Gottesdienst – Lukas 16, 19-31

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Kreuzkirche, 1.So. n. T., 18.06.2006, Lukas 16, 19-31

(Gottesdienst mit Einführung der neuen Konfirmanden)

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Die Grundlage für die Predigt heute ist eine Geschichte, die der
Herr Jesus Leuten erzählte, denen Geld und Besitz sehr wichtig
waren. Der Evangelist Lukas hat sie im 16. Kapitel seines Evangeliums
aufgeschrieben:

Da lebte einmal ein reicher Mann. Er war immer vornehm gekleidet und konnte sich alle Tage jeden Luxus leisten. Vor dem Portal seines Hauses aber lag Lazarus, bettelarm und schwerkrank. Sein Körper war über und über mit Geschwüren bedeckt. Während er dort um die Abfälle aus der Küche bettelte, kamen die Hunde und leckten seine offenen Wunden. Lazarus starb und die Engel brachten ihn dorthin, wo all sein Leiden zu Ende war. Auch der reiche Mann starb und wurde begraben. Als er im Totenreich unter Qualen erwachte, blickte er auf und erkannte in weiter Ferne Abraham und Lazarus. „Vater Abraham“, rief der Reiche laut, „habe Mitleid mit mir! Schick mir doch den Lazarus! Er soll seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und damit meine Zunge kühlen. Ich leide in diesen Flammen furchtbare Qualen!“ Aber Abraham erwiderte: „Erinnere dich! Du hast in deinem Leben alles gehabt, Lazarus hatte nichts. Jetzt geht es ihm gut und du musst leiden. Außerdem liegt zwischen uns ein tiefer Abgrund. Niemand kann von der einen Seite zur anderen kommen, selbst wenn er es wollte.“ „Vater Abraham“, bat jetzt der Reiche, „dann schick ihn doch wenigstens zu meinen fünf Brüdern. Er soll sie warnen, damit sie nach ihrem Tod nicht auch an diesen qualvollen Ort kommen.“ Aber Abraham entgegnete: „Deine Brüder sollen auf das hören, was sie bei Mose und den Propheten lesen können. Dann sind sie gewarnt.“ Der Reiche widersprach: „Nein, Vater Abraham, erst wenn einer von den Toten zu ihnen käme, würden sie ihr Leben ändern.“ Doch Abraham blieb dabei: „Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“


Eine Geschichte, die nachdenklich macht. Sie lässt Reichtum
und Armut, Luxus und Leiden plötzlich in ganz anderem Licht
erscheinen. Es genügt nicht, beim Tod eines Menschen
zurückzuschauen und zusammenfassend festzustellen: Das war doch
ein tolles Leben, in Reichtum und Freuden. Der konnte sich alles
leisten, hat das Leben in vollen Zügen genossen und ist dann
schnell gestorben. – Oder im anderen Fall, in dem des Lazarus, zu
sagen: Gut, dass er’s jetzt hinter sich hat. War doch nur ein
beschissenes Leben. Der arme Kerl hat nichts gehabt als Hunger und
Schmerzen. Das war doch schon für jeden, der es nur mit anschauen
musste eine Zumutung.

Moment! Sagt der Herr Jesus. Das war doch noch nicht alles! Mit
dem Tod ist es nicht einfach aus. Es geht doch weiter auf der anderen
Seite. Sofort und sehr konkret. Auch nach dem Sterben eines Menschen
gibt es noch Empfindungen, Freuden und Leiden. Ja es folgt
gewissermaßen ein Ausgleich zu den, zugegeben, oft ungerechten
Bedingungen des Lebens: Lazarus, dessen Tage von Schmerz, Entbehrung
und Armut gekennzeichnet waren, muss nun nicht mehr leiden. Er ist im
Himmel, bei Abraham und den anderen Erlösten. Er hat keine
Schmerzen mehr, seine Krankheit ist geheilt, er darf sich satt essen
und trinken, kann lachen und fröhlich sein, wird nirgends mehr
weggejagt, muss nicht mehr betteln. Engel sind um ihn und er ist ganz
nah bei Gott. Ganz schnell hat er all das Leid, das er auf der Erde
erlebt hat, vergessen.

