Gottesdienst – Lieben

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Biblische Abende Kreuzkirche Bayreuth, Vortrag Oberkirchenrat i. R. Gotthart Preiser

3. Abend:

Die Kraft des Glaubens zum Lieben

Loben, Leiden, Lieben, Lachen. Es gehört zusammen und man darf es nicht auseinander reißen. Heute geht es um das Dritte. Ein wichtiges Erkennungszeichen der Christen. Der Herr Jesus hat es selbst benannt: Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr Liebe unter einander habt. So hat es Johannes berichtet (Joh. 13,35). Die Liebe also so etwas Ähnliches wie ein Personalausweis, ein Erkennungszeichen wie der Fingerabdruck. Für uns übersetzt also: Daran erkennt man die Kreuzkirchengemeinde oder eine Jugendgruppe oder eure Familie, dass sich die Menschen da voll Liebe begegnen. Und daran erkennt man uns selber: Ja, das ist ein Mensch voller Liebe. Daran sollen wir heute Abend wieder einmal erinnert werden.

Natürlich gibt es da, wo man zusammenlebt, auch einmal Ärger – und Streit – und Unzufriedenheit oder missgünstige Gedanken. Aber Jesus traut den Seinen zu, dass sie in das Zusammenleben möglichst viel Liebe einstreuen. Dabei wollen wir nicht übersehen, wie viel praktizierte Liebe es jeden Tag gibt. Die Medien bringen zwar lieber als Sensationsmeldung heraus, wenn eine Mutter nicht fähig ist, ihre Kinder mit Liebe zu versorgen, aber es wird nicht erwähnt, mit welcher Geduld und Fürsorge unzählige Mütter täglich ihren Kindern unendlich viel Gutes tun. Tausende Menschen, meist Frauen, pflegen unter Zurückstellung von eigenen Bedürfnissen Familienangehörige. Andere tun dies aufopfernd in Krankenhäusern und Pflegeheimen und müssen sich in den Medien manchmal noch beschimpfen lassen, als seien sie herzlose Tyrannen gegenüber Hilflosen. Dazu die vielen Hilfeleistungen in der Nachbarschaft und die ungezählten ehrenamtlichen Dienste. Die Blutspender gehören auch dazu. Sie alle würden einen großen Posten darstellen, wenn man sie ins Bruttosozialprodukt unseres Volkes einrechnen könnte.

Und dann natürlich die Liebe, an die die meisten Menschen zuerst denken. In der Haßfurter Zeitung stand eine Anzeige: „Hallo, Schnurzelchen, ich freue mich sehr auf unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Ich liebe dich über alles. Dein Schneuzelchen.“ Und direkt darunter: „Hallo Schatzi, am 5. 5.2006 hat es gefunkt.: Seitdem liebe ich dich über alles. Du bist die Liebe meines Lebens. Ich bin sehr, sehr glücklich mit dir. Dein Schnucki.“. Falls das die Zeitung nicht frei erfunden hat, um auf der Seite eine Lücke zu füllen, ist es doch geradezu beruhigend, dass es in unserer sonst so nüchternen Zeit solche verliebte Romantik nicht nur bei Rosamunde Pilcher gibt. Man fragt sich höchstens, wo da auf einmal die Schüchternheit herkommt, diese Liebeserklärungen nicht direkt zu sagen statt über die Zeitung. Wie dem auch sei, jedenfalls fängt Liebe oft so an, voller Hochgefühl und Ewigkeitsverlangen. „Du bist die Liebe meines Lebens.“ Das Glück soll lebenslang verweilen, weil es so schön ist. Da ist es wie eine eiskalte Erkenntnis, dass 30 % aller Ehen nicht durchhalten. Und dass bei den berühmten Gestalten der Regenbogenpresse die wechselnden Beziehungen zu den Lebensabschnittsgefährten meist nur Monate dauern.

