Gottesdienst – Lk 6, 36 – 42

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4.Sonntag nach Trinitatis, 05.07.2009, Lk 6, 36 – 42

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:
…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt steht im 6. Kapitel des Lukasevangeliums Vers 36-42:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in eueren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis:
Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen?
Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.
Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

Ein Mann hatte sich in der Wüste verirrt und war vor Durst fast zugrunde gegangen. Mit letzter Kraft kam er zu einem verlassenen Haus. Aber er fand dort keinen Tropfen Wasser. Schließlich sah er vor dem Haus eine alte rostige Wasserpumpe. Er nahm alle Kräfte zusammen und begann wie wild zu pumpen. Aber es kam kein Tropfen Wasser.

Dann bemerkte er einen Krug neben der Pumpe, der mit einem Stöpsel verschlossen war. Daran hing eine Notiz: „Du musst zuerst die Pumpe mit dem Wasser füllen, mein Freund, nur dann fördert sie Wasser. Und nicht vergessen, dann den Krug wieder ganz zu füllen und zu verschließen, bevor du weggehst!“

Der Mann zog den Korken aus dem Krug und bemerkte, dass der Krug tatsächlich voll Wasser war. Nun begann er mit sich zu ringen: Sollte er wirklich das Wasser in die Pumpe gießen? Was aber, wenn sie dann doch nicht funktionierte oder der Brunnen trocken wäre? Dann wäre das kostbare Leben spendende Nass vergeudet.

Wenn er gleich das Wasser aus dem Krug trinken würde, dann konnte er zumindest sicher sein, nicht selbst zu verdursten. Allerdings würde dann kein nach ihm kommender mehr Wasser finden!

Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung und große Überwindung, das Wasser in dem Krug tatsächlich in die Öffnung der Pumpe zu gießen. Dann begann er zu pumpen. Es dauerte ein wenig. Hatte er sich doch falsch entschieden? Da begann plötzlich frisches Wasser aus der rostigen Röhre zu schießen und der Mann hatte mehr köstliches Wasser als brauchte. Auch den Krug füllte er gewissenhaft wieder und verschloss ihn mit dem Korken. Auf den Zettel mit der Anweisung fügte er hinzu: „Glaube nur! Es funktioniert! Du musst der Pumpe alles geben, ehe du etwas zurückbekommst.“

Ist das nicht auch in unserem Glauben so: Gebt, so wird euch gegeben! Das ist ein großes Versprechen. Aber viele trauen den Worten Jesu nicht, sie halten ängstlich fest, was sie haben, wollen es ganz für sich behalten und so die eigene Zukunft absichern. Ein verhängnisvoller Irrtum, der geizig und unbarmherzig macht.

Die vielen Mahnungen lassen uns leicht den ersten und wichtigsten Satz dieses Teils der Feldrede Jesu, bei Matthäus heißt sie Bergpredigt, vergessen:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ja, der Vater im Himmel ist uns gegenüber barmherzig. Er will uns nicht zugrunde richten, sondern aufrichten. Er hat nicht Freude daran einen fertig zu machen, sondern uns frei zu machen. Er beschenkt uns und er will, dass wir uns auf ihn verlassen und andere ebenso beschenken.

Im Moment leidet unsere Wirtschaft darunter, dass die Banken keine günstigen Kredite geben. Sie können zwar von der EZB selbst ganz billige Kredite bekommen, aber sie geben sie nicht weiter. Und deshalb geht nichts weiter. Und so geht auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen nichts weiter, wenn wir die Barmherzigkeit, die Gott uns entgegenbringt nicht auch denen entgegenbringen, die unsere Hilfe brauchen oder die uns gegenüber Fehler machen.

Barmherzigkeit muss weitergegeben werden, sonst geht sie verloren! Stellen Sie sich ein wassergetriebenes Mühlrad vor: Es hat Wasserkästen, die von oben her gefüllt werden. Die schweren vollen Kästen drehen das Mühlrad weiter. Unten fließt das Wasser heraus und leer und leicht kommen sie wieder oben an und werden neu gefüllt.