Der Reiche, der in dieser Geschichte im Gegensatz zum armen
Lazarus nicht einmal einen Namen hat, erlebt im Sterben dagegen ein
furchtbares Erwachen. Alles was er von Gott und Gericht, von
Nächstenliebe und Mitleid einmal gehört hatte, was in den
Mosebüchern und Prophetenschriften stand und was er nie ernst
genommen hatte, stellt sich jetzt als wahr heraus. Er findet sich in
der Hölle wieder. Vorbei der Reichtum, keine Dienerschaft mehr,
die jeden Wunsch sofort erfüllt. Niemand der ihm kühle Luft
zufächelt oder einen erfrischenden Trunk reicht. Heiß ist
ihm, der es gewohnt war, in kühlen schattigen Gemäuern zu
residieren, unendlich heiß. Heiß von den Flammen der
Hölle – oder heizt ihm die plötzliche Klarheit so ein, dass
er sein Leben falsch geführt hat?

Die Not anderer hatte ihn nie interessiert. Hauptsache
er hatte alles: Schicke Klamotten, schöne Wagen, neueste
Erfindungen aus aller Welt, interessante Reisen, charmante
Frauen… Wenn er sein großes Grundstück verließ
oder heimkam, hatte er am Tor immer weggeblickt, wenn da der Bettler
mit den unappetitlichen Geschwüren herumlungerte. Wäre es
nicht eine Kleinigkeit gewesen, etwas für ihn zu tun?
Hätt’ ich ihn doch hereingebeten! Hätt’ ich doch
meinen Arzt mal nach ihm sehen lassen. Für ein wenig Arbeit
hätt’ ich ihm Kost und Logis geben können.

Hätt’ ich doch! Das wird wohl in der
Hölle einmal der am meisten gedachte, geseufzte, geschrieene Satz
sein. Hätt’ ich doch nicht immer nur an mich gedacht!
Hätt’ ich doch auf Mose und die Propheten gehört, auf
Jesus und die Apostel! Hätt’ ich doch! Hätt’ ich
doch! Es sitzen wohl auch manche in den Gefängnissen, die immer
wieder diesen Satz denken: Hätt’ ich doch auf meine Mutter
gehört und mich nicht mit falschen Freunden eingelassen.
Hätt’ ich doch auf meinen Vater gehört und wäre
nicht alkoholisiert und viel zu schnell mit dem Auto oder Motorrad
unterwegs gewesen.

Manche leben auch unerkannt mit diesem Selbstvorwurf jahre- und
jahrzehntelang, immer mit der Angst, dass eines Tages noch alles
herauskommt: Der Betrug, der Seitensprung, die Annahme von
Bestechungsgeld. Hätt’ ich doch! Das ist wie eine
unauslöschliche Flamme, die im Gewissen brennt. Eine Flamme, mit
der viele leben, die ihre Vergangenheit nicht bereinigt und die nicht
bei Gott Vergebung gefunden haben.

Jetzt, in der Hölle, hat er es eingesehen, der reiche Mann.
Jetzt, da er sein ganzes Leben überblickt und seine finstere
Zukunft. Jetzt ist er bescheiden geworden. Er befiehlt nicht mehr, wie
er es immer getan hat, sondern er bittet. Es geht ihm nicht mehr um das
Beste im Überfluss, sondern nur um eine kleine Linderung. Lazarus
soll mit einer Fingerspitze, einem Tröpfchen Wasser, seine Zunge
netzen. Aber es ist nicht möglich. Eine tiefe Kluft trennt Himmel
und Erde. Unüberwindlich der Abstand zwischen Gottes Welt und der
Finsternis. Es ist zu spät.

