Gottesdienst – Loben
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Die Kraft des Glaubens zum Loben, Leiden, Lieben, Lachen
„Loben, Leiden, Lieben Lachen.“ Vier Stichworte auf unserem Lebensweg, die immer wieder vorkommen, ob man noch jung ist oder schon etwas abgeklärt. Sie gehören zu unserem ganz persönlichen einmaligen Lebensweg, unterwegs zum großen Ziel unseres Lebens.
Vielleicht hat sich mancher über die Zusammenstellung gewundert: Loben, Leiden, Lieben, Lachen. Abgekürzt: Lo, Lei, Lie, La. Und das in einem Atemzug. Aber so war das nun einmal, dass die Gemeinde Jesu dadurch gekennzeichnet war. Die Christenheit war seit ihren Anfängen eine lobende Kirche, selbst in Verfolgungszeiten. Und sie musste von Anfang an durch viel Leiden hindurch gehen. Und ihre Liebe untereinander hat ihre ganze Umwelt und sogar ihre Gegner verblüfft. Und ihre Überzeugungskraft kam aus dieser Grundhaltung einer getrosten Fröhlichkeit, die in guten und bösen Tagen darauf vertraute, dass Gott uns in seiner Liebe freundlich und nicht böse anschaut. Ja, sie vertrauten darauf, dass er schließlich auch den Tod verlachen würde und ganz am Schluss unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein werde, wie es im Psalm 126 heißt.
Weil das von Anfang an so war, kommt das Thema uns näher. Dann muss Kirche auch heute eine lobende, leidensfähige, liebende und lachende Kirche sein. Eine Lo-Lei-Lie-La-Kirche. Vier Kennzeichen der Gemeinde Jesu in unserer Zeit. Und wenn es nicht so ist, dann stimmt etwas nicht.
Das Thema kommt noch näher, vielleicht unbequem näher: Dann müsste auch ich, jeder von uns, ein lobender, leidensbereiter, an großer Liebe erkennbarer und fröhlicher Christ sein.
Und zwar da, wo Gott uns hingestellt hat. Als Christ in der Kittelschürze oder im blauen Montageanzug, im weißen Arztkittel oder mit Schlips am Bankschalter, im Einkaufszentrum oder auf der Krankenstation, am Wickeltisch oder auf der Schulbank, auf dem Sportplatz oder im Rollstuhl. Erkennbar als ein Mensch, der ein lobender, leidensbereiter, an Liebe erkennbarer und fröhlicher Christ ist.
Das Thema dieser Abende behauptet nicht, dass das eine natürliche Begabung wäre oder eine automatische Qualität der Christen, sondern sagt, dass der Glaube dazu stark machen kann. Und wenn es gut geht, dann auch an diesen Abenden.
Keiner von uns weiß, wieviel Lebenszeit ihm noch auf dieser Erde verbleibt. Aber es ist in jedem Fall eine Zeit, in der Gott uns viele Gelegenheiten anbietet, dieses Loben, Leiden, Lieben und Lachen immer wieder neu zu lernen. Und wenn am Ende unseres Lebens einmal alles andere zurückbleiben muss, dann können wir das Loben und das Lachen und die Liebe sogar mitnehmen in jene bessere Welt, bei der nur das Leiden auf Erden zurückbleiben wird.
Wenn man über diese genannten Grundthemen Loben, Leiden, Lieben, Lachen nicht jetzt hier in der Kirche inmitten anderer freundlich gestimmter Christen reden würde, sondern sie in die abgekühlte Atmosphäre unseres Alltags versetzte, würde man schnell merken, dass sie ziemlich quer liegen zu dem, was sich da wirklich abspielt. Früh im Bus sieht man selten lachende Gesichter und beim halbverschlafenen Morgenfrühstück nach dem Ärger wegen der Bummelei hinter der viel zu lange verschlossenen Badtür ist anscheinend nur besonders Auserwählten zum Loben zumute. Und die grundsätzliche Leidensbereitschaft wird schon durch einen bohrenden Zahnschmerz oder einen Hexenschuss empfindlich gestört. Von der Liebe untereinander will ich jetzt noch gar nicht reden. Das bedeutet, dass es gar nicht so harmlos ist, sich auf solche Abende einzulassen und tatsächlich zu erwarten, dass der Glaube Kraft zum Loben, Leiden, Lieben und Lachen gibt.