Wer die von oben empfangene Barmherzigkeit Gottes weitergibt, der wird immer neu mit Gottes Barmherzigkeit gefüllt. Wären die Wasserkästen des Mühlrads verschlossen und gefüllt und würden nicht das Wasser wieder preisgeben, dann würde das Mühlrad bald stehen bleiben, wäre kraftlos. So wie Menschen, die die Barmherzigkeit Gottes für sich behalten und nicht weitergeben in ihrem Glauben und Wirken kraftlos werden. „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Sagt Jesus. Da geht nichts von dir aus, was andere als Segen und Liebe annehmen können.

Wie kann man denn barmherzig sein?
Schwächen nicht ausnützen, sondern Schwache unterstützen.
Fehler nicht nachtragen, sondern vergeben.
Schuld nicht zurechnen, sondern auslöschen.
Es ist auch barmherzig Geduld mit anderen zu haben.

Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, singen wir in dem Lied nachher, viel mehr als ein Vater es kann

Es ist barmherzig dem anderen zuzuhören, auch wenn man seinen Jammer schon kennt oder wenn man selber genug eigenen Kummer hat.

Es ist barmherzig, nicht alles besser zu wissen und besser zu können und das auch noch ständig zu zeigen.

Aber wir verwenden sehr oft unbarmherzige Bemerkungen, Halbsätze, Ausdrücke und merken es manchmal gar nicht:

Stell dich nicht so an! – Ungeschick lässt grüßen! – Lass mich mal! – Das hätt’ ich mir ja denken können! Oder: Das hab ich mir gleich gedacht! – Mal wieder typisch für Dich!

Barmherzige Bemerkungen klingen anders: Ist nicht so schlimm! Das hätt’ mir auch passieren können. Oder vielleicht noch ehrlicher: Das ist mir auch schon passiert. Das geht mir auch oft so. Halb so wild! Kann ich dir helfen?

Es kann auch mal barmherzig sein, das Ungeschick oder den Fehler des anderen bewusst zu übersehen und nicht darüber zu sprechen.

Es ist barmherzig sich in die Notlage eines anderen hineinzudenken, sich Zeit für ihn zu nehmen und nicht so schnell über seine Sorgen hinwegzugehen: Reiß dich halt zusammen! Sei nicht so empfindlich! Das hättest du dir halt vorher überlegen müssen! Aus solchen Sätzen spricht eine lieblose hochmütige Überheblichkeit. Richtgeist.

Davor warnt der Herr Jesus hier ausdrücklich: Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet werdet. Richten ist kleinlich und peinlich. Man stellt sich über den anderen, stellt sich als besser hin, macht sich selbst groß und den anderen klein.

Die Steigerung des Richtens ist das Verdammen: Mit dir bin ich fertig! Ich verachte dich! Du bist für mich gestorben! Richten und Verdammen wendet sich meist schnell gegen einen selbst.

Ganz anders das barmherzig sein. Es kommt aus der Dankbarkeit, dem bewussten Wahrnehmen, was Gott uns schenkt, aus dem dankbaren Gebet. Ein schönes Bild verwendet der Herr Jesus hier: Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß. – Wenn ein Bettler oder armer Nachbar an die Tür kam, dann hat er manchmal um Korn gebeten, weil er keins mehr hatte. Und dann ist der Gebetene in seine Vorratskammer gegangen und hat etwas geholt. Er hat ein Maß mitgenommen, ein Behältnis und es gefüllt. Je nachdem, wenn er geizig war, hat er nur ein bisschen in den Becher. Wenn er großzügiger war, hat er das Maß halb-, dreiviertel-, oder ganz voll gemacht. Und es dann dem Bittenden in seine aufgehaltene Schürze geschüttet.

Der Herr sagt hier, dass Gott uns das Maß seiner Liebe und seiner Gaben gerüttelt, gedrückt und überfließend voll gemacht hat. In jeder Beziehung. Stimmt’s etwa nicht? Wie leben wir denn? Die meisten von uns haben materiell mehr als sie brauchen. Mehr zu Essen und zu Trinken und anzuziehen. Mehr Wohnraum, mehr Licht, mehr Wärme, mehr Mobilität, mehr Kommunikationsmöglichkeiten, mehr Freiheit, ja sogar mehr Luxus als man brauchen würde und manchmal sogar mehr als uns gut tut.