Im Film „Ich denke oft an Piroschka“ beteuert der Fremde seine Liebe. Doch Piroschka sagt: „Nicht sagen, sondern tun.“

Ein Rundfunksender hat eine Umfrage gestartet: Welches ist der schönste Satz, den eine Frau zu hören bekommen kann? Eingesandt wurden viele schöne, liebevolle Antworten, voller romantischer Liebesbeteuerungen. Den Preis bekam, was eine Frau schrieb: Den schönsten Satz, den eine Frau zu hören bekommen kann, ist, wenn nachts um drei das Baby zu weinen anfängt und der Mann sagt: „Bleib liegen, ich geh schon.“

Da hat die Realität die Liebe eingeholt. Die Liebe muss sich im alltäglichen Handeln verwirklichen. Die Liebe muss nicht gelobt, sondern sie muss gelebt werden. Der Vorsprung, den sie mit ihrem guten Wollen hat, wird von der nüchternen Wirklichkeit des Lebens eingeholt. Es ist ja keine leere Phrase, wenn wir lieb sein wollen. Es war doch ehrlich, wenn die Verheirateten gelobt haben: „In guten und in bösen Tagen bis der Tod uns scheidet.“ Und es war ehrlich, wenn wir gesagt haben: „Mutter, wenn du mal alt bist, brauchst du keine Angst zu haben, dass wir dich in ein Heim abschieben. Da kommst du einfach zu uns.“

Wenn es dann allerdings so weit ist, haben sich die Voraussetzungen vielleicht sehr verändert. Und dann wird es schwer und die Liebe muss sich ihren Weg erkämpfen. Man verspricht sich Liebe, aber dann entwickelt sich der andere so anders, hat Eigenheiten, die man freundlich übersehen hat, die aber stärker werden und sich nicht einfach abstellen lassen. Die eine will eine Ordnung, als käme jede Minute eine Abordnung einer Frauenzeitschrift mit der Kamera, der andere findet überhaupt nichts mehr, wenn der Schreibtisch aufgeräumt ist. Für die einen sind Spinnen liebe nette Tierchen mit Kunstsinn für feinste Spinnennetz-Architektur, außerdem sehr nützlich als Wächter gegen unliebsame Schnaken, für die anderen sind sie unmittelbare Abgesandte des höllischen Schreckens. So oft sind halt die Ansichten so verschieden. Und wenn dann zwei verschiedene Meinungen aufeinander prallen, ist ja das Dumme, dass immer der andere nicht einsehen will, dass seine die falsche ist.

Oft ist es so, dass wir einander nicht wirklich richtig wahrnehmen. Nicht merken, was der andere meint oder möchte. Eigentlich weiß man ja, dass in einer Ehe zwei Menschen zusammenkommen, die ihr bisheriges Leben unter recht unterschiedlichen Bedingungen geführt haben. Viele der unterschiedlichen Meinungen und Gewohnheiten lassen sich angleichen, aber es bleibt ein Rest übrig. Daraus entwickeln sich die immer wiederkehrenden Spannungen, die im Laufe der Zeit die Liebe aushöhlen können. Man versteht sich nicht mehr.

Dann kann man schnell wie Hund und Katze sein. Bei denen ist es auch so, dass sie sich nicht richtig verstehen. Wenn der Hund die Vorderpfote hochhebt, heißt das: Ich bin in ausgelassener Stimmung und will mit dir herumtoben. Wenn die Katze die Vorderpfote hochhebt, heißt das: Ich bin verärgert, aggressiv, ich fotz dir gleich eine. Sie sprechen verschiedene Sprachen und verstehen sich nicht. Trotzdem gibt es das, dass Hund und Katze im gleichen Haus leben und gut miteinander auskommen, weil sie den anderen in seinem Anderssein akzeptieren und sich aneinander gewöhnt haben.

Wir stimmen ja zu, wie Paulus die Liebe beschrieben hat. Freundlich, geduldig mit langem Atem, nicht nachtragend. Wer will nicht so sein. Aber dann die Realität, dass die anderen so anders sind!

