Gottesdienst – Kolosser 3, 12-17
Zur PDFKantate 02.05.2010 Kolosser 3, 12-17
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …
Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum
Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt steht im Brief an die Kolosser im dritten Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den anderen
Und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen;
Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit:
Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eueren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten und Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott dem Vater durch ihn.
Ist das nicht eine ungewöhnliche Anrede hier?
Heilige, Geliebte, Auserwählte Gottes. Was Paulus hier an die Kolosser schreibt gilt ja auch uns. Ja, wir sind wirklich Auserwählte Gottes. Wie viele Menschen gibt es auf dieser Welt! Nur ein Drittel davon sind Christen. Zwei Milliarden sollen es sein. Aber wie viele, oder besser wie wenige von diesen 2 Milliarden Christen leben so wie wir? Wie wenige hören das Evangelium in solcher Klarheit? Wir schätzen es viel zu wenig. Beides, das Leben im Frieden und Wohlstand und das Leben in einer solchen geistlichen Freiheit, unverfolgt und unbedrängt. Wir haben eine Kirche, ein Gemeindezentrum, können Gottesdienste und geistliche Veranstaltungen, Bibelstunden und Freizeiten halten. Wir können Seelsorge in Anspruch nehmen, Abendmahl feiern, Vergebung erbitten und annehmen, immer wieder. Als die Auserwählten Gottes!
Wenn wir es tun, sind wir Heilige, wie der Apostel hier die Kolosser und auch uns anredet. Heilige! Ja, auch wenn wir uns nicht so fühlen, sind wir im Sinne der Bibel Heilige. Mit dem Heil des Heilands beschenkt. Er sagt nicht: Jetzt warst Du wieder so faul oder treulos im Gebet. Jetzt bist Du wieder schuldig geworden, wieder gefallen, hast wieder gezweifelt, gesorgt, gejammert, gestritten. Sondern er nimmt uns in seiner unendlichen Liebe wieder an, wenn wir zu ihm kommen. Wir sind Geliebte des Herrn! Von Gott zum Heil berufen.
Hoffentlich ist niemand unter uns schon so abgestumpft, dass ihn das nicht mehr bewegt und überwältigt. Ich bin ein Geliebter, eine Geliebte des Herrn, obwohl ich so bin wie ich bin. Das ist ein ungeheuerlicher Liebesvorschuss, der uns hier gegeben wird. Und hoffentlich beten auch wir immer wieder an die Macht der Liebe, die sich in Jesus für uns offenbart
So sind wir also eine große Schar von Geliebten und Auserwählten Gottes. Heilige. Das stellt der Paulus zuerst einmal fest. Und er sagt dann auch wie es zugehen soll in einer solchen Schar. Als die Auserwählten Gottes, als seine Heiligen und Geliebten sollen wir etwas anziehen. Es geht hier nicht um Rock oder Hose, Markenkleidung oder Massenware, sondern um Wesensmerkmale, um Verhalten.
Fünf Anziehsachen zählt der Apostel hier auf: Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut Geduld. Das soll uns umgeben, wärmen, schützen, kleiden und schmücken. Ist nicht ein freundlicher Mensch in schlichter Kleidung viel schöner als ein perfekt gekleideter mit unfreundlicher Miene?
Man kann diesen ersten Satz auch etwas anders übersetzen: Als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte begegnet einander mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut Geduld.
Unser Leben besteht ja den ganzen Tag über aus Begegnungen. Wir begegnen uns im Haus, in der Wohnung, in der Familie, auf der Straße, auf der Arbeit, im Gottesdienst, im Bus, im Straßenverkehr. Wie verlaufen denn diese Begegnungen? So, wie das hier für Heilige und Geliebte, für Auserwählte Gottes angemessen ist? Mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut Geduld?
Herzliches Erbarmen? Was ist denn das? Eine Haltung, die Anteil nimmt am Leben und Leiden des anderen, meines Nächsten. Herzliches Erbarmen ist nicht gleichgültig, lieblos oder richtend. Herzliches Erbarmen versetzt sich in die Lage des anderen hinein, denkt nicht nur an sich selbst.
Freundlichkeit. Ist das nicht etwas, was wir uns von anderen auch wünschen? Dass sie uns freundlich begegnen, grüßen, vielleicht mit einem Lächeln, einem aufmunterndem Wort, mit Hilfsbereitschaft, die Türe aufhalten, einen bei dichtem Verkehr an der Kreuzung einfädeln lassen, am Telefon nicht mürrisch sein, wenn sich einer verwählt hat. Kleine Freundlichkeiten machen das Leben schon viel leichter. Ein Dank, eine Bitte, eine fürsorgliche Warnung, dem anderen etwas aufheben, Fehler nicht krumm nehmen. 1000 Gelegenheiten gibt es dazu im Alltag und noch mehr in unseren Familien und Ehen, Haus-, Arbeits- und Wohngemeinschaften.
