Gottesdienst – Markus 9,17-27
Zur PDF17. Sonntag n. Trin., 18.09.05, Kreuzkirche, Mark.9,17-27
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören.
Folgende Verse aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums liegen dieser
Predigt zugrunde (17-27):
Jesus kam mit Petrus, Jakobus und Johannes zu den anderen Jüngern
zurück und sie sahen eine große Menschenmenge um sie herum und
Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Sobald die Menge Jesus sah, entsetzten
sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie:
Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister,
ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund
und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen
Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, aber sie konnten
es nicht. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges
Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?
Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Und sofort,
als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte
sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie
lange hat er das schon? Er sprach: Von Kindheit an. Schon oft hat ihn der
böse Geist in ein Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen.
Wenn du aber etwas kannst, so erbarm dich unser und hilf uns! Jesus aber
sprach zu ihm: Du sagst, wenn du kannst? – Alle Dinge sind möglich
dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf
meinem Unglauben! Als Jesus sah, dass die Menschenmenge immer größer
wurde, bedrohte er den bösen Geist, der das taubstumme Kind quälte:
Ich befehle dir, verlass dieses Kind und kehre nie wieder zu ihm zurück!
Da stieß der Dämon einen furchtbaren Schrei aus, riss den Jungen
hin und her und verließ ihn. Der Junge lag regungslos da, so dass
die meisten sagten: Er ist tot! Aber Jesus ergriff ihn bei der Hand, richtete
ihn auf und er stand auf.
Als ich acht oder neun Jahre alt war machten meine Eltern an einem schönen
Junitag einen Ausflug mit mir. Wir fuhren durch den Frühling, liefen
durch ein herrliches Tal mit leuchtenden Blumen und zwitschernden Vögeln
und genossen die paar Stunden. Doch als wir wieder heimkamen, da sahen
wir gleich an den Gesichtern der Daheimgebliebenen, dass etwas Schreckliches
passiert sein musste: Es war die Nachricht gekommen, dass der Opa ganz
plötzlich und unerwartet verstorben sei.
Da habe ich es das erste Mal so bewusst erlebt, wie nah das Schöne
und froh Machende und das Traurige und Schmerzliche beieinander liegen.
Und dass man auch durch das höchste Glück, das man erfährt,
dem Leid und dem Bösen in der Welt nicht ausweichen kann.
Vor vier Jahren, manche von ihnen werden sich vielleicht erinnern, waren
wir an einem Dienstag mit der Älteren Generation mit dem Bus unterwegs
nach Mödlareuth, dem ehemals geteilten Dorf, hatten gute Gespräche,
schönes Wetter, eine Andacht in der Kirche in Töpen vom dortigen
Pfarrer, waren zufrieden und erfüllt auf dem Heimweg, als uns über
Handy die Nachricht von den schrecklichen Ereignissen des 11. September
in New York erreichte. Mitten in der Freude, im Frieden eines schönen
Sommertages plötzlich das Schreckliche, Dunkle, Grauenvolle, das wie
eine böse Macht über uns hereinbricht.
Vielleicht kennen sie das aus ihrem Leben auch. Gerade nach besonderen
Erlebnissen oder Erfahrungen des Glücks und der Freude, manchmal auch
nach besonderen Glaubenserfahrungen, einer schönen Freizeit, einem
Gottesdienst, einer Gebetserhörung, wenn wir Gottes Nähe gespürt
haben, bricht plötzlich etwas anderes herein: Angst, Schmerz, Trauer,
Streit. Wir wissen nicht woher es kommt und warum. Aber plötzlich
ist es da. Gerade noch war die junge Ehe so harmonisch, die kleine Familie
noch so glücklich, da stellt ein böser Streit alles in Frage.
Krankheit oder drohende Arbeitslosigkeit füllen die Gedanken mit Sorgen.
Warum kann es denn nicht immer nur schön sein? Warum müssen
wir denn immer wieder herunter von den Höhen des Glücks? Was
ist das denn, was da immer wieder hereinbricht in unser Leben? Welche bösen
Geister stören unser Glück und unsere Freude. Sie bedrohen unser
Leben und unseren Glauben, stellen unser Weltbild und unsere Gottesvorstellung
in Frage.
So erleben es auch die drei Jünger, die der Herr Jesus mit auf
den Berg genommen hatte. Sie machten eine wunderbare geistliche Erfahrung.
Sie wurden Zeuge eines himmlischen Gipfeltreffens zwischen Mose, Elia und
Jesus, sie hörten Gottes Stimme, der sich zu Jesus bekannte: „Das
ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!“ Die Nähe des
Gottesreiches war so deutlich und großartig zu spüren, dass
sie gar nicht mehr weg wollten. Petrus schlug vor dort oben auf dem Berg
drei Hütten zu bauen und mit den Großen des Reiches Gottes einfach
gleich dort zu bleiben. Weit weg von den Sorgen und Zweifeln, von der Not
und dem Bösen der Welt. Aber ehe sie den Gedanken weiter verfolgen
konnten, war es auch schon wieder vorbei mit der Herrlichkeit auf Erden.