Wenn Liebe und Verstehen schwer werden, kommt die Versuchung, der guten eigenen Überzeugung nachzuhelfen. Da wird man lauter als für Zimmerlautstärke nötig. Man versucht Gewalt auszuüben durch Lautstärke. Oder man wird leiser, sagt nichts mehr, wird stumm. Scheinbar um des Friedens willen. Das gibt es auch unter Christen, manchmal in einer Gruppe oder Kirchengemeinde: „Ich sag nichts mehr. Es hat ja doch keinen Zweck.“ Aber das ist kein Friede. Manchmal eher eine ganz feine Form von Gewaltausübung, die dem anderen zeigen soll, dass man ihn nicht einmal mehr für einen Streit wert hält.

Eine Hürde, die die Liebe überwinden muss, ist die in uns wohnende Lust, andere formen zu wollen. Nach dem schönen Bild, das wir von ihnen haben oder gerne hätten. Aber das ist keine Liebe. Es wäre besser, das einzusehen und mit der Kraft der Liebe über diese Wünsche hinweg zu springen. Man kann den Weg der Liebe nur gemeinsam gehen. Wer meint, nur der Andere müsse sich ändern, wird scheitern. Es ist ja auch nicht ganz leicht, mit uns selbst zurecht zu kommen. Wenn man weiß, wie nachsichtig Gott mit uns und unseren Fehlern umgehen muss, fällt es einem leichter, mit den Eigenarten, Angewohnheiten, Fehlern und Sünden anderer nachsichtig und barmherzig umzugehen. Je deutlicher einer in seinem Charakter ausgeprägt ist, desto schwerer ist es .

Die Liebe, die Gott von uns erwartet, hat eine schwierige Stelle. Sie soll nicht unbedingt auf Gegenliebe aus sein und sich nicht beirren lassen, wenn diese ausbleibt. Liebe fällt uns leicht, wo wir etwas Liebenswertes vorfinden, aber oft fällt es ziemlich schwer, Liebe aufzubringen, wo sie einem schwer gemacht wird. Was Jesus uns zutraut, ist die Liebe, die gerade nichts Liebenswertes vorfindet, sondern wo durch die Liebe erst Liebenswertes entsteht, wo aus einem Fremden ein Vertrauter wird oder gar aus einem Gegner ein Freund. Jesus hat einmal gesagt: Es ist keine großem Kunst, die zu lieben, die gut zu euch sind, das können alle, aber ihr sollt auch die anderen lieben, sogar eure Feinde. So weit muss man gar nicht gehen, vor den Feinden kommen noch die wunderlichen Verwandten, die besserwisserischen Kollegen, der sture Großvater oder der, der im Auto telefonierend mit 60 vor einem herzockelt und einen nicht überholen lässt, oder die Kundin, die sich an der Kasse so unverschämt vordrängelt. Oder die, die in Glaubensfragen sich so anders verhalten. Ob man auch seine Lehrer lieben muss, hat der Herr Jesus nicht direkt gesagt, aber respektieren, dass sie es auch nicht leicht haben, könnten Schüler schon – und Eltern auch.

Von manchen Menschen wird mit Recht gesagt: Das ist oder war ein ganz lieber Mensch. Ein Mensch, bei dem man immer willkommen war, der gute Worte gesagt, einen freundlich angeschaut, der ohne Blick auf die Uhr sich Zeit genommen hat. Mag sein, dass es da Naturtalente gibt. Ich denke, es hat auch damit zu tun, ob jemand selbst Liebe erfahren hat, von klein auf. Wenn Kinder genug Zuwendung und Liebe empfangen, dann können sie selber zu freundlichen, lieben Menschen werden. Deshalb ist das so sehr wichtig, dass Kinder solche Liebe spüren.

