Gottesdienst – Markus 10,17-27

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18. Sonntag n. Trin., Kreuzkirche 25.09.2005 Mk 10, 17-27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem
Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für
diese Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist
zum Reden und zum Hören.

Folgende Verse aus dem 10. Kapitel des Markusevangeliums
liegen dieser Predigt zugrunde (17-27):

Als Jesus weitergehen wollte, lief ein junger Mann auf ihn zu, warf
sich vor ihn auf die Knie und fragte: „Guter Meister, was muss ich alles
tun, um ganz sicher das ewige Leben zu bekommen?“ Jesus entgegnete: „Weshalb
nennst du mich gut? Es gibt nur einen, der gut ist und das ist Gott. Du
kennst doch sicher seine Gebote: Du sollst nicht töten! Du sollst
nicht die Ehe brechen! Du sollst nicht stehlen! Sag nichts Unwahres über
deinen Mitmenschen! Du sollst nicht betrügen! Achte deinen Vater und
deine Mutter!“ „Meister“, antwortete der junge Mann, „an diese Gebote habe
ich mich seit meinen Kindertagen gehalten.“

Jesus sah ihn voller Liebe an: „Eins fehlt dir noch: Verkaufe alles,
was du hast und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen
Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht.“ Über diese Forderung
war der junge Mann tief betroffen. Traurig ging er weg, denn er war sehr
reich. Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: „Wie schwer
werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ Die Jünger aber entsetzten
sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu
ihnen: „Liebe Kinder, wie schwer ist’s ins Reich Gottes zu kommen! Es ist
leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher
ins Reich Gottes komme.“ Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen
untereinander: „Wer kann dann selig werden?“ Jesus aber sah sie an und
sprach: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott, denn
alle Dinge sind möglich bei Gott.“

Ganz schön hart, diese Geschichte, finden sie nicht? Da kommt einer
zu Jesus, der den Glauben ganz ernst nehmen will. Einer, der Jesus anerkennt,
sogar vor ihm auf die Knie fällt, als wüsste er, wen er vor sich
hat. Einer der sein ganzes Leben lang die Gebote ernst genommen hat. Einer,
der nach dem ewigen Leben fragt. Wer macht das schon? – Und dann legt ihm
Jesus die Latte so hoch: Verkaufe alles, was du hast und gib den Erlös
den Armen und komm und folge mir nach.

Zweimal wird hier vom Entsetzen der Jünger berichtet. Das ist zu
hart, meinen sie. Aber Jesus spitzt die Aussage noch zu: Eher geht ein
Kamel durch ein Nadelöhr, als dass einer, der an seinem Reichtum hängt,
in den Himmel kommt. Die Ausleger aller Zeiten haben sich an dieser krassen
Formulierung gestoßen. Sie meinten, es müsse doch wenigstens
eine Chance bleiben. Sie suchten nach Lösungen, die diesen harten
Ausdruck mildern könnten und manche kamen darauf, dass das Wort für
Kamel auch soviel bedeutete wie: Dickes Seil. Also: Eher geht ein dickes
Seil durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel.

Aber ich weiß nicht, haben Sie schon einmal ein Nadelöhr
gesehen, durch das ein dickes Seil passen könnte? Also, egal ob Kamel
oder dickes Seil, da lohnt sich nicht einmal ein Versuch. Es geht einfach
nicht. Es ist unmöglich. Genauso unmöglich ist es, dass ein Mensch,
der an seinem Besitz hängt, so hängt, dass er ihn niemals hergeben
könnte, in das Reich Gottes kommt. An dieser harten und eindeutigen
Aussage lässt sich Auslegung hin, Auslegung her einfach nicht rütteln.

Schade, wirklich schade um den jungen Mann. Ich denke, auch damals gab
es nicht viele junge Menschen, die so fromm, so zielstrebig im Glauben
waren, wie der. Heute sind es vielleicht noch weniger. Junge Menschen,
die von klein auf die Gebote ernst nehmen. Er muss wohl gläubige Eltern
gehabt haben, die ihn gottesfürchtig erzogen haben und ihm von klein
auf die zehn Gebote als höchste Werte groß gemacht haben. Sie
müssen ihm auch viel vom Himmel erzählt haben, von dem großen
Ziel, das glaubende Menschen haben, von der Herrlichkeit Gottes und dem
Leben, das nie aufhört, dem ewigen Leben.

Das geschieht heute in vielen Familien überhaupt nicht mehr, dass
Eltern ihren Kindern vom Himmel erzählen und ihnen immer wieder ausmalen,
dass es dort noch viel schöner ist als im schönsten und glücklichsten
Leben auf dieser Erde. Wohl den Kindern, die davon noch hören. Wohl
den Menschen, die unabhängig von ihrem Lebensschicksal auf der Erde
von dieser Zukunft wissen und auf die Herrlichkeit Gottes warten.