„Zu spät“ ist genauso eine furchtbare Erkenntnis, wie
„hätt’ ich doch“. Sie sind leider zu spät gekommen,
sagt der Arzt zu einem Patienten, dem er nicht mehr helfen kann. Wenn
ein Schüler das Zeugnis in der Hand hat, auf dem steht, das
Vorrücken in die nächste Klasse ist nicht erlaubt, dann ist
es zu spät, wenigstens für dieses Schuljahr. Jetzt, vor den
letzten Schulaufgaben, geht vielleicht noch was, wenn man sich richtig
reinhängt.

Es ist schon erstaunlich, als der reiche Mann in der Hölle
Qualen leidet, denkt er plötzlich nicht mehr nur an sich. Seine
Leiden haben bereits etwas bewirkt an ihm. Plötzlich fallen ihm
seine Verwandten ein, seine fünf Brüder, die immer noch
genauso egoistisch leben, wie er selbst es getan hat. Wenn die so
weiter machen, dann landen sie auch hier in der Hölle. Jetzt
äußert er Abraham gegenüber einen, wie es scheint, ganz
selbstlosen Wunsch, mit dem er andere vor Leid bewahren will: „Lieber
Vater Abraham, schick doch bitte den Lazarus wenigstens zu meiner
Familie um meine Brüder zu warnen, dass sie nicht auch noch hier
in der Hölle landen!“

Auch das wird von Abraham verwehrt. Lazarus könnte den
Brüdern des reichen Mannes nichts Neues sagen. Alles was Gott
für das Zusammenleben von Menschen bestimmt hat, lässt sich
in den Geboten, bei Mose und bei den Propheten nachlesen. „Deine
Brüder kennen das doch! Sie wissen doch, dass Gott Gerechtigkeit
und Barmherzigkeit will und dass die, die zu viel haben, denen abgeben
sollen, die zu wenig haben.“

Hartnäckig argumentiert der Reiche weiter: „Ja, ja, sie
wissen es schon, aber sie nehmen es nicht ernst, sie beziehen es nicht
auf sich selbst. Wenn aber einer, wie der Lazarus von den Toten zu
ihnen käme, dann würden sie die ganze Sache bestimmt ernst
nehmen.“

Würden sie wirklich? – Was der Herr Jesus jetzt in dieser
Geschichte folgen lässt, ist bereits eine Anspielung auf seinen
Tod und seine Auferstehung. Er lässt den Abraham sagen: „Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie
sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten
aufersteht.“
Jesus ist von den Toten auferstanden. Aber das hat
seine Feinde nicht überzeugt. Sie hatten nicht geglaubt, was im
Alten Testament über Jesus angekündigt war, sie wollten nicht
glauben, dass er der Messias, der Retter, der Sohn Gottes war und sie
glaubten auch nicht, als er von den Toten auferstand.

Manchmal komme ich mit Menschen ins Gespräch über die
Frage, was nach dem Tod sein wird. Viele vertreten die Ansicht, dass
dann alles aus ist, dass der Mensch dann nichts mehr empfindet. Der
Körper wird in die Erde gelegt oder verbrannt und das war’s
dann. Auf meinen Einwand hin, dass in der Bibel etwas von Auferstehung,
Gericht und ewigem Leben steht, zucken sie oft die Schultern und
meinen: „Ja, schon, aber es ist halt noch keiner zurückgekommen“.
– „Doch!“ sag ich dann: „Jesus Christus!“ Aber das wird oft nicht
gehört und nicht angenommen. Und wenn sie es dann eines Tages
selbst erkennen, unausweichlich, dann wird es zu spät sein.

Das Evangelium des heutigen Tages ist nur eine von vielen
wichtigen und wegweisenden Geschichten der Bibel. Wer sie ernst nimmt,
wird sein ganzes Leben dadurch verändern. Die Geschichten der
Bibel haben Antworten auf die Fragen des Lebens, sie geben uns
Klarheit, was wichtig ist und was gefährlich ist. Sie wollen
verhindern, dass es einmal am Ende unseres Lebens heißt: Jetzt
ist es zu spät! Sie wollen verhindern, dass wir mit dem
quälenden Selbstvorwurf, „hätt’ ich doch“, für die
Ewigkeit in der Hölle sitzen.

