Gottesdienst – Lukas 22, 31 – 34
Zur PDFInvokavit, 25.02.2007, Lukas 22, 31 – 34
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe
Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr,
wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Ein kurzes Gespräch in der letzten Nacht im Leben des
Herrn Jesus steht an diesem ersten Passionssonntag im Mittelpunkt der
Predigt. Mit Jesus zusammen hatten die Jünger das Passalamm
gegessen in einem Haus in Jerusalem. Dabei hatte der Meister ganz
merkwürdige Worte über sich, seinen Leib, der gebrochen
würde und sein Blut, das vergossen würde, gesprochen. Den
Jüngern war das alles ein wenig rätselhaft geblieben. Erst
später, nach dem Tod des Herrn, fingen sie an, diese Worte zu
verstehen, mit denen Jesus das Abendmahl eingesetzt hatte.
Gleich nach diesem merkwürdigen Mahl war es dann zu Streit
zwischen den Jüngern gekommen, wer der größte unter
ihnen sei. Ranking würde man das neudeutsch nennen. Sich messen,
vergleichen, nach Leistung einstufen. Schon in den Kleinsten steckt das
drin: Ich will groß sein, am besten der oder die
Größte. So machen sich auch die Jünger wichtig und
einer will den anderen übertreffen.
Wir kennen das ja auch. Man ist in fröhlicher Runde zusammen
und jeder erzählt von seinen Heldentaten. Wie toll man reagiert
hat, wie clever man die schwierige Lage gemeistert hat. Wie schnell man
von Bayreuth nach Berlin gefahren ist. Alle haben ihre
Spitzenleistungen: Die Politiker ihre Beliebtheitsskala und die
Geschäftsleute ihre Bilanzen, die Jäger ihr Latein und
genauso die Lehrer, die Sportler, die Denker, die
Kuchenbäckerinnen und die Managerinnen. – Zugegeben, den
Männern liegt dieses Vergleichsdenken und Imponiergehabe
vielleicht noch mehr, aber auch die Frauen möchten schon gern die
Besten, Wichtigsten und vor allem die Schönsten sein, nicht nur
die jungen.
Mit einem Satz holt der Herr die Jünger aus dieser falschen Haltung heraus. Er sagt: Wer von euch der Größte sein will, der soll allen anderen dienen.
Da war das Ranking schnell vorbei. Sich allen unterordnen, sich von
jedem was sagen lassen, den anderen den Dreck wegräumen,
unattraktive Aufgaben übernehmen? Wer drängt sich schon dazu.
Anschaffen, bestimmen, ja, das wollen viele. Aber
Befehlsempfänger, Dienstleister ohne Lohnansprüche, ohne
Dankerwartung? Nein Danke! Wer meldet sich da schon freiwillig? Aber so
provoziert Jesus die Jünger und auch uns: Solche werden im Reich
Gottes die Größten sein. Wenn das so ist, werden wir im
Reich Gottes wohl eher zu den Kleineren gehören. – Vorausgesetzt
wir sind überhaupt dabei.
In der Jüngerrunde schlägt dieser Satz ein. Es herrscht
erst einmal betretenes Schweigen. Ja, so oft hatten sie das von Jesus
schon gehört. Sie hätten es wissen müssen. Aber wieder
waren sie ihrem Ego aufgesessen. Wieder wollten sie einander
übertrumpfen und groß da stehen.
Jesus schaut in die Runde und seufzt ein wenig. Wann werden sie
es endlich kapieren? Wann werden sie die richtige Einstellung vor Gott
zu ihrer Lebenshaltung gemacht haben? Die meisten der Jünger
blicken betreten nach unten. Nur einer stellt sich dem Blick des
Meisters. Vielleicht war er ja gerade nicht dabei, bei den
Machtspielchen. Vielleicht fühlt er sich gar nicht getroffen von
den Worten Jesu, Petrus, der Felsen.
