Gottesdienst – Matth. 12, 33-37

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Buß- und Bettag, Kreuzkirche,16.11.05, Matth. 12, 33-37

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: …

Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum
Hören.

Der Predigttext für diesen Buß- und Bettag ist eine harte,
aber auch eine klare Rede des Herrn J.Ch. Ihre Schärfe lässt
sich nur aus dem Zusammenhang verstehen, in dem sie uns der Evangelist
Matthäus berichtet. Darum will ich die vorausgegangenen Konfrontationen
kurz skizzieren, bevor ich den Predigttext lese. In diesem 12.Kapitel geht
es um Auseinandersetzungen zwischen den Pharisäern und Jesus.

Zuerst üben die Pharisäer Kritik an Jesus, weil seine Jünger
am Sabbat Ähren ausreißen, die Körner heraus reiben und
essen. Nach strengen jüdischen Vorschriften ist das Arbeit, die an
einem Sabbat nicht gestattet ist. „Du duldest Feiertagsarbeit und willst
ein Mann Gottes sein?“ Aber mit Worten der Heiligen Schrift widerlegt Jesus
sie. Was sie allerdings nur noch zorniger macht. Sie beobachten Jesus scharf
und warten nur darauf, dass er sich noch einmal beim Übertreten des
Sabbatgebots erwischen lässt. Sie misstrauen ihm und sehen alles,
was er macht mit Kritik. Er kann ihnen nichts recht machen.

Doch, wie zur Provokation, geht der Herr Jesus in die Synagoge und heilt
dort die kranke Hand eines Mannes, auch am Sabbat. In den Augen der Gegner,
ist das wieder verbotene Arbeit. Wieder kann Jesus sein Tun begründen.
Das ruft den Zorn der Pharisäer so sehr hervor, dass sie heimlich
schon Mordpläne gegen Jesus schmieden. Als er schließlich noch
einen Besessenen frei macht, bezichtigen die Pharisäer den Sohn Gottes,
mit dem Teufel im Bund zu stehen. Da ist für Jesus das Maß voll
und er warnt die frommen Leute vor der Sünde gegen den Heiligen Geist,
der einen Sünde, nicht vergeben werden kann.

Dann folgen die Verse unseres Predigttextes: (Mt.12, 33-37)….. Mit
aller Deutlichkeit entgegnet der Herr den Anklägern:

Wie der Baum, so die Frucht! Ein guter Baum trägt gute Früchte,
ein schlechter Baum trägt schlechte Früchte.

Ihr Teufelspack! Wie könnt ihr durch und durch verlogenen Leute
überhaupt etwas Gutes reden?

Wie es im Herzen eines Menschen aussieht, das erkennt man an seinen
Worten. Wenn ein guter Mensch spricht, zeigt sich, was an Gutem in ihm
ist. Ein Mensch mit einem bösen Herzen ist innerlich voller Gift,
und alle merken es, wenn er redet.

Ich sage euch das, weil ihr am Gerichtstag Rechenschaft ablegen
müsst über jedes böse Wort, das ihr geredet habt.

An eueren Worten entscheidet sich euere Zukunft. Sie sind der Maßstab,
nach dem ihr freigesprochen oder verurteilt werdet.

Wenn sie Heilung aus der Kraft und Vollmacht Gottes „Teufelswerk“ nennen,
dann sind sie nahe dran, gegen den Heiligen Geist zu sündigen. Mit
dem Bildwort vom Baum und den Früchten versucht der Herr dann zu erklären:
Ein Böser kann nichts Gutes hervorbringen. – Der Teufel macht nicht
heil, sondern zerstört. – Nur der gute Baum bringt gute Frucht hervor.
Nur weil der gute Gott durch ihn wirkt, kann Jesus das Gute tun, heilen
und befreien.

Er warnt die Pharisäer: Passt auf, was ihr redet. Zu welchen Gedanken
und Worten ihr euch hinreißen lasst! Wenn so viel Hass aus euch kommt,
müsst ihr damit erfüllt sein! Wenn soviel Böses über
eure Lippen kommt, zeigt das, dass viel Böses in euch steckt. In euch,
die ihr euch doch immer so fromm gebt.

