Gottesdienst – Leiden
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2. Abend: Die Kraft des
Glaubens zum Leiden
Lo, lei, lie,la, loben, leiden, lieben, lachen. Stichworte auf dem Weg unseres Lebens bis zum ewigen Ziel. Darum geht es an diesen Abenden. Und um die Erfahrungen, die wir dabei machen: mit anderen, mit uns selbst und mit Gott. Und mit Jesus, der uns auf diesem Weg begleiten will. Heute geht es um die Erfahrung, die am schwersten ist. Um die Erfahrung, dass man auf seinem Lebensweg nicht gehen kann, ohne an Stationen des Leides zu gelangen.
Manchmal wird mir bewusst, wie ich abstumpfe. Da weiß ich am Nachmittag schon nicht mehr, wieviel Terroropfer in den Nachrichten am Morgen wieder aus Bagdad gemeldet wurden: 15 oder 60? Die täglichen Terroropfer im Irak sind uns leider schon zur Gewohnheit geworden. Inzwischen schon über 600 000 Tote der letzten vier Jahre. Und dabei sind es doch lauter Einzelschicksale, die da so brutal getroffen werden. Die Mutter, die den Kindern genommen wird, oder der junge amerikanische Soldat aus Kitzingen, der in diesen Tagen heiraten wollte und der das Ticket für den Heimflug zu seiner Hochzeit schon besorgt hatte, weggebombt aus einem jungen Leben. Eine leidvolle Welt. Manchmal schreit einer auf: weil er im brennenden Auto eingeklemmt ist. Oder wenn die Polizei kommt und sagt, dass der Sohn verunglückt ist. Oder wenn der Mann sagt: Es ist aus, ich habe jetzt eine andere.
Nach dem Aufschrei wird man da ganz stumm – und manchmal sogar wie gelähmt. Oft trifft uns das schreckliche Geschehen ja völlig unvorbereitet, in einer Phase der Sorglosigkeit, im ganz Normalen. Für Rettungsdienste oder Notfallseelsorger ist das manchmal ganz schlimm, wenn sie unvermittelt furchtbarem Unglück gegenüberstehen. Wir muten uns heute Abend zu, uns dieser dunklen Seite des Lebens zuzuwenden. Leben ist nicht ohne Leiden zu haben.
Wenn man mit ernsthaften Beschwerden zu einem Arzt kommt, bei dem man noch nicht war, und möglichst schnell eine Hilfe und Heilung möchte, dann macht der vielleicht etwas ganz anderes. Er fängt an zu fragen. Er will wissen, was man schon alles an Krankheiten und Unfällen gehabt hat seit Kindertagen. Da kommt manchmal eine Menge zusammen. Vieles ist verheilt, manches fast vergessen, manches vernarbt, aber noch sichtbar, anderes hat Nachwirkungen bis heute, manches ist sogar nicht mehr korrigierbar. Wenn es ein guter Arzt ist, fragt er nicht nur nach der Geschichte des Körpers. Es gibt ja genauso die Geschichte der Seele, oft haben sie miteinander zu tun. Es gibt Verletzungen, Wunden, Narben, nicht mehr Korrigierbares, das auf unserer Seele liegt. Manches ist da gewesen, was man ins Vergessen verdrängt hat. Es ist weg und doch nicht ganz. So gibt es in unserer Lebensgeschichte auch eine Leidensgeschichte und viele von uns tragen die Spuren des schon erlebten Leides mit sich.
Bei manchen hat das sehr früh angefangen, wenn die Mutter starb, als sie noch Kinder waren. Oder wenn es viel Leid oder Streit im Elternhaus gab. Oder wenn in der ersten Liebe das Vertrauen durch eine große Gemeinheit enttäuscht wurde. Es tut sehr weh, wenn Liebe und Zuneigung abgewiesen oder bitter enttäuscht werden. Und auch wenn man dauerhaft zueinander gefunden hat, geht es nicht, ohne dass es da immer wieder Verletzungen gibt, die nicht so schnell heilen. Und manche Krankheit belastet das Leben über viele Jahre.