Das Evangelium ist die Einladung Gottes, jetzt schon umzudenken,
umzukehren so lange es noch nicht zu spät ist. Das heißt,
Jesus, Gott, Gottesdienst, die Bibel in unser Leben einzubeziehen.
Nicht zu denken, dass uns das Leid der anderen nichts angeht. Nicht
immer nur an uns selbst zu denken oder an die Erfüllung aller
unserer Wünsche.

Die Konfirmandenzeit ist eine ganz große Gelegenheit mehr
zu erfahren von Jesus, von Gott, von einem Leben, das sich lohnt und
von einer Ewigkeit, in der einmal alles Leid der Erde überstanden
ist. Das ist ja auch ein wunderbarer Trost in dieser Geschichte
für alle, die in ihrem Leben viel durchmachen müssen und die
Ungerechtigkeit erfahren oder Schmerzen leiden und mit Krankheiten
belastet sind. Lazarus zeigt: Gott sieht das und wird einmal für
erlittenes Leid entschädigen.

Die Konfirmandenzeit ist eine große Gelegenheit für
einen Anfang mit Jesus. Nicht nur für die Konfirmanden, auch
für Eltern und Paten, Geschwister und Großeltern. Gehen Sie
gemeinsam in den Gottesdienst. Sprechen Sie hinterher über das,
was Sie gehört haben. Nehmen Sie ernst, was der gesagt hat, der
von den Toten zu uns gekommen ist, Jesus.

Ich seh’ manchmal, wenn ich am Ende des Gottesdienstes zu
den Türen gehe um die Gemeinde zu verabschieden, wartende Eltern,
meist Väter, im Auto sitzen. Sie haben ihr Kind zum Gottesdienst
gebracht und holen es wieder ab, anstatt mit zu kommen und mit gesegnet
zu werden. Ich verspreche Ihnen, Gott hat auch Ihnen etwas zu sagen,
hat für jede und jeden Rat, Hilfe und Segen bereit. Ganz abgesehen
davon, dass es pädagogisch sehr fragwürdig ist, seine Kinder
zu etwas anzuleiten, was man selbst nicht teilt oder mitzutragen bereit
ist

Wer ein paar Mal hintereinander Gottesdienst mit feiert, der wird
bald merken, dass der ganze Ablauf eines Gottesdienstes sehr durchdacht
und wertvoll ist, dass Predigt Hilfe zum Leben und zum Glauben sein
kann und dass Gottes Segen einem Kraft, Klarheit und Hilfe für die
neue Woche mit all ihren Aufgaben gibt. Manchmal wird einem dabei auch
klar, was im eigenen Leben falsch läuft, was man ändern muss.
Was andere verletzt und Gemeinschaft zerstört.

Im Gottesdienst beten wir auch miteinander. Und wer zusammen mit
Gott geredet hat, kann dem anderen danach eigentlich nicht mehr das
Gespräch oder die Vergebung verweigern.

Wer verstanden hat, worum es hier geht, der wird bald auf den
Gottesdienst nicht mehr verzichten wollen. Denn durch den Gottesdienst
halten wir Verbindung mit Gott und seinem Wort und dürfen uns
immer wieder Mut machen lassen, wie es Heiko Bräuning in einem
Lied ausgedrückt hat, das wir jetzt gleich noch von unserem
gemischten Jugendchor hören:

Geh auf deinem Weg getrost und ohne Sorgen,
geh mit Gottes Segen, Jesus geht dir voran.
Geh an seiner Hand, du bist bei ihm geborgen,
geh mit Gottes Segen, Jesus geht dir voran.
Geh mit Gottes Segen voran!


Amen.

 

 

 

 

 

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168