Gottesdienst – Luk. 18, 1-6
Zur PDFDrittletzter So. d. Kirchenjahres, 11.11.2007, Luk. 18, 1-6
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …
Am Ende des Kirchenjahres werden die Sonntage nicht mehr vorwärts, sondern rückwärts gezählt. Drittletzter, vorletzter, letzter Sonntag des Kirchenjahres. Das soll uns erinnern: Jedes Kirchenjahr, jedes Leben, alles Vergängliche geht einem Ende entgegen. Auch unsere Welt geht, das ist eine alte biblische Aussage auf ein Ende zu. Wir sind eingespannt in ihr kompliziertes vernetztes System. Sachzwänge und Umstände scheinen uns nicht viel Spielraum zu lassen.
Alles ist viel zu kompliziert geworden, Programme laufen ab, Prozesse werden ferngesteuert, vieles können wir gar nicht aufhalten. Mit unglaublicher Beschleunigung jagt eine Entwicklung, Neuerung, Veränderung die andere. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, geht es schon wieder anders. Dazwischen unsere Gedanken und Gefühle, Wünsche und Hoffnungen, Ängste und, hoffentlich, Gebete. Worte des Vertrauens und des Glaubens an den, der allein die Übersicht behält, der alles im Griff hat: „Mein, Gott, lass es gelingen! Nimm du alles in deine Hand. Danke, dass ich in deiner Hand bin!“
Oft sagt man: Mir läuft die Zeit davon! Wie wahr! Auch in unserem Leben läuft die Zeit ab und wer es nicht verdrängt, der merkt es auch. Die Themen und Lesungen der letzten Sonntage des Kirchenjahres nehmen diese menschliche Grunderfahrung auf. Sie erinnern uns daran, was die Bibel von der letzten Zeit dieser Erde und der Zukunft Gottes berichtet. Schreckliches, aber auch Tröstliches. Unser Herr wird wiederkommen und sein Reich aufrichten. Was ist zu tun in der letzten Zeit? Was ist wichtig, wenn nicht mehr viel Zeit bleibt?
Davon redet Jesus in den Versen unseres heutigen Schriftwortes für die Predigt aus dem 18. Kapitel des Lukasevangeliums.
In einer Stadt lebte ein Richter, der weder Gott noch Menschen fürchtete. Tag für Tag bestürmte ihn eine Witwe mit ihrer Not: ‘Verhilf mir doch endlich zu meinem Recht!’
Immer wieder stieß sie bei ihm auf taube Ohren, aber schließlich verlor er die Geduld. ‘Mir sind zwar Gott und die Menschen gleichgültig, aber diese Frau macht mich noch verrückt’, sagte er sich. ‘Wenn sie nicht ihr Recht bekommt, wird sie am Ende noch handgreiflich.’
Und Jesus fügte hinzu: „Begreift ihr, was ich euch damit sagen will? Meint ihr, Gott wird seine Kinder übersehen und ihnen ihr Recht versagen, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen? Ich versichere euch, er wird ihnen schnellstens helfen.
Die Frage ist: Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, diesen Glauben bei euch finden?
Am Ende dieses Gleichnisses stellt der Herr Jesus die entscheidende Frage: Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, den unerschütterlichen Glauben dieser Frau auch bei euch finden?
Es gehört zu den Kernaussagen unseres Glaubens, dass Jesus Christus eines Tages wiederkommen wird. Ihm gehört die Zukunft. Er spricht das letzte Wort. Das gab vielen die Kraft, auch schwere Zeiten im Glauben durchzustehen. Im Vaterunser beten wir bis heute: Dein Reich komme. Aber was wird sein, wenn es wirklich kommt? Wenn es kommt in dem auferstandenen und erhöhten Herrn, zu richten die Lebenden und die Toten, wie wir es vor der Predigt als unseren gemeinsamen Glauben bekannt haben.