Und noch etwas gleich zu Anfang: Das, was wir da an Stichworten in einem Atemzug nennen, dürfen wir nicht auseinander reißen. Es muss auf demselben Fundament stehen, aus derselben Quelle kommen. Mit guten Vorsätzen wie am Neujahrstag ist da nichts zu machen. Gute Vorsätze sind so schnell leergebrannt, wie die Raketen der Silvesternacht am nächsten Morgen ausgebrannt am Boden liegen.
Es kostet viel Energie, ein lobender, leidensfähiger, liebevoller und fröhlicher Christ zu sein. Aber nicht eine Energie, die aus unseren Willensanstrengungen kommt, da fallen wir schnell auf den Bauch, sondern aus dem Leben in einem weiten Horizont. Wir dürfen nicht im kleinen Horizont leben, der nur für möglich hält, was der Mensch zuwege bringt, sondern in einem weiten Horizont auf den hin, der alle Gewalt hat im Himmel und auf Erden und der stärker ist als unser Unvermögen, von uns aus so zu sein, wie er uns haben will. Und der uns doch einmal bei sich haben will und zwar so, dass wir dann dahin passen, wo er das ewige Ziel unseres Lebens für uns bereit gelegt hat.
Die Energiequelle, die wir dazu brauchen, steckt also nicht in uns selbst, weil wir uns besonders bemühen wollen, sondern ist der Glaube an unseren auferstandenen lebendigen Herrn, dem wir mehr zutrauen dürfen als uns selber. So wie es Paulus gesagt hat: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.“ Er will uns stark machen und auch Widerstandskraft geben gegen das, was uns vom Weg auf ihn zu abbringen will. Solche Widerstandskraft braucht man, weil Jesus keine harmlose Besänftigungsreligion verkündet hat. Der liebe Gott hat alle lieb, deshalb kann alles so bleiben, wie es ist. Das ist nicht die Botschaft Jesu, war eher die harmlose aber wertlose Botschaft vom Schlagersänger Guido Horn: Guido hat euch alle lieb!
Es ist eher, wie es Xavier Naidoo gesungen hat: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Er ist steinig und schwer. Nicht mit vielem wirst du einig sein. Doch dieses Leben bietet so viel mehr.“
Gott will mehr für uns, als wir selber schaffen können. Er will vollenden, was er einmal bei uns angefangen hat. Unser Leben soll nicht ein Fragment bleiben, irgendwann abgebrochen viel zu jung auf der Autobahn oder in hohem Alter mit Demenz-Umnachtung in einem Pflegeheim. Aber selbst wenn es so kommt, soll unser Leben trotzdem ein gelungenes Ganzes sein. Und das heißt konkret: Wir sollen einmal in der Gegenwart Gottes ankommen.
Eine Zwischenfrage: Gehört das eigentlich noch zu dem, was uns wirklich wichtig ist? Durch Jahrhunderte war diese Zielsetzung eines jeden Lebens klar. „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott ich wär in dir… Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat …“ Heute singen zwar im Fasching Tausende: „Wir kommen alle, alle in den Himmel“, aber sie tun keinen Schritt auf diesen Himmel zu.
Ich war 9 Jahre alt, mein Bruder Christfried, knapp 5. Da erkrankte er an Diphtherie. Das war 1941. Es gab noch kein Penicillin und keine Rettung. „Wenn ich in den Himmel komme, will ich den Heiland bitten, mir eine Trompete zu schenken.“ Mit dieser Sehnsucht ist er gestorben. 15 Jahre später, 1956, mein 26-jähriger Bruder, erwachsen, im modernen Denken zu Hause, aber in ähnlicher Erwartung, nach dem bösen Krebsleiden bei Jesus zu sein. Es ist eine Gnade, wenn man das als Erfahrung sagen kann: die Eltern und Geschwister und liebe Weggefährten sind ihren Weg in solchem Glauben zu Ende gegangen. Diesen Weg, der in der himmlischen Herrlichkeit ankommt. Und der nicht vorher abgebrochen werden soll.