Dieser Text wird häufig bei Trauungen gelesen. Man nennt ihn auch eine christliche Lebensordnung. Auch in unseren Familien sollen wir so miteinander umgehen und da wo wir mit anderen zusammen wohnen oder arbeiten. Mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut Geduld. Ja eigentlich noch mehr als mit denen draußen. Aber wie sieht es da oft aus? Nicht herzliches Erbarmen regiert, sondern erbarmungslose Herzlosigkeit. Nicht Freundlichkeit, sondern mürrische Unfreundlichkeit, vom Badezimmer am Morgen bis zum Bettgehen am Abend. Klagen, Forderungen, Vorwürfe, Schuldzuweisungen. Bitterkeit und Zynismus, verletzende Bemerkungen, Seitenhiebe, Sticheleien und Kritik, manchmal noch Schlimmeres.
Es ist eine traurige Tatsache: Viele Ehen in unseren Tagen sind in einem sehr schlechten Zustand. In vielen Familien herrscht nicht Liebe, sondern Lieblosigkeit, manchmal sogar Bosheit. Da gibt es keine Nestwärme, sondern Gefühlskälte. Viele Frauen, viele Männer, viele Kinder möchten am liebsten davonlaufen und manche tun es dann auch. Manchmal, weil sie es nicht mehr aushalten, manchmal, weil sie meinen etwas Besseres gefunden zu haben.
Aber der Gott, der uns erwählt hat, der uns heiligen will und der uns unendlich liebt, will das nicht. Er will dass wir einander begegnen mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut Geduld. Er ist bereit immer wieder neu mit uns anzufangen und uns immer neu in die Arme zu schließen und lieb zu haben. Er versteckt sein Erbarmen nicht, sondern er zeigt es uns. Zeigt es uns täglich neu: All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
Woran liegt es dann, dass es bei uns oft ganz anders ist? Es liegt, so denken Eheleute, bei denen es kriselt meist, – es liegt zu 98% am anderen. Zugegeben, ich mach auch nicht immer alles richtig. Aber wenn ich die Geduld verliere, hab ich einen Grund dafür und wenn mir der Kragen platzt, dann zu Recht!
Ein Pfarrer hat einmal zu einem Brautpaar gesagt: In der Ehe lernt man, dass zwei und zwei Hundert ist. Den etwas ratlosen Paaren erklärte er dann: Bei jedem Streit denkt, man: Zu 98% ist der andere schuld und zu 2% vielleicht ich. Aber, so erklärte er dann, wenn einer anfängt und sich für seine 2% entschuldigt, dann lenkt oft der andere ein und entschuldigt sich auch und dann ist die Sache wieder zu 100% in Ordnung.
Schwierig wird es in Beziehungen, in denen sich keiner mehr entschuldigen kann. Wenn man das: Bitte vergib mir! Nicht mehr über die Lippen bringt. Im Epheserbrief rät Paulus einmal: Lasst die Sonne nicht untergehen über euerem Zorn. (Eph 4,26) Das heißt, verzeiht euch noch an dem Tag, an dem Ihr etwas Böses erfahren habt. Schiebt die Versöhnung nicht auf, sonst brennt sich das Böse wie eine Säure immer tiefer ein. Oder es sammelt sich im Fass der Unvergebenen Schuld immer mehr an, bis es voll ist und mit furchtbaren Folgen überläuft. Oder der ganze Kübel auf einmal ausgeschüttet wird.
