Gottesdienst – Lukas 18,31-43
Zur PDFPredigt zu Lukas 18,31-43 am Sonntag Estomihi 18.2.07
Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.
Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Liebe Gemeinde,
in diesen letzten Faschingstagen der Saison sind viele Menschen unterwegs, weil sie noch einmal richtig feiern wollen, – auch wenn in Bayreuth die Stimmung nicht wirklich hoch kocht. Wir alle hier haben uns heute Morgen ebenfalls auf den Weg gemacht, um zu feiern, und dürfen das nächste Woche wieder, wo Karneval längst vorüber ist. Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir feiern die Auferstehung unseres Herrn am ersten Tag der Woche.
Unser sonntäglicher Kirchgang bildet freilich jeweils nur eine Station auf einem längeren oder kürzeren Weg, den wir irgendwann eingeschlagen haben: den Weg mit Jesus Christus. Bei den einen von uns ist es ein von Kindheit an vertrauter und gewohnter, ein lieber und selbstverständlicher Weg. Bei anderen von uns mag es ein neuer, ungewohnter und unsicherer Weg sein. Wissen wir eigentlich, worauf wir uns da eingelassen haben?
Lukas erzählt davon, wie Jesus erleben musste, dass nicht einmal seine Jünger begriffen haben, auf welchem Weg sie sich mit ihm befanden. Dreifach hebt er das hervor: „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“ Wollten sie nicht oder konnten sie nicht?
Was Jesus ihnen vom Menschensohn und seinem künftigen Schicksal in Jerusalem zu sagen hatte, was er ihnen vom Ausgeliefertwerden an die römischen Machthaber ankündigte, von Schmach und Leid und Tod – es war gewiss das krasse Gegenteil dessen, was sie gedacht und erhofft hatten.
Sie waren doch dem Ruf vom nahen Kommen des Gottesreiches gefolgt. Für den Himmel auf Erden mit Jesus hatten sie alles andere zurückgelassen. Und so manche Zeichen bestätigten die Wahrheit der Verheißung: unerwartete Heilungen gab es, wunderbare Speisungen, gar die Verklärung Jesu auf dem Berg.
In Vollmacht lehrte und handelte ihr Meister; sie durften sich wirklich auf einem wertvollen Weg wähnen. In der Nähe von Jericho durchglühte sie nun die Vorfreude auf die Feier des Passahfestes in der Hauptstadt Jerusalem – Höhepunkt und Ziel ihres Wanderns. Bald würde sich der König der Welt allen offenbaren.
Die düsteren Worte Jesu wecken deshalb stumme Abwehr. Wie jetzt!? Alles soll ans Ziel gelangen, indem Jesus am Kreuz scheitert? Misslingen statt Sieg? Dornenkrone statt Königsszepter? Essig statt Wein? Wer soll so etwas begreifen?
Rachel Joy Scott, ein Opfer des Schulmassakers 1999 in Colorado, hatte siebzehnjährig folgendes Gedicht verfasst: „Ich ertrinke in meinem eigenen Meer der Verzweiflung. Ich ersticke, die Hände um den Hals. Ich sterbe. Schnell verlässt mich meine Seele, langsam vergeht mein Körper. Es ist kein Selbstmord. Ich betrachte es als Mord. Die Welt, die du geschaffen hast, hat mich in den Tod geführt.“
Lawrence Crabb fragt dazu in seinem Buch „Wenn Gott unsere Wünsche nicht erfüllt … hat Er Besseres mit uns vor!“: „Nehmen wir einmal an, Sie seien eine enge Vertraute von Rachel gewesen und sie hätte Ihnen ihr Gedicht zum Lesen gegeben. Was hätten Sie dazu gesagt? Oder wichtiger noch, welche Einstellung zum Leben hätte Ihre Antwort geprägt?
Wenn wir glauben, das Leben müsse so glatt laufen, dass die Leute zufrieden sind, dann hätten wir vielleicht Rachel ermutigt, auf Gott zu vertrauen, der sie so lieb hat, dass er ihre Träume erfüllen wird. Wenn sie darauf nicht angesprochen hätte, hätten wir sie vielleicht in eine Therapie geschickt.
Doch nehmen wir einmal an, wir hätten eine andere Vorstellung vom Leben. Wir würden glauben, dass Gott gar nichts daran liegt, uns ein sorgenfreies Leben zu bieten. Was würden wir dann sagen? Vielleicht folgendes:
`Rachel, dein Schmerz ist berechtigt. Durch deine Ehrlichkeit ist dir die harte Gnade geschenkt worden zu erkennen, dass nichts in dieser Welt wahre Freude geben kann. Du stehst an einem Scheideweg. Auf der einen Seite lockt dich das Versprechen, dass das Leben funktionieren kann und Gott da ist, um dafür zu sorgen, dass für dich alles glatt läuft und du zufrieden bist.
Auf der anderen Seite ist da dieser schmale Weg, der nicht von vielen eingeschlagen wird. Er lädt dich ein zu einem Leben in einer enttäuschenden Welt, in der Träume zerbrechen und du dich manchmal einsam und leer fühlst, so einsam und leer, dass es dir wie der Tod vorkommt. Aber dieser Weg verspricht dir, dass du irgendwann in dir ein verzehrendes Verlangen nach Gott entdeckst und – besser noch – erkennst, dass auch er sich nach dir sehnt.