Es gibt soviel Angefangenes, das dann irgendwann nicht weiterführt. Die vielen angefangenen Klavier- und Geigen- und Posaunenstunden. Man könnte einen ganzen Musikladen mit den herumliegenden nicht benutzten Instrumenten aufmachen. Am Anfang die Begeisterung und irgendwann dann die Lust vorbei. Und die vielen angefangenen heißen Liebesbeziehungen: „Ich will dich für immer lieben“. Aber dann oft so schnell das Aus. Und die gegenwärtige Not der vielen so hoffnungsvoll begonnenen Berufe. Das Begonnene bricht so oft ab. Und so gibt es auch so viele angefangene Glaubenswege. Vielleicht begeistert begonnen, aber dann irgendwann abgebrochen. Anderes wurde wichtiger. Andere Wege zum Glück schienen weniger mühsam und vor allem kürzer zu sein. Gott will aber mehr für uns als wir selber. Er will unser ewiges Glück bei ihm. Und das Gelingen des Lebens, das er uns schenken will, soll mitten in diesem Loben und Leiden, Lieben und Lachen geschehen.
Jetzt also das erste Stichwort. Die Kraft des Glaubens zum Loben. Lassen wir uns dazu etwas einstimmen.
Musik
Ein ganzheitliches Thema: Die Kraft des Glaubens zum Loben, Leiden, Lieben und Lachen.
Jetzt mag einer sagen: Moment mal, da stimmt doch die Reihenfolge nicht, das Loben kann doch erst am Schluss stehen, wenn man alles durchgestanden hat. Am Ende, wenn man sagen kann: „Gott sei Dank ist das alles gut gegangen. – Gott hat es alles wohl bedacht und alles, alles recht gemacht, gebt unserm Gott die Ehre“ Ja, so soll es durchaus sein, dass wir das Gute nicht selbstverständlich nehmen, sondern Gott für alle Hilfe und Bewahrung danken. So findet man es schon in den Psalmen, dem ältesten Gesangbuch der Welt: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich, beginnt der Psalm 107. Und dann wird Gottes Freundlichkeit und Güte in diesem Psalm beschrieben, ganz praktisch in wunderbaren Erfahrungen: Ja, er hat die, die sich in der endlosen Wüste in tödlicher Ausweglosigkeit verlaufen hatten, dem Verdursten nahe, wieder herausgeführt. Und der Kranke, den sie schon aufgegeben hatten, der steht wieder auf seinen Beinen. Und der andere, der in tiefe Schuld gefallen und im Kerker mit Eisenketten angeschmiedet war, der kam doch noch einmal frei. Und andere hat er aus Seenot gerettet nach diesem fürchterlichen Sturm. Ja, so ist Gott. Alle sollen ihm danken, weil er so viel Wunderbares getan hat. Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. Ganz poetisch-schwärmerisch können die Psalmen da werden: Du hast meine Klage in einen Tanz verwandelt. Hast mir meine Trauerkleider ausgezogen und mir ein Freudenkleid angezogen. (30,12). Solcher Dank-Lobpreis findet sich auch in unseren Liedern: „… da half mein Helfer mir vom Tod und ließ mir Trost gedeihen: Drum danket Gott, ach danket Gott, gebt unserm Gott die Ehre.“ Oder: „Vergiss nicht zu danken, dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan.“ „Danke, Herr, nichts ist dir zu groß, danke, Herr, nichts ist dir zu klein.“ Ja, das ist gut so, Gott danken für das, was man erlebt hat. Für allen Schutz, alle Bewahrung, alle Hilfe. Dass man aus dem Krankenhaus wieder heimgedurft hat. Dass der Sohn doch noch die Kurve in ein ordentliches Leben bekommen hat. Dass man rechtzeitig vor der Fehlentscheidung gewarnt wurde. Wir tun es viel zu wenig, nehmen vieles viel zu selbstverständlich. Das wäre ja das Mindeste, was Gott von uns erwarten kann, dass wir dankbare, lobende Christen sind.
Aber manche haben eine noch schönere Erfahrung gemacht: Das Loben und Danken kann auch am Anfang stehen. Da vertraut man seinem Gott, dass er alles richtig macht. Lobt ihn schon vorher dafür, dass das, was er schickt oder geschehen lässt, gut für einen ist. Und dass es auf dem Weg zum Ziel weiterführt.