Zu wirklicher Liebe, die nicht so sehr an sich selber denkt, werden Menschen dann leichter fähig, wenn sie wissen, in wie tiefem Maße sie selbst geliebt sind, von Menschen, aber auch, weil sie die Liebe Gottes erfahren haben. Gott liebt uns, ohne dass wir ihm eine ebenbürtige Liebe zurückgeben können. Die Liebe Gottes rechnet nicht und die Liebe im Namen Jesu berechnet auch nicht. Es ist eine wunderbare Erkenntnis, ein geliebtes Kind Gottes zu sein durch die Liebe Jesu, unseres Erlösers. Ich weiß es ja: Ich bin eigentlich gar nicht liebenswürdig, weil an meinem Leben so vieles zu kritisieren ist, dass ich mich oft selber nicht mag. Aber ich habe das Evangelium angenommen, diese froh machende Kunde: Seht welche Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen (1. Joh.3, 1). Oder wie es im Lied heißt: „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.“ Da kann man dann auch die zweite Hälfte von Jesu Gebot verstehen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Das beinhaltet ja auch, dass man sich nicht selbst verachten darf. Wenn man viel Liebe empfangen hat, kann man zu sich auch selbst besser Ja sagen, sich akzeptieren und dankbar sein für das eigene Leben. Und man kann darauf verzichten sich immer mit anderen zu vergleichen, deren Leben man für beneidenswert hält – allerdings ohne alles zu wissen, wie es im Inneren aussieht.

Es ist schade, dass wir anderen viel zu wenig sagen, dass wir sie mögen, sie gut finden, gern mit ihnen zusammenleben, ihnen dankbar sind. Es schadet nichts, wenn Eltern das ihren Kindern auch in Phasen sagen, wo diese ziemlich schwierig sind. Aber umgekehrt dürfen Kinder auch ihren Eltern einmal zeigen, dass sie sie gern haben, auch in der Phase, „wo sich die Eltern so schlecht erziehen lassen.“ Und kein Ehemann soll es als selbstverständlich ansehen, dass die Hemden gebügelt sind und gutes Essen rechtzeitig auf dem Tisch steht. Wenn man das weiß, kann man es auch mal sagen.

Die Liebe, die die Bibel meint, ist nicht nur ein Gefühl des Herzens, das wir für einander empfinden oder empfinden sollen, sondern viel öfter ein schlichtes, praktisches Handeln, also ein ganz unromantisches nüchternes Geschehen. Jesus, der ja ein gelernter Zimmermann mit viel Sinn für das Praktische war, spricht in der Bergpredigt eine ganz einfache, nüchterne Regel aus: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Diese Regel für den irdischen Alltag versteht jeder. Wenn man gerecht behandelt werden will und nicht unverschämt ausgenutzt werden möchte, dann soll man auch zu anderen gerecht sein und ihnen lassen, was sie brauchen. Lieben können, das ist der Verzicht auf einen ungebremsten Egoismus.

Jesus sagt in der Bergpredigt, wenn dich der römische Besatzungssoldat nötigt, sein Gepäck eine Meile weit zu tragen, wozu er nach Besatzungserlass berechtigt war, dann gehe freiwillig mit ihm zwei Meilen. Wenn dich einer um etwas bittet, dann schenke ihm noch etwas dazu. Das ist dann mehr, als er erwartet und vielleicht ist er durch diese Freundlichkeit so angerührt, dass er seine ablehnende Haltung überwindet.

Da hat die Liebe eine einfache Logik: Wenn du zu einem anderen gut bist, wird es auch dir gut tun.

Als Jesus einmal gefragt wurde, worauf es denn nun wirklich ankommt, um Gott zu gefallen, antwortet er mit dem Gebot der Liebe mit den Worten aus den Gesetzbüchern des Alten Testaments: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Der Mann, der Jesus gefragt hatte, ist erschrocken und fühlte sich spontan überfordert. Und uns kann es auch so gehen. Gott über alles setzen und den Nächsten lieben wie sich selbst. Das scheint so himmelhoch über unserem Vermögen zu liegen. Da hat Jesus die hohe Forderung in den Alltag herunter buchstabiert, indem er die uns allen seit Kindertagen bekannte Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. In dieser gar nicht romantischen Geschichte tut der Samariter in fast kühler Nüchternheit, was in dieser Situation zu tun ist. Er leistet beim Überfallenen Erste Hilfe und sorgt für Unterkunft und Betreuung. Danach geht er wieder seinen Geschäften nach. Er tut genau das, was er selbst gerne hätte, wenn er zum Opfer der Räuber würde.

