Gottesdienst – Markus 12, 1-12

Zur PDF

Reminiszere, 08.03.2009, Markus 12, 1-12

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Herr, wir bitten Dich, gib uns den Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen

Das Schriftwort für die Predigt steht bei Markus im 12. Kapitel:

Und Jesus fing an zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 
Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole.
Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.
Abermals sandte er zu ihnen einen anderen Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 
Und er sandte noch einen anderen, den töteten sie und viele andere. Die einen schlugen sie, die anderen töteten sie.
Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.
Sie aber, die Weingärtner sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!
Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.
Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht dieses Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“?
Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.

Nur vordergründig ist das eine Weinbergsgeschichte. Das haben die vielen Zuhörer schnell kapiert. Im Grunde geht es hier um den Konflikt zwischen Jesus und der Priesterschaft. Der Weinbergbesitzer ist Gott und seine Boten sind die Propheten, von denen im Lauf der Jahrhunderte viele einen schweren Stand hatten. Immer waren es die Priester und Hüter der Religion, die den Propheten das Leben schwer gemacht haben. Die meisten von ihnen sind geschmäht, verleumdet und verachtet, geschlagen, gejagt worden. Nicht vom Volk, sondern von denen, die eigentlich Gottes Sache vertreten sollten.

Wenn Jesus davon redet, dass der Weinbergbesitzer seinen Sohn schickt, dann meint er natürlich sich selbst. Er weiß, dass die Priester und Schriftgelehrten seinen Tod beschlossen haben. Und er sagt es ihnen mit diesem Gleichnis ins Gesicht. Und er kündigt ihnen für dieses Verhalten Gottes Gericht an.

Mit dem Zitat aus dem 118.Psalm, dem Messiaspsalm, setzt Jesus noch eins drauf:

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“

Um dieses Bildwort richtig zu verstehen, muss man wissen, was mit einem Eckstein gemeint ist und wie man damals gebaut hat. Es gab ja keinen Beton und andere moderne Baustoffe. Man hat die Steine aus dem Fels im Steinbruch herausgebrochen oder in der Wüste und auf freiem Feld herumliegende Steine je nach ihrer Form auf Brauchbarkeit hin untersucht. Die Auswahl der Steine war eine ganz wichtige Voraussetzung für die spätere Festigkeit des Gebäudes.

Die Bauleute haben sich also zuerst die vorhandenen Steine angesehen und sie nach ihrer Qualität sortiert. Manche sind dann am Ende übrig geblieben, wurden verworfen, weil sie nirgends hingepasst haben. Steine, die die Bauleute verworfen haben, waren nichts wert.

Besonders kosbar und wichtig waren die Ecksteine. Das waren nicht etwa Steine, die an den Ecken eines Hauses eingebaut worden sind, sondern man hat sie für Torbogen und Gewölbe gebraucht. Wenn man so etwas gebaut hat, dann musste der Bogen oder das Gewölbe solange mit Stämmen, Balken und Brettern abgestützt werden, bis man den letzten, Schlussstein, den Eckstein eingesetzt hat. Dann konnte man die Stützen wegnehmen und der Torbogen hielt, das Gewölbe trug. Hat man einen solchen Eckstein weggenommen aus dem Bauwerk, ist alles zusammengestürzt, war es nicht mehr tragfähig.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“

Ein solcher Eckstein für den Bau des Glaubens, für die Lehre von Gott, für die Theologie ist und bleibt Jesus. Immer wieder haben „Bauleute“, Theologen, Kirchenleute, Priester, Pfarrer, selbsternannte Propheten ihn verworfen und manche Menschen tun es bis heute. Sie halten sich für gläubig und fromm, bezeichnen sich als gute Christen und verwerfen doch Jesus. Den brauchen sie nicht, den wollen sie nicht, der scheint ihnen überflüssig. Gott ja! Aber Jesus? Weg mit ihm! Die Religionsvertreter, die ihn weg haben wollen, werden nicht weniger.

Alle Jesusworte, alle Aussagen der Heiligen Schrift, die betonen, dass es ohne ihn nicht geht, hört man dann nicht gern.

Dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und dass niemand zum Vater kommt ohne ihn.(Joh 14,6)

Dass in keinem andern das Heil ist, auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben ist, durch den wir selig werden sollen. (Apg 4, 12)

Und dass Gott sagt: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören (Matth 17, 5), wollen viele nicht hören.

Die Religionen werden gleichwertig nebeneinander gestellt. Man sucht Brückenbauer zwischen den Religionen und suggeriert damit, dass es letztendlich egal ist, welcher Religion man sich zuwendet. Mission, also die eigene Religion als wegweisend und rettend zu bezeugen ist verpönt. Man stellt ernsthaft die Frage, ob Christen gegenüber Juden oder Moslems überhaupt davon reden dürfen, dass Jesus der Weg zum Heil ist.

Wenn wir das Bild vom Gewölbe, dem Torbogen und dem Eckstein noch vor Augen haben, dann heißt das, unserem christlichen Glauben das wegnehmen, was alles zusammenhält. Das tragende, verbindende Element.

Ein Raum der Stille, der allen Religionen gewidmet ist, in dem kein Kreuz mehr steht oder in dem das Kreuz nur eines von vielen verschiedenen religiösen Symbolen ist, wird in immer mehr Kliniken und großen öffentlichen Gebäuden eingerichtet. Christliche Kirchen und eindeutige Symbole wie das Kreuz vermeidet man.

Den gekreuzigten und auferstandenen Christus als den Retter der Welt möchte man beseitigen. Aber mit Jesus Christus wird unserem Glauben die Einzigartigkeit, die Identität genommen. Wo sonst wird Gott ganz Mensch? Welcher Gott in einer anderen Religion nimmt die Schuld der Menschen auf sich, bezahlt die Strafe selbst, leidet und stirbt für sein Volk?

Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen. Jesus ist doch keine Erfindung von Menschen, sondern das Mensch gewordene Wort Gottes. Er bleibt ein unbegreifliches Wunder der Liebe Gottes.

Welcher Gott zeigt sich barmherziger als der, der in Jesus Christus zu uns kommt? Wenn wir den preisgeben, wenn wir Jesus totschweigen, sind auch wir wie die ungerechten Weingärtner im Gleichnis, die den Erben erschlagen und die unter dem Zorn Gottes stehen.

Wir sind alle Bauleute unseres Lebens. Wir bauen das Abitur oder die Meisterprüfung, wir bauen ein Nest, bauen an einer Karriere. Zimmern uns ein Weltbild zurecht, stricken uns eine Lebensphilosophie. Welche Steine, welche Elemente wählen wir dazu aus? Ist Jesus in unseren Lebensplan eingebaut? Ist er der Stein, auf den es ankommt, der letztlich alles zusammenhält? Auch wenn wir Mist gebaut haben, wie man manchmal etwas flapsig sagt, bleibt dieser Stein tragfähig.

Manfred G. konnte nichts anfangen mit dem Jesus, von dem er in seinem Elternhaus immer wieder hörte. Wenn zu Hause die Sendungen des Evangeliumsrundfunks liefen, ergriff er die Flucht. Die Freunde, der Alkohol, Nachtbars, – das war seine Welt. Als Strafvollzugsbeamter ließ er die Gefangenen seine Verachtung spüren. Eines Tages wurde sein Vater mit Leukämie ins Krankenhaus eingeliefert. Die Liebe, die er in dieser Situation ausstrahlte, bewegte Manfred G. Das Sterben des Vaters verunsicherte ihn in seiner Lebenseinstellung. Er suchte. Suchte nach Halt. Da fiel ihm ein Satz seiner Mutter ein: „Jesus lebt!“ hatte sie immer wieder gesagt und: „Jesus vergibt Schuld!“

Manfred G. wagte ein Gebet zu dem lebendigen Herrn, der Schuld vergibt. Und er fand den Stein, der in seinem Lebensbau bisher fehlte. Mit Jesus änderte sich sein Lebensstil von da an. Das hatte Auswirkungen für seine Ehe, für seinen Arbeitsplatz, für seinen Umgang mit den Strafgefangenen, für alles. Bestimmt hat sich der Himmel gefreut, als Manfred G. anfing zu beten und nach dem Willen Gottes zu fragen.

