Gottesdienst – Lukas 12, 13-21

Zur PDF

Erntedankfest 03.10.2009 Lukas 12, 13-21

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute ist ein Gleichnis, das uns in Verbindung mit dem Erntedankfest wohl bekannt ist. Allerdings gehören dazu auch Verse, die unmittelbar vorher im 12. Kapitel des Lukasevangeliums stehen. Du wir tun gut daran den Zusammenhang zu beachten:

Es sprach aber einer aus dem Volk zu Jesus: Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile.
Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?
Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mann, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre: habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Kennen Sie das auch? Man sitzt in einem Gottesdienst und hört eine Predigt und kriegt gar nichts mit. Oder man sitzt zu Hause und liest in seiner Bibel, es kann auch etwas anderes sein, ein Buch oder man sieht einen Film, aber man ist gar nicht dabei. Man erfasst nicht, worum es geht, weil man in seinen Gedanken mit etwas ganz anderem beschäftigt ist. Mit einer Ungerechtigkeit, die einem widerfahren ist oder mit den bösen Worten, die einem der Nachbar oder die Verwandtschaft an den Kopf geworfen hat. Oder man wälzt dauernd ein Problem, hängt Sorgen nach und macht sich Gedanken: Womit bezahle ich nur die Rechnung, für die große Autoreparatur, die nicht eingeplant war. Oder wie lege ich mein Geld an in diesen unsicheren Zeiten, damit es nicht verloren geht, sondern möglichst viel Gewinn bringt.

Es muss gar nicht so viel sein, wie bei dem oberbayrischen Familienvater, der kürzlich den Jackpott geknackt hat und der sich nun um mehr als 30 Millionen € Gedanken machen muss. Oder der arme Bill Gates, der auf seine 50 Milliarden Dollar aufpassen muss. Aber es muss ja gar nicht um solche Beträge gehen. Viele Menschen sorgen sich um sehr viel kleinere Beträge, Ersparnisse, eine kleine Erbschaft vielleicht.

Unser Predigttext steht in einem solchen Zusammenhang: Jesus hatte über geistliche Gefahren geredet, vor falschen Frommen gewarnt und die Tausenden von Zuhörern zu mutigem Bekenntnis des Glaubens aufgefordert. Er hatte klar gemacht, dass es um das allerwichtigste geht, um die Seligkeit, darum, im Reich Gottes, im Himmelreich einmal mit dabei zu sein.

Da steht nun einer dabei, hört Jesus reden und hört doch nicht wirklich zu. Er überhört die wichtigen Worte des Herrn, weil sich seine Gedanken um das himmelschreiende Unrecht drehen, dass ihm widerfahren ist. Sein Vater war vor einiger Zeit gestorben und nun wartete er schon eine ganze Weile darauf, dass der ältere Bruder ihm den Teil des Erbes auszahlt, der ihm nach seiner Rechnung zusteht. Aber nichts passiert. Der Bruder, der den Hof übernommen hat, kann nicht zahlen oder will nicht rausrücken mit dem Geld.

Dabei könnte der jüngere Bruder das Geld so gut brauchen für den Hausbau und für seine Anschaffungen. Ich stell mir vor, dass auch der Bruder, der das Erbe erhalten hat, mit unter der zahlreichen Zuhörerschaft steht. Auch der hört der Predigt von Jesus zu. Und immer wieder begegnen sich die Blicke der Brüder. Da kommt dem zu kurz Gekommenen eine Idee: Als der Herr seinen Gedankengang zu Ende geführt hat und einen Schluck aus dem Becher nimmt, platzt er heraus: Herr, sag doch meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teilen soll! Das also hat ihn die ganze Zeit beschäftigt und vom Zuhören abgehalten. Das Erbe, die paarhundert Silbergroschen und das kleine Grundstück, das er haben wollte. Das war ihm so wichtig, dass er gar nicht gehört hat, wie er an das viel größere Erbe, an das Himmelreich kommt.

Alle sind gespannt, wie Jesus reagieren wird. Doch der Herr lehnt es ab sich zum Richter oder Erbschlichter machen zu lassen. Das ist nicht sein Thema. Finanzfragen und vermögensrechtliche Angelegenheiten sind nicht seine Sache. Für solche unwichtigen Kleinigkeiten ist ihm die kurze Zeit zu schade, die er hat. Ihm geht es um das wirklich Große, um das was wirklich reich macht, um die Seligkeit.

