Gottesdienst – Lk 16, 1-9

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Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11.05 Lk 16, 1-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus
Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören.
Folgende Verse aus dem 16.Kapitel des Lukasevangeliums liegen dieser
Predigt zugrunde (1-9):

Jesus erzählte seinen Jüngern folgende Geschichte: „Ein
reicher Mann hatte einen Verwalter. Als er entdeckte, dass dieser seinen
Besitz verschleuderte, stellt er ihn zur Rede: ‚Was muss ich von dir hören?
Bring mir deine Abrechnung! Du bist entlassen!’ Der Verwalter überlegte:
‚Was mache ich jetzt? Meinen Posten bin ich los. Ein Feld umgraben kann
ich nicht und zum Betteln bin ich zu stolz. Ich weiß, was ich tue.
Ich mach mir Freunde, die mir weiterhelfen, wenn ich arbeitslos bin.’ Er
ließ alle Männer zu sich rufen, die bei seinem Herrn Schulden
hatten. Den ersten fragte er: ‚Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? ‚Ich
muss ihm hundert Fass Olivenöl geben’, antwortete der Mann. ‚Hier
ist dein Schuldschein!’ Erklärte ihm der Verwalter. ’Trage fünfzig
ein!’ ‚Und wie hoch sind deine Schulden?’ fragte er einen anderen. ‚Ich
schulde deinem Herrn hundert Sack Weizen.’ ‚Hier, nimm den Schuldschein
und schreibe achtzig!’ Jesus lobte das vorausplanende Handeln des gerissenen
Verwalters. Denn die Menschen dieser Welt gehen klüger und geschickter
miteinander um, als die Menschen, die sich zu Gott bekennen.

Ist das ein Gauner, der Verwalter, von dem der Herr Jesus hier erzählt.
Kann man denn von einem Gauner etwas lernen? Der Herr Jesus hat offensichtlich
keine Skrupel, seinen Jüngern von diesem knallharten Betrüger
zu erzählen. Dabei empört er sich nicht über den Mann, sondern
meint: Da könnt ihr noch was lernen.

Der Verwalter war wohl zu großzügig und verschwenderisch
mit dem ihm anvertrauten Gut umgegangen und hatte es sich auf Kosten seines
Herrn gut gehen lassen. Als er es gar zu toll treibt, fliegt die Sache
auf. Man trägt seinem Herrn einige Informationen zu: Weißt du
eigentlich, was der mit deinem Besitz macht? Wie der mit deinem Geld umgeht!

Der Herr setzt eine Kassenprüfung an und bestellt seinen Verwalter
zu sich. Dem ist sofort klar, dass das Spiel jetzt aus ist und die fetten
Zeiten vorbei sind. – Er wird rausfliegen. So viel ist klar. Dann ist er
den schönen Job los und den damit verbundenen Luxus auch. – Jetzt
nur nicht gleich die Nerven verlieren! Kühlen Kopf behalten und retten,
was zu retten ist. Man muss ja an die Zukunft denken. „Graben kann ich
nicht und zum Betteln bin ich zu stolz!“

Schau an! Faul ist er auch noch, der Kerl. Für ehrliche Arbeit
ist er sich zu schade. Hat so viel Dreck am Stecken, aber will sich die
Finger nicht schmutzig machen. – Na ja und aufs Sozialamt mag er auch nicht
gehen, das ist unter seiner Würde. Er überlegt fieberhaft, was
zu tun ist. ‚Jetzt, wo bald schlechte Zeiten für mich anbrechen, brauche
ich gute Freunde. Die sind aber nicht so leicht zu finden, es sei denn,
man kauft sie sich.’

Und so macht er’s dann auch. Er weiß schon, an wen er sich wenden
kann und wer da mitspielt. In einer Blitzaktion, solange er noch Prokura
hat, setzt er die Verbindlichkeiten der Schuldner drastisch herunter, wahrscheinlich
nicht ohne dabei gleich etwas für sich herauszuhandeln.

Und der Herr Jesus findet für diesen Mann auch noch anerkennende
Worte. Aber geht es uns nicht manchmal auch so? Wir hören oder lesen
von einem dreisten Betrug, einem klug eingefädelten Deal, bei dem
einer mit einem schlauen Trick reiche Leute ausnimmt und obwohl wir das
natürlich nicht in Ordnung finden, spüren wir doch so eine Spur
Anerkennung für die Raffinesse, mit der das ganze eingefädelt
ist.

In der Notzeit nach dem zweiten Weltkrieg fuhren einige Nonnen aus einem
Kloster in Trier ab und zu in das nahe Luxemburg um Lebensmittel einzukaufen,
die es damals in Deutschland nicht gab. Zu den Nahrungsmitteln besorgten
sie auch ein paar Pfund Bohnenkaffee. Diese besonderen Schätze, die
man ja nicht ausführen durfte, verstauten sie in Päckchen, die
sie unter den Armen einklemmten und unter ihren weiten Ordensgewändern
versteckten.