Und dann sind es immer wieder die Sorgen, die man sich eigentlich nicht machen wollte und die doch da sind. Und die nachts um drei in schlafloser Nacht manchmal ganz groß werden. Und immer wieder die Angst. Angst vor dem, was kommen könnte oder die Angst, nicht schaffen zu können, was man müsste.
Wenn wir heute Abend zusammentragen würden, was es jetzt in dieser Kirche an erlebtem Leid gibt, es wäre ein Riesenberg von Altem und Neuem: Erlittene Not im Krieg und danach, oder in Russland, Kummer mit Kindern, verlorene Arbeitsstelle, Operationen, Verlust des Partners durch Tod oder Trennung.
Und dann gibt es ja in unserer Zeit manches neue Leid, das man vor Jahrzehnten so nicht kannte. Väter, die sich vor den eigenen Kindern schämen, weil sie immer noch keine neue Arbeitsstelle gefunden haben. Oder die vielen Kinder, die nur einmal am Tag ein warmes Essen bekommen, die nicht mitfahren können, wenn andere auf Skifreizeit fahren. Mancher schämt sich, wenn er bei Sammlungen für einen guten Zweck nicht geben kann, was er möchte, weil das Geld nur noch zum Allernötigsten reicht.
Und wenn wir über unsere europäischen Grenzen schauen: Die unzähligen Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, weil diese an AIDS gestorben sind. Es geht manchmal zu schnell, wenn man den Fernseher abschaltet, weil man das viele Elend nicht sehen will.
Es gibt ein Leiden, das verbindet uns mit dem Leiden Gottes. Nämlich wenn wir an dem Unrecht leiden, das in der Welt geschieht. Und wir sind da nahe bei Gott, der auch daran leidet, wie die Menschen mit seinen Gaben und seinen Geschöpfen umgehen. Gott leidet, wenn seine Schöpfung verdirbt. Aber er leidet auch, wenn ein Drittel aller Eheversprechen nichts mehr gilt. Wenn es nicht mehr normal ist, die Wahrheit zu sagen. Wenn die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden. Andere leiden daran nicht. Sie sagen, das ist nun einmal so. Das seien die Spielregeln, dass jeder sehen muss, wo er bleibt. Aber wer als Christ darunter leidet, der hat Anteil an Gottes Empfindungen.
Und dann gibt es noch eine Sonderform des Leidens. Das ist, wenn wir an uns selber leiden. Das kann bei manchen schon beim Aussehen beginnen, oder wenn man eine anstrengende Tour nicht mitmachen kann, weil es die Kräfte nicht hergeben. Schwerer wiegt, wenn man an sich leidet, weil man nicht so sein kann, wie man möchte. Wenn man denkt: Ich schaffs halt nicht, meine Kinder richtig zu erziehen, wie es doch sein müsste. Oder weil man es nicht schafft, fröhlicher zu sein, oder nicht mehr so nachtragend, oder nicht mehr so leicht zornig. Und es schmerzt auch, wenn man es nicht geschafft hat, einen Konflikt im Frieden zu bereinigen und das Zerwürfnis geblieben ist. Und man leidet doch auch daran, dass man noch viel überzeugender in seinem Glauben sein wollte. Treuer beten und glauben. Und mehr Liebe haben. Man streitet sich um Dinge, die es nicht wert sind. Und selbst wenn man sich durchgesetzt hat, bleibt oft das Gefühl, dass es schäbig ist, immer Recht behalten zu wollen. Unser Leben läuft nicht so glatt, wie wir es uns wünschen würden.