Solches vorauslaufendes Loben ist auch uralt, steht auch schon in den Psalmen. In Psalm 13 breitet einer sein ganzes Elend aus: andere Menschen feinden ihn an, machen ihn fertig und knüppeln ihn nieder. „Mein Gott, wie lange willst du mich noch so völlig vergessen,“ klagt er zum Himmel. „Ach, wie lang, ach lange, ist dem Herzen bange und verlangt nach dir,“ heißt es im Lied „Jesu, meine Freude.“ Die schwere Zeit geht dahin und nichts geschieht. Wie lange willst du mich noch vergessen? Wie lange muss ich meinen Kummer noch aushalten? Werde ich nicht dabei auch zum Gespött der Spötter, die mit Fingern zeigen können: Der war doch immer so gläubig und jetzt lässt sein Gott ihn ganz schön hängen.
Aber dann geschieht das Erstaunliche. Der anscheinend von Gott verlassene Psalmdichter fängt unvermittelt an, Gott zu loben. Gerade noch sein schmerzgeplagtes Seufzen. Und dann im gleichen Atemzug: „Mein Herz freut sich darüber, dass du so gerne hilfst. Ich will dem Herrn singen, dass er so gut zu mir ist.“ Da springt einer über sein augenblickliches schlimmes Ergehen hinweg, vertraut darauf, dass er in Gottes guten Händen ist, und fängt an, Gott dafür zu loben, was der erst noch an Hilfe schicken soll. Hiob tut das inmitten seiner großen Verzweiflung über all die Anhäufung von Unglück. Er sagt: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Grenzenloses Vertrauen über alle Not hinweg.
Wenn man das tut, tut man etwas Mutiges. Man bricht die Brücken des Zweifels hinter sich ab. Dieses bohrende Zweifeln: Ach wer weiß, ob da überhaupt ein Gott mein Bitten hört und meine Not wahrnimmt, und wenn ja, ob er sich um mich kleines Licht kümmern wird. Ich bin ihm vielleicht nicht wichtig genug. Solches Grübeln lässt man hinter sich und begibt sich im freien Flug in die Arme Gottes. Der fängt mich jetzt auf. Da kann ich nur froh sein und danken.
So gesehen ist es doch richtig, in der Reihenfolge loben, leiden, lieben, lachen das Loben an den Anfang zu stellen. Wenn man ein lobender Christ ist, wird das andere leichter gelingen.
Nun könnte man die Bayreuther ja geradezu beneiden. Bayreuth, das ist ja die Stadt mit der vielen Hilfe zum Gotteslob, die Stadt der Musikhochschule für Kirchenmusik, der großen Kantoreien und Kirchenchöre, der Posaunenchöre und der Jugend- und Kinderchöre. Ein neues Kindermusical bekam einen Preis und es gibt die Chöre und Bands der Gruppe Luther, des CVJM und anderer. Wunderbar und ein großer Reichtum in unserer Kirche. Unser Gemeindeleben wäre viel ärmer, wenn sie alle plötzlich stumm wären.
Aber das, was sich da alles aufzählen lässt, macht es noch nicht aus, worum es geht. Es ist ja nicht gesagt, dass unser Herz wirklich mitschwingt bei dem, was die Ohren hören und die Lippen tun. Als ich Kind in Görlitz war, erinnere ich mich, dass der Kirchenchor, wenn er gesungen hatte, zum großen Teil vor der Predigt verschwand. Bei bezahlten Künstlern habe ich das auch schon erlebt. Ein seltsames Verständnis vom Gotteslob. Aber es geht nicht um andere, sondern um uns. Ob wir innerlich dabei sind, ob unser Herz mitschwingt, wenn unsere Lippen Gott loben.