Nach vielen dunklen Nächten wirst du die Freude seiner Nähe schmecken. Du wirst sie nicht beschreiben können, aber du wirst das Gefühl haben, dass du lebst, dass du hoffen kannst, dass du festen Grund hast, selbst wenn die Umstände schwer bleiben und dich quälen.
Gib dich Gott ganz hin. Manchmal wird es dir vorkommen, als sei er brutal gleichgültig. Du wirst versucht sein, dein Leben selbst in den Griff bekommen zu wollen oder irgendetwas zu unternehmen, damit es dir besser geht. Aber wenn du still wirst, Rachel, dann wirst du hören, wie seine und deine Stimme dich auf den schmalen Weg locken.´“ Rachel starb, verletzt durch mehrere Schüsse, mit dem Bekenntnis ihres Glaubens an Gott auf den Lippen.
Ihr Lieben, es gilt zu fassen, soweit das überhaupt zu fassen ist: Leiden sind notwendig. Allen voran Jesu Passion. Ein göttliches Muss, geschrieben schon „durch die Propheten“, wie Lukas uns erinnert. Die Leiden sind notwendig, und sie sind Durchgang. Durchs finstere Tal des Todes. Am Ende erst leuchtet die Auferstehung Christi und steht der erhebende Eingang mit ihm in die Herrlichkeit.
Müssen wir nicht in unserer fehlgeleiteten Welt tatsächlich neu begreifen lernen, was Gott in unserem Leben auf seine Weise tut – damit wir am Glauben Freude haben? Gott will uns alles schenken. Nur nicht alles hier und sofort, sondern dann, wenn die Erde in den Himmel geführt wird. Also nicht äußerlich Himmel auf Erden. Vielmehr endlich Erde im Himmel.
Bis es soweit ist, gilt es auszuharren. Gerade, wenn wir Feierlaune verlieren. Mit Jesus auf dem Weg zu bleiben. Mit ihm, der gehorsam ist, indem er leidet. Der die Sünde sich austoben lässt am eigenen Leib. Der dennoch zu den Sündern hält und gleichzeitig Geborgenheit sucht bei Gott: „Vater, vergib ihnen! … In deine Hände befehle ich meinen Geist.“.
Nein, wir hören es nicht gern, gesteht auch der genannte amerikanische Autor. Aber es ist wichtig für uns einzusehen: Gott wirkt nicht unbedingt im Sinne unseres irdischen Erfolgsstrebens. Er wird nicht in jedem Fall unseren Dienst unterstützen, Scheidungen verhindern und unsere Gesundheit fördern. Seine vorrangige Absicht lautet nicht, darauf zu achten, dass die Kinder geraten, wir ein ausreichendes Einkommen haben und wir von Problemen verschont bleiben, die in uns das Gefühl hervorrufen, lebendig begraben zu sein. Sein Ziel ist allein, uns an sich zu binden – in Jesus Christus. Damit wir sterben und leben mit ihm.
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem“, sagt Jesus. Der Weg nach Jerusalem windet sich steil bergan – in vier Wochen werde ich in Israel sein und wahrscheinlich selber die Pfade beschreiten. Oben auf Golgatha grüßt das harte Holz des Kreuzes mit dem Blick auf das Jenseits. Was mag uns dazu bewegen, nicht auszuweichen in den bunten Karneval des Diesseits?
Jesus selber mag uns dazu bewegen. Christus, der nicht nur gehorsam ist, indem er leidet. Der auch regiert, indem er hilft. Blinde werden sehend. Nicht von ungefähr schließt Lukas an die Leidensankündigung die Heilungsgeschichte an. „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!“ Wer so schreit wie damals der Bettler bei Jericho, wer von Herzen einstimmt in unsere sonntägliche Liturgie und den Herrn huldigt mit inständigem Flehen, der darf erfahren: Mir wird geholfen.
Der Blinde: ein Glaubender. Noch ehe er gesund wird, sieht er mehr als Tausende Sehende. Geschenkte Gnade. Dieser Jesus von Nazareth ist für ihn ganz klar der Sohn Davids, der erwartete Retter und König. Darum lässt er sich von niemandem abwimmeln und hindern: Was könnte besser sein, als die Aufmerksamkeit Jesu zu gewinnen?
Und so wird er ein Gefolgsmann Jesu. Weil Jesus für ihn tut, was nötig ist, kann er mitgehen auf dem schmalen Weg nach Jerusalem. Gott preisend, mutig und gewiss. Ein Theologe bezeugt: „Jesus ist nicht deshalb für uns in den Tod gegangen, um uns die Not des Leidens und Sterbens abzunehmen. Er will Gefolgsleute, die in seiner Nachfolge denselben Weg gehen lernen, die mit ihm ihr Leben ganz in den Gehorsam des Vaters geben, die tapferer mit dem Kreuz in ihrem eigenen Leben rechnen lernen.“ (M. Doerne)
Einfacher, Ihr Lieben, ist das Heil nicht zu haben. Wir gehen als Christen den Weg Jesu und feiern im Gottesdienst die Auferstehung durch den Tod hindurch. Ja, feiern wir fröhlich und loben wir Gott für alles, was er will. Amen.
Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth