Gottesdienst – Matth. 16, 13-19

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Pfingsten, 31.05./01.06.2009, Matth. 16, 13-19

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …

Herr, wir bitten Dich, gib uns den Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen

Pfingsten, da sind viele unterwegs. Die schönste Jahreszeit! Mal raus und was anderes sehen. Andere Landschaft, andere Menschen, andere Ansichten und Lebensart kennen lernen. Nicht nur wir sind eine mobile Gesellschaft und viel unterwegs. Schon vor Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden ist man gereist um seinen Horizont zu erweitern. Allein, in Gruppen, in Massen.

Die Bibel berichtet uns von den Erzvätern, Abraham, Isaak, Jakob, die ihr Leben lang unterwegs waren. Nomaden mit Ziegen, Zelt und Zubehör. Wir lesen vom Volk Gottes, das unterwegs ist. Zu Hunderttausenden mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack durch die Wüste, in unbekanntes Land. Auch Jesus war mit seinen Jüngern immer unterwegs. Er hat das Land durchstreift und auch das benachbarte Ausland besucht. Auch er wollte mal raus aus dem Trubel. Weg von dort, wo ihn jeder kennt und wo dauernd jemand was von ihm will. Eine Auszeit. Gelegenheit zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, wieder neu Klarheit zu bekommen. Auch wir brauchen das.

Unser pfingstlicher Predigttext berichtet davon, wie Jesus ganz im Norden von Israel unterwegs war, am Fuß des Hermon Gebirges nicht weit von den Jordanquellen. Eine wunderbare Landschaft. Dort, im Urlaub gewissermaßen, kommt es zu einer wichtigen Aussprache, zu einem klärenden Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern. Matthäus schreibt davon im 16. Kapitel:

Jesus kam in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Sie sprachen: „Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.“

Er fragte sie: “ Wer sagt denn Ihr, dass ich sei?“

Da antwortete Simon Petrus und sprach: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

Und ich sage dir auch. Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Was halten die Leute von mir? Was denken die anderen über mich? So fragt Jesus hier. Für viele ist das heute eine ganz wichtige Frage. Wie komme ich an? Was ist mein Image, welches Bild hat man von mir. Politiker, Prominente, Persönlichkeiten arbeiten ganz gezielt daran. Bevor man auftritt oder vor die Kamera kommt, begibt man sich in die Maske. Falten vertuschen, Farbe auftragen, nur nicht zu blass wirken.

Es geht um Punkte im Politbarometer, um Plätze auf der Beliebtheitsskala. Oder für den Normalmenschen wenigstens darum gut anzukommen. Eigenartig nur, dass Jesus auch so fragt: Für wen halten mich die Leute? Hat er das nötig? Braucht er das für sein Image – Wohl nicht. Aber er will, dass die Leute darüber nachdenken, wer er ist.

Es scheint da ja ziemlich verschiedene Ansichten gegeben zu haben, aber alle waren wohl davon überzeugt, dass Jesus ein ganz Besonderer ist. Was werden da für Namen genannt: Große Gottesmänner! Johannes, der erst kurz vorher von Herodes hingerichtete Täufer und Bußprediger, den viele persönlich erlebt hatten und der mit seinen mutigen und vollmächtigen Predigten einen tiefen Eindruck bei den Menschen hinterlassen hatte. Ist sein Geist in Jesus etwa wieder lebendig geworden? Manche denken so. Es ist derselbe Geist, ein heiliger Geist den man bei Johannes gespürt hat und den die Leute nun bei Jesus wieder spüren. Geist Gottes. Dessen Gegenwart kann man spüren. Da ist man angesprochen, angerührt. Da wird einem auf einmal Wichtiges klar. Da gehen einem Lichter auf. Manche, die Jesus hören erinnern sich an Johannes.

Andere gehen weiter zurück in der Geschichte ihres Glaubens, in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sie denken an Elia, der einst mit einem feurigen Wagen gen Himmel gefahren ist und von dem man glaubte, dass er vor dem Endgericht und nach dem Anbruch der neuen Welt Gottes wiederkommen würde. Sie halten es für möglich, dass in Jesus von Nazareth, der große Prophet Elia auf die Erde zurückgekommen ist und den Menschen etwas zu sagen hat.