Ja, wenn Leid über uns hereinbricht, wenn uns eine Flut erwischt, die den Sand wegspült auf den wir gebaut haben, dann kann unser imponierendes Lebenshaus schnell zusammenbrechen wie das Kölner Stadtarchiv. Zumal es einen gibt, der alles zu untergraben versucht. Werte, Autoritäten, Glaubensfundamente. Ohne den Eckstein, ohne Jesus, ohne die tägliche Beziehung zu ihm kann das ganz schnell gehen.

Aber mit Jesus als dem Fundament, dem Hauptbaustein meines Lebens, kann ich zuversichtlich in dunkle Täler gehen, muss in menschlich aussichtslosen Lagen nicht verzweifeln. Er ist ja da! Der gute Hirte geht ja mit! In die schwierige Verhandlung, in den schrecklichen Schultag, in das entsetzliche Examen, in die unheimliche Untersuchung, in die gefährliche Operation, auch einmal in und durch die letzte Todesnot.

Wer ihn als wichtigsten Lebensbaustein hat, weiß: Alle Tage ist er bei mir. Er sorgt für mich. Ich weiß nicht, wie er es macht, aber er bringt mich durch den Berg, der vor mir liegt. Wir dürfen daran festhalten: Jesus lebt! Mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. (EG 115,1)

Wenn wir diesen Stein, der manchmal auch ein Stein des Anstoßes ist, nicht verwerfen, dann werden wir noch manches Wunder vor unseren Augen erleben. Wunder der Hilfe, Wunder der Heilung, Wunder der Führung, Wunder der Bewahrung, Wunder der Vergebung. Jesus ist ein wunderbarer Herr des Lebens. Ihm ist keiner gleich.

Man kann dem Gleichnis, das Jesus hier erzählt allerdings seine Schärfe nicht nehmen. Es spricht auch eindeutig von den Folgen für die, die Jesus ablehnen: Sie stehen unter dem Gericht Gottes. Es ergeht den ungerechten Weingärtnern schlecht, wenn der Weinbergbesitzer kommt, weil sie weder seine Boten ernst genommen, noch auf seinen Sohn gehört haben. Gottes Geduld kann auch einmal zu Ende gehen. Sie wird einmal zu Ende gehen, mit allen, die Jesus nicht wollten.

Für die Führungsriege Jerusalems, die den Erben zu Tode brachte und aus dem Weinberg hinauswarf, kam Gericht in Gestalt der römischen Militärmacht. Vergeltung und Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.. Lange hatte Gott ihnen immer wieder seine Boten geschickt, ihnen Zeit gegeben, aber sie wollten es nicht hören, dass Jesus der einzige Weg aus dem Untergang ist. Sie lehnten Jesus ab.

Auch heute wollen viele davon nichts mehr hören und wollen auch nichts wissen von Warnungen vor einem Gericht Gottes. Gott hat nur lieb zu sein und jeden Lebensstil abzunicken, auch den ihren, so meinen sie. Aber die Heilige Schrift sagt uns, nicht nur mit diesem Gleichnis, etwas anderes:

Es ist ja auch in diesem Gleichnis zunächst erstaunlich wie viele Boten der Weinbergbesitzer schickt. Wir hätten wahrscheinlich spätestens nach dem zweiten Schluss gemacht. Aber hier heißt es: Er sandte noch einen anderen, den töteten sie und viele andere; die einen schlugen sie und die anderen töteten sie. Da hatte er nur noch den einen, seinen geliebten Sohn… Und auch den hat er losgeschickt in die Gier und den Neid, den Hass und die Brutalität dieser Welt. Sie haben ihn getötet, aber er hat den Tod besiegt und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Jesus verspricht. Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. (Matth 10,32) Darum wollen wir nicht aufhören unser Leben auf ihn und mit ihm zu bauen und von ihm zu reden. So wie Petrus vor dem Hohen Rat es sich nicht verbieten ließ von Jesus zu reden und sich dem Befehl des obersten Gerichts widersetzte und sagte: Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. Amen.

Bei dir Jesu will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehen.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

(EG 406,1)

Amen

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168