Nun muss man ehrlich zugeben, dass unsere Ausgangspositionen allerdings sehr verschieden sind. Die einen haben Erfolg gehabt, Schönes erlebt, ein Examen bestanden, die anderen haben ihr Kündigungsschreiben bekommen, weil der Betrieb sich ins Ausland verlagert hat. Die einen haben Spaß an dem, was sie tun, die anderen quälen sich damit ab. Die einen haben einen sportlichen Wettkampf gewonnen, die anderen die Diagnose „Krebs“ hören müssen. Die
einen haben dem Sohn den Führerschein finanzieren können, bei den anderen musste die Tochter von der Klassenfahrt daheim bleiben. Die einen freuen sich über die Geburt des lang ersehnten Kindes oder Enkels, die anderen tragen mit großer Trauer Blumen zum Friedhof. So geht dieser Unterschied heute auch quer durch unsere Reihen hier in der Kreuzkirche. Wir stimmen gemeinsam ein, wenn Gott gelobt wird, aber es fällt uns unterschiedlich leicht oder schwer.
Bei dem, was mit Loben gemeint ist, geht es ja nicht darum, dass jemand immerzu Loblieder singt und damit eventuell seine Arbeitskollegen oder Hausbewohner nervt. Es geht zunächst um eine Grundhaltung. Die hat mit Dankbarkeit und Zufriedensein zu tun und einem Blick für das Gute. Loben ist eine wichtige Lebensnotwendigkeit. Kinder brauchen es. Man muss sie loben, auch wenn sie überwiegend Vierer und Fünfer nach Hause bringen. Es gibt anderes, wo sie gut sind, beim Sport oder Versorgen der Hamster. Das Lob verhindert dann die Verengung des Blickes nur auf das Negative. Das ist auch bei der Politik wichtig. Natürlich gibt es viel zu kritisieren, manches, was einen zornig machen kann. Aber es ist trotzdem vieles gut, wenn wir uns nur klar machen, dass in unserem Land keine Stasi früh um Sechs an der Wohnungstür schellt, um uns abzuholen, weil wir etwas Kritisches gesagt haben. Und es ist gut und nicht selbstverständlich, dass Gas aus der Leitung und Strom aus der Steckdose kommt, auch wenn beides zu teuer ist. Oder, dass wir nicht schutzlos der Gewaltkriminalität ausgeliefert sind wie in manchen Ländern, wo bewaffnete Horden und Todesschwadronen Angst und Schrecken verbreiten. Oder wie es Dieter Hildebrandt gesagt hat: „Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wird dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen.“ Wenn man das viele Erfreuliche dankbar bedenkt, entkommt man der Verengung des Blickes auf das viele Negative.
Und so ist es auch, wenn wir Gott loben. Da entfliehen wir der hypnotischen Kraft dessen, was unser Leben erschwert, wir entwickeln ein dankbares Gedächtnis für all das Gute, das wir jeden Tag empfangen, an guten Gaben und geistlichem Segen. Wir werden sogar gerechter gegenüber dem, was in unserem Leben hinter uns liegt. Bei manchen ist da ja ganz viel Leid. Aber die vielen schweren Erlebnisse, die besonders bei Beerdigungen von Angehörigen erzählt werden, „was die Mutter alles durchgemacht hat“, sie sind nicht das Ganze, es war auch viel Freude dabei, manches fröhliche Fest, mancher schöne Ausflug. Und erst recht, wenn wir uns vor Augen halten, was Jesus für uns getan hat, was er uns abgenommen hat an Schuld und was er uns schenkt an Liebe und dass er uns den Zugang zu Gott frei gemacht hat.
Wahrscheinlich kann man nicht loben, wenn man nicht staunen kann. Staunen über die wunderbare Schöpfung und die Liebe Gottes, die darin steckt. Dass die Zugvögel nach tausenden Kilometern wieder hergefunden haben, dass wir uns an roten oder gelben oder pinkfarbenen Rosen erfreuen können, obwohl das doch nur winzige Unterschiede in den Lichtschwingungen sind, die auf unsere Netzhaut treffen, zwischen 380 und 760 Nanometern. Oder dass ein fingernagel großes Stück Silizium Millionen von Informationen speichern kann. Und dass ein vier Millimeter großer Zellhaufen im Mutterleib schon alle Merkmale und Begabungen des künftigen Menschen in sich trägt: Oder dass die schwingende Luft im Metallrohr der Flöte zu wunderschöner Musik wird und unser Herz anrührt.