Wissen Sie, was mich an dieser Geschichte immer am meisten erstaunt?
Dass der junge Mann mit solcher Überzeugung sagen kann, dass er sich
von klein auf an alle Gebote gehalten hat. Und Jesus lässt das so
stehen. Er sagt nicht: Das glaub ich dir nicht. Jetzt gib nicht so an!
Sei doch mal ehrlich, da war doch Einiges nicht ganz ok. Er lässt
diese Aussage einfach stehen.

Ich denke immer, der hat nur keine Sündenerkenntnis gehabt. Dem
hat die Buße gefehlt. Der hat wahrscheinlich nie richtig nachgedacht.
Das gibt’s ja bei uns auch oft, dass Menschen sich für fehlerlos,
sündlos vor Gott halten, aber nur, weil sie sich noch nie wirklich
mit den Geboten und ihrer Auslegung, z. B. in der Bergpredigt beschäftigt
haben. Weil sie nur oberflächlich denken, wenn ich noch keinen totgeschlagen
und noch keine Bank ausgeraubt habe und meistens ehrlich bin, dann habe
ich alle Gebote gehalten.

Ich glaube, wer Gebote und den Willen Gottes wirklich ernst nimmt, der
wird immer erkennen, dass er von klein auf daran schuldig geworden ist.
Der Herr Jesus macht es hier anders mit diesem guten frommen Menschen.
Er sagt zu ihm, der ihn mit „guter Meister“ anredet: Nenn mich nicht gut!
Gut ist nur einer, Gott. Hören sie die Zurechtweisung? Hat sich nicht
der junge Mann mit seinem Kniefall und seiner Behauptung alle Gebote von
klein auf gehalten zu haben als besonders gut in Szene gesetzt? Der Herr
Jesus aber, der wirklich ohne Sünde war, verbietet ihm, dass er ihn
„gut“ nennt. Gut ist nur einer! Schon das hätte dem jungen Mann zu
denken geben müssen. Es müsste jedem zu denken geben, der sich
für gut und für recht vor Gott hält, wenn Jesus sagt: Gut
ist nur einer, Gott.

Das also die erste Lektion, die der Herr dem jungen Mann erteilt, der
so von seinem frommen und guten Lebensweg überzeugt ist. Es bleibt
offen, ob er sie verstanden hat. Die zweite Lektion war noch deutlicher:
Verkauf deinen Besitz, verschenk den Erlös und folge mir nach! Worum
geht es denn da? Darf ein Christ nichts besitzen? Sollen wir alle Wanderprediger
und Bettelmönche werden? War das Mönchtum mit seinem Armutsgelübde
doch der richtige Weg der Nachfolge?

Oder will der Herr Jesus hier anhand des ersten Gebots zeigen, dass
dieser junge Fromme schon daran scheitert. Ich bin der Herr, dein Gott,
du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Wird der Besitz nicht
dann zum Gott, wenn ich mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen kann? Das
Herz dieses jungen Mannes hing mehr an seinen Gütern, als ihm das
ewige Leben wert war. Er ging traurig weg, denn er hatte viele Güter.
Das war der wunde Punkt in seinem Leben. Er hing am Geld, am Wohlstand,
an seinem Haus, den Grundstücken, seinen Aktien und an seiner Münzsammlung.
Er hätte sich nicht vorstellen können seine Markenkleidung und
Maßanzüge gegen Massenware einzutauschen und auf die köstlichen
Lebensmittel aus dem Feinkostladen zu verzichten.

Er ging traurig weg, denn er hatte viele Güter. Er konnte sich
nicht vorstellen, dass ein Leben mit Jesus den Verzicht auf manche Annehmlichkeiten
wert sein könnte. Es war ihm unvorstellbar, dass ihm das Loslassen
all seines Besitzes einen ganz anderen Reichtum bescheren könnte.
Dass der Schatz im Himmel mehr wert sein könnte, als der Schatz, den
er auf der Erde besaß.

Ist es nicht erstaunlich, überall suchen die Menschen nach sicheren
Anlagemöglichkeiten für ihr Erspartes und fragen nach der Rendite,
also nach dem Gewinn, aber an die Investition mit dem höchsten Ertrag
denken sie nicht. Was wir zu Lebzeiten loslassen, Notleidenden zukommen
lassen oder für die Sache Gottes einsetzen, das ist bestangelegtes
Kapital. Das nennt der Herr Jesus einen Schatz im Himmel.

Den Schatz im Himmel kann einem keiner nehmen. Nicht das Finanzamt und
kein Betrüger. Der kann nicht von Bomben zerstört oder von Feuer
vernichtet werden. Das hält jedem Börsencrash stand, wird von
keinem Sturm zerstört und kann nicht von Flutwellen weggespült
werden. Das trägt Frucht für die Ewigkeit. Der junge Mann aber
trennt sich lieber von Jesus, als von dem, was er besitzt.