Die Blicke begegnen sich. Petrus hält es aus. Er ist
schließlich ein Echter. Er ist einer, auf den Jesus sich
verlassen kann. – Der Herr sieht ihn an. Er sieht nicht nur das
Äußere. Er lässt sich nicht von einer
Körpersprache täuschen, die Stärke signalisiert, sondern
er sieht hinter dem trotzigen selbstbewussten Äußeren den
Gefährdeten, den, der auch die Angst kennt und den, der auch nicht
treuer ist als die anderen. Jesus sieht in die Tiefe der Seele und
seufzt noch einmal. Und was er dann sagt und was Petrus ihm antwortet,
sind die Worte unseres heutigen Predigttextes, Lukas 22, 31-34:
Simon, Simon, siehe der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen.
Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dermaleinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.
Petrus aber antwortete ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.
Jesus aber sprach: Petrus, ich sage dir, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du geleugnet hast, dass du mich kennst.
Schon nach dem ersten Satz war Petrus völlig durcheinander.
Damit hatte er nun nicht gerechnet. Vielleicht hatte er erwartet, dass
Jesus ihn als einzige rühmliche Ausnahme bezeichnen würde.
Aber dass er ihm so was zutraut!? Und wieso redet Jesus ihn
plötzlich wieder mit seinem alten Namen an: Simon? Hatte er ihm
nicht selbst aufgrund seiner Standhaftigkeit den Ehrennamen „Petrus“,
Felsen gegeben? Und was soll es bei ihm zu sieben, zu sichten, zu
prüfen geben? Er ist doch treu, entschieden, einer der keine
Kompromisse eingeht.
In Petrus arbeitet und bohrt es. Das Blut steigt ihm in den Kopf.
Weiß Jesus denn nicht, dass er alles für ihn tun würde?
Alles!
Die Blicke der anderen sind nun auf Petrus gerichtet. Man sieht
ihm seine innere Erregung an. Er muss jetzt irgendetwas sagen, richtig
stellen. Er rafft noch einmal alle Entschlossenheit zusammen: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen!
Er ist sich sicher, dass Jesus sich diesmal getäuscht hat.
Das Äußerste, ja sein Leben würde er geben. Die Blicke
der anderen Jünger wandern hinüber zu Jesus. Was wird er
jetzt sagen? Aber der Herr scheint gar nicht beeindruckt von den
starken Worten des Petrus und seine Stimme klingt sehr ernst als er mit
leiser Stimme antwortet: Petrus, ich sage dir, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du geleugnet hast, dass du mich kennst.
Was mag Petrus in Petrus in diesem Augenblick vorgegangen sein? Bis zum
Krähen des Hahnes waren ja nur noch wenige Stunden. Lehnt er sich
auf, rebelliert er? Wie kann der Herr ihn nur so bloßstellen vor
den anderen? Oder war Petrus noch entschlossener als vorher, es dem
Herrn zu beweisen? War es diese Entschlossenheit, mit der er zwei
Stunden später, als Jesus verhaftet wurde, nach seinem Schwert
griff und kämpfen wollte? Als Jesus auch das ablehnte, war Petrus
vollends verunsichert.
Er schleicht im Schutz der Dunkelheit dem Verhafteten nach und
drückt sich unauffällig zwischen den vielen Leuten im Hof des
Palastes des Hohenpriesters herum. Da ist so viel Betrieb, da wird er
nicht auffallen. Da kennt ihn keiner. Immer wieder geht sein Blick
hinüber zu Jesus und den Wachsoldaten, die ihn gefesselt haben und
die ihre gemeinen Späße mit ihm treiben. Killerspiele.
Freude am Schmerz des Wehrlosen. Auch mal draufhalten, zuschlagen,
Macht demonstrieren und Stärke. Vielleicht auch nur zuschauen mit
sadistischer Freude.
Petrus schnürt es die Kehle zu. Wie hundsgemein! Wie feige!
Einen Unbewaffneten, Wehrlosen so zu behandeln. Nein, so möchte
keiner, auch Petrus nicht behandelt werden. Bloß nie solchen
Unmenschen in die Hände fallen. Denken wir doch auch, wenn wir
Aktenzeichen XY anschauen. Da kommt die Angst, wehrlos und hilflos
ausgeliefert zu sein. Auch bei Petrus.