Was wird er dann bei uns antreffen? Meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? Zweifellos ist hier nicht irgendein Glaube gefragt, sondern der Glaube an den Gott der Bibel. Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Was würde der wiederkommende Herr vorfinden bei denen, die sich nach seinem Namen Christen nennen? Er würde viele schöne Gotteshäuser finden. Eines davon hier bei uns in Bayreuth, im Stadtteil Kreuz. Er würde Unmengen von Büchern und Schriften finden über Gott und die Welt. Er würde wahrscheinlich immer noch in fast jedem Haus eine Bibel, vielleicht sogar ein Gesangbuch finden oder ein Losungsbuch.
Er würde in den Karteien und Dateien der Pfarrämter viele Gemeindeglieder finden, die getauft und konfirmiert wurden. Viele, die ihre Ehe unter dem Segen Gottes vor dem Altar begonnen haben. Und unter den Verstorbenen überwiegend solche, die kirchlich beerdigt wurden. Aber danach fragt der Herr Jesus hier gar nicht. Seine Frage heißt: Meinst du, er werde Glauben finden?
Aber wie kann man Glauben finden? Bibeln kann man zählen. Gottesdienste, Gemeindeglieder und Kirchen auflisten. Das Spendenaufkommen einer Gemeinde lässt sich statistisch ermitteln. Doch der Glaube des einzelnen entzieht sich unserer Beurteilung. Den kennt nur, der in die Herzen sieht.
Jesu Frage nach dem Glauben ist eine sehr konkrete und persönliche Frage an jeden einzelnen. Sie gilt den Konfirmanden genauso wie dem Ältesten und Jüngsten unter uns; dem Lektor und dem Pfarrer und jedem Gottesdienstbesucher gleichermaßen: Welchen Glauben findet Jesus bei mir, welchen bei dir?
In einer Runde junger Leute fing einer an, über Glauben und Kirche zu reden. Schnell kam Widerspruch und Kritik auf. Einer meinte: Ich gehe zwar nicht in die Kirche, aber selbstverständlich glaube ich an Gott. Kann Glaube selbstverständlich sein? Selbstverständlich wie die Zeitung, die am Morgen im Briefkasten liegt? Selbstverständlich wie die Verpackung, die man mitbekommt, wenn man ein Kilo Karotten kauft? Wohl kaum! Glaube kann nicht geleistet, werden wie eine Unterschrift, die einen Vertrag besiegelt. Sonst wären wir schon fertig damit. Manche meinen das ja.
Glaube muss geweckt werden. Glaube muss wachsen. Er muss gestärkt und praktiziert werden. Niemand hat einen fertigen Glauben. Glaube ist Vertrauen auf Gott im täglichen Trott. Glaube ist hinfallen und wieder aufstehen. Wenn ich gestern geglaubt habe, garantiert das nicht, dass ich in heute noch glaube. Wie schnell kann etwas kommen, was unseren Glauben erschüttert! Petrus hat schmerzlich erfahren, dass Glaube nie sicher ist. Nur wenige Stunden, nachdem er versichert hatte, treu zu bleiben, verleugnete er seinen Herrn.
Glaube lebt nur, wenn er lebendige Beziehung zwischen Gott und mir ist. Wenn ich glaube, weiß ich, Gott hat mir mein Leben gegeben und bis heute erhalten. Wenn ich glaube, vertraue ich darauf, dass Gott mich trotz allem liebt. Nicht um meinetwillen, sondern um Christi willen. Wenn ich glaube bin ich geborgen und wenn ich zweifle kommt die Angst.
Martin Luther sagte: „Es liegt deine Seligkeit nicht darin, dass du glaubst, Christus sei für die Frommen ein Christus, sondern dass er dir ein Christus und dein sei!… Dass er dir und allen, die so an ihn glauben, helfe und dass er durch seine Auferstehung Sünde, Tod und Hölle überwunden hat und dieser Sieg dir geschenkt sei.“ Immer wieder betonte Luther das Du und Dir, das für den Glauben so wichtig ist.