Sie mussten wieder runtersteigen vom Berg und wurden, unten angekommen,
sofort massiv konfrontiert mit dem Leid und Streit der Welt, mit den Zweifeln
an Gottes Macht, dem eigenen Unglauben und dem von anderen.
Schon von weitem hören sie den Streit zwischen den Schriftgelehrten
und den zurück gebliebenen Jüngern. – Es herrscht oft kein guter
Geist, wenn um den Glauben gestritten wird. Da wird die Wahrheit übertönt
vom Recht haben wollen. Schnell machen Ton und Lautstärke die Argumente
unglaubwürdig. – Es geht um einen Jungen, der geplagt ist von zerstörerischer
Krankheit, von Leben vernichtendem bösen Geist. Es geht um das Leid,
das dadurch über seine Familie gekommen ist. Verzweifelte Eltern suchten
Hilfe bei den Jüngern Jesu, aber ihre Versuche blieben erfolglos.
Die Schriftgelehrten nutzten die Situation um damit der Menge zu beweisen,
dass hier Scharlatane am Werk seien und dass dieser Jesus nicht von Gott
sei.
Da sieht der verzweifelte Vater Jesus näher kommen, löst sich
aus dem Pulk der Streitenden und wendet sich mit seiner Not direkt an den
Herrn. Er tut damit das einzig Richtige. Er bringt sein Leid und damit
die Not seines Kindes vor Jesus. Er hat kaum noch Hoffnung, dass ihm jemand
helfen kann, er verschweigt auch seine Zweifel nicht, sondern kommt mit
seiner Not und Verzweiflung zu Jesus: Du bist meine letzte Hoffnung! „Wenn
du etwas kannst, so erbarm dich unser und hilf uns!“
Auch wenn diese Bitte voller Zweifel ist, weist Jesus den Mann nicht
zurück. Er macht ihm klar, es liegt nicht an meinem Können,
sondern an deinem Vertrauen. –Alle Dinge sind möglich dem,
der da glaubt! Für den Glauben gibt es das Wort unmöglich
nicht und der Macht Gottes sind keine Grenzen gesetzt. Was für ein
Wort! Aber der Vater fängt jetzt keine vernunftgesteuerte Diskussion
mit Jesus an: Warum gibt es denn dann so viel Ungerechtigkeit und Leid
in der Welt? Warum wird eine Stadt von den Fluten eines Hurrikans zerstört?
Warum stürzt ein fünfzehnjähriges Mädchen auf dem Schulausflug
in den Bergen in den Tod? Er lässt all die Warums, auf die wir keine
Antworten haben, hinter sich und wagt den Sprung des Glaubens, tut den
Schritt des Vertrauens: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Ganz ehrlich gibt er zu, dass er mit dem Glauben oft nicht zurechtkommt.
Ja, er will, aber weiß eigentlich nicht, wie er es machen soll. Er
spürt, dass auch der Glaube nicht etwas ist, was man einfach selber
machen kann. Indem er Jesus seinen Unglauben bekennt, vollzieht er Glauben.
Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. So wie das Gebet, das
Jesus selbst später am Kreuz hinausgeschrieen hat: Mein Gott, mein
Gott, warum hast du mich verlassen! keine Absage an den Glauben ist,
sondern ehrlicher verzweifelter Glaube in tiefster Not.
Wenn einer nur glauben will, wird ihm das von Gott schon als Glaube
angerechnet. Nein, wir können starken Glauben nicht selber machen,
aber wir können mit unserem kleinen schwachen Glauben zu Jesus kommen
und dürfen alles von ihm erwarten. Er kann und er macht etwas draus.
Das zeigt er hier, als er den bösen sprachlosen Geist aus dem geplagten
Jungen vertreibt und das zeigt er auch in unserem Leben immer wieder, wenn
wir mit unseren Nöten und unserem Vertrauen zu ihm kommen.
Die Diskussionen über den Glauben haben dem geplagten Kind und
dem verzweifelten Vater nicht geholfen. Ja sie waren eigentlich lieblos
und unbarmherzig. Sie erfahren weder von den eifernden Schriftgelehrten
noch von den sich rechtfertigenden Jüngern echte Zuwendung, Trost
oder Beistand. Diskussionen über den Glauben helfen bis heute nicht.
Es sind konkrete Schritte des Glaubens, die uns die Wirklichkeit und die
Macht Gottes erfahren lassen.
