Gottesdienst – Markus 12, 28-34

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18.Sonntag nach Trinitatis, 11.10.2009, Markus 12, 28-34

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:

…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen. 

Unser Schriftwort für die Predigt steht im 12. Kapitel des Markusevangeliums, Verse 28-34: 

Es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, Dass Jesus ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“ Das andere ist dies: „ Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr ihn zu fragen.

Ein kleines Städtchen in Niedersachsen. Samstagmorgen. Beim Besorgen der Frühstücksbrötchen fällt mir geschäftiges Treiben auf der gesperrten Hauptstraße auf. Man feiert Stadtfest. Imbissbuden, Verkaufsstände und Getränkewagen werden aufgestellt. Dazwischen, etwas merkwürdig, sind viele Leute damit beschäftigt Biergartentische in einer einzigen langen Reihe aneinander aufzustellen, die ganze Straße lang.

Neugierig geworden frage ich: „Was macht Ihr denn da?“ „Wir wollen ins Guinness-Buch der Rekorde. Hier wird heute Vormittag der längste Hefekuchen der Welt aufgebaut und portionsweise verkauft.“ Ich muss schmunzeln. Was es alles gibt! Den längsten Hefekuchen der Welt. Als wir am Nachmittag mit der ganzen Familie noch mal vorbeikamen, war der längste Hefekuchen der Welt bereits aufgegessen und die Tische wurden wieder zusammengeklappt.

Auf der Jagd nach dem Rekord hatten alle Bäcker der Umgebung zusammengearbeitet obwohl sie sonst Konkurrenten waren. Sie hatten ein gemeinsames Ziel. Sie wollten einen neuen Rekord aufstellen. Die Menschen wollen Höchstleistungen überbieten, Grenzen hinausschieben. Da ist nichts zu kurios.

– Die Chinesin Xie Qiuping lässt ihr Haar seit ihrem 13. Lebensjahr 1973 wachsen. Bei einer Messung am 8. Mai 2004 war es 5,627 m lang.

– Lurch, ein Afrikanischer Watussiochse im Besitz von Janice Wolf (USA), hat die dicksten Hörner mit einem Umfang von 95,25 cm, gemessen am 6. Mai 2003.

– Am 21. September 2008 backten Olaf Kluy und Manfred Keilwerth in Neufahrn bei München eine 8,20m lange, 3,10m breite und 382 kg schwere Laugenbretzel und brachen damit alle Rekorde.

Das bringt einen natürlich auf Ideen, was wir einmal probieren könnten: Vielleicht den längsten Gottesdienst der Welt oder die größte Kollekte… Dann stünden wir vielleicht auch im Buch der Rekorde.

Ich weiß nicht, ob Sie es vorhin beim Lesen des Predigttextes bemerkt haben, auch da ging es um die Frage nach Superlativen: Welches ist das höchste oder größte Gebot? Wahrscheinlich findet man die Antwort auf diese Frage nicht im Buch der Rekorde. Aber sie steht im Buch der Bücher und ist erheblich wichtiger als alle Rekorde dieser Welt. Jesus wird danach gefragt und er ist sich ausnahmsweise mal mit einem der Schriftgelehrten einig:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“ Das andere ist dies: „ Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Das Doppelgebot der Liebe, das sich im Alten und im Neuen Testament findet, ist durch keine Regel oder Forderung zu toppen.

Aber wer beschäftigt sich schon mit diesem Rekord? Wer trainiert jeden Tag um dieses Gebot zu erfüllen? Hier geht es um vollen Einsatz: Von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allen deinen Kräften. Ein Teilnehmer am 100m Endlauf bei Olympia kann nicht mehr aufbieten.

