Gottesdienst – Luk 2, 1-20
Zur PDFChristvesper Matthias-Claudius-Kapelle 24.12.2008, Luk 2 1-20
Warum ist das Weihnachtsfest so etwas Besonderes? Warum fassen an diesem einen Tag im Jahr die Kirchen die Menschen kaum, die erwartungsvoll kommen und es wieder hören wollen?
Was wollen sie denn hören? Den einen wunderbaren Satz: Euch ist heute der Heiland geboren! Das ist der Kern der Sache. Darum geht es doch: Euch ist heute der Heiland geboren! Für einen Augenblick geht der Vorhang auf, der die Welt Gottes vor unseren Augen verbirgt und begleitet von Engelschören, kommt der Retter der Welt, kommt unsere Rettung.
Sie kommt so, dass sie Keinem Angst macht. Wer könnte schon vor einem Neugeborenen Angst haben. Vorsichtig blickt man in eine Wiege oder einen Stubenwagen, in ein Körbchen, in dem ein wenige Stunden altes Kind liegt und der Anblick rührt einen an: So zart. so klein, so zum Liebhaben.
Wahrscheinlich hat Gott ein paar Jahrtausende lang überlegt: Wie kann ich denn diesen furchtsamen Menschen entgegentreten, dass sie sich nicht erschrecken vor mir, sondern anfangen mich zu lieben. Und als er gesehen hat, wie sie sich über ihre kleinen Kinder beugen und wie sie ihnen mit Freude und Liebe gegenübertreten, hat er sich entschlossen als Kind in diese Welt zu kommen.
Jedes Kind, das geboren wird, ist ja ein Hoffnungszeichen. Es zeigt die Hoffnung, dass es auch durch alle Schwierigkeiten und Notzeiten weitergehen kann mit der Welt und mit den Menschen. Ja, es sind schon Kinder in ganz schwierigen Situationen zur Welt gekommen und wurden mit allergrößter Liebe und Anstrengung durchgebracht und sind groß geworden. Kinder, die auf der Flucht geboren wurden oder im Bunker unter Bombenhagel, in Lagern und Gefängnissen, In Armut und Hunger. Immer waren und sind sie Hoffnungszeichen für die Menschen und Ermutigung zum Leben.
Und dieses Kind, das damals in der heiligen Nacht am Ortsrand von Bethlehem auch unter unwürdigen Umständen zur Welt kam, war und ist auch ein Hoffnungszeichen. Ein noch viel größeres Hoffnungszeichen als alle anderen Kinder, die geboren wurden, denn es ist der Sohn Gottes, der Heiland der Welt. „Welt ging verloren, Christ ist geboren!“ So werden wir nachher singen und uns gegenseitig in den höchsten Tönen auffordern: „Freue, freue dich o Christenheit!“
Euch ist heute der Heiland geboren! Das ist die Erlösung für alle, die Angst haben, die traurig sind, die nicht mehr weiter wissen. Denen sagt Gott im Bild dieses Kindes: Fürchte dich nicht! Fürchte dich nicht! Ich bin stärker als deine Angst. Ich hole dich aus deiner Traurigkeit heraus. Ich zeig dir einen Weg, auf dem du in die Zukunft gehen kannst.
In dieser Nacht, in der Weihnacht feiern wir das Friedens- und Rettungsangebot Gottes an uns. Das Kind, das da in Windeln gewickelt in der Krippe liegt, auf das der Engel uns hinweist, zeigt uns auf einzigartige Weise, wie nahe uns Gott kommt und wie lieb er uns hat. So lieb, dass er seinen einzigen Sohn aus seiner schützenden Hand gibt, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.
Wer dieses Kind ansieht und wer die Worte Gottes hört, die mit seiner Geburt verbunden sind, der darf wissen. Es gibt mehr als meine Not, die mir zu schaffen macht. Es gibt mehr als meine Krankheit, meine Schmerzen, meine Schwachheit, mein Alter. Es gibt mehr als die vielen schrecklichen Nachrichten von Krieg und Hunger, Terror und Tod. Es gibt mehr als Reichtum Ruhm und Ehre. Es gibt eine Zukunft, die nicht zur Vergangenheit wird. Es gibt eine Herrlichkeit, die nicht verblasst, Schönheit, die nie verwelkt. Es gibt nicht nur all die Lügen, die uns ständig präsentiert werden, sondern eine Wahrheit, die gilt. Er, der Heiland, ist die Wahrheit.
Es gibt nicht nur Mauern und Grenzen, verschlossene Türen und tiefe Gräben, sondern es gibt einen Weg, der zum Ziel führt und der gesegnet ist. Es gibt einen Weg, der auch für mich zu gehen ist und der mich herausführt aus meiner Einsamkeit und Dunkelheit. Der Heiland, der Retter kennt ihn und führt ihn. Er, der Heiland, ist der Weg.
Wer dieses Kind in seiner bescheidenen Unterkunft und notdürftigen Lagerstatt ansieht, der darf wissen, es gibt mehr als das Leben, das so schnell an uns vorbeigeht und in dem alles Schöne so kurz ist. Es gibt mehr als das Leben, das von Alter und Krankheit bedroht ist und zerstört wird. Es gibt durch diesen Heiland, der uns heute geboren ist ein Leben, das heil ist und das nicht vergeht. Er, Jesus, schenkt es. Er, der Heiland, ist das Leben.
