Gottesdienst – Lukas 17, 5-6

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15. Sonntag nach Trinitatis, 16.09.2007, Lukas 17, 5-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute sind nur zwei Verse aus dem 17 Kapitel des Lukasevangeliums:

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet, so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Vieles wird kleiner. Die Handys, die Videokameras, die tragbaren Computer, die Navigationssysteme, die Rechner. Die Bauteile sind schon so klein, dass neueste Entwicklungen in einem Gerät fast alles können. Filmen, fotografieren, telefonieren, korrespondieren, navigieren, multiplizieren…

Die Speicherchips und Steuergeräte werden immer winziger. Auch Hörgeräte und Herzschrittmacher profitieren davon und ihre Nutzer freuen sich darüber.

Es gibt Behauptungen dass eine Expertengruppe daran arbeitet, das Gehirn von bestimmten Gruppen der arbeitenden Bevölkerung, die ich nicht nennen will, auf Erbsengröße zu bringen. Der Lösungsvorschlag im Abschlussbericht schlägt vor: Aufblasen.

Die vielleicht manchmal angebrachte bissige Kritik hinter dem bösen Witz: Vieles, was als Fortschritt und Errungenschaft der Technik und Moderne gepriesen wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als unüberlegt. Oft wäre mehr Weitblick, Vernunft, Einsatz des Denkens wünschenswert. Manches sollte lieber nicht verkleinert, sondern vergrößert werden.

Nicht immer ist es gut, wenn etwas kleiner wird. Wenn die Rente kleiner wird oder das Gehalt, dann freut das keinen. Viele Gottesdienstgemeinden werden immer kleiner. Mancherorts so klein, dass Kirchen geschlossen und verkauft werden. Es ist erschütternd, wie klein in unserem Land, das einmal christliches Abendland genannt wurde, das christliche Grundwissen geworden ist.

Vor kurzem wurde zwei deutschen Studenten in Pilawas Fernsehquiz die Frage gestellt, wer die Apostelgeschichte im Neuen Testament verfasst habe. Sie wussten es beide nicht, obwohl über jeder Seite dieses biblischen Buches steht: Apostelgeschichte des Lukas.

Muslime lernen auch in Deutschland in den Koranschulen ganze Suren in der arabischen Sprache auswendig. Christen wissen nicht einmal mehr die Grundbegriffe ihrer Religion. Fragen Sie mal auf offener Straße oder in ihrem Kollegenkreis nach den Zehn Geboten. Es ist schockierend, was man da zu hören bekommt: Erst mal gar nichts und dann vielleicht: Du sollst dich nicht erwischen lassen. Oder ähnliches.

Christliches Grundwissen erreicht bei vielen nicht einmal mehr Erbsengröße. Demzufolge wird auch der christliche Glaube immer kleiner. Wenn man keine biblischen Geschichten und Gleichnisse mehr kennt, wenn einem die Namen der Erzväter und der Apostel fremd sind, wenn man keinerlei Verheißungen und Kernworte der Bibel mehr im Kopf hat, woher soll dann der Glaube kommen und woran soll er sich halten. Er wird sich vage an dem orientieren, was er kennt. An den Sternzeichen und den Horoskopen, die überall abgedruckt werden. An irgendwelchen Gegenständen, die Glück bringen oder Unglück abwenden sollen.

Auf unseren Freizeiten in Greifswald hatten wir Führungen im Max-Planck-Institut für Plasmaforschung. Dort experimentiert man mit der Kernfusion und will für die Zukunft neue Energiequellen erschließen, die ähnlich funktionieren wie die Sonne. Da arbeiten lauter hochkarätige Physiker und Techniker. Als wir durch diese Anlage geführt wurden, sahen wir zwischen den dort entstehenden Superanlagen in etwa 5 Metern Höhe an der Betonwand ein Hufeisen hängen. Auf meine Frage, welche Funktion das habe, antwortete der Doktorand etwas verlegen schmunzelnd: „Ohne Aberglauben funktioniert halt auch in der Physik nichts.“

Mühsam versucht man Gottes Wunderwerke zu erforschen und im Kleinen stümperhaft nachzubauen, aber man weiß nichts mehr von dem, der durch sein Wort alles geschaffen hat und greift, weil der Mensch ja etwas braucht, woran er glaubt, auf primitive und wirkungslose Gegenstände zurück, damit das Werk gelingt. Wie klein ist der Glaube geworden! Wie arm sind die Menschen dran, die sich in ihrem Glauben an Kleeblätter und Glückskekse klammern oder die verkrampft den Daumen drücken und auf Holz klopfen oder die vom Guten nicht reden wollen, um nichts zu verschreien.

