Gottesdienst – Lukas 1, 67-79
Zur PDF1 Advent, 02.12.2006, Lukas 1, 67-79
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der
Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich,
erhöre uns. Amen.
Großvater hätte er längst sein können und seine
Frau Großmutter. Aber während andere Männer in seinem
Altar zahnlos im Tor saßen und über die Jugend von heute
ihren Kopf schüttelten und andere Frauen, die der Jahrgang seiner
Frau Lisa waren, für ihre Enkelkinder Strümpfe strickten,
standen sie an der Wiege ihres Neugeborenen. Voll Staunen und voll
Dankbarkeit: „Dass Gott uns das noch geschenkt hat! Ein Kind! Einen
Sohn! Unseren Johannes!“
Wenn die Nachbarn hinter vorgehaltener Hand darüber tuschelten und
manche Verwandte bedenklich schauten, ob denn die alten Leute mit der
Erziehung dieses Kindes noch zurecht kämen, kümmerte sie das
wenig. „Lass sie reden!“ hatte Zacharias zu seiner Elisabeth gesagt,
„lass sie doch reden! Wenn Gott uns nun doch noch ein Kind geschenkt
hat, dann wird er selbst auch für dieses Kind und für uns,
seine Eltern sorgen. Ich möchte nicht noch einmal an Gottes Macht
zweifeln. Damals, vor 10 Monaten im Tempel in Jerusalem, habe ich dem
Engel Gabriel nicht geglaubt, als er mir diese Geburt ankündigte.
Wie klein war mein Glaube! Wie groß ist Gott!“
Zacharias sah die Tränen der Freude in den Augen seiner Elisabeth,
nahm sie in den Arm und blickte auf das friedlich schlafende Kind und
mit einem Mal brache es aus ihm heraus. Der Evangelist Lukas hat den
Jubel des Zacharias für uns im ersten Kapitel seines Evangeliums
festgehalten. Es ist unser Predigttext für den 1. Advent heute,
Lk. 1,67-78:
Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Er ist zu unserem Volk gekommen und hat es befreit. Aus dem Königshaus seines Dieners David hat er uns den starken Retter geschickt.
So hatten es seine heiligen Propheten schon vor langer Zeit verkündet: Er wird uns von unseren Feinden erretten und aus der Hand aller Menschen, die uns hassen.
Gott war mit unseren Vorfahren barmherzig. Er vergisst seinen heiligen Bund nicht, den Eid, den er unserem Vater Abraham geschworen hat und der auch für uns gilt.
Er befreit uns aus der Hand unserer Feinde, damit wir ihm ohne Furcht unser Leben lang dienen, als Menschen, die ihm gehören und nach seinem Willen leben.
Und dich, mein Sohn, wird man einen Propheten des Höchsten nennen. Du wirst vor dem Herrn hergehen und sein Kommen vorbereiten.
Seinem Volk wirst du zeigen, dass es durch die Vergebung seiner Sünden gerettet wird. Gott vergibt uns, weil seine Barmherzigkeit so groß ist.
Erfüllt
von Dankbarkeit jubelt der alte Priester Gott zu und wird dabei noch
zum Propheten. Er blickt zunächst zurück auf die Geschichte
seines Volkes Israel und stellt fest: das ist doch alles kein Zufall!
Gott hatte schon immer einen großartigen Plan und den zieht er
durch. Er hatte seinen Plan mit Abraham, den er zum Vater eines
großen Volkes machen wollte und schließlich auch gemacht
hat. Er hatte seinen Plan, als er unsere Vorfahren aus ägyptischer
Sklaverei befreite; er hatte seinen Plan mit dem Hirtenjungen David,
den er zum König gemacht hat. Gott setzt seine großartigen
Pläne um, die bleiben nicht nur auf dem Papier. Sie werden
verkündigt durch seine Boten, die Propheten und sie werden auch
gegen alle menschlichen Hindernisse und Widerstände umgesetzt.
Denn Gott ist treu.
Gott war mit unseren Vorfahren barmherzig. Er vergisst seinen heiligen Bund nicht, den Eid, den er unserem Vater Abraham geschworen hat und der auch für uns gilt.
Zacharias hat es inzwischen kapiert, dass Gottes Treue nicht auf
frühere Zeiten beschränkt ist. Sie gilt auch in der Gegenwart
uns. Er vergisst seinen heiligen Bund nicht. Wir vergessen so leicht.
Wir vergessen die vielen guten Jahre des Aufschwungs in den Jahrzehnten
nach dem zweiten Weltkrieg. Wir vergessen in unserem persönlichen
Leben leider oft zu schnell die erhörten Gebete, die Bewahrungen,
die Hilfen und Führungen in unserem Leben. Wir vergessen, dass
Gott doch auch in unserem Leben seinen guten Plan umsetzt.
David mahnt sich und uns, doch nicht zu vergessen: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Und Zacharias erinnert sich und uns: „Gott vergisst seinen heiligen Bund nicht, der auch uns gilt!“
Damals meinte er den Bund Gottes am Sinai Gott hatte dem Volk Israel
durch Mose die zehn Gebote gegeben und gesagt: Wenn ihr diese Gebote
für euch nehmt, dann werde ich euch segnen und begleiten. Dann
werde ich bei euch sein, was auch kommt. Die Menschen, die ihm
gehören, sollen auch nach seinem Willen leben.
Für uns kommt zu diesem alten Bund, der seine Gültigkeit
nicht verloren hat, noch der erlösende neue Bund dazu. …dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird, zur Vergebung euerer Sünden.
Gewusst hat Zacharias das noch nicht, denn Jesus war weder geboren noch
gekreuzigt, noch auferstanden, noch hatte r schon das Heilige Abendmahl
eingesetzt. Aber der Geist Gottes ließ den alten Priester
prophetische Worte sprechen vom kommenden Herrn, der sein Volk
erlösen wird.
Seinen neuen Bund schließt Gott mit uns in Taufe und Abendmahl.
Da sagt er nicht nur allgemein einem Volk seine Treue zu, sondern ganz
persönlich einem Menschen: Ich nehme dich als mein Kind an! Ich
befreie dich von allen Mächten, die dir schaden und dich gefangen
nehmen wollen! Deine Schuld habe ich auf mich genommen! Mein Blut
für dich vergossen! Komm doch! Vertrau mir! Mein Bund gilt auch
für dich! Auch für dich und dein Leben habe ich einen Plan.
Aber manchmal sieht man ihn einfach nicht, den Plan Gottes im eigenen
Leben. Da versteht man nicht, was geschieht oder warum etwas nicht
geschieht. Warum diese Krankheit? Was Soll dieses Unglück? Da
wünschen sich Eltern ein Kind und sie kriegen keins. Man
wünscht sich endlich einen Ehepartner, einen Menschen mit dem man
den Lebensweg gemeinsam gehen kann, von dem man liebevoll in den Arm
genommen wird und dass man endlich nicht mehr so allein ist. Aber es
passiert nichts, schon so lange! Man sucht eine Stelle, aber
erhält immer nur Absagen. Keiner braucht mich, denkt man mutlos
und Gott scheint taub. Man sieht, versteht und kennt Gottes Plan nicht.
Zacharias hat ihn auch jahrzehntelang nicht gesehen. Immer wieder
hatten er und seine Frau Elisabeth gebetet, dass Gott ihnen ein Kind
schenken möge. Ein Kind bedeutete damals noch viel mehr
Zukunftssicherung. In einer Zeit in der es noch keine Sozialsysteme
gab, war das natürlich immer die Sorge kinderloser Eltern: Was
soll denn aus uns werden, wenn wir alt und gebrechlich werden und uns
nicht mehr selbst versorgen können? Kinder waren eine
Lebensversicherung.
Wir möchten ja immer wissen, was auf uns zu kommt und versuchen
alles zu sichern und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.