In dem Augenblick wird er erkannt und offen angesprochen: Hey,
schaut mal alle her! Der ist doch auch so einer! Der gehört doch
auch zu dem Jesus da! Und dann passiert es. In kurzer Folge leugnet
Petrus drei Mal, dass er zu Jesus gehört, ja dass er ihn
überhaupt kennen würde. Petrus, der Felsenmann, von dem der
Herr gesagt hat, auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Er
versagt. Versagt im entscheidenden Augenblick. Dann kräht der
Hahn, der ihn an Jesu Worte erinnert.
Warum wird uns eigentlich diese unrühmliche Geschichte von
einem Versager heute noch erzählt? Ist doch peinlich! Sollte man
das nicht lieber verschweigen? Nein! Weil in jedem von uns irgendwie so
ein Petrus steckt. Haben wir nicht alle schon wiederholt ein Bekenntnis
zu Jesus gesprochen? Bei unserer Konfirmation, bei einer Taufe als
Eltern oder Pate versprochen, das Kind zu einem lebendigen Christen zu
erziehen oder in vielen ganz normalen Gottesdiensten das Bekenntnis in
der Masse mitgemurmelt, – vielleicht auch ganz bewusst gesprochen.
Vielleicht war es uns ganz ernst und wir wollen es immer noch,
treu zum Glauben stehen. Trotzdem scheitern auch wir immer wieder. Weil
da einer ist, der versucht, uns von Jesus weg zu bringen. Der
Versucher. Jesus nennt ihn hier Satan. Simon, Simon, siehe der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen.
Weizen sieben war damals ein ganz alltäglicher Vorgang. Jeder
wusste, was gemeint war. Nach dem Dreschen wurde das Stroh mit dem
Rechen zur Seite geräumt und der Rest in große Sieben
geschüttelt, damit sich die Spreu vom Weizen trennte. Nach dem
Sieben blieb der echte Weizen, das mehlgefüllte Korn übrig
und wurde in Krüge oder Säcke gefüllt. Die Spreu wurde
verbrannt.
Das Sieben ist also ein Prüfen auf Echtheit. Der Satan
prüft den Glauben auf seine Echtheit. Er versucht uns in
Situationen zu bringen, in denen wir nicht zu Jesus, nicht zum Glauben,
nicht zu Gott stehen. Er will, dass wir uns nicht als Jesus-Leute zu
erkennen geben, sondern unsere Zugehörigkeit aus Angst verleugnen
oder verschweigen. Kein Tischgebet in der Kantine oder Mensa. Kein
Widerspruch gegen das gotteslästerliche Geschwätz. Am
Sonntagmorgen lieber im Bett geblieben. Die Bibel nicht offen
hingelegt, lieber im Spind versteckt. Mitgelacht und mitgemacht, wenn
es gegen Gottes Gebote ging. Oder einfach nur schweigen.
In dieser Woche war im Kurier ein Interview mit einer Person des
öffentlichen Lebens zu lesen. Eine der Fragen lautete: Wie halten
sie es mit der Religion? Antwort: „Wichtig, aber sehr privat.“ Geht
niemand was an. Wie halten Sie es mit der Religion? Ist das Verbergen
des Glaubens nicht auch schon eine Form des Verleugnens?
Der Satan hat nicht aufgehört zu sieben und zu prüfen.
Auch Krankheit, Unfall, Misserfolg, Verlust der Arbeit, der Sicherheit,
eines lieben Menschen kann so eine Prüfung der Echtheit des
Glaubens sein. Und das ist meist nicht in ein paar Stunden vorbei.
Manchmal kommt es einem wie eine Ewigkeit vor, wenn man in Satans Sieb
wie so ein hilfloses Körnlein hin und her geschüttelt wird.
Es will einfach kein Ende nehmen mit den Schlägen.