Mancher trägt das Leid seines Lebens erkennbar mit sich. Bei anderen ahnen wir gar nicht, was sie zu tragen oder auszuhalten haben. Manche können sich nicht anders helfen, als dass sie jedem von ihrem Leid erzählen. Andere verbergen es mit aller Macht. Als der Herr Christus an Ostern seinen Jüngern erschien, hat er ihnen, besonders dem Thomas, seine Wunden gezeigt. Es war vorbei, aber die Wundmale waren noch da. Und die Enttäuschung über ihr Versagen, ihr Festhalten an ihren falschen Vorstellungen, ihre Feigheit sicher auch. So müssen wir unsere Wunden auch nicht verstecken, müssen nicht stärker tun, als wir sind. Man braucht sich nicht zu schämen, wenn die Verletzungen, die Enttäuschungen, die Krankheitsnöte über die eigene Kraft gingen. Man braucht nicht zu überspielen, wenn man zur Zeit sehr traurig ist. Man muss auch nicht sagen „danke gut“, wenn es einem zum Heulen ist.
Unser Lebensweg ist nicht ohne Leid zu haben, auch wenn uns immer wieder eingeimpft werden soll, dass richtiges Leben schön und jung und erfolgreich ist. Ja, es ist schön, wenn manche Menschen kerngesund sind. Und es ist schön, wenn manche ihr Leben zur Zeit in großem Glücksgefühl genießen können. Niemand muss sich Leid wünschen. Jeder möchte möglichst glücklich sein, gesund, mit guten Kräften ausgestattet. Und erst recht braucht niemand zu denken, jetzt geht es mir schon so lange gut, da kommt sicher bald etwas Schlimmes, das mich trifft. „Ich liebe das Leben,“ sollen auch Christen sagen und wünschen. Es gibt eine fromme Leidensbereitschaft, der man lieber widerstehen sollte. Und doch hat der Herr Jesus gesagt: Glückselig sind, die Leid tragen. Da nennt er einen Lebensentwurf, in dem man seinen Platz ganz nahe bei ihm hat, der für uns so viel gelitten hat, der aber auch durch den Tod ins Leben ging.
Und da sagt nun unser Thema heute Abend, dass der Glaube Kraft geben kann, mit dem Leiden umzugehen.
Das bedeutet nicht, dass der Glaubende weniger schwer getroffen wird, als bewahre das Gottvertrauen immer vor einem schrecklichen Schicksal. Und es ist auch nicht so, dass man als glaubender Christ automatisch über mehr Kräfte verfügt, im Leid geduldig zu bleiben. Hiob, das biblische Musterbeispiel des unschuldig Leidenden, hält lange aus, indem er sagt: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt. Hiob, der auch seine Frau in ihrer Empörung noch korrigiert, indem er sagt: Haben wir Gutes empfangen, ohne uns über dies als Ungerechtigkeit gegenüber anderen zu empfinden, warum sollten wir nicht auch das Böse annehmen? Aber wenn Leid sehr dick kommt und sehr lange dauert, reichen bei keinem die eigenen Kräfte, das Leid zu tragen. Auch bei Hiob nicht.
Genauso wie unsere Gesundheit zerbrechlich ist und niemand für Jahre im Voraus garantieren kann, ist auch unser Glaube ein empfindliches Gebilde. Es kann immer geschehen, dass Anfechtungen über uns kommen, mit denen wir nicht gerechnet hatten und die uns schwer zu schaffen machen.
Da fällt es manchen ganz schwer, im Vaterunser zu beten: Dein Wille geschehe.
Der Glaube bewahrt uns nicht vor dem Leiden, aber er kann uns Kräfte geben. Er kann uns daran erinnern, dass wir auch im finsteren Tal nicht allein sind, sondern dass uns da Gott ganz nahe ist.
Ich will sieben Gesichtspunkte nennen zum Umgang mit dem Leid.
