Gottesdienst – Lukas 19,41-48
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10. Sonntag nach Trinitatis, Kreuzkirche + Matthias-Claudius-Kapelle, 31.07.05
2.Mose 19,1-6
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater
und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen
Gottes für diese Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist
zum Reden und zum Hören.
Ich möchte diese Predigt mit dem neuen Wochenspruch beginnen. Psalm
33 Vers 12:
Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe
erwählt hat.
Wohl dem, das sagt man von jemandem, der es gut hat und den
man vielleicht sogar ein bisschen beneidet.
– Wohl dem, der in diesen Zeiten eine Arbeit hat.
– Wohl den Schülern und Lehrern, die jetzt sechs Wochen Ferien
vor sich haben.
– Wohl dem, der keine Schulden hat. Oder dem, der sie zurückzahlen
kann.
– Wohl dem, der gesund ist, der eine intakte Familie hat.
– Wohl dem, der sich jeden Tag satt essen kann und
– wohl dem, der ein Dach über dem Kopf hat und der sich jeden
Abend in ein Bett legen und in Frieden schlafen kann.
O; wie wohl ist mir am Abend⦠heißt es in einem alten Volkslied,
das die Älteren unter uns wahrscheinlich kennen. Es gibt eine Menge
Gründe, warum wir uns wohl fühlen können, nicht nur am Abend
eines Tages. Doch der Psalmschreiber nennt hier die wichtigste aller Ursachen
und Voraussetzungen dafür, dass sich ein Mensch, ja ein ganzes Volk
wohl fühlen kann:
Ein solches Volk hat es gut. Es steht unter dem Schutz und Segen Gottes.
Ein solches Volk hat Werte, hat klare Grundlagen für seine Gesetze.
In einem solchen Volk werden Schwache beschützt und getragen, da wird
dem Unrecht gewehrt, die Wahrheit hoch gehalten, Feiertage werden ebenso
geschützt wie das ungeborene, behinderte oder das alt gewordene Leben.
Wohl dem Volk! Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist!
Trifft dieses Wohl auf unser Volk, das Volk der Reformation, das Volk
des christlichen Abendlands eigentlich noch zu? Oder hat unser Volk das
Interesse an diesem göttlichen Wohl schon verloren, weil der Herr
des Himmels für viele nicht mehr Gott ist. An vieles haben wir uns
im Lauf der letzten Jahrzehnte gewöhnt. Nicht wenige Regierende legen
ihren Amtseid ab ohne mit Gottes Hilfe zu rechnen. Europa gibt sich eine
neue Verfassung ohne Gottesbezug. Göttliche Zeichen, wie das Kruzifix
werden aus Klassenzimmern verbannt und in neuen Amtsgebäuden oft gar
nicht mehr angebracht.
Auf Opern- und Theaterbühnen, in Filmszenen wird Gott der Herr
der allein für das Wohl eines Volkes sorgen kann, gelästert und
verlacht. Kirchen werden zu Kneipen oder Kaufhäusern, weil keiner
mehr reinging um Gottesdienst zu feiern und anzubeten. Kann da überhaupt
noch Gottes Wohl über unserem Volk stehen? Oder wird das wohl zum
Wehe dem Volk?
Manchmal wird mir angst vor dem, was da kommen könnte an Gericht
Gottes über ein Volk, das nicht mehr sein Volk sein will, über
ein Volk, das sein gutes Erbe vergisst, das sich abwendet von Gott dem
Herrn und hinwendet zu tausend Götzen. Millionen verschlingen Harry
Potter und nehmen nie eine Bibel in die Hand; geben viel Geld für
gottlose Veranstaltungen und esoterische Glücksbringer aus und haben
keinen Cent für kirchliche Sammlungen übrig. Manche treten wegen
der Kirchensteuer aus der Kirche aus.
Sind wir noch Volk Gottes? Wer darf das überhaupt von sich sagen,
dass er zum Volk Gottes gehört, in diesem Land oder zum Volk Gottes
in dieser Stadt?
Um diese Frage geht es in den Versen des 19. Kapitels des 2. Buches
Mose, die für die Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis biblische
Grundlage sind:
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus
Ägypten, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai.
Sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai
und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berg.
Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu
und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob uns den Israeliten verkündigen:
Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie
ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so
sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde
ist mein.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges
Volk sein.
Darum geht es: Wer ist Volk Gottes? Wer gehört zum Volk Gottes?