Aber oft sind wir falsch vorbereitet. Es kommt ganz anders als wir
dachten oder geplant hatten. Man bekommt nicht den Studienplatz oder
die Lehrstelle, die man sich gewünscht hatte, nicht das Haus oder
die Wohnung, die man sich eingebildet hatte, vielleicht nicht die Frau
oder den Mann der Träume. Plötzlich ist sie oder mit jemand
anderem zusammen.
Viele fühlen sich dann betrogen, sind enttäuscht, werden
unzufrieden und hadern mit Gott. Warum erhörst du mein Gebet
nicht, Herr? Warum erfüllst du mir nicht meinen größten
Wunsch? Warum lässt du mich so lange warten? Warum muss ich so
leiden? So kann man sich verrückt machen und mit Gott zürnen
und ist versucht, den Glauben aufzugeben. Bloß nicht! Das
wär der größte Fehler, denn Gott meint es doch gut mit
dir, auch wenn du es noch nicht siehst und noch nicht begreifst. Er hat
einen Plan. Einen guten Plan, den er auch unter den denkbar
schlechtesten Voraussetzungen umsetzen kann.
Gott kann alte Leute in seinen Plan einbauen wie bei der Geburt des
Johannes des Täufers. Oder ein junges unverheiratetes
Mädchen, wie bei der Geburt seines Sohnes Jesus. Er hat kein
Problem damit die gemeinen Anschläge von Geschwistern in seinen
Heilsplan integrieren und zum Guten zu wenden, wie bei Josef, der als
Sklave nach Ägypten verkauft wurde und später Völker vor
dem Hungertod rettete. Gott kann aus einem Christenverfolger Saulus
einen Missionar Paulus machen. Und er hat aus einem gekreuzigten
König der Juden einen Auferstandenen und Retter der Welt gemacht.
Dürfen wir ihm nicht auch zutrauen, dass er in unserem Leben
seinen guten Plan durchführt? Mit Ihnen und mit mir. Auch wenn es
vielleicht gerade jetzt aussieht, als ob nichts gelingt, nichts
vorangeht und alles gegen uns ist. Er hat die Macht und seine Treue ist
groß! Zacharias hat eine lange Zeit des Wartens und Betens hinter
sich. Er weiß wovon er spricht. Lange musste er warten, aber er
hat nicht vergeblich gewartet und nicht vergeblich gebetet. Gottes
Treue wurde sichtbar, als Zacharias eigentlich schon aufgegeben hatte.
Jetzt steht er jubelnd vor dem Sohn, den ihm Gott geschenkt hat und
freut sich über Gottes Treue. Ein bisschen schämt er sich
vielleicht auch, weil er es Gott nicht mehr zugetraut hatte, dass er
sein Versprechen noch erfüllt. Unser Glaube ist oft viel zu klein.
Wir trauen Gott nur zu, was wir uns vorstellen können und was uns
menschenmöglich erscheint. Und mit unserer Ausdauer im Gebet und
unserer Geduld im Warten sind wir schnell am Ende.
Wer will schon noch warten! Warten, dass Wünsche sich
erfüllen. Auf den Mann oder die Frau fürs Leben, warten bis
zur Ehe, warten bis Gott ein Kind schenkt. Auch das fällt im
Zeitalter der Familienplanung schwer. Warten bis man genug Geld
zusammengespart hat um sich etwas anzuschaffen, ein Auto, neue
Möbel, eine Wohnung, ein Haus. Jetzt kaufen, später bezahlen,
flüstert, nein schreit die Werbung uns in die Ohren. Sei doch
nicht blöd und warte! Die Rechnungen, Raten und Zinsen kommen dann
später und belasten nicht nur das Konto.
Wir sollten wieder warten lernen! Warten, bis die Zeit da ist, bis die
Zeit erfüllt ist. Bis Gott ja sagt. Er hat in unser Leben auch
Wartezeiten hineingeordnet. Auch sie gehören zu seinem Plan. Wir
sollten sie nicht mit Gewalt verkürzen. Ein Baum blüht
wunderschön, dann verblüht er und es heißt warten, bis
er Früchte ansetzt, bis sie wachsen und reifen. Wer sie zu
früh erntet und isst, kriegt Bauchweh. Es bekommt uns nicht, wenn
wir nicht warten können. Ungeduld zerstört und greift
störend in Gottes Planungen ein.