Vor einiger Zeit hatte ich mit einem jungen Menschen, der voller Zweifel
und Fragen war, ein Gespräch. Zuerst hab ich versucht auf die Gedanken
und Überlegungen mit vernünftigen Antworten und überzeugenden
Argumenten einzugehen, merkte aber bald, dass wir so nicht weiter kommen.
Ich hab dann versucht mit einem praktischen Beispiel zu antworten: Wenn
du schwimmen lernen willst, dann nützt es dir doch nichts vor dem
Wasser stehen zu bleiben und theoretisch darüber zu sinnieren und
mit physikalischen Fakten zu argumentieren, ob das überhaupt möglich
ist, dass ein Mensch schwimmt.
Man muss ins Wasser gehen dazu und es, natürlich mit Hilfe eines
erfahrenen Schwimmers, wagen, sich hineinzulegen und keinen Fuß mehr
auf dem Boden zu haben, dann spürt man nach einigen Versuchen und
ersten ungeschickten Schwimmbewegungen, dass das Wasser trägt und
dass man sich über Wasser halten kann. Das ist am Anfang mit Unsicherheit,
mit Angst verbunden, das ist, so scheint es einem, ein großes Risiko,
aber nur so lernt man Schwimmen und macht die Erfahrung, dass das Wasser
trägt. Der Vernunftmensch und Zweifler, der vor dem Becken stehen
bleibt, wird diese Erfahrung nie machen. Schwimmen bleibt ihm unbegreiflich
und fremd.
So ist das auch bei dem, der den Glauben nicht wagt. Bei dem, der Jesus
nicht zutraut, dass er aus seiner speziellen Not und Tiefe heraushelfen
kann. Wer Gottes Macht unterschätzt, der macht keine Erfahrung damit.
Glaube heißt: Es immer neu wagen, die Sache dem Herrn anzuvertrauen,
es Jesus zuzutrauen, dass er auch in meiner Sache helfen kann und helfen
wird. Der Glaube ist keine Anstrengung und Einbildung, sondern ein Loslassen
der Sorgen ein sich fallen Lassen in kindlichem Vertrauen: Es ist einer
da, der fängt mich auf. Wer glaubt wird getragen, ist getragen.
Wenn ich noch einmal das Wasser als Vergleich anführen darf: Wer
sich ins Wasser wagt, der spürt, wie er leicht wird. Die Kraft des
Wassers entlastet. Fast schwerelos bewegt sich ein Schwimmer durchs Wasser.
Gelenke werden entlastet, verkrampfte Muskeln lösen sich. Ich spüre:
Es trägt mich.
So geht es uns auch immer wieder, wenn wir Glauben wagen. Mitten in
belasteten Zeiten, in leidvollen Situationen, vor großen Aufgaben,
die kaum zu bewältigen scheinen, fühlen wir uns getragen, entlastet,
geborgen.
Die Nöte bleiben uns nicht erspart. Wir können uns
nicht rausziehen aus dem Leid der Welt. Wir können die bösen
Geister nicht beherrschen, aber wir dürfen auf Jesus sehen und das
tun, was Gott uns rät: Das ist mein lieber Sohn, auf den sollt
ihr hören. Wenn wir das tun, dann erfahren wir immer wieder, dass
er den bösen Geistern, die es auf uns abgesehen haben, gebietet und
sie so vertreibt, dass sie nicht zurückkehren dürfen.
Der Herr Jesus lässt keinen im Stich, der mit noch so kleinem Glauben
Vertrauen auf ihn wagt. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.
Er schenkt denen immer mehr Glauben, die ehrlich sind und die sich mit
ihrer Not an ihn wenden.
Das ist gemeint, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: Unser
Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (1.Joh.5,4) Es ist
nicht unser Glaube, der diesen Sieg bewirkt, sondern der, an den
sich dieser Glaube, richtet, Jesus. Im Wasser trage nicht ich mich
selbst, sondern das Wasser trägt mich.
Darum macht uns die Bibel immer wieder Mut:
Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen.
Seine Hand erhält dich gern, so bist du geborgen.
Wie wir es vorhin in dem Lied des Chors gehört haben.
Auch das Lied, das wir jetzt noch hören und das sich an ein ganz
bekanntes Lied in Text und Melodie anlehnt, fordert uns auf uns so im Glauben
von Jesus helfen und führen zu lassen:
So nimm denn unsre Hände, Herr Jesus Christ,
der du Beginn und Ende des Weges bist.
Herr, lass uns nur nicht weichen, stehâ du uns bei!
Lass uns das Ziel erreichen, Herr, mach uns treu!
Hilf uns bei dir zu bleiben, schwach wie wir sind,
drohân wir davon zu treiben bei Gegenwind.
Führ uns auf deinen Wegen, nach deinem Plan.
Komm selber uns entgegen, geh du voran!
(Text nach Heb. 10,38): Jörg Streng, Musik, Friedrich Silcher,
1842, EG 376)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168