Mit dem Bild vom guten und faulen Baum, der gute oder faule Früchte
trägt, macht er seine Worte anschaulich:

Wenn ein Baum nur kleine bittere Holzäpfel trägt, dann ist
er nicht veredelt. Schon an den Früchten lässt sich erkennen,
wo sie gewachsen sind, welche Qualität der Baum hat. Und dann wird
Jesus ganz direkt zu seinen Gegnern:

„Ihr könnt deshalb nichts Gutes reden, weil Ihr in euren
Herzen böse seid. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem Schatz seines Herzens; und
ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem Schatz.“

Mit einem Gerichtswort unterstreicht der Herr die Bedeutung der Sprache
und des Umgangs mit Worten. Er weist uns darauf hin, dass die Menschen
Rechenschaft geben müssen von jedem unnützen Wort, das sie geredet
haben. – Ganz zu schweigen von Worten, die gar in böser Absicht gesprochen
wurden.

Wenn Jesus auch oft an anderer Stelle im Matthäusevangelium von
der Bedeutung unserer Taten oder Unterlassungen reden kann, hier geht es
ihm um Worte. Worte können uns zur Rechtfertigung oder zum Gericht
dienen.

Im Buch der Sprüche heißt es einmal: Wo viele Worte
sind, da geht es ohne Sünde nicht ab.
Und der Jakobusbrief
warnt vor der Gefährlichkeit der Zunge. Sie ist wie eine Waffe. Sie
verletzt, sie schadet, sie zerstört, sie bringt Menschen auseinander
und gegeneinander auf. Worte sind nicht nur Schall und Rauch. Sie sind
eine Macht zum Guten oder zum Bösen.

Hier stellt das Gotteswort die Menschenworte auf den Prüfstand
und durch die Menschenworte den ganzen Menschen.

Was haben Menschenworte schon alles angerichtet? Worte können einen
Krieg erklären oder zum Friedensschluss führen.

Worte können glücklich machen, wenn sie sagen: „Ich liebe
dich, ich danke dir, ich brauche dich, das hast du gut gemacht!“ Aber Worte
können auch schwer verletzen, wenn sie sagen: „Ich hasse dich, ich
verachte dich, du bist überflüssig, du bist nichts wert“!

Da sagt ein Lehrer oder ein Elternteil: Ich bin von lauter Idioten umgeben
und er merkt gar nicht, wie er damit verletzt und verunsichert.

Unsere Worte können Gift sein oder Medizin. Sie können trösten
und heilen, aber sie können auch schmerzen, ja sogar töten. Sie
können versöhnen oder verklagen.

Denken Sie einmal darüber nach, prüfen Sie sich einmal selbst,
wie Sie mit Sprache umgehen, wie Sie Worte gebrauchen. In Schulklassen
oder bei Konfirmanden da erschrecke ich manchmal, wenn ich hereinkomme.
Welche Worte da hin- und her fliegen.

Ich fürchte, an manchem Arbeitsplatz, in mancher Familie ist es
nicht viel besser. Da fallen Worte, die den anderen demütigen, entwürdigen,
beleidigen, bloßstellen, niedermachen. Wenn man zu dem anderen, der
sowieso schon unter seinem Übergewicht leidet, sagt: „Du bist fett!“
Oder zu jemandem, der ohnehin kein Selbstvertrauen hat: „Du machst aber
auch alles verkehrt!“

Es gibt auch die etwas feinere Form: Mit Zynismus und spitzen Bemerkungen,
die das Gegenüber auf gemeine Weise herabsetzen.

Doch, so warnt Jesus hier, für alle Worte, die wir sprechen oder
schreiben, für jeden Satz, den wir in die Welt setzen, sind wir verantwortlich.
Auch für die Folgen. Wer etwa mit spottenden Worten den Glauben eines
Kindes zerstört. – Wer mit Verleumdungen oder übler Nachrede
das Ansehen eines Nachbarn beschädigt, wer mit Lügen sich selber
Vorteile und anderen Nachteile verschafft, der muss einmal Rechenschaft
geben dafür. Und das gilt im weltlichen Raum genauso wie im kirchlichen.
Auch in der Kirche gibt es ja manchmal sehr unbarmherziges Reden miteinander
und hintenherum übereinander.