An der Grenze fragte der kontrollierende Zöllner mit strengem Blick,
ob sie etwas Verbotenes eingekauft hätten. Eine der Nonnen gab mit
treuem Blick ganz ehrlich zur Antwort: Ja, wir haben ein paar Pfund Kaffee
gekauft, aber den haben wir unter den Armen verteilt. Da war der Zöllner
zufrieden und ließ sie passieren.

Da lässt einer seine Hühner zuerst durch Farbe und dann übers
Papier laufen und stellt das Ergebnis dann als Kunstwerk von – – – jetzt
nenne ich lieber keinen Namen, als Kunstwerk eines modernen Malers aus
und bietet es für 100.000 € zum Kauf an. Die Kunstliebhaber stehen
ehrfurchtsvoll davor.

Ähnlich die Geschichte des Hauptmanns von Köpenik, wo ein
armer Schuster sich eine Hauptmannsuniform ausleiht und sich damit, selbstsicher
und bestimmend auftretend, die Stadtkasse aushändigen lässt.
Ja, manche Gaunerei kann einem schon einen gewissen Respekt abnötigen.

Wie viele kleine und große Betrüger und Kriminelle mögen
es sein, die für den Tag X und die Zeit danach gut vorgesorgt haben,
damit sie nicht, wenn ihr Betrug auffliegt mit leeren Händen dastehen.
Der Notgroschen, bzw. die Notmillionen sind meist gut und gewinnbringend
im Ausland angelegt.

Jesus hat gut beobachtet und kommt zu dem Schluss: Die Menschen dieser
Welt gehen klüger und geschickter miteinander um als die Menschen,
die sich zu Gott bekennen. Oder in der Übersetzung Martin Luthers:
Die
Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder
des Lichts.

Manche Christen reagieren etwas verstört auf dieses Gleichnis.
Sie denken, Jesus würde hier die kriminelle Handlungsweise des Betrügers
loben. Aber der Herr Jesus heißt hier nicht das Verbrechen, den Betrug
gut. Es geht ihm nur um einen Punkt, in dem sich die Kinder des Lichts
ein Beispiel nehmen sollen an den Kindern der Welt. Und er meint dabei
mit Kindern des Lichts Menschen, die von Gott wissen, Menschen, die damit
rechnen, dass sie eines Tages vor ihren Herrn hintreten und ihm Rechenschaft
für ihr Leben geben müssen.

Ist nicht unser Leben auch so etwas, wie anvertrautes Gut? Sind wir
nicht auch Verwalter? Verwalter Gottes, die die Aufgabe haben, das, was
eigentlich einem anderen gehört zu verwalten und zu mehren? Natürlich
dürfen wir auch von den Gütern Gottes leben, aber es ist nicht
im Sinne des Besitzers, wenn wir seine Werte verschleudern, missbrauchen,
nur egoistisch für uns verwenden.

Unser Wochenspruch warnt uns: Wir müssen alle offenbar werden vor
dem Richterstuhl Christi. Alle! Die Verbrecher und Betrüger, die Ausbeuter
und Gewalttäter, die Terroristen und die Egoisten. Auch Sie und ich,
wir müssen alle eines Tages unsere Bücher vorlegen und Rechenschaft
geben für unser tun und Lassen, Reden und Denken, Schweigen und Vortäuschen.

Ob es einen oder eine unter uns gibt, der oder die bei diesem Gedanken
ruhig sagen kann: Na und! Das macht mir nichts aus. Ich hab mir nichts
vorzuwerfen. Ich hab immer alles so gemacht, wie es im Sinne meines Herrn
war. – Ich könnte das von mir nicht sagen. Und Sie? – Sind wir nicht
in vielen Bereichen auch schlechte Verwalter der Gaben, die Gott uns anvertraut
hat? Wofür nehmen wir unsere Zeit und Kraft, unser Talent, unser Geld,
unsere Gesundheit her? Verschwenden wir sie nicht auch oft? Verwenden wir
sie nicht häufig nur für uns selbst?

Wenn ja, dann stellt sich die Frage: Wie sorgen wir vor für die
Zeit nach dem Tag X? Als Kinder der Welt sind wir doch auch alle für
Vorsorge. Wenn wir nur irgendwie können, sorgen wir vor für die
Gesundheit. Wir lassen uns impfen, schlucken Tabletten und Pillen, zählen
Kalorien oder Fettpunkte. Wir sorgen finanziell vor, wenn wir nur irgendwie
können: Riesterrente oder Risiko Versicherung gegen Brand und Sturm,
Diebstahl und Invalidität. Wir versichern unser Reisegepäck und
unseren Hausrat, unsere Krankheit und unser Sterben. Für den Sarg
und den Grabstein reicht’s meistens. Aber wird es auch für die Ewigkeit
im Himmel reichen?

Müssten wir nicht als Kinder des Lichts da genauso vorsorgen und
alles dransetzen, um sicherzustellen, dass wir einmal mit dabei sind in
der Herrlichkeit? Da geht es nicht nur um ein paar Jahre oder Jahrzehnte,
sondern um die Ewigkeit. Das ist der Punkt, den der Herr Jesus hier meint,
mit seinem etwas zweifelhaften Vorbild: An die Zukunft, an die Zeit danach
zu denken und zu tun, was nötig ist. Unverzüglich. Nicht aufschieben.
Wir haben nicht beliebig viel Zeit.