Und doch kann in diesem nüchternen Ablauf etwas Wunderbares geschehen. Aus der Dankbarkeit für die erfahrene Hilfe kann sich Vertrauen entwickeln. Auch in dieser Reihenfolge. Da ist nicht zuerst Zuneigung vorhanden, aus der heraus man zur Hilfe bereit ist, sondern umgekehrt hat sich aus dem freundlichen liebevollen Verhalten Zuneigung entwickelt. Es ist verkehrt, immer erst zu warten, bis andere freundlich und lieb zu uns sind.

Darauf käme es an, dass sich Liebe praktisch umsetzt. So wie dort nachts um drei, wenn der Vater sagt: „Bleib liegen, ich geh schon.“ Die Liebe bewährt sich in ganz einfachen Erprobungsfeldern. Sind wir rücksichtsvoller als andere, oder drängeln junge Christen am Skilift genauso wie alle anderen? Sind wir bereit einmal zu verzichten, weil es nicht für alle langt? In Amerika wurden 40 junge Priesterseminaristen einzeln zu einem Vortrag losgeschickt, den sie über Barmherzigkeit halten sollten. Unterwegs mussten sie an einem vorbei, der deutliche Anzeichen eines Kreislaufzusammenbruches zeigte. Aber nur 16 von 40 boten Hilfe an. Jesus hat offensichtlich eine zeitlos gültige Geschichte erzählt. Liebe ist leichter theoretisch im Kopf als praktisch in den Händen.

Liebe braucht die Umsetzung in die Praxis. So wie in der Geschichte von Abraham und Lot, die miteinander unterwegs waren, um Weideflächen für ihre Herden zu finden. Weil die Herden zu groß geworden waren, gab es Streit um die Wasserstellen. Abraham reagiert mit Liebe und Großzügigkeit. Er lässt Lot wählen: „Willst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.“ Lot wählt das bessere Weideland in der Umgebung von Sodom und Gomorra. Abraham zieht scheinbar den Kürzeren. Langfristig hat Gott aber seinen Verzicht weit mehr gesegnet als das schnelle Zugreifen nach dem persönlichen Vorteil. Das ist eine alte Erfahrung, dass praktizierte Liebe sich langfristig auszahlt, gerade, wenn sie vorher nicht rechnet und berechnet. Und wenn man davon in diesem Erdenleben nichts merkt, dann gilt, was Jesus gesagt hat: Einmal, in seinem Reich, soll auch ein Becher erfrischenden Wassers nicht unbelohnt bleiben, weil Jesus selbstlose Liebe so wertet, als hätte sie ihm gegolten.

Wenn Liebe nicht berechnet, dann braucht sie sich allerdings auch nicht durch Berechnung ausnutzen zu lassen. Manchmal, in seltenen Fällen, besteht die Liebe auch darin, dass sie sich verweigert. Weil es sein kann, dass jemand das einsehen muss, dass er in seinen Ansprüchen nicht unmäßig werden darf. Mancher entdeckt ja schnell, wenn man ein gutmütiger Mensch ist, und dann soll man auf seine christliche Nächstenliebe verpflichtet werden. Man muss schon viel geben, aber man muss sich nicht ausnehmen und beschädigen lassen. Liebe den Nächsten wie dich selbst. Nicht dreimal so viel wie dich selbst. Da erlaubt uns Jesus auch einen Selbstschutz. Manchmal muss man das eigene Überleben sichern. Aber nur manchmal.

Liebe hat eine Vorstufe. Das ist das Verantwortungsbewusstsein. Liebe lebt davon, dass man sich aufeinander verlassen kann. Und so muss man sich auch darauf verlassen können, dass der Kfz-Lehrling das Rad fest angeschraubt hat, dass das Fleisch im Laden nicht vergammelt ist und dass die Lehrerin vorbereitet in die Stunde kommt. Das sollte man von uns schon sagen können, dass wir zuverlässig sind.