Eine Flöte bleibt stumm, wenn sie keine Luft bekommt. Eine Gitarrensaite gibt keinen Ton, wenn sie nicht schwingt. Und ein Herz kann nicht loben, wenn es nicht mitschwingt. Es geht nicht um Musikalität und Sangeskunst. In Himmelkron habe ich einmal eine Behinderte im Rollstuhl erlebt, deren mühsam herausgebrachtes Gestammel voller Lob war, weil sie ein Herz voll Lob und Dank hatte.
Es ist wunderbar, dass das Lob Gottes unsere menschlichen Nöte und Grenzen überspringen darf. Wenn wir Gott loben, dann stehen wir in einer Reihe mit den himmlischen Heerscharen, mit denen, die das ewige Ziel schon erreicht haben, mit denen, die die Bibel so beschreibt, dass sie am Thron Gottes anbeten.
Der Evangelist Lukas erzählt, wie Jesus einmal zehn Aussätzige von ihrer Lepra-Krankheit geheilt hat. „Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?“Dort im Evangelium ist es einer unter zehn, der nicht alles Gute für selbstverständlich hält. Einer unter zehn, der noch weiß, dass man nicht alles sich selber zu verdanken hat. Es ist so viel, das man nicht von sich selber hat: dass man in Deutschland geboren ist und nicht in Afghanistan oder im Sudan. Begabungen, Gesundheit, Friedenszeit. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass unsere Leber und unsere Blase funktionieren und dass wir von einer Fahrt gesund zurückkommen.
Einer hat es also begriffen, einer von Zehn. Zehn, die nur noch auf ein qualvolles Sterben warten konnten, haben miteinander etwas Wunderbares erlebt. Aber nur einer merkt, dass da Gott eingegriffen hat. Er hat nicht einfach bloß gesagt: „Mensch, da habe ich aber Schwein gehabt,“ sondern er sagt: „Gott sei Dank.“ Einer ist noch einmal umgekehrt. Wenigstens einer. Wenigstens einer von zehn muss also da sein. Einer, der begriffen hat, worauf es ankommt. Einer, der kapiert, was das Gute ist und wo das Glück herkommt und wo das Entscheidende für das Leben liegt.
Einer von den zehn. Jesus empört sich nicht über die Undankbarkeit der anderen. Er fragt nur: „Wo sind denn die anderen neun?“ Er nimmt es hin, dass da nur einer zeigt, dass er verstanden hat, was Gott an ihm getan hat. Aber dieser eine muss da sein. Zehn wollen am Sonntag einmal ausschlafen, aber einer steht trotzdem auf und will Gott die Ehre geben. Zehn sitzen in einem Büro und neun klagen über ihr Leben und bekunden ihre Unzufriedenheit, da muss doch einer oder eine da sein, die sagt: „Ich finde, dass es uns in Deutschland gut geht, besser als wir es verdient haben.“ Hundert singen „Lobe den Herren, meine Seele“ aber zehn wenigstens sind ganz dabei mit ihrem Herzen voll Lob und Dank. Neun sagen: „Ich drück dir die Daumen“, aber eine sagt: „Ich will für dich beten“. Neun sagen „Das macht doch nichts, das machen doch alle“, aber einer sagt: „Da macht mein Gewissen nicht mit.“ Neun reden abfällig über eine Abwesende und ihr Verhalten, aber eine sagt: „Lasst sie, sie hat eine kranke Mutter zu pflegen.“ Neun schimpfen über die Kirche und ihre vielen Mängel, aber einer sagt: „Und doch ist durch sie das Evangelium zu mir gekommen, eine Geschichte des Segens, in der auch mir das Heil gezeigt ist.“
„Wo sind die neun, die doch auch Gottes Güte erfahren haben?“, fragt Jesus. Und er setzt wohl die andere Frage daneben: „Und du, bist du der eine, bist du die eine, die Gott die Ehre gibt?“ Eine Frage, die sich durch diese Woche zieht: Bist du der eine, die eine, die aus dem Glauben neue Kraft schöpfen will? Der eine oder die eine; die im Vertrauen auf Gott loben, leiden, lieben und lachen kann? Seid ihr der eine von zehn, die zehn von hundert, die hundert von tausend? Gott traut es uns, er traut es Ihnen, er traut es dir zu.