Mehr als eine Milliarde Menschen auf dieser Welt sind arm. So arm, dass sie hungern und dass sie kein sauberes Trinkwasser haben, ganz zu schweigen von Wasser zum Waschen, Duschen oder Baden. Sie verfügen nicht über genug Kleidung, haben oft kein Dach über dem Kopf. Sind so arm, dass sie sich keinen Arzt und keine Medikamente leisten können. Sie haben kein Einkommen und kein Auskommen. Keine Rente oder eine nie niemals reichen kann.

Auch geistlich haben wir ein überfließendes Maß. Wir haben Bibeln und Gesangbücher, Andachtsbücher und Glaubenslieder, CDs und Kassetten, Gottesdienste, Bibelstunden, Freizeiten, Seelsorge, Zuspruch und Beratung. Geistliche Musik zum Hören oder zum Mitsingen und Mitspielen.

Vielleicht auch eine oder mehrere Milliarden Menschen auf dieser Welt haben das alles nicht, obwohl auch sie doch eine große Sehnsucht danach im Herzen haben. Aber es sagt ihnen niemand das Evangelium. Es ist keine Kirche für sie offen. Niemand sorgt für ihre Seele, rät ihnen oder unterstützt sie.

Warum denn nur? Weil zu wenig Barmherzigkeit in unserer Welt, in unserem Land, in unseren Gemeinden, in unseren Herzen, in meinem Herzen. Ich gebe viel zu wenig von der Barmherzigkeit weiter, die ich empfangen habe: geistlich und materiell.

Woher kommt denn das? Wir orientieren uns viel zu wenig an Jesus. Wir bauen auf unsere eigene Sicherheit und Vorsorge und nicht auf Gottes Barmherzigkeit, von der wir doch bisher schon gelebt haben. Unsere christlichen Werte verschwinden immer mehr aus unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Eine Liedstrophe aus einem Tauflied von Gerhard Karl Barth in unserem Gesangbuch lautet:

Kampf und Krieg zerreißt die Welt,
einer drückt den andern nieder.
Dabei zählen Macht und Geld,
Klugheit und gesunde Glieder.
Mut und Freiheit, das sind Gaben,
die wir bitter nötig haben.
(EG 576,2)

Mut und Freiheit sind nicht auf Helden beschränkt, sondern gehen von Barmherzigen aus. Mut und Freiheit kommen aus der angenommenen Barmherzigkeit Gottes. Der Mut zu helfen, den Schwachen zu schützen, ungewöhnliche Aktionen zu starten. Barmherzigkeit hat Phantasie. (Vier Freunde decken ein Dach ab um ihren gelähmten Freund dann Jesu von oben herab vor die Füße zu legen.) Es zeugt von großer Freiheit, wenn man etwas von seinem Besitz, von seiner Sicherheit, seinem Vorrat herschenken kann.

Gottes Barmherzigkeit fließt vom Kreuz her über. Jesus hat den Mut und die Freiheit sein Leben am Kreuz für uns zu geben. Das ist der höchste Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Er will nicht richten, nicht verdammen, sondern retten und versöhnen. Und der Apostel Paulus fleht uns an. Lasst euch versöhnen mit Gott!p (2.Kor 5,20)

Wenn wir uns im Heiligen Abendmahl versöhnen lassen mit Gott, wenn wir da die Hände und die Herzen aufmachen und die verschwenderisch liebevoll ausgeteilte Barmherzigkeit unseres Herrn für uns annehmen, kann es uns dann noch schwer fallen auch barmherzig zu sein? Können wir uns dann noch davor drücken, auch zu geben, wo uns doch so viel gegeben ist? Können wir uns da noch weigern zu vergeben, wo wir doch selbst so viel Vergebung empfangen haben?

O Abgrund, welcher alle Sünden durch Christi Tod verschlungen hat! Das heißt die Wunde recht verbinden, da findet kein Verdammen statt, weil Christi Blut beständig schreit: Barmherzigkeit, Barmherzigkeitp. (EG 355, 4)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168