Eines ist jedenfalls ganz sicher, im Reich Gottes werden die alten, egoistischen Verhaltensweisen keinen Platz haben. Der Herr Christus wird nicht Menschen um sich haben wollen, die ohne Liebe sind. Und als die beiden Jünger Johannes und Jakobus die irdischen Machtstrukturen mitnehmen wollten und zu Jesus sagten, er soll sie im Himmelreich auf den Ehrenplätzen recht und links neben sich sitzen lassen, da hat er ihnen diese Denkweise schnell aus dem Kopf geschlagen. Dort nicht mehr! Beim großen Fest in seinem Reich ist die Liebe das hochzeitliche Kleid, ohne das jeder wieder fortgehen muss, der es nicht anziehen wollte. Jesus bietet uns an, dass wir uns schon in diesem Leben dieses hochzeitliche Kleid schenken lassen dürfen.

Es gibt auf unserer Welt ein großes Ringen um mehr Gerechtigkeit. Weltwirtschaftskonferenz, Gesundheitsreform, Hartz IV, das neue Bleiberecht für Zuwanderer und manches andere sind ja Versuche, mehr Gerechtigkeit zu erzeugen. Darüber kann man sich nur freuen. Auch wenn man da vielleicht eines Tages viel erreicht, die Liebe wird immer noch ganz viel zu tun haben. Weil Gerechtigkeit auf dieser Erde immer nur unvollkommen gelingen wird, und immer an anderer Stelle neue Ungerechtigkeit hinter sich her zieht. Immer tut sich irgendwo das Loch der Ungerechtigkeit auf. Immer wird es Menschen geben, für die die gedachte Gerechtigkeit nicht passt. Und selbst da, wo ein besonders kluges und besonders glückliches Gesetz ganz viel materielle Gerechtigkeit schafft, wird es immer Menschen geben, die Trost brauchen, weil das Materielle gar nicht das ist, was ihnen fehlt. Immer wird es welche geben, die einsam sind, auch wenn sie im Hochhaus mit 60 anderen zusammen leben. Immer werden welche da sein, die durch ein Wort verletzt wurden, und jetzt will das nicht heilen. Oft ist materielle Hilfe nötig. Aber wichtiger ist oft, Menschen zu zeigen, dass sie trotz ihrer Lage, in die sie geraten sind, wertvolle Menschen sind, die ihre Würde haben. Und dass man die Demütigungen, denen sie ausgesetzt sind, nicht vergrößern will. Paulus schreibt: wenn ein Glied leidet, leiden alle mit (1. Kor. 12, 26). Also kann man nicht sagen: „Der mag ja ein schlimmes Los haben, aber da kann ich doch nicht dafür.“ Oder: „Der ist doch selber schuld.“ Da brauchen wir Augen, die sehen, wo jemand unsere Liebe und Wertschätzung braucht.

Wir leben jetzt in einer Situation unseres Volkes, in der die Frage nach der Fähigkeit zur Liebe über die Familien und Nachbarschaften, Arbeitsstellen und Kirchengemeinden weit hinausreicht.

Jetzt geht es auch darum, ob die eine Generation die andere lieben kann. Und das heißt, ihr das zuzugestehen, was sie zu Recht braucht. Ob also die heutige mittlere Generation in drei Jahrzehnten so viel Liebe der dann Jungen finden wird, dass diese bereit sind, soviel Opfer zu bringen, dass die inzwischen alt Gewordenen einigermaßen erträglich leben können.

In 30 Jahren wird man vielleicht leichter Menschen finden, die Testpiloten machen wollen als solche, die bereit sind, in einem Pflegeheim zu arbeiten. Nächstenliebe kann auch Ulla Schmidt nicht anordnen.

Und heute schon wäre es höchste Zeit, dass die Älteren mit Liebe an die ganz Jungen denken und alles tun, um die astronomische Schuldenlast der 1 ½ Billionen Euro zu verringern, auch wenn sie dafür Opfer bringen müssen.