Keine Antwort in Sachen Erbstreit, nur eine klare Ansage an alle: Hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Dieser Satz hat nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil, man müsste ihn auf alle Plakatwände in unserem Land schreiben und auf den Bildschirmen immer wieder einblenden, denn die Habgier ist wohl die Hauptursache der Krisen, die uns derzeit zu schaffen machen. Maßlose Habgier der Konzerne, Geldanleger, Investoren und mancher verantwortungsloser Manager.

Da werden in Führungsetagen willkürlich hohe Ziele gesetzt, die erreicht werden müssen, egal wie. Durch Entlassungen, Erhöhung der Arbeitsleistung des Einzelnen, skrupellose Personalpolitik, Zulieferer werden im Preiskampf gedrückt und kaputt gemacht, in der Landwirtschaft wird den Bauern die Existenzgrundlage genommen. Die Erzeugerpreise decken nicht mehr die Kosten. Verzweifelte Landwirte schütten ihre Milch auf die Felder, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Und Leserbriefschreiber regen sich zwar über diese Vergeudung von Lebensmitteln auf, aber nicht über den Umgang der Konzerne und der Politik mit den Bauern.

Ja, es ist eine Sünde, Lebensmittel wegzuschütten oder wegzuwerfen, aber es ist auch eine Sünde, sie unter Wert anzukaufen und Erzeuger auszubeuten. Unser ganzes Wirtschaftssystem ist krank. Es ist an der lebensbedrohlichen Seuche der Habgier erkrankt. Und woher kommt die? Wenn der Mensch vergisst, dass er sein Handeln vor Gott verantworten muss. Und wenn er vergisst, dass Geld und Gut, Gewinn und Erfolg nicht das Wichtigste sind. Wenn christliche Grundwerte keine Grundlagen mehr sind im Denken der Führungskräfte, dann beginnt das tödliche Geschwür der Habsucht zu wuchern.

Hütet euch davor, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat! Das gilt auch im persönlichen Bereich. Wir dürfen nicht nur auf die kranke Wirtschaft und Großfinanz zeigen, sondern müssen uns auch selber fragen, wie wir in unserem persönlichen Bereich damit umgehen. Was muss ich alles haben? Welchen Lebensstandard habe ich oder strebe ich an und mit welchen Mitteln. Viele sind hoch verschuldet, weil sie haben müssen oder möchten, was sie sich eigentlich nicht leisten können. Und wehe, wenn dann die auf Jahrzehnte verplanten Einnahmen nicht so kommen, wie erwartet. Dann gerät man in Not und die Sorgen erdrücken einen und man hat bei all dem keinen Gedanken mehr frei für das was reich macht bei Gott.

Reich sein bei Gott, das soll unsere erste Sorge sein: Das Ziel des Lebens erreichen, das Himmelreich, die Gemeinschaft mit Gott. Wenn dabei mal ein Teil des Erbes in Vergessenheit gerät oder der Zinssatz etwas niedriger ist, der Gewinn oder das Einkommen nicht das Vorjahresniveau erreicht, dann ist das für jeden zu verkraften, der sich als Kind Gottes weiß.

Am vorletzten Sonntag haben die Worte des Herrn Jesus aus der Bergpredigt gehört: Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet und womit ihr euch kleiden werdet. Sorget nicht, sondern vertraut darauf, dass der Herr für euch sorgt. Solches Vertrauen ist die aktive Immunisierung gegen die tödliche Seuche der Habgier.

Der Herr Jesus macht nun seine Warnung noch an dem Gleichnis deutlich, das wir Jahr für Jahr als Evangelium des Erntedanktages hören. Die Geschichte vom reichen Kornbauern dürfte neben der Weihnachtsgeschichte und den Gleichnissen vom Verloren Sohn und vom Barmherzigen Samariter wohl zu den bekanntesten Gleichnissen gehören. Es passt so schön zum geschmückten Altar und zu den Erntegaben. Aber nur vordergründig hat es etwas mit der Landwirtschaft zu tun. Es geht da gar nicht um Getreidekörner und Ölfrüchte, es geht um eine ganz bestimmte, weit verbreitete Denke.

Die allzu menschliche Denkweise, sich auf kluges und vorausschauendes Planen und Handeln zu verlassen. Sie führt in eine falsche, eine trügerische Sicherheit, die tödlich ist. Kernsatz dieser Denkweise: Liebe Seele, du hast einen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! – Denn du hast ja klug vorgesorgt. Du hast gespart, gesammelt. Dein Geld ist gut angelegt, du bist gut versichert und hast an alles gedacht. – Wirklich an alles? Ja, ich geh auch regelmäßig zum Arzt und lasse alle Vorsorgeuntersuchungen machen, ich ernähre mich vernünftig, rauche nicht, halte mich fit, lasse mich impfen, mehr kann man doch nicht tun!