Jesus verlangt von uns nicht, dass wir alle unseren Besitz hergeben
müssen. Aber er macht hier klar, dass es Entscheidungssituationen
gibt, in denen es wichtig ist, ganz klar zu sehen, was trennt mich von
Jesus und was bringt mich weiter voran auf dem Weg zum großen Ziel.
Der junge Mann hier behielt den Himmel nur im Blick, solange es ihm gut
ging und er auf nichts verzichten musste. Aber er kann sich nicht vorstellen
ohne Wohlstand Jesus nachzufolgen.

Ob wir uns das vorstellen können, ohne Wohlstand Jesus nachzufolgen?
Vielleicht kommen wir gar nicht in die Situation, dass wir unseren Besitz
verkaufen und das Geld verschenken sollen. Vielleicht werden wir unseren
Wohlstand ja auf andere Weise los. Durch weiter anhaltende oder steigende
Arbeitslosigkeit, durch wirtschaftliche Talfahrt, sinkende Löhne,
steigende Inflationsraten. Was wird wohl aus unserer Nachfolge werden,
wenn wir eins ums andere unserer lieb gewordenen Güter entbehren müssen?
Den Urlaub und das Häuschen, das Auto und die Markenkleidung, wöchentliche
Wellness und modernste Telekommunikation. Würde das unseren Glauben
in Frage stellen? Würde uns das von Jesus trennen?

Wie mag es den Menschen in Texas jetzt gehen, die zum zweiten Mal in
kurzer Zeit alles zurücklassen müssen, was sie sich mühsam
aufgebaut und angeschafft haben. Viele Bürger von New Orleans haben
ja vor ein paar Wochen schon alles verloren und nur ihr Leben und das,
was sie tragen konnten gerettet. Der Gouverneur von Texas forderte die
Menschen auf, die in langen Autokolonnen die Städte an der Küste
verließen, die Ruhe zu bewahren und für Texas zu beten.

Gerade dann, wenn einem alles genommen wird oder wenn alles in Frage
steht, ist doch der Glaube der einzige Halt. Wenn einer auf der Flucht
vor Menschen- oder Naturgewalt weiß: Es kann mir nichts geschehen,
als was der Herr ersehen.
Mitten im Sturm lässt der Glaube
geborgen sein. Glaubende Menschen vergangener Jahrhunderte haben die Erfahrung
gemacht, dass man auch mit wenigem auskommen kann. Er weiß
viel tausend Weisen zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen
zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen auch bei geringem
Mahl und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual
(EG
302,5), dichtete Paul Gerhard kurz nach dem Dreißigjährigen
Krieg, in dem auch er viel verloren hat und oft nicht wusste, wovon er
sich und seine Familie ernähren sollte.

Menschen, die selber nicht viel haben, geben von dem Wenigen viel leichter
etwas her als andere, die wohlhabend sind. Der Volksmund sagt: Geld macht
nicht glücklich, aber es beruhigt. Aber Vorsicht! Das ist eine trügerische
Beruhigung auf falsche Sicherheit, zu meinen, ich hab ja gut vorgesorgt.
Wer sich auf solchen Besitz verlässt, der wird ihn trotzdem einmal
verlassen müssen ohne ihn mitnehmen zu können. Wenn er ihm nicht
schon zu Lebzeiten zwischen den Fingern zerrinnt, dann verliert jeder Besitz
spätestens am Lebensende seinen Wert für den, dem er gehört
hat.

Das war den Menschen in früheren Jahrhunderten offensichtlich noch
eher bewusst als unserer Generation. Da haben manche ihr Vermögen
in Stiftungen eingebracht, aus deren Erlös dann Alte und Kranke versorgt
wurden. In Bayreuth nenne ich als Beispiel nur die Hospitalstiftung oder
das Mühlhofer Stift. Es gibt viele Möglichkeiten sinnvoll und
kreativ zu helfen, indem man sich von etwas trennt, was man besitzt oder
einmal auf etwas verzichtet.

Ich weiß von einer Frau, die statt Lotto zu spielen jede Woche
einen kleineren Betrag zur Seite legt und am Jahresende die Summe, die
da zusammengekommen ist für Menschen in einer Notlage spendet.

Der Glaube in der Nachfolge des Herrn Jesus befreit auch von der Macht
des Besitzes. Wir können uns diese Freiheit nicht selbst geben, aber
wir dürfen sie uns erbitten und werden dabei nichts verlieren, sondern
nur gewinnen.

Wenn jetzt jemand unter uns denkt, ich kann das nicht, ich weiß,
der Geiz ist mein Problem, dann darf er sich auf das verlassen, was Jesus
hier am Ende zu den erschrockenen Jüngern sagt: Bei den Menschen ist’s
unmöglich, aber nicht bei Gott. Er schafft es auch, dass wir es lernen,
richtig mit dem umzugehen, was wir besitzen. Aber auch unser Herz nicht
an das zu hängen, was wir gerne hätten und nicht besitzen.

Im Vertrauen auf Gott dürfen wir es lernen zu beten wie der Beter
des 73. Psalms:

Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei
meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am
Ende mit Ehren an.

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott allezeit
meines Herzens Trost und mein Teil.

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht
setze auf Gott den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168