Er könnte vielleicht auch Jeremia sein, der andere große Prophet, dem man zu Lebzeiten so übel mitgespielt hatte und dessen Prophetenbuch inzwischen so hoch geschätzt wurde. Auch andere Prophetennamen waren schon gefallen bei der Frage, wer Jesus sei. Der Herr Jesus hört sich an, was ihm seine Jünger auf der kleinen Reise in den hohen Norden des Landes aus ihren Gesprächen und Begegnungen der letzten Zeit zu berichten haben. Ist es wichtig für ihn, für wen man ihn hält? Was will er mit seiner Frage erreichen?

Er will dass sich zunächst seine Jünger klar darüber werden, wer er ist. Darum fragt er im kleinen Kreis, als sie unter sich sind nach: Und Ihr? Was denkt Ihr? – Stille! – Der Herr blickt von einem zum anderen. Sie schweigen, aber in ihnen arbeitet es. Ja, wer ist er wirklich, dieser Mann aus Nazareth, von dem so viel Liebe ausgeht und der so vollmächtig von Gott redet, dass man eine große Sehnsucht nach dem Reich Gottes bekommt und der die Menschen durchschaut, wenn er sie ansieht. Er wirkt äußerlich ganz normal. Er isst mit uns, er trinkt mit uns, er schläft irgendwo draußen mit uns. Er stellt keine besonderen Ansprüche, fordert keine Vorrechte und Privilegien für sich, ist an Geld und Besitz nicht interessiert. Er setzt sich mit jedem an einen Tisch. Er lacht mit uns und weint mit uns. Er feiert mit uns, singt mit uns und betet mit uns.

Aber dann ist er wieder so ganz anders. Er legt einem Blinden die Hand auf und der kann wieder sehen. Er rührt eine fiebernde Frau an und das Fieber weicht in einem Augenblick. Er gibt den klugen Schriftgelehrten Antworten auf die ihnen nichts mehr einfällt. Ja, er macht aus Besessenen Befreite und er gebietet den Gewalten und sie gehorchen ihm. Wind und Wellen bringt er zur Ruhe. – Da läuft so manche Szene wie im Film noch einmal vor ihrem inneren Auge ab und die Frage steht immer noch im Raum: Für wen haltet ihr mich?

Petrus bricht das Schweigen. Für ihn gibt’s keinen Zweifel mehr. Der da vor ihm sitzt ist weder Johannes noch Elia, weder Jeremia noch ein anderer großer Prophet. Er ist einer der noch weit über den Gottesmenschen des Alten Testaments steht, trotz seines bescheidenen Wesens:

Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!

Endlich ist es ausgesprochen, was die anderen auch schon oft gedacht und vermutet hatten: Er ist der Christus, oder auf Hebräisch der Messias oder auf Deutsch der Heiland. Der, den Gott verheißen hat, der Retter einer verlorenen Welt und aller verlorenen Menschen.

Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!

Das zu erkennen braucht es mehr als einen scharfen Verstand, Schriftkenntnis und eine gute Beobachtungsgabe. Dazu ist Kraft und Geist Gottes notwendig. „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart…“ Da kommt keiner von sich aus drauf. Das zeigt einem Gott durch seinen Heiligen Geist. Martin Luther hat es so ausgedrückt, wie wir es vorhin in der Auslegung des dritten Glaubensartikels gemeinsam gesprochen haben: Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glaube oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.

Es geht hier nicht um eine distanzierte abgeklärte Betrachtungsweise. Das bloße Wissen genügt nicht. Es hilft nicht, im Kopf zu haben, dass Jesus bei den Christen als der Sohn Gottes gilt und dass sie ihn für den Erlöser halten. Dieses Wissen muss zur persönlich erlebten und immer wieder neu geglaubten Tatsache werden. Jesus, der Sohn Gottes ist mein Heiland und Retter. Für mich ist er Mensch geworden. Für mich ist er am Kreuz gestorben. Für mich ist er an Ostern auferstanden. Er ist für mich von Gott gesandt und für mich da in jeder Lage meines Lebens.

Wenn es mir gut geht und wenn ich mich ganz mies fühle. Wenn ich das Leben noch vor mir oder schon fast hinter mir habe. Er ist für mich da, wenn ich mich einsam fühle und wenn ich mitten im Trubel bin. Er lässt mich nicht im Stich, wenn ich von Menschen enttäuscht werde oder wenn meine Kräfte nachlassen. Er gibt mich nicht auf, auch wenn ich den Glauben an ihn vielleicht schon längst aufgegeben habe.

Wenn man in den Bergen unterwegs ist, dann trifft man manchmal eine Gruppe der Bergwacht, die da eine Übung abhält oder routinemäßig einen Weg kontrolliert. Man schaut mal interessiert hin und weiß: das ist die Bergwacht. Dann geht man weiter und vergisst sie wieder. Es hat keine Bedeutung, dass man sie getroffen hat.