Manche haben sogar an die Patientenverfügung gedacht. Das ist durchaus vernünftig, damit nicht sinnlose und quälende lebensverlängernde und vor allem leidensverlängernde Maßnahmen an ihnen durchgeführt werden. Andere haben sogar ihren Grabplatz bereits festgelegt und den Bestatter schon informiert, wie sie ihren Abschied gerne hätten. Auch dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, wenn die vorausschauende Denkweise da nicht endet, am Grab.

Wessen Planung allerdings bei der Lebensversicherung und der Riesterrente aufhört, ja sogar bei wem sie bis zu Grab und Sarg geht und da endet, der ist ein Narr! Der hat es versäumt an die Ewigkeit zu denken, die doch viel länger, größer und wichtiger ist als alles andere im Leben. Wer nicht reich ist bei Gott, der ist ein Narr!

Und wie wird man reich bei Gott? Durch Danken, durch Hören auf Gottes Wort, durch Gebet und durch Vergebung. Manche meinen ja, man wird durch Fordern reich. Wenn man immer mehr fordert und haben will. Nein, da wird man nur süchtig und unzufrieden, denn ich kann ja nie aufhören, ich muss dann immer das, was ich schon habe noch mehren und übertreffen und bleibe so unzufrieden.

Wer dankt, wer Gott dafür dankt, dass er hat, was er braucht, der ist glücklich, der kann sich freuen. Und zum Danken braucht es keine großen Reichtümer. Da genügt ein ganz normal gedeckter Tisch. In Notzeiten waren Menschen schon für ein hartes Stück Brot oder eine Hand voll Kartoffeln dankbar.

Wie viel mehr Grund zur Dankbarkeit, wenn es noch Butter, Käse und Wurst dazu gibt oder Gemüse und ein Stückchen Fisch oder Fleisch. Danke doch, wenn du ein Bett hast, in dem du deine müden Glieder ausstrecken kannst und ein Dach über dem Kopf. Sei dankbar, wenn du dich bewegen kannst und keine Schmerzen hast, wenn du sehen und hören kannst und im Frieden lebst. Wenn dein bisschen Habe nicht bei Buschbränden in Flammen aufgeht oder von Flutwellen weggeschwemmt und von Erdbeben zerstört wird. Wer einmal anfängt zu danken, der merkt erst, wie reich er eigentlich ist. Und wer Gott dankt, der froh darüber und merkt dann auch, dass der Glaube an den Gott der Bibel ein Schatz, ein unbezahlbarer Reichtum ist.

Und wer das anfängt zu begreifen, wird sich dann auch gern mit dem Wort Gottes beschäftigen, mit dem was Gott uns zu sagen hat, was er uns für Ratschläge und Lebenshilfen gibt in seinem Wort. Wie es tröstet und Mut macht und hilft auch mit Sorgen, Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten fertig zu werden. Der weiß, dass er nicht streiten und eifern muss um sein Gut, sondern, dass der Herr für ihn streitet und ihm Recht schafft.

Das Wort Gottes lehrt uns, dass wir Beschenkte sind, die mehr Gutes erfahren, als sie je verdient hätten. Es lehrt uns beten. Dass wir die Sorgen, die uns überfallen und die Nöte, die uns treffen sofort zu Gebeten machen und damit abgeben, was uns belasten würde.

Und das Wort Gottes macht uns immer wieder das große Angebot der Vergebung. Wir dürfen zugeben, dass wir falsche Ziele und Gedanken hatten. Wir dürfen Gott bekennen, dass wir uns um die falschen Dinge gesorgt haben, dürfen ihm auch unsere Habgier, unseren Neid, unseren Geiz bekennen und unsere ewige Unzufriedenheit. Wir dürfen uns korrigieren lassen. Der Herr nimmt die Schuld von uns, weil Jesus Christus auch dafür an seinem Kreuz bezahlt hat. Und er hilft uns zu einem neuen Leben und zu einem neuen Denken, das nicht von Habgier, sondern von Dankbarkeit bestimmt ist. Zu einem Leben, das in dankbarer Zufriedenheit auch teilen und abgeben kann, von den Gaben, die uns geschenkt sind. Und dann sind wir reich in Gott unser Leben lang und noch reicher in der Ewigkeit.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168