Und was für Liebe und Gerechtigkeit zwischen den Generationen gilt, das muss sich auch zwischen den verschiedenen Völkern und Kulturen zeigen. Jesu Forderung, dass man sogar seine Feinde lieben soll, heißt, sie, wenn schon nicht freundlich, dann aber vor allem gerecht zu behandeln. Im Irak und in Palästina sehen wir, wie die amerikanische und die israelische Regierung die notwendige Gerechtigkeit durch militärische Stärke ersetzen. Sie wollen nicht sehen, dass noch mehr Soldaten und noch mehr Waffen nur die Zahl der Toten vergrößern, aber keinen Frieden bringen. Sondern eher noch den Hass vermehren. Nur wer erlebt, dass der andere unabhängig von seiner militärischen Stärke gerecht handelt, wird bereit sein, die eigene Friedensbereitschaft zu verstärken. Wenn die militärische Überlegenheit mit Ungerechtigkeit oder gar mit Folter gekoppelt ist, wird sie immer nur Gegenwehr hervorrufen. Bis hin zu den verzweifelten Selbstmordattentaten. So hat der amerikanische Präsident seinen Krieg gegen den Terror trotz der militärischen Überlegenheit schon verloren.

Die Bewährungsproben für die scheinbar so einfachen Lebensregeln Jesu kommen, wenn das dauernd geforderte Wachstum an seine Grenzen kommt. Wenn es kein freies Land mehr gibt wie bei dem Streit zwischen Abraham und Lot. Wenn deutlich geworden ist, dass trotz allen Bemühens um Verringerung der Arbeitslosigkeit es einfach nicht mehr Arbeit für alle gibt, oder dass die Energievorräte und die Trinkwasserreserven zu Ende gehen. Wird es dann nur noch die Grundhaltung einer Ellbogen-Gesellschaft geben oder werden die Christen das Gebot der Liebe auf dieser Erde aufrechterhalten und sogar umsetzen können? Jesus ist da nicht optimistisch, er sagt: „Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“ Also wird es ganz sehr darauf ankommen, dass wir im Glauben und in der Liebe bis ans Ende beharren.

Wer sich in Gott geborgen weiß, muss seinen eigenen Wohlstand nicht überbewerten. Als wären nur wir Europäer die Menschen, die ein Anrecht auf einen hohen Lebensstandard haben, als wäre nur unsere jetzige Generation berechtigt, alle Schätze dieser Erde und ihres Bodens zu genießen und nicht auch die, die nach uns kommen, die doch einmal an unserem Grabstein stehen sollen ohne den Vorwurf: Aber Egoisten waren sie alle. Es gibt auch eine glückliche Zufriedenheit bei wenig irdischem Wohlstand, was die Älteren noch aus den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wissen. Man muss gar nicht Millionär werden wollen. Wir können zeigen, dass unsere eigene Lebensqualität anderen Maßstäben folgt. Dass zum Beispiel eine Radtour am Sonntagnachmittag mehr befriedigen kann als eine Fahrt an den Gardasee mit Stau. Christen können zeigen, dass das Glück, einmal mit Enkeln spielen zu können, größer ist, als unbeschwert Weltreisen auf Traumschiffen machen zu können. Geld und Besitz sind gute Mittel für die Lebensgestaltung, sie sind aber nicht das Leben selbst und auch kein Lebensziel.

Die Liebe, ein wichtiges und immer gültiges Erkennungszeichen der Christen. Uns ist bewusst, dass wir da weit zurückbleiben hinter dem, was Jesus uns an Liebe vorgelebt hat, und dass wir hinter dem zurückbleiben, was er von uns erwarten kann. Aber wie gut, dass er da nicht aufrechnet. Wir dürfen zugeben, dass wir manchmal liebesunfähig sind und dass wir da seinen Trost brauchen, das gute Wort von ihm, der zu uns sagt: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben. Ehe wir lieben können, dürfen wir die Liebe Jesu immer wieder neu glauben und an uns geschehen lassen. Und uns dadurch von ihm immer wieder neu zur Liebe befähigen lassen.