Zunächst sind diese mahnenden Worte an das Volk gerichtet, das Mose
im Auftrag Gottes aus ägyptischer Sklaverei geführt hat. Zwei
Monate ist es her, dass sie den Schlägen der brutalen Aufseher entronnen
sind, dass sie keine Ziegel mehr schleppen und Paläste und Pyramiden
für den Pharao mehr bauen müssen. Seit zwei Monaten müssen
Eltern nicht mehr fürchten dass man ihnen neugeborene Söhne wegnimmt
und tötet. Sie sind frei. Von Gott befreit, durch gewaltige Plagen,
die über die Ägypter kamen, die Gottes Volk unterdrückten.
Sie sind frei von verfolgenden Soldaten und haben noch das grausige
Szenarium vor Augen, als die Elitesoldaten des Pharao in den Fluten des
Roten Meeres ertranken. Sie sind gerettet durch Gottes Handeln. Das sollen
sie nicht vergessen. Volk Gottes vergisst nicht, was Gott ihm Gutes getan
hat! Volk Gottes vergisst nicht die Wunder und Bewahrungen die es erlebt
hat, vergisst nicht die Gebetserhörungen und die vielen Hilfen. Volk
Gottes vergisst nicht!? Oder doch?
Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Mahnt uns auch der
103. Psalm. Und noch eine zweite Bedingung stellt Gott seinem Volk:
sie sollen seiner Stimme gehorchen und seinen Bund halten. Gott
fordert Gehorsam und Vertragstreue. Gehorsam? Kein Modewort. Auch als Erziehungsziel
ist Gehorsam weit in den Hintergrund gerückt. Viele Kinder lernen
nicht mehr gehorsam zu sein. Sie lernen ihre Ansprüche durchzusetzen,
ihren Willen auszuleben. Eltern und Lehrer werden ignoriert oder gar ausgelacht,
wenn sie Gehorsam erwarten. Wer nie gelernt hat Menschen zu gehorchen,
wie soll der Gott gehorchen?
Ja, der Gehorsam gegen Gott ist der höhere Gehorsam. Der Gehorsam
gegenüber Gott ist der einzige Grund, mit dem der Gehorsam gegenüber
Menschen außer Kraft gesetzt werden darf. Wo der Gehorsam Menschen
gegenüber nicht mit dem Gehorsam Gott gegenüber in Einklang zu
bringen ist, da dürfen wir, ja da müssen wir den Menschen den
Gehorsam verweigern. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!
Der Soldat, der einen menschenverachtenden Befehl erhält, der Angestellte,
der im Auftrag seines Chefs lügen soll, der Christ, der auf Weisung
eines Gerichts von seinem Glauben nicht reden darf, ist im Namen Gottes
zum Ungehorsam aufgefordert. So hat es Petrus zum Hohen Rat gesagt, als
man ihm verbieten wollte von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen
zu reden: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen! Solcher
Gehorsam, der das Wort Gottes so hoch achtet, richtet keinen Schaden an,
sondern bringt Segen über ein Leben, eine Familie, über ein ganzes
Volk.
Wenige Verse nach dieser Einleitung teilt Gott seinem Volk durch Mose
seinen Willen mit: Die Zehn Gebote. Diesen klaren Sätzen sollen alle
gehorchen, die zum Volk Gottes gehören. Gott lässt dem Volk ausrichten:
Wer mir gehorcht, der ist mein Eigentum. Vielleicht ist das heute
für viele auch schon eine Vorstellung, die sie ablehnen: Jemandes
Eigentum, Gottes Eigentum zu sein? Ich will mir nur selbst gehören!
Ich will selbst bestimmen!
Wer so denkt versteht noch nicht, was das bedeutet: Eigentum Gottes
sein. Dabei ist das keine Last und kein Nachteil, sondern ein ungeheuer
großes Vorrecht: Eigentum des Allerhöchsten sein. Gott achtet
auf sein Eigentum. Er hütet es wie seinen Augapfel. Er lässt
sich sein Eigentum nicht wegnehmen und sieht sehr sorgfältig darauf,
dass es nicht beschädigt wird oder verloren geht. Es gibt keine größere
Sicherheit, keine tiefere Geborgenheit, als Eigentum Gottes zu sein. Wer
Gott gehört, der braucht sich nicht zu fürchten, denn er hat
ihn erlöst. Er hat ihn bei seinem Namen gerufen. Er gehört ihm.
Darum können Menschen nichts Besseres tun, als sich, als ihr Leben
Gott anzuvertrauen, oder – wie manche mit anderen, vielleicht fromm klingenden
Worten sagen – ihr Leben Jesus zu übergeben. Sie sagen damit: Herr,
ich will dein Eigentum sein. Ich will zu dir gehören. Ich will
deinen Willen tun. Ich will dir gehorsam sein. Ich danke dir, dass ich
dir gehören darf.