Ja, was fordert Gott denn mit solchem Einsatz? Geschwindigkeit, Höhe, Weite? Ist da ein Gewicht zu stemmen? – Er fordert Liebe. Doppelte Liebe. Liebe zu ihm, dem wir alles verdanken und Liebe zu den Menschen, mit denen wir leben. Gottes zentrales Anliegen ist Liebe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ist Gott auf unsere Liebe angewiesen? Was bewegt ihn denn dazu unsere Liebe zu erwarten? Wie ist denn das unter uns Menschen? Wer wartet am meisten auf die Liebe eines anderen? Doch der, der liebt. Wer einen Menschen sehr lieb hat, wartet auf nichts sehnlicher als darauf, dass das andere seine Liebe erwidert. Das ist der ersehnte Moment, in dem mir der geliebte Mensch sagt oder mich die Nachricht erreicht, dass er mich ebenso sehr liebt.

Und so ist das auch bei Gott. So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das Ewige Leben haben.

Jesus ist die Liebeserklärung Gottes an diese Welt und an uns. Seit Bethlehem und Golgatha wartet Gott darauf, dass Menschen seine Liebe wahrnehmen, annehmen und erwidern. Dass sie entdecken, was diese göttliche Liebe für sie getan hat und noch tun will. Und dass wir anfangen, mit unserer kleinen Kraft und mit unserer unvollkommenen Liebe zurück zu lieben. Seht, welche Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder heißen und wir sind es auch.

Vorhin haben wir gesungen: Herzlich lieb hab ich dich, o Herr, ich bitt, wollst sein von mir nicht fern. Das ist der Wunsch aller Liebenden, einander nah zu sein. Du sollst bei mir bleiben, sagt das Kind zur Mama oder zum Papa. In ihrer Nähe fühlt es sich geborgen. Und wenn ein Christ singt: Bei dir Jesu will ich bleiben, dann hat er die Liebe des Herrn Jesus für sich angenommen. Die befreiende, die vergebende, die annehmende Liebe des Mensch gewordenen Gottes.

Nach dem größten Gebot gefragt antwortet Jesus nicht mit einem einzelnen der 10 Gebote: Du sollst den Feiertag heiligen, oder nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, sondern mit dem Liebesgebot. Und wer die zehn Gebote richtig verstanden hat, der hat gemerkt, dass es ihnen um nichts anderes geht als um Liebe. Um die Liebe zu Gott in den ersten drei Geboten und um die Liebe zu unseren Mitmenschen in den restlichen sieben Geboten.

Die Liebe achtet und ehrt Gott, seinen Namen, seine Heiligkeit, seinen Tag, seinen Gottesdienst. Liebe sagt nicht: Ich muss! Sie stöhnt nicht: Schon wieder! Liebe schielt nicht nach der Uhr: Wie lang denn noch? Ist es bald aus? Liebe sucht nach Gemeinsamkeit. Liebe will bleiben, Liebe will gebraucht werden und Liebe stellt sich zur Verfügung.

Ganz konkret in einer Gemeinde kann das die Mitarbeit in irgendeinem Bereich sein: Beim Sammeln für die Diakonie, beim Verteilen des Gemeindebriefes, beim Mitwirken in Chor oder Posaunenchor, bei sozialen Diensten wie Kleiderausgabe oder Kleiderspende, beim Stühle stellen oder im Kindergottesdienst. Beim Krankenhaussingen oder im Besuchsdienst, in der Jugendarbeit oder bei der Seniorenbetreuung.

Liebe hat zwei Anliegen für den anderen: Ich möchte, dass es dir gut geht und du dich freust. Und ich möchte nichts tun, was dich verletzt oder dir weh tut. Ja, Liebe ist sogar bereit die Fehler des anderen zuzudecken und zu vergeben. Die Liebe rechnet das Böse nicht zu, schreibt Paulus in seinem Hohen Lied der Liebe im 13. Kapitel des ersten Korintherbriefs.

Aus der Psychologie wissen wir, dass Liebe geben eigentlich nur kann, wer Liebe empfangen hat. Liebe ist ein Geschenk, mit dem Gott in Vorleistung geht. Schon in seiner Schöpfung ist das so geplant und angelegt. Wir sind immer zuerst von Gottes Liebe und von seinen Gaben beschenkt. Ein Kind, von Gott her gedacht als die Frucht der Liebe von Mann und Frau, nimmt zuerst einmal die Liebe seiner Eltern in sich auf. Durch ihre Worte, ihre Fürsorge, ihre Zärtlichkeit, ihren Schutz. Es ist eingebettet in den Mantel der Liebe und gibt schon nach wenigen Monaten auch wieder Liebe zurück.