Es ist Z.B. gut, den Unterschied zu beachten, der zwischen annehmen und hinnehmen besteht. Wir müssen manches Leid annehmen, weil es uns auferlegt ist. Krankheit oder ein behindertes Kind oder der Tod eines lieben Menschen. Und wir dürfen dabei glauben, dass Gott es uns zu tragen zumutet und in diesem Leiden jeden Tag bei uns ist. Aber wir müssen nicht alles hinnehmen, was es auf dieser Welt und auch in unserem eigenen Leben an Leid, an Kummer, Ärger und Unrecht gibt. Wenn es ganz und gar nicht aus Gottes Hand und nicht aus seinem Willen kommt. Man muss sich z.B. nicht immer von anderen in böser Absicht ausnutzen lassen, nicht verleumden lassen, nicht immer den Schwarzen Peter für die Versäumnisse anderer übernehmen..
Und wie viel Leid erwächst aus der ungerechten Verteilung des Reichtums. Als Beispiel Nigeria. Dort erhält der Staat für seine Erdölexporte pro Jahr 45 Milliarden Dollar. Aber die Menschen im Nigerdelta haben pro Tag weniger als 1 Dollar für ihren Lebensunterhalt, weil durch die Ölförderung ihre vorher fischreichen Sumpfgebiete verseucht wurden, sodass sie ihre Lebensgrundlage verloren haben. Schreckliches Leid durch schreckliches Unrecht – leider überall auf der Erde. Oder ganz im Kleinen, wenn eine Frau von ihrem Mann betrogen und sitzen gelassen wurde und sie dann zusehen muss, wie er das Geld jetzt einer anderen zusteckt, gerichtlich bestätigt. Manchmal muss man Leid ertragen, manchmal aber auch um sein Recht kämpfen. Wenn man etwa durch einen miesen Schachzug um seinen Arbeitsplatz gebracht wurde.
Unterscheiden zwischen annehmen und hinnehmen. Und das Zweite ist, dass man unterscheiden lernt zwischen Jammern und Klagen. Wir wissen ja, wie anstrengend es ist, mit manchen Menschen zusammen zu kommen, weil sie sofort das Jammern anfangen. Und wenn der eine Grund dafür verschwunden ist, ist längst ein neuer da. Solches Jammern versucht einen hineinzuziehen, man muss sich wehren, dass man nicht mitjammert.
Anders ist es bei dem, was zwar so ähnlich aussieht und doch anders ist, bei der Klage zu Gott hin. In der Bibel findet man sie ganz häufig. Das Jammern ist ein Rundumschlag gegen die ganze böse Welt, die Klage wendet sich an Gott. Abraham klagt vor Gott über das Schicksal von Sodom und Gomorrha, Hiob klagt über die unerträglich schwere Last, die Gott ihm auferlegt. Jesus selbst wendet sich klagend im Garten Gethsemane an den Vater im Himmel, dessen Ratschluss ihm zu schwer erscheint, und noch am Kreuz klagt er: Warum hast du mich verlassen? In den Psalmen sind solche Klagen vor Gott vielfach zu finden:
Ps. 13: Wie lange, Herr, willst du mich noch vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? Warum geht es den Gottlosen so gut und mir verderben meine Gliedmaßen?
Auch wer im Glauben steht, darf traurig sein, wenn er nicht versteht, was ihm geschieht.
Ja, es ist wohl sogar so, dass die besonders Treuen im Glauben in besondere Anfechtungen hinein geraten, wie wir von Luther und Paul Gerhardt und vielen anderen unserer Väter im Glauben wissen. Anfechtung ist, wenn sich zwischen Mensch und Gott eine tiefe Dunkelheit ausbreitet.
Martin Luther war 1527 in Acht und Bann, vogelfrei, durch die Ereignisse des Bauernkrieges angeschlagen als er plötzlich zwischen allen Stühlen saß und von allen Seiten angefeindet wurde. Kein Wunder, dass er da schwer krank wurde. Er bekam hohes Fieber und fiel in ein so tiefes Loch der Verzweiflung, dass er sterben wollte. Er hat es überlebt, aber danach bekannt: „Da hatte mir der Teufel alles weggenommen. Er hat mir so furchtbar zugesetzt, dass ich zum Himmel geflucht habe.“
Das ist schlimm und doch ein bisschen tröstlich, wenn auch unser Glaube müde wird. Wenn der Blick zum Himmel ein verunsicherter und verstörter Blick ist. Aber es soll auch dann noch ein Blick zum Himmel sein, zu dem Gott, den man nicht versteht, aber unter dem man bleiben will.