Aber, so möchte man dem entgegenhalten, wir erleben doch täglich vieles, was unseren den Glauben anfrisst. Es bohren Zweifel in uns, an Gott und seiner Gerechtigkeit. Stimmt das überhaupt, was die Bibel sagt. Gelten die Zusagen Gottes, die Menschen irgendwann mal bekommen haben, auch für uns? So ist unser Glaube angefochten. Angefochten, das heißt: Da ist jemand, der gegen mich ficht (kämpft). Der will, dass meinen Glauben die Luft ausgeht. Wer tut das?
Martin Luther nennt ihn den altbekannten, den altbösen Feind, …„groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.“ Glauben ist Kampf mit dem teuflischen Glaubenszerstörer. In diesem Kampf sind wir alleine hoffnungslos verloren. Wir haben nur eine Chance, wenn wir einen starken Verbündeten haben. Jesus Christus. Sein Name ist das Wörtlein, das ihn fällen kann.
Verbündet kommt von verbinden und Verbindung haben. Unser Glaube kann da nur bestehen und wachsen, wo die Verbindung zu unserem Verbündeten Jesus nicht abreißt. Wenn wir das Gebet, als Brücke zwischen Gott und uns, verfallen lassen, hat unser Glaube keinen Halt mehr. Wer Gottes Wort nicht mehr hört und liest, wer aufhört zu beten und nicht mehr in Gemeinschaft mit Glaubenden steht, der verliert den Glauben.
Jesus bittet uns hier dringend, nicht die Verbindung abreißen zu lassen. Betet allezeit und lasst nicht nach. Um anschaulich zu machen, was er sich darunter vorstellt, erzählt er dies Gleichnis von der bittenden Witwe:
Wahrscheinlich war sie noch jung diese Witwe. Die Mädchen wurden damals sehr früh verheiratet, schon mit 13, 14 Jahren. Sie hat keine Kinder und verliert bald ihren Mann. Das ist für sie nicht nur eine menschliche Tragödie, es bringt sie auch rechtlich in eine denkbar schlechte Lage. Einen Sozial- und Rechtsstaat gab es nicht. Ganz zu schweigen von Gleichberechtigung der Frau. Für die Rechte einer Frau konnte immer nur ein Mann eintreten. Zunächst der Vater, dann der Ehemann, später der Sohn oder ein anderer naher Verwandter.
Waren, wie hier, Vater und Ehemann tot, kein Sohn da und die anderen männlichen Verwandten nicht bereit, für sie einzutreten, so war eine Witwe hilflos und rechtlos. Sie konnte als Frau allein nicht vor Gericht gehen, weder als Zeugin, noch um anzuklagen, wenn ihr Unrecht geschah.
In dieser verzweifelten Lage war die Witwe, von der der Herr Jesus hier erzählt. Aber sie lässt sich nicht von ihrer hoffnungslosen Rechtslage abschrecken. Sie rennt trotzdem dem Richter Tür und Tor ein. Sie bedrängt, bestürmt, bittet ihn, dass er sich ihrer Sache annehmen möge. Sie lässt sich nicht abwimmeln und nicht entmutigen. Bis sich der Richter erweichen lässt. Er sagt: „Also gut, weil sie mir so viel Mühe macht, mich so bedrängt und mir keine Ruhe lässt, will ich ihr Recht schaffen. Ausdauer und Geduld haben sich gelohnt. Die, die kein Recht hatte zu bitten, erhält jetzt Rechtsbeistand von höchster Stelle.
Jesus deutet uns das Gleichnis: Wenn schon ein Mensch, ein gottloser Richter, sich erweichen lässt und das beharrliche Bitten der rechtlosen Witwe hört, sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen? Geht es uns nicht vor Gott ähnlich wie der Witwe? Wir sind in einer aussichtslosen Lage. Wir haben keinen Rechtsanspruch auf Gottes Erbarmen und Hilfe. Womit wollten wir den begründen? Aber Gott wird sich auf unser Beten, Bitten und Drängen hin unser annehmen. Er wird Rettung und Hilfe schaffen in Kürze. Das ist die Zusage unseres Herrn.