Dabei ist der Glaube, wenn er sich an den wahren Gott richtet und hängt eine ungeheuere Kraft. Viel größer und stärker als die Kraft der Sonne. Auch sie ist ja nur ein kleines Detail der Werke Gottes. Und Jesus versucht hier mit den Worten unseres Predigttextes die Kraft des Glaubens anschaulich zu machen. Wenn ihr nur ein bisschen Glauben hättet, eine Messerspitz, ein Senfkörnchen Glauben, dann würden unmögliche Dinge geschehen.

Jesus nimmt dann ein ganz sinnloses Beispiel um die Kraft des Glaubens zu beschreiben. Wenn unser Glaube auch klein wäre, würde sich der Maulbeerbaum selber aus dem Boden reißen und ins Meer pflanzen. Zweierlei will er uns wohl damit sagen:

1. Der Glaube ist eine ungeheuere Kraft! Dagegen ist Putins neue Superbombe eine Knallerbse. Wenn sie auf eine Stadt abgeworfen würde, in der Menschen wären, die glauben würden, dass Gott die Explosion verhindert, dann würde sie nicht explodieren. Davon bin ich überzeugt. Denn der Glaube ist die Einschaltung einer viel größeren Kraft.

2. Jesus will sagen: Euer Glaube ist noch viel kleiner als das Senfkorn. Wir machen noch viel zu wenig Gebrauch von der Macht, die uns durch den Glauben gegeben ist. Glauben heißt, Gott einschalten. Wer glaubt, verlässt sich nicht auf sich selbst, sondern auf den Gott, den uns die Bibel als Schöpfer, Erlöser und Heiligen Geist verkündet. Und dieses Buch ist nichts anderes als eine Anleitung zum Glauben und ein Beispielbuch für die Macht und Wirkung des Glaubens.

Der Glaube ist eine Schutzmacht. Egal, wie übermächtig die Feinde oder die Bedrohungen waren, Gott hat seine Boten und sein Volk vor ihnen geschützt, wenn sie ihm vertraut haben.

Den Noah vor der Sintflut. Das Volk Israel vor den verfolgenden Ägyptern. Den David vor den Nachstellungen Sauls. Die drei Männer im Feuerofen vor den lodernden Flammen. Paulus vor den Verschwörern, die ihn ermorden wollten. Martin Luther vor dem päpstlichen Bann und der kaiserlichen Reichsacht.

Und diese Schutzmacht dürfen auch wir einsetzen, wenn wir oder unsere Lieben unterwegs sind oder Anfeindungen ausgesetzt oder von teuflischen Angriffen geplagt sind. Wir dürfen uns und unsere Lieben täglich neu dem Schutz des Allmächtigen anbefehlen. Luther betet: Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Der Glaube schaut dann nicht auf die Gefahr, nicht darauf, was alles passieren könnte, sondern auf Jesus und seine schützende Macht.

Der Glaube ist eine Kraftquelle. Die Jünger bitten hier Jesus: Stärke uns den Glauben! Gib unserem Glauben Kraft! Sie merken, dass sie den Glauben nicht selber machen können. Nicht der Glaubende ist der Starke, sondern der Glaubende kann ganz klein und schwach sein, ein Kind, ein alter klappriger Mensch vielleicht, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann oder ein Kranker, der zu schwach ist, einen Telefonhörer zu halten. Der schaltet durch seinen Glauben diese grenzenlose Kraft Gottes ein, für die nichts unmöglich ist, wirklich nichts! Mose reckt in diesem Glauben den Stab über das Rote Meer und die Wassermassen weichen zurück. Elia betet in diesem Glauben und nach dreieinhalb Jahren Trockenheit fällt wieder Regen auf das verdorrte Land.

Eine erschöpfte Mutter, eine pflegende Tochter, ein überforderter Angestellter oder Chef, die nicht mehr wissen, wie sie mit allem klar kommen sollen, flehen immer wieder um die nötige Kraft und erleben Tag für Tag, dass sie es doch irgendwie schaffen oder dass Gott ihnen Hilfe durch Menschen schickt.

Der Glaube hat heilende Kraft. Zu wie vielen Geheilten hat Jesus das gesagt: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Immer wieder wird in Studien und Untersuchungen belegt, dass Glaubende Menschen eher und schneller wieder gesund werden als solche, die nicht an Gott glauben. Und auch wenn sie nicht geheilt werden, tragen sie ihre Krankheit anders als Menschen ohne Glauben. Denn sie wissen sich in Gottes Hand und nicht nur Kliniken Ärzten und Apparaten ausgeliefert. Sie wissen dass Gottes Kraft auch in den Schwachen und Kranken mächtig ist.