Viele von uns haben das schon ganz bewusst so gesagt, so gebetet, auch
ich. Aber wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass es
uns oft nicht gelingt, den Willen Gottes wirklich zu tun. Wir gehorchen
den Geboten Gottes oft nicht. Manchmal aus Gedankenlosigkeit, manchmal
aus Schwachheit und manchmal sogar aus Rebellion. Letzteres ist besonders
gefährlich. In der Rebellion gegen Gott bleiben, in der Auflehnung
gegen seine Gebote verharren, heißt sich dem Eigentümer verweigern,
heißt den Bund brechen und unter der schützenden Hand Gottes
hervortreten. Wer nicht mehr ihm gehört, gehört einem anderen,
gehört dem Feind. Und da heißt es dann nicht mehr: Wohl dem,
sondern da heißt es weh demâ¦
Den alten Bund des Sinai haben wir alle vielfach gebrochen. Wie das
ungehorsame Volk Israel, das auf seiner Wüstenwanderung und später
im verheißenen Land immer und immer wieder den Willen Gottes missachtet
hat. Sie sollten ein heiliges Volk ihres Gottes sein, ein Volk von Priestern,
von Leuten, die die Sache ihres Gottes vertreten und seinen Auftrag erfüllen.
Aber sie haben immer wieder ihren Auftrag vergessen, ihren Gott vergessen,
anderen Göttern gedient, um ein goldenes Kalb getanzt, haben gemurrt
und gegen seinen Willen gehandelt.
Gott hätte sein Volk Israel, Gott hätte uns längst satt
haben und verstoßen müssen, aber er hängt an seinem Eigentum.
Er hängt mit großer Liebe an seinem Volk, darum geht er ihm
immer wieder nach, schickt Boten, sendet Propheten und Gottesmenschen um
sie zu gewinnen. Er macht für die, die den alten Bund nicht zu halten
vermögen, einen neuen Bund. Sein neuer Bund mit uns trägt den
Namen Jesus Christus. Ein Bund, bei dem die Lasten sehr einseitig verteilt
sind: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und
durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Beim Abendmahl erinnern wir daran mit den Worten unseres Herrn Jesus
Christus: Dieser Kelch ist das neue Testament, der neue Bund, in meinem
Blut. Der neue Bund Gottes, den er mit uns schließt: Für dich
gegeben, für dich vergossen. Jesus hat den Gehorsam gelebt bis zum
Tod am Kreuz, für dich und mich! Der Hebräerbrief nennt ihn den
wahren Hohenpriester. Er heilt sein Volk. Er macht uns zu einem heiligen
Volk.Er betet in Gethsemane: Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen,
aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Er tut den Willen
des Vaters, er ist gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.
Im Vaterunser lehrt er uns diese Haltung zu übernehmen: Dein
Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Meinen wir das wirklich,
wenn wir dieses Gebet beten oder sagen wir diese Worte nur so dahin? Hören
wir auf Gottes Wort, vielleicht auch das Wort einer solchen Predigt und
beziehen es auf uns und bitten darum, dass wir erkennen, was es für
uns bedeutet?
Samuel Keller erzählt in seinen Erinnerungen einmal, wie er mit
der Straßenbahn zu einer Kirche fuhr um dort einen Gottesdienst zu
halten. Unterwegs wurde er immer unruhiger. Dauernd steht im ein Vers aus
dem39. Psalm vor Augen. Schließlich in der Kirche angekommen, lässt
er seine vorbereitete Predigt in der Tasche und predigt über den Vers
Psalm 39,2: Ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner
Zunge und will meinem Mund einen Zaum anlegen.
Am Tag darauf kommt ein Mann zu ihm und bedankt sich für die Predigt,
die ihn vor einem großen Fehler bewahrt hat. Er hatte sich mit einem
Geschäftsfreund gestritten und sich in seinem Ärger hingesetzt
und einen Zornigen Brief an ihn geschrieben, der das Ende der langjährigen
Beziehung bedeutet hätte. Als der Brief fertig war, hatte er ihn nicht
gleich abgeschickt, sondern auf die innere Warnung gehört, er solle
zuerst noch den Gottesdienst besuchen.
Nach der Predigt von Pfarrer Keller über diesen Psalmvers schickte
er den Brief nicht mehr ab. Am Tag darauf erhielt er aber einen Brief von
dem Geschäftsfreund, in dem der sich entschuldigte und seinen Fehler
einsah. Die beiden blieben Freunde.
Auf dem Hören von Gottes Wort und auf dem Gehorsam gegenüber
diesem Wort liegt immer Segen. Zum Volk Gottes gehören alle, die sich
unter dieses Wort Gottes stellen, die sich und ihr Leben immer neu danach
ausrichten. Wenn wir das tun, werden wir gesegnet und für andere zum
Segen. Für unsere Familien und Mitmenschen, sogar für unser Volk.
Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem
Wege.
Amen
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168