Liebe Gemeinde, beten und bitten wir wie diese Witwe? Allezeit, Tag und Nacht ohne nachzulassen? Wenn überhaupt, dann oft erst, wenn es uns ganz schlecht geht. Vor einer Prüfung, deren Stoff sich nicht mehr bewältigen lässt. Auf dem Gang vor dem Operationssaal, in dem ein lieber Verwandter gerade operiert wird. Wenn die Firma vor dem Konkurs steht. Sicher kennen Sie aus Ihrem Leben solche Zeiten und Nöte, in denen Sie inständig gebetet und gefleht haben. Da muss man nicht erst überlegen, ob man überhaupt beten soll, auch nicht, wie man sein Gebet formulieren soll. Da ist Beten aus tiefstem Herzen Schreien zu Gott. Am beharrlichsten beten wir, wenn wir selber machtlos und hilflos sind. Wenn wir genau wissen: Hier kann nur noch Gott helfen.
Warum muss erst Not, Krankheit, Unglück über uns hereinbrechen, damit wir anhaltend und ernsthaft beten? Vielleicht würde uns manches erspart bleiben, wenn wir auch in guten Tagen so beten könnten. Vier Aufforderungen zum Gebet gibt uns Jesu Gleichnis von der bittenden Witwe:
1. Wir dürfen jedes Anliegen im Gebet vor Gott bringen, auch wenn wir keinen Anspruch auf seine Hilfe haben.
2. Wir sollen Gott das, was uns Not macht, mit einfachen, ehrlichen Worten sagen. Es kommt nicht auf Wortwahl und äußere Bedingungen an.
3. Wir dürfen aufdringlich und leidenschaftlich beten, den Himmel stürmen mit unserem Gebet. Und wir sollen
4. Nicht aufgeben. Beharrlich bleiben. Gott wird es bei denen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, nicht lange hinziehen, sondern Hilfe schaffen in Kürze.
Wir hören, welche Möglichkeiten uns Jesus durch solches Beten eröffnet? In der Bibel gibt es manche Berichte, wo Gott sich durch ernstliches Gebet von seinen ursprünglichen Plänen mit einem Menschen oder einem Volk abbringen lässt. Die Stadt Ninive wurde nicht vernichtet, als die Menschen dort anfingen, ernsthaft um Vergebung und Erbarmen zu bitten. Wie viele Kriege mag es nicht gegeben haben, weil Menschen um Frieden gebetet haben; und wie viele Unglücke sind nicht geschehen sind, weil da Beter waren?
Vielleicht eine Mutter, die für ihr leichtsinniges Kind gebetet hat, das mit dem Auto unterwegs war. Gebet ist nicht Selbstgespräch, sondern Privataudienz beim Schöpfer und Herrn der Welt. Wer betet, stellt seine Sache Gott anheim und vertraut darauf, dass der weiß, was gut für ihn ist.
In einem Lied heißt es: Danke, Herr, nichts ist dir zu groß. Danke, Herr, nichts ist dir zu klein… Das glauben, macht uns getrost und nimmt uns Lasten ab. Wir müssen nicht immer selbst um unser Recht und unsere Existenz kämpfen.
Er, Gott, wird uns Recht schaffen, auch da wo wir keines haben. Das befreit von unserem Sorgen und Jammern. Das macht frei, auch einmal Unrecht zu ertragen. Es ist ja ein anderer da, der für uns eintritt. Er wird für letzte Gerechtigkeit sorgen. Es ist einer da, der am Kreuz das Recht für uns geschaffen hat, im zukünftigen Gottesreich leben zu dürfen. Ihm wollen wir uns Tag und Nacht im Gebet anvertrauen.
Herr, lehr’ uns beten, dass wir mit dir reden
Wie Kinder mit ihrem Vater.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168