Auch für Beziehungen ist der Glaube heilende Kraft. Wenn alles verfahren ist und belastet und die Gräben unüberwindlich tief scheinen, dürfen wir Gott zutrauen, dass er Brücken baut und Mauern niederreißt, dass er Hass auslöscht und wieder neue Liebe schenkt und vergeben hilft.

Der Glaube hat befreiende Kraft. Wie viele Besessene hat Jesus frei gemacht von ihren bösen Geistern und Zwängen. Aus jeder Sucht und jedem Zwang kann der Glaube befreien. Vom Alkohol und von der Spielsucht, von der Porno oder Sexsucht, von der Streitsucht, der Fress- oder Magersucht, der Ehrsucht oder Karrieresucht. Der Glaube ist auch befreiende Macht von Menschenfurcht und von tausend Ängsten.

Wenn ich glaube: Du bist da, Herr, mit deiner wunderbaren Friedensmacht, du hältst mich fest und mir die bösen Mächte vom Leib, dann kann ich ruhig werden.

Auch von Sorgen befreit der Glaube. Wenn ich das annehme, was wir vorhin im Evangelium dieses Sonntags gehört haben, dann muss ich mir nicht von Sorgen den Schlaf rauben lassen, sondern darf kindlich vertrauen, dass mein himmlischer Vater weiß, was ich brauche. Wenn er sich um die Blumen auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel kümmert, dann lässt er auch mich nicht im Stich, sondern sorgt vom ersten bis zum letzten Atemzug für mich, ja sogar davor und danach.

Der Glaube hat bergende Kraft. Er macht geborgen. Wie viele haben das schon erlebt und davon berichtet. Wie sie in schweren Prüfungen ruhig und geborgen waren, keine Angst hatten. Oder vor Operationen, bei Bestrahlungen oder belastenden Behandlungen eine tiefe Geborgenheit gespürt haben. Bonhoeffer schreibt es aus der Hölle eines Gestapogefängnisses an seine Familie: Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar… Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Ganz gewiss an jedem neuen Tag! Die Geborgenheit des Glaubens ist nicht von äußeren Bedingungen abhängig, sondern nur von unserem Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe.

Selbst wenn Gott uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, reicht, dürfen wir ihn nehmen, dankbar, mit oder ohne Zittern aus seiner guten und geliebten Hand, denn wir sind auch mitten in Leid, Trauer, Schmerz und Angst immer noch von seinen guten Mächten wunderbar geborgen. Dafür waren die Märtyrer der 2000jährigen Geschichte der Christenheit immer wieder beeindruckende Zeugen und sie sind es noch in den zahlreichen Ländern in denen Christen auch heute noch verfolgt, misshandelt und getötet werden. Alle Apostel, die hier Jesus bitten: stärke unseren Glauben! Haben das erlebt. Jesus hat ihren Glauben gestärkt. Im entscheidenden Moment waren sie stark, auch wenn vorher ihr Glaube kleiner als ein Senfkorn war. Und andere sind dadurch auch zum Glauben gekommen. Denn-

Der Glaube hat ansteckende Kraft. Wer den Weg des Glaubens geht, wird nicht allein bleiben, denn er kann von seinem Glauben und von der Kraft Gottes gar nicht schweigen. Er muss es einfach anderen erzählen. Der wird andere einladen zum Glauben. Der wird sagen: Komm doch mit zum Gottesdienst! Komm doch mit in den Kreis von Christen, jung oder alt oder gemischt. Komm doch mit und probier es aus! Schau dir’s an. So hat es damals Philippus zu Nathanael gesagt: Komm und sieh! Und der ist mitgekommen zu Jesus, hat die Kraft des Glaubens gesehen und erlebt und ist dabei geblieben.

Und seitdem ist das immer wieder so geschehen. Und so ist aus dem winzigen Senfkornglauben, ja aus dem noch viel kleineren Glauben eine weltweite Christenheit geworden. Und es ist unsere Aufgabe durch gelebten Glauben und nicht versteckten Glauben wieder einzuladen und Mut zu machen zu dem lebendigen Glauben an den auferstandenen Herrn Jesus Christus.

Wir müssen uns mit unserem Glauben nicht verstecken, auch wenn andere lachen oder spotten. Sie tun es nur, weil sie die Kraft noch nicht entdeckt haben, die der Glaube gibt. Die unermessliche Kraft Gottes an der wir durch den Glauben, auch den armseligsten Glauben, Anteil haben.

Jeder der anfängt zu glauben, jeder, der nur glauben will, schließt sich an die Kraft Gottes an und wird für andere zum Segen und zur Hilfe, zum Mitarbeiter im Reich Gottes und verbreitet Gottes gute Mächte und seine Geborgenheit.

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168