Und das Dritte ist, einen Verzicht zu lernen, der mir als Pfarrer besonders schwer fällt. Es ist der Verzicht, erklären zu wollen, warum es soviel Leid gibt und warum Gott das alles zulässt. Ich muss erkennen, dass ich zu klein bin, Gott in Schutz zu nehmen gegen all die Vorwürfe, denen er ausgesetzt ist. Gegen den gehässigen Vorwurf, er sei gar nicht allmächtig, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, und wenn er es wäre, dann sei er böse, weil er nicht verhindert habe, was er hätte verhindern können. Wer bin ich, dass ich mir anmaßen könnte, das Handeln Gottes zu beurteilen? Es ist ein schlechter Liebesdienst, wenn jemand einem anderen zu erklären versucht, wozu sein Leid gut sein könnte.
Ich kann es nicht anders machen als Jesus selbst, der seinen Weg bis ans Kreuz ging und sich dort in Gottes Hände befahl, obwohl er ihn nicht mehr bei sich spürte. Und wir dürfen erwarten, dass auch wir durch Leid und Tod hindurch in seinem Reich ankommen, wie er versprochen hat, in dem es einmal kein Leid und keine Todesangst und kein Schmerz und keine weinenden Kinder mehr geben wird.
Wenn man die biblischen Klagepsalmen bis zu Ende liest, merkt man, wie der Klagende dabei zur Ruhe kommt,.Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich an meiner rechten Hand.
Wir müssen nicht so tun, als mache uns alles nichts aus, als könnten wir mit dem Elend fertig werden, wenn wir die Zähne zusammenbeißen. Aber wir können ruhiger werden und innere Empörung abklingen lassen.
Dazu kann als Viertes helfen, wenn wir das Leiden Christi betrachten. „Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken.“ Es kann einem gut tun, wenn man den Herrn Christus anschaut, der auch ganz schrecklich gelitten hat, obwohl er nur Gutes getan hat und unmittelbar zu Gott lebte, nicht durch Unglaube oder Sünde getrennt. Jesus war in der letzten Nacht seines Lebens aufgewühlt bis in den Grund seiner Seele. Im Hebräerbrief steht: „Er hat unter Angst, Schweiß, Schreien und Tränen Gehorsam gelernt.“ (5, 7f.) So dass er schließlich sagen konnte: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Wenn das Jesus so schwer gefallen ist, müssen wir nicht so tun, als seien wir stärker, als könnten wir von Gott zugemutetes Leiden heldenhaft ertragen. Wir können das Leid nicht abschaffen, aber wir haben einen Zufluchtsort bei dem, der für uns und mit uns durch so viel Leiden gegangen ist.
Und das erlaubt dann das Fünfte: Dass man darauf vertraut, dass es stimmt, wenn Paulus schreibt: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Er sagt nicht, bei denen geht alles gut aus. Aber es wird zum Besten dienen. „Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein“, heißt es im Lied „Jesu meine Freude“. Man darf doch auch in schlimmen Tagen dabei bleiben, dass Gott unser Freund ist und nicht unser Feind.
Vaclav Havel hat einmal gesagt: „Es geht nicht darum, dass etwas gut ausgeht, sondern um die Gewissheit, dass etwas seinen Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“ Viele können es bestätigen: Es war nicht schön, aber es hat einen wichtigen Sinn für mich gehabt.