All die vielen Menschen, die sich in der vor uns liegenden Nacht auf den Weg machen und irgendwo auf dieser Welt einen Weihnachtsgottesdienst besuchen, die werden bewegt von dieser Sehnsucht nach dem richtigen Weg, nach der einen Wahrheit und nach dem wahren Leben. Viele wissen es vielleicht gar nicht mehr und könnten es gar nicht in Worte fassen, was sie in dieser Nacht eigentlich suchen. Viele gehen vielleicht auch wieder aus den Kirchen, ohne es begriffen zu haben, dass es um den Heiland geht, der auch ihr Leben heil machen kann.
Ja, er kann jedes Leben heilen, jeden Menschen retten. Christ, der Retter ist da! Er rettet aus aller Schuld, in die wir uns verstrickt haben. Am Ende seines Erdenweges lässt er sich an ein Kreuz hängen und lässt sich die Schuld der ganzen Welt aufladen und trägt sie. Er ist gekommen zu retten, was verloren ist.
Es liegt ganz an uns, ob wir verloren bleiben oder gerettet werden. Wenn wir ohne Jesus wieder weggehen, dann bleiben wir verloren. Dann gehen wir wieder in ein sinnloses Leben in dem sinnloses Leid geschieht und tun sinnlose Dinge, bis wir eines Tages einen sinnlosen Tod sterben.
Wir dürfen es machen wie die Hirten in dieser wunderbaren Weihnachtsgeschichte. Die hören etwas, was sie nicht ganz verstehen, was ihnen nicht erklärlich ist, aber sie folgen den Worten des Engels. Sie machen sich auf und suchen das Kind, suchen den Heiland. Und als sie ihn finden, da verstehen sie immer noch nicht ganz, weil man das eigentlich überhaupt nicht mit dem Verstand fassen kann. Sie verstehen nicht, aber sie beten an. Sie beten Jesus an, obwohl er noch ein hilfloses Kind ist.
Was ist die Folge? Sie werden dankbare und fröhliche Leute. Sie priesen und lobten Gott für alles. Sie bekommen eine völlig neue Sicht der Dinge und des Lebens. Sie erkennen, dass ihr Leben viel mehr ist als Arbeit und Feiern, als Angst und Verzweiflung, als Streit und Kampf. Es ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk eines liebevollen und zärtlichen Schöpfers, eines Gottes, der so mächtig ist, dass er sich uns als machtloses Kind präsentieren kann.
Wir müssen nicht über unser Leben klagen und jammern, sondern wir dürfen uns freuen über unseren Gott, der in die tiefsten Tiefen unseres Lebens kommt um uns herauszuholen. Was ihnen auch in diesen Tagen zu schaffen macht, verzweifeln sie nicht daran. Christ der Retter ist da! Weihnachtstage sind ja meist auch Tage, an denen den Menschen ihre Not und Einsamkeit, ihre Schuld oder Enttäuschung besonders bewusst wird.
Vor einigen Tagen hat eine Frau, die im vergangenen Jahr sehr Schweres erlebt hat, zu mir gesagt: Heuer gibt’s für mich kein Weihnachten. O doch! Gerade, wenn wir trauern, wenn wir betroffen sind, wenn wir Leid tragen, wenn wir enttäuscht wurden, wenn unser Leben bedroht ist, dann brauchen wir Weihnachten, dann brauchen wir doch den Retter noch viel mehr. Dann gibt es doch gar nichts anderes, als zuzugreifen und zu sagen: Danke! Danke, dass du, mein Heiland auch mir geboren bist. Ich weiß zwar nicht, wie du mich retten willst und wirst, aber ich vertraue darauf, dass du es tun wirst.
Wenn wir anbeten, wie die Hirten, dann gehen wir verändert und erneuert aus der Heiligen Nacht hervor. Dann können wir auch Gott loben und preisen und werden von der Freude Geretteter erfüllt. Haben Sie schon mal Gerettete gesehen? Menschen die nach Seenot im Hafen an Land gehen oder die nach einer Bruchlandung heil aus einem Flugzeug steigen, die aus einem brennenden Haus unverletzt entkommen. Die liegen sich lachend und manchmal vor Freude weinend in den Armen. Die danken und loben und preisen ihre Retter. Ich bin ja gerettet!
Wem das zu emotional ist, der darf es auch machen wie die Maria in dieser Geschichte, von der es am Ende heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Wir dürfen die Worte des Engels behalten: Euch ist heute der Heiland geboren! Sie im Gedächtnis behalten und bewegen. Daran festhalten, dass es in allen Tiefen und Nöten meines Lebens einen gibt, der bei mir ist und der mir heraushilft.
Wenn man einem Kind etwas schenkt, dann sagt man: Das darfst du behalten! Das gehört jetzt dir! So sagt Gott heute zu uns, wenn wir die Botschaft des Engels hören: DIR ist heute der Heiland geboren! Den darfst du behalten. In deinem Herzen behalten! Der gehört jetzt dir!
Das ist die einfache Botschaft der Heiligen Nacht. Wer sie im Herzen bewegt, der ist gerettet, der wird froh. Der muss sich nicht zwingen die fröhlichen Weihnachtslieder zu singen, sondern singt sie beschenkt und getröstet, gestärkt und gerettet mit Freuden mit. Das wünsche ich Ihnen!
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168