Haben Sie so viel Mut und Fantasie, sich vorzustellen, dass sie heute
noch eine Nachricht des Allerhöchsten erreicht in der es heißt:
Halte dich bereit, morgen Vormittag will ich mit dir dein Leben durchgehen.
Könnten Sie bei dem Gedanken heute Nachmittag ganz gelassen Ihren
Kaffee trinken und Ihren Kuchen essen. Würden sie beruhigt schlafen,
denn es ist ja alles so, wie es sein sollte in Ihrem Leben? Sie leben in
Frieden mit jedermann. Sie haben alle Rechnungen bezahlt, sie schulden
keinem etwas. Da ist niemand, der auf Sie wartet oder der noch unter Ihrem
Verhalten leidet. Sie haben Gott von ganzem Herzen geliebt, seinem Wort
gehorcht, geglaubt und sind mit Ihren Mitmenschen stets freundlich, wahrhaftig
und rücksichtsvoll umgegangen. Ja? Dann gratuliere ich. Meine Hochachtung!
Aber Sie müssten sich da schon ganz sicher sein.

Oder müssen Sie sagen: Nein! Da wäre schon noch Einiges, was
ich vor einer solchen Begegnung mit meinem Herrn unbedingt noch zu klären,
zu bereinigen hätte. Vor Gott und vor Menschen. Man muss doch an die
Zukunft denken! So lautet ein Satz, den viele gerne sagen. Richtig! Aber
nicht nur an die Zukunft in diesem Leben. So wichtig das sein mag, auch
da weiter zu denken. Noch viel wichtiger ist es über dieses Leben
hinaus zu denken. An das Gericht Gottes und die Ewigkeit.

Der Verwalter im Gleichnis ist Realist. Er weiß, dass er von keinem
Gericht freigesprochen wird. Er ist schuldig. Er versucht nicht, sich herauszureden
oder seine Schuld zu verdrängen. Aber er überlegt: Wer kann jetzt
noch was für mich tun. Wie kann ich trotzdem meine Zukunft noch gut
werden lassen.

Darum geht es hier, dass auch wir so realistisch sind als Kinder des
Lichts, als Menschen, die von Gott wissen und denen der Glaube wichtig
ist. Wir sollen unsere Schuld nicht verdrängen, sondern uns damit
an jemanden wenden, der uns vor dem Gericht Gottes bewahren kann und uns
das Urteil und die Strafe abnimmt. Das kann nur einer. Nur der, den Gott
selber dazu beauftragt hat, Jesus.

An jedem Tag dürfen wir uns an ihn wenden, ihn um Vergebung bitten
und darum, dass wir den Willen Gottes auch tun. Auch auf unseren Schuldscheinen
stehen hohe Summen. Hundert. Hundert Prozent Sünder. Hundert Prozent
verloren. Hundert Sorgen, hundert Zweifel, hundert Empfindlichkeiten, hundert
Gemeinheiten, hundert Lügen, hundert Lieblosigkeiten jeden Tag, hundert
hochmütige, hundert unreine Gedanken, hundert Geizigkeiten. Wenn wir
sie zu Jesus bringen, weil wir an die Zukunft denken, dann sagt er: Gib
mir deinen Schuldschein. Und er streicht die Zahl und schreibt Null dafür.

Das ist die Klugheit, die die Kinder des Lichts den Kindern der Welt
abschauen sollen. Niemand von uns weiß, wie viel Zeit ihm oder uns
noch bleibt. Jede Werbung, in der es um die Sicherung einer Zukunft geht,
betont, dass man jetzt mit der Vorsorge beginnen muss. Jetzt, nicht erst,
wenn der Ernstfall eingetreten ist. Das gilt doch noch viel mehr für
die Ewigkeit. Jetzt ist Zeit der Gnade. Wen wir einmal in geistiger Verwirrtheit
in einem Pflegebett liegen oder im Koma auf einer Intensivstation, dann
ist diese Zeit der Gnade vorbei.

Vergebung befreit. Vergebung ist jeden Tag neu das dringendste und für
die Zukunft wichtigste Anliegen. Dietrich Bonhoeffer sagte: „Die ausgesprochene,
bekannte Sünde hat alle Macht verloren. Sie ist als Sünde offenbar
geworden und gerichtet. Sie vermag die Gemeinschaft nicht mehr zu zerreißen.“

Nicht die Gemeinschaft zwischen Menschen und nicht die Gemeinschaft zwischen
uns und Gott. Nicht irgendeine Bank macht, wie das in der Werbung so vollmundig
heißt, den Weg frei in die Zukunft, sondern Vergebung durch den Heiland
Jesus Christus macht den Weg frei für die Zukunft.

Nur wenn wir das leben und täglich neu tun, unsere Schuld zu Jesus
bringen, haben wir Zukunft über den Tag des Gerichts hinaus.

Amen.
 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168