Es ist allerdings nicht leicht zu erkennen, wie Leiden zum Besten dienen kann. Wer starke Zahnschmerzen hat, will sie loswerden und nicht darüber nachdenken, ob sie ihm zum Besten dienen. Dabei ist es sogar so, dass der Schmerz tatsächlich zum Besten dient, weil er darauf hinweist, dass es höchste Zeit ist, zum Zahnarzt zu gehen, damit nicht alles viel schlimmer wird und das ganze Gesicht anschwillt. Leiden kann eine gute Warnung sein, besonders wenn es durch eigenes Fehlverhalten verursacht wurde. Wer auf der dunklen Treppe ausgerutscht ist, wird wahrscheinlich einsehen, dass es gut ist, die defekte Glühbirne auszuwechseln. Und wenn das offenkundige Alkoholproblem eine Abmahnung eingebracht hat, wächst vielleicht die Bereitschaft, sich einer Therapie zu unterziehen, ehe die Arbeitsstelle verloren, die Familie zerstört und die Wohnung zwangsgeräumt ist. Und wenn immer mehr Wirbelstürme und Überschwemmungen unsere Erde erschüttern, erkennen vielleicht auch die Regierungen und die Autoindustrie die Warnungen, die darin stecken.
Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt einmal, dass in bestimmten Krisenzeiten das Leiden notwendig ist, weil es ein Signal für notwendiges Handeln ist. Und er meint, wenn man solches warnendes Leiden nicht beachten will, dann ist es, wie wenn einer den Wecker aus dem Fenster wirft, um weiterschlafen zu können.
Wie viele solche hinausgeworfenen Wecker könnte man da wohl schon vor unseren Fenstern finden? Da könnte vielleicht einer schon einen Handel mit aufmachen.
Der Mensch neigt dazu, mit Gott zu hadern, dass er so harte Wege führt, aber er ist weniger bereit einzusehen, dass er Gottes vorausgehende Warnungen immer wieder beharrlich überhört. Gott versucht es oft vergeblich, den Menschen durch Güte zur Umkehr zu leiten (Röm. 2,4).
Weil wir in uns einen gewissen Hang zum Egoismus haben, sind wir für fremdes Leid viel weniger empfindlich als für das eigene. Vielleicht ist das auch ein Schutz, weil das unsagbar viele Leid, das es auf dieser Erde jeden Tag gibt, uns kaputt machen könnte, wenn wir alles in vollem Ausmaß zu Herzen nehmen würden. Deshalb erscheinen Ärzte und Schwestern manchmal etwas ruppiger als sie sind. Aber wenn wir die Augen und die Ohren nicht vor fremdem Leiden verschließen, kann uns auch das fremde Leid einen wichtigen Dienst erweisen. Jesus hat uns deshalb den Barmherzigen Samariter vor Augen gestellt hat, der das fremde Leid sah und nüchtern überlegend das Notwendige tat. Jesus sagte: „So geh hin und tu desgleichen!“
Wenn Menschen sich zum Geburtstag gratulieren oder einen Neujahrsgruß schreiben, heißt es fast immer : Alles Gute und Gottes Segen. Ich habe mich schon immer gewundert, ob das wohl Zweierlei ist. Alles Gute und Gottes Segen. Aber es könnte ja tatsächlich sein, dass der Segen Gottes nicht immer in dem steckt, was man unter „alles Gute“ versteht.
Zum Leiden gehört als Sechstes auch das Ausharren. Natürlich gehen wir dem Leiden gern aus dem Wege. Viele schalten ab, wenn das Fernsehen schon wieder altes Leid aus der Nazizeit oder neues aus den Krisengebieten zeigt. Kruzifixe beleidigen angeblich das zarte Gefühl von Schülern, was bei Gewaltvideos anscheinend nicht der Fall ist. Maria, die Mutter Jesu, ist dem Kreuz nicht ausgewichen. Sie ist auf ihrem gehorsamen Weg geblieben, als sie schwanger war und damit als Unverheiratete der Ächtung und Verachtung ihrer Zeitgenossen ausgesetzt. Und sie harrte unter dem Kreuz aus, als die männlichen Helden ihrer vorherigen großen Worte sich längst aus dem Staub gemacht hatten. Da zeigte sich ihre Stärke und ihre Liebe. Das Ausharren bezieht sich auch auf unseren Glauben: Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig.
