen, dass zwei
oder mehr vereinbaren: Für den, der da am Weggehen ist, wollen wir
jeden Tag beten. Oder für die, die krank ist, die keine Arbeit hat,
die es so schwer hat in ihrer Familie, den, der in seinem Beruf so drinhängt,
wollen wir jetzt mal ganz treu beten. Seid gewiss, sagt der Herr,
solches
Gebet wird erhört werden.
Ein Gebäude kann viele Schäden haben, solange das Fundament
steht und das Dach dicht ist kann alles andere in Ordnung gebracht werden.
So ist das auch mit Kirche: Solange das Fundament steht: Vergebung durch
Jesus Christus, Gottes Sohn, meinen Retter. Und die Verbindung nach oben,
das Gebet nicht abgebrochen ist kann alles andere immer wieder erneuert
und in Ordnung gebracht werden.
In wenigen Tagen wird in Dresden die Frauenkirche wieder dem gottesdienstlichen
Gebrauch übergeben. Sie war vollständig zerstört, ein Haufen
Schutt und Asche nach den Bombenangriffen des Krieges. Wenn ihre Glocken
jetzt wieder erklingen und sich Gemeinde in ihr versammelt, dann deshalb,
weil
es Vergebung gibt und weil Gebete erhört werden.
Das gilt auch in ihrem und in meinem Leben. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168