Es hat schlimme Folgen, wenn ein Mensch in seiner frühen Kindheit Liebe entbehren muss. Auch perfekte Betreuung unter optimalen medizinischen und hygienischen Bedingungen kann Liebe nicht ersetzen und umgekehrt: Ein Mensch kann viele Missstände aushalten und unter schwierigen Lebensbedingungen und auf beengtem Raum zufrieden und geborgen sein, wenn er sich geliebt weiß.

Ja, so muss man fragen: Ist denn nicht viel zu wenig Liebe da in unserer Welt und in unserem Leben? Zwischen Eltern und Kindern, unter Eheleuten und Geschwistern, in Gemeinden und Gemeinschaften. Man lebt nebeneinander her oder gar gegeneinander. Belügt und misstraut sich, beneidet und bekämpft sich, sucht den eigenen Vorteil und kümmert sich einen Dreck um das Leid der anderen. Ja, das ist die Not dieser Welt. Weil zu viele Menschen nach allen möglichen Vorteilen und Rekorden und Superlativen schielen und damit die höchsten und größten Gebote Gottes vergessen.

Und die an Liebesmangel erkrankte Menschheit kann nur dort geheilt werden, wo die Liebe Gottes verkündigt, gesucht und angenommen wird und wo wir dann versuchen mit unserer kleinen Kraft wieder zu lieben, Liebe im Kleinen weiterzugeben. Auf Gottes Liebe liegt eine große Verheißung:

Wo Gottes große Liebe, in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort, in Tat und Wort, hinaus in unsre Welt. So hat Manfred Siebald es in einem seiner frühen Lieder beschrieben.

Die Ausgangsbasis ist die Liebe Gottes. Wenn sie mir bewusst wird, dann weckt sie in mir den Willen seine Liebe auch weiterzugeben. In doppelter Weise: Ihm gegenüber dadurch dass er mir wichtig wird und ich sein Wort suche und annehme und dann auch nach seinem Willen Menschen gegenüber Liebe übe.

Die Liebe, die Gott uns in Jesus Christus entgegenbringt hat rettende und heilende Wirkung. Sie rettet uns aus unserer Schuld und Verlorenheit und sie heilt unsere Seelen von allen durch Menschenschuld zugefügten Verletzungen. Wenn ich immer wieder Gottes vergebende Liebe für mich erbitte und erfahre, dann wird es mir immer mehr ein Anliegen sein auch denen zu vergeben, die an mir schuldig geworden sind. Das ist dann nach der Befreiung von eigener Schuld eine zweite Befreiung: Ich muss nicht für alle Zeit die Last mit mir herumtragen, die mir andere aufgebürdet haben. Ich darf sie betend abgeben an den, der mich so unendlich lieb hat, der alle meine Schuld trägt, auch die, die andere an mir getan haben.

Das gelingt nicht von heute auf morgen. Es braucht Geduld und Beharrlichkeit und Übung in Sachen Liebe. Wir werden wohl nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen können: Jetzt habe ich genug geliebt, genug vergeben, genug getan. Aber wir dürfen an den Punkt kommen, wo wir erkennen: Du Herr hast in Deiner Liebe genug für mich getan. Ich spüre und glaube, ich bin von deiner Liebe getragen, gerettet und befreit zu einem Leben, in dem die Liebe immer mehr Bedeutung gewinnt. Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier. So werden wir nachher singen. Ich will! Es geht nicht darum dass wir das schon perfekt können, sondern darum, dass wir es wollen und ganz klein und ganz praktisch damit beginnen.

Gott verlangt keine Rekorde von uns, nur unser Wollen und unsere kleinen Versuche und er hilft bei ihrer Durchführung.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168