Adventszeit ist Wartezeit. Und Wartezeit ist Vorbereitungszeit. Wer
wirklich wartet, lässt nicht nur ungeduldig Zeit verstreichen,
sondern bereitet vor, was möglich ist. Straßen und
Marktplätze, Kaufhäuser und Geschäfte wurden in den
letzten Wochen vorbereitet auf das Advents- und
Weihnachtsgeschäft. Da können die Vorbereitungen gar nicht
früh genug laufen.
Aber wie sieht es aus mit der inneren Vorbereitung der Menschen auf die
Begegnung mit dem Herrn? Gott hat seine Vorbereitungen getroffen
über Jahrhunderte und Jahrzehnte. Der Johannes, der da den alten
Eltern Elisabeth und Zacharias geboren wird, soll die Menschen durch
sein Wirken als Prophet des Höchsten vorbereiten auf das Kommen
Gottes.
Zacharias kündigt hier für Johannes an, wie das geschehen soll: Seinem
Volk wirst du zeigen, dass es durch die Vergebung seiner Sünden
gerettet wird. Gott vergibt uns, weil seine Barmherzigkeit so
groß ist.
Vorbereitung durch Vergebung. Gottes Volk wird gerettet durch
Vergebung! Die Adventszeit war von ihrem ursprünglichen Sinn her
eine solche Bußzeit. Wie in der Passionszeit ist die liturgische
Farbe violett. Wir werden erinnert daran, unser Leben zu
überdenken, zu prüfen, und wenn nötig umzukehren, und
einen neuen Anfang zu machen im Glauben und im Umgang mit den Menschen
um uns herum.
Wie ist denn das, wenn man Besuch erwartet und sich rechtzeitig
vorbereitet. Man räumt auf, deckt den Tisch, stellt Getränke
bereit und dann sieht man sich noch einmal um: Wo steht noch was rum,
was da nicht hingehört, wo ist noch was schmutzig oder nicht in
Ordnung. Da liegen doch tatsächlich noch die Schlappen unter dem
schön gedeckten Tisch. Und dort noch die Erde vom Blumentopf, der
neulich umgekippt ist. Diese kleinen „Sünden“ beseitigen wir
gewissenhaft.
Und wie sieht es mit den großen aus? Wie lange schleppen wir die
mit uns herum? Ohne Vergebung wird es nichts mit der herzlichen Freude.
Zorn und Streit, Sorgen und Sünden, alte Geschichten und
Gebundenheiten nehmen uns den Frieden und verbreiten Finsternis. Aber
Advent hat auch mit dem kommenden Licht Gottes zu tun. Zacharias zeigt
es uns: Aus der Höhe kommt sein Licht zu uns. Dieses Licht
wird allen Menschen leuchten, die in Finsternis und Todesfurcht leben;
es wird uns auf den Weg des Friedens führen.
Wir müssen nicht in der Finsternis unserer Schuld bleiben und in
Todesfurcht leben, sondern dürfen uns durch Jesus auf den Weg des
Friedens führen lassen. Von Jesus dürfen wir uns für
alle Bereiche unseres Lebens Frieden erbitten. Wenn er uns vergibt und
uns vergeben hilft, wenn er uns warten hilft auf die Erfüllung der
göttlichen Pläne, dann finden wir Frieden.
Ganz gewiss kommt dann der tag des Jubels und der Freude wie hier bei
Zacharias. Wo uns die Augen aufgehen und wir sehen und verstehen, warum
es so lange gedauert hat und warum manche Not, Leidenszeit und
Enttäuschung auch einen Sinn hatte.
Warten heißt vertrauen: Gott erfüllt seine Zusagen. Er hat
einen Plan und bringt ihn zum Ziel. Auch bei uns. Ganz sicher!
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168