Wer gelernt hat, Leiden auszuhalten, der muss auch keinen Bogen um das Leid anderer machen. Obwohl das nahe liegt. Es geht wohl keiner gern zu einem Besuch auf die Intensivstation, weil man fürchtet, dass es über die eigenen Kräfte gehen könnte, das Elend der dort Liegenden und an Schläuchen und Apparaten Hängenden aushalten zu können. Noch anstrengender ist es, wenn man dahin kommt, wo lauter Demenzkranke zusammen sitzen.
Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben, spüren, wie andere ihnen aus dem Wege gehen, weil sie nicht wissen, was sie Tröstendes sagen sollen. Mancher, dessen Krebserkrankung bekannt wurde, empfindet plötzlich Einsamkeit, weil die Gesunden ihm gegenüber hilflos sind, ja, sich manchmal vorkommen, als sei es ungerecht, dass es ihnen so gut geht. Und manchmal gibt man einem Strafentlassenen, der mit seinem Hut an der Erde sitzt, schon deshalb nichts, weil es einen unangenehm berührt, solchem missglücktem Schicksal näher zu treten. Da ist es so wichtig, dass es Menschen gibt, die als Siebtes andere in ihrem Leid nicht allein lassen. Christen, die trösten können, gehören zu den wichtigsten Menschen unserer Zeit, weil sie in das Leid etwas Liebe einfügen. Liebe von Menschen, die nicht wegschauen. Die nicht sagen, ich kann deine Geschichten nicht mehr hören. Die den Mut haben, hinzuschauen und auszuhalten. Die nicht oberflächlich sagen „Ich drück dir die Daumen“, sondern die versprechen: „Ich werde für dich beten.“ Und die da sind, wenn es ganz schlimm wird. Erst recht, wenn es ans Sterben geht. Wenn es keine Liebe mehr gibt, wird Leid unerträglich. Mit Liebe, mit Verstehen, mit Anteilnahme und Fürbitte kann man tatsächlich Leid tragen helfen und erträglich machen.
Wenn wir glauben, dass Jesus Christus auferstanden ist und lebt, dann dürfen wir etwas ungeheuer Mutiges glauben, nämlich, dass das sich über die ganze Welt hinziehende Leid letzten Endes in guten Händen ist. Am letzten Ende. Dann wird alles gut sein. Nicht von sich aus. Nicht weil die Zeit alle Wunden heilt. Das tut sie oft nicht. Sondern weil alles Leid dieser Erde aufgehoben ist in einem Größeren, im ewigen Erbarmen dessen, der selber verhöhnt, verspottet, misshandelt, gefoltert, über die Gassen von Jerusalem getrieben, umgebracht wurde. Und der tot war und doch der Lebendige ist in Ewigkeit. Über der Weltgeschichte mit ihrem Leiden und Sterben liegt durch ihn, Jesus Christus, das Morgenrot eines großen Friedens. In diesem Frieden Jesu Christi wird die Weltgeschichte und auch unsere eigene Geschichte einmal enden.
Paulus war deshalb überzeugt, dass dieser Zeit Leiden gering sind sind im Vergleich zu der Herrlichkeit, die dann einmal offenbar werden soll. Darauf dürfen wir hoffen.
- Unterscheiden:
Annehmen und hinnehmen - Unterscheiden: Jammern und Klagen
- Verzichten, den Sinn von Leid zu erklären und Gott
in Schutz nehmen zu wollen. - Auf das Leiden Christi schauen
- Vertrauen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten
dienen - Im Leiden ausharren
- Andere im Leid nicht allein lassen, sondern Liebe ins Leiden
bringen