Wenn man aber in eine Notlage geraten ist, aus der man sich allein nicht mehr befreien kann, von einer Lawine verschüttet, in einer Wand verstiegen, abgestürzt und verletzt irgendwo liegt, verzweifelt und in höchster Gefahr, dann sieht man die Mitglieder der Bergwacht ganz anders an. Dann bekommt man großen Respekt vor diesen Leuten, die ihr Leben zur Rettung von anderen riskieren. Dann ersehnt man sie, ruft sie um Hilfe herbei, erwartet sie, fällt ihnen um den Hals wenn sie kommen, dann gewinnt man sie lieb, sie werden einem wichtig und der, der sie geschickt hat um einen zu retten auch.

So ist das auch im Glauben mit Jesus und mit Gott. Erst wenn ich merke, dass ich ohne ihn verloren bin, wird er mir lieb und wichtig. Erst dann sehne ich mich nach ihm und rufe Tag und Nacht nach ihm. Wenn er dann mit seiner Hilfe kommt und mir seine Hand reicht und mich aus meiner Tiefe zieht, wird er mir ungeheuer wertvoll.

Noch einen Punkt gibt es, in dem man solche Rettungsdienste wie Feuerwehr, Sanitäter, Wasser- oder Bergwacht mit dem Retter vergleichen kann, den Gott schickt: Sie fragen nicht zuerst nach der Schuld. Sie retten auch die, die sich selbst in ihre hoffnungslose Lage gebracht haben. Wie oft war es bodenloser Leichtsinn, der Menschen in Bergnot gebracht hat. Sie haben die Ratschläge des Hüttenwirts nicht beachtet, waren falsch gekleidet, hatten ungenügendes Schuhwerk, haben Warnschilder missachtet. Aber die Retter sagen nicht: Selber schuld! Jetzt sieh zu, wie du allein wieder raus kommst. Nein, sie kommen trotzdem. Sie retten auch die Schuldigen.

Die Feuerwehr schneidet auch den leichtsinnigen Unfallverursacher aus dem Fahrzeugwrack und der Notarzt müht sich um sein Leben, ganz unabhängig von seiner Schuld. Während der Rettungsaktion gibt es keine Vorwürfe, keine Strafpredigt. Das oberste und wichtigste Ziel ist die Rettung.

So müht sich auch der Retter, den Gott schickt um jeden. Er ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist. Wohl will auch er, dass wir Schuld erkennen und unser Verhalten ändern. Er will, dass wir uns zukünftig mehr an seine Warnungen und Hinweise halten, aber die Rettung hat erste Priorität. Doch dazu muss ich zunächst für mich erkennen, dass es einen Retter gibt und dass ich ihn brauche. Zuerst und mehr als alles andere. Weil ich ein Verlorener in einer verlorenen Welt bin. Verstiegen in der Wand meines Hochmuts. Tausend Warnungen und Hinweise hab ich missachtet. Ich bin eingeklemmt im Wrack meiner Träume und Wünsche, meines eigenen Ichs. Verschüttet unter der Lawine des Wohlstands oder der Arbeit oder meiner Sorgen. Da kann nur noch der Christus, der Heiland, der Retter helfen. Der Anfänger und Vollender des Glaubens.

Wenn ich ihn rufe, dann kommt er. Wenn ich ihm vertraue, dann bin ich sicher. Wenn ich mich an ihn halte, dann können mich die Pforten der Hölle nicht überwältigen. Er hat und gibt die Schlüssel des Himmelreiches. Er ist der Schlüssel durch sein Erbarmen und durch seine Vergebung.

Jesus will, dass auch wir uns klar darüber werden, wer er ist. Wer er für uns ganz persönlich ist. Es nützt keinem etwas zu wissen oder zu sagen, dass Jesus ein wunderbarer Mensch war, ein großer Prophet, ein Sozialrevolutionär oder was sonst man ihm alles für Titel gegeben hat. Aber es ist gut immer wieder vom Geist Gottes geleitet zu beten:

Jesus, geh voran auf der Lebensbahn
Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen;
führ uns an der Hand bis ins Vaterland.
Solls uns hart erge’n, lass uns feste stehn
und auch in den schwersten Tagen
niemals über Lasten klagen, denn durch Trübsal hier
geht der Weg zu dir.
(EG 391, 1-2)

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168