Es gibt eine Umweltverschmutzung mit Worten, die ebensoviel, wenn nicht
noch mehr Gift enthält, wie verschmutzte Luft, Gewässer oder
Böden. Auch da tut Umkehr und Umdenken dringend Not.

Nicht nur im Bundestag und im Stadt- und Betriebsrat muss wieder anders
miteinander geredet werden. – Ich denke, auch bei uns in Familien, Schulen,
an Arbeitsplätzen, in Gremien und Konferenzen. In Treppenhäusern
und über den Gartenzaun.

Auch da braucht es Heilung von innen heraus, durch die reinigende Kraft
des Evangeliums, durch den Zuspruch der Vergebung. Sonst können wir
den Anspruch des guten Miteinanders nicht erfüllen.

Das Wort „gut“ kommt hier in den scharfen Sätzen Jesu auch mehrmals
vor. – Die gute Frucht vom guten Baum. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor
aus dem Schatz seines Herzens.

Wie viel Segen können gute Worte wirken! Worte, die Verständnis
und Einfühlungsvermögen erkennen lassen. Dieselbe Sache in Liebe
gesagt, kann tausendmal mehr wirken als ein bitterer Vorwurf.

Das Evangelium will für uns auch zur Sprachheilschule werden,
dass wir es lernen, in Liebe miteinander zu reden, so wie Gott aus seiner
Liebe mit uns redet. Immer noch und immer wieder. Selbst, wenn er einmal
scharfe Worte verwendet, kann er die dahinter stehende Liebe nicht verbergen.

Aufgrund unserer Worte können wir nicht nur verdammt, sondern auch
gerechtfertigt werden. – Nicht aus der Kraft eines eigenen guten Herzens,
denn das hat nach dem biblischen Menschenbild niemand von uns.

Aber aus der Kraft des Herrn, den wir täglich mit unseren Worten
anreden dürfen:

  • Vater, vergib mir all die Worte, die ich besser nicht gesagt hätte.

Vergib mir die Sätze, in denen zu wenig Wahrheit, zu wenig

Liebe und zu wenig Achtung war.

  • Vergib, dass ich manche nötigen Worte nicht gesagt habe
  • Hilf mir zu gutem und rechten Reden!
  • Schaffe in mir Gott, ein reines Herz!

Nur in dem von Gott erneuerten Herzen steckt die Kraft zum Guten. – Nur
wer Gottes Vergebung an sich erfährt, kann auch anderen vergeben.
Und auch zu einem anderen sagen: Vergib mir bitte meine harten, bösen,
lieblosen, ungerechten Worte. Viele Ehen und Familien könnten dadurch
wieder heil werden.

Unsere Rechtfertigung bei Gott können wir durch den ehrlich gesprochenen
und ernst gemeinten Satz einleiten: „Gott sei mir Sünder gnädig.“
Herr erbarm dich über mich!

Wenn wir so vor Gott treten, wie der Zöllner, dann löscht
er auch alle unheilvollen Worte unserer Vergangenheit aus seinem Gedächtnis.

Ich möchte das Bild vom Baum noch einmal aufgreifen: Wenn man die
Äste, an denen die faulen, schlechten Früchte hingen, abschneidet
und den Baum mit guten Reisern veredelt, dann kann der Baum bald die schönsten
Früchte haben.

So veredelt das angenommene und geglaubte Wort Gottes Menschen. Wir
dürfen uns immer wieder das Böse nehmen, vergeben lassen und
das Gute, die Liebe Gottes schenken lassen, dann sind wir nicht nur gerechtfertigt,
sondern bringen auch Frucht für unsere Mitmenschen. Dann kann sich
in unserem Denken, Reden und Tun die Liebe Gottes widerspiegeln.

Das Wort Gottes will uns immer neu auf diesen guten heilvollen Weg bringen.
Und das Heilige Abendmahl will uns dazu die heilende Gnade Gottes schenken.
Er macht neu. Er schafft das reine Herz. Aus dem reinen und guten Herzen
kommen dann auch gute Worte/Früchte.

Amen.
 
 
 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168