Glaube auf dem Prüfstand. Was ist er wert? Hält er nur
in guten Zeiten? Was ist, wenn wir mit unserem Glauben gescheitert
sind, wenn wir versagt haben? Wendet sich Jesus dann ab? Unser
Evangelium gibt die Antwort. Für jeden, der schon versagt hat oder
der immer wieder versagt, ist diese erbärmliche Geschichte des
Petrus ein großer Trost.
Obwohl Jesus vorher weiß, dass Petrus in verleugnen wird, schickt
er ihn nicht weg. Er entzieht ihm nicht das Vertrauen und den Auftrag.
Er macht ihm keine Vorwürfe und verachtet ihn nicht, sondern er
sagt zu ihm: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Ich bin mir sicher, dass dem Petrus dieser Satz wieder eingefallen ist,
nachdem der Hahn gekräht hatte und ihm bewusst wurde, dass er nun
seinen Herrn doch verleugnet hatte. Wie hatte Jesus zu ihm gesagt? Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Petrus erfährt: Auch wenn ich treulos bin, der Herr ist treu. Er
hält trotzdem zu mir. Nicht ich kann ihn retten mit meiner Kraft
und Treue, sondern er rettet mich. Nicht ich sterbe für ihn,
sondern er für mich.
Jesus setzt sich auch für den schwächsten Glauben ein.
Er tritt vor Gott für uns ein. Das geht so weit, dass er sich
sogar für uns an ein Kreuz nageln lässt. Dass er unser
Versagen auf sich nimmt und trägt, damit Gott es nicht uns
anrechnet.
Für jeden, der im Glauben versagt hat, ist ein neuer Anfang
möglich. Jesus sagt hier zu Petrus, noch bevor der überhaupt
einsieht, dass das nötig ist: Wenn du dich dann mal bekehrst… Das
heißt doch, du darfst dich bekehren. Du darfst umkehren, du
darfst Schuld zugeben, du darfst neu anfangen. Du musst dein Versagen
nicht ängstlich verbergen.
Im Gegenteil, dann stärke deine Brüder und Schwestern
im Glauben mit dem, was du erlebt und erkannt hast. Sag auch ihnen,
dass Jesus Versager liebt und dass er Schuld vergibt. Ist es uns nicht
immer ein Trost, wenn jemand zu uns sagt: Das ist mir auch schon passiert.
Man hat was Wichtiges vergessen, hat etwas kaputt gemacht, hat das Auto
angefahren oder was anbrennen lassen. Wie barmherzig ist es dann wenn
jemand, der einem vielleicht ein Vorbild ist, statt zu tadeln oder
überheblich den Kopf zu schütteln, freundlich bekennt: Das ist mir auch schon passiert.
Auch im Glauben kann das trösten, wenn jemand einen so stärkt, weil man verzweifelt ist über seinen Unglauben: Ich
kenn das. Ich war auch schon manchmal so angefochten oder hab so
gezweifelt, aber komm, ich helf’ dir! Du darfst wieder ganz neu
anfangen. Jesus schickt dich nicht weg! Mich hat er auch nicht
weggeschickt. Wie mag das die Christen des ersten Jahrhunderts
gestärkt haben, wenn sie in Bedrängnis oder Bedrohung nicht
standhaft geblieben sind, dass auch ein Petrus in der Angst schwach
geworden ist und doch hat Jesus ihn weiter gesegnet und beauftragt.
Vor Gott dürfen wir schwach sein. Versagen schließt
nicht aus von seinem Reich. Nur wer nicht umkehren will, schließt
sich aus. Jeden, der sich mit seinen Schwächen vor Gott beugt,
richtet das Wort Gottes wieder auf: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2.Kor. 12, 9)
Herr, wir danken dir, dass du uns treu bleibst und
festhältst, auch wenn wir Dich verleugnen. Gib uns deine Kraft,
deine Weisheit, wenn wir gefordert sind unseren Glauben zu bekennen.
Hilf uns umkehren von falschen Wegen und bewahre uns vor
Selbstüberschätzung. Danke, dass du uns vergibst und
erneuerst. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168