Unvergebene Schuld ist eine Mauer, die voneinander trennt. Sie wird höher und höher, bis man einander gar nicht sehen kann, nicht mehr hören, nicht mehr riechen kann, nicht mehr berühren mag. Nicht umsonst hat der Herr Jesus seine Vergebungsbitte im Vaterunser so formuliert: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Paulus hier: Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Wenn man sich nicht vergibt, wenn man immer etwas im Herzen hat gegen den anderen, dann entfernt man sich voneinander, dann lebt man sich auseinander. Und darauf wartet der Teufel nur. Dann hat er nämlich ein viel leichteres Spiel, Ehen und Familien zu zerstören. Wenn Frau und Mann im Streit, unversöhnt auseinander gehen, dann denkt jedes von beiden: Mein Ehepartner versteht mich nicht mehr, liebt mich nicht mehr. Ja und dann begegnet einem die nette verständnisvolle Kollegin, mit der man so gut reden kann, die zuhört und die immer freundlich ist. Oder der aufmerksame Nachbar, der den schweren Einkaufskorb rein trägt und dabei was Nettes über die neue Frisur sagt, die der Ehemann nicht mal bemerkt hat. So ähnlich haben wohl viele Trennungen begonnen
Hätte es wirklich so weit kommen müssen? Wenn man dieses Wort Gottes ernster genommen hätte, wohl nicht. Mit mehr Demut, mehr Geduld, mehr Sanftmut… Betet man darum eigentlich? Um Demut, Sanftmut, Geduld? Frauen, Männer, Kinder und Eltern wir alle müssen darum bitten, dass wir nicht immer gleich hochgehen. Demütig sein, heißt sich unter den anderen stellen. Sich auch mal was sagen lassen.
Ja, aber, so wenden dann manche ein. Meine Frau, mein Mann, meine Mutter, mein Vater, meine Tochter, mein Sohn, mein Chef, meine Kollegin ist wirklich unmöglich. Und dann kann man 1000 Fehler aufzählen, die der Mensch hat und darüber vergisst man die guten Seiten, die der andere auch hat. Man sieht nur noch, was der oder die falsch machen.
Dabei braucht jeder Mensch Anerkennung und Wertschätzung. Auch die, die nicht alles richtig ,machen. Die vielleicht besonders. Gott gibt uns Wertschätzung durch die Liebe des Heilands und durch sein Kreuz. So hat Gott die Welt geliebt… Weil du so wert geachtet bist in meinen Augen sollst du auch herrlich sein und ich habe dich lieb, spricht der Herr. Ich habe dich je und je und je geliebt… Wie viele solche Liebeserklärungen Gottes haben wir schon bekommen, haben sie gebraucht und dankbar in uns aufgesogen.
Paulus beginnt hier im Kolosserbrief mit dem erstrebenswerten Idealzustand: Als die Auserwählten Gottes begegnet einander mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Aber er war offensichtlich auch Realist, der um unsere Schwächen und Fehler wusste, darum fährt er gleich anschließend fort – es geht jetzt in Schritten oder Stufen weiter mit seinem Rat – und ertrage einer den anderen
Das ist die Stufe 1. Niemand von uns ist so, wie ihn sich der andere wünscht. Und wenn man versucht den anderen so zu machen, wie man ihn gern hätte, dann tut das immer weh und führt bestimmt nicht zum Ziel. Man kann einen anderen nicht mit Appellen oder Vorwürfen, mit ständiger Kritik und schon gar nicht mit Nörgeleien und spitzen Bemerkungen verändern.
Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als den anderen so zu nehmen, so anzunehmen, wie er eben ist. Manches gilt es zu ertragen Aber manchmal schaffen wir es trotzdem nicht, den anderen zu ertragen. Wenn ich mit mir unzufrieden bin, dann bin ich am schwierigsten. Oder wenn ich mit Gott nicht im Reinen bin kommt es zum Streit mit Menschen, dann wird man verletzend, sagt Dinge, die man später bereut und die so gar nicht stimmen. Man macht Vorwürfe und sucht die Schuld beim anderen. Man klagt an und klagt über… Das ist die Stufe 2. Wenn die eintritt, rät Paulus: vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen.
Das ist das Hauptstück jeder Beziehung und jeder Ehe, dass man einander vergeben kann. Was heißt denn vergeben? Dem anderen das Böse, das gewesen ist nicht zurechnen, nicht nachtragen, nicht länger übel nehmen.
Paulus hat gewusst, dass dieses Vergeben manchmal gar nicht so leicht ist. Es geht gegen unser ICH und gegen unsere Selbstgerechtigkeit. Jetzt warst Du so gemein zu mir und ich soll dir einfach vergeben? Man hat das Gefühl, man würde es dem anderen damit viel zu leicht machen. Das sieht ja dann so aus als würde ich sein Handeln oder Reden für gut heißen, denkt man. Paulus erinnert darum in diesem Zusammenhang an die Vergebung von der wir leben: Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Wie vergibt uns denn der Herr, wenn wir ihn bitten? Lässt er uns erst mal schmoren? Verlangt er Vorleistungen von uns? Du musst erst mal… Nein! Er vergibt uns vollständig und bedingungslos. Auch heute in diesem Gottesdienst, nachher im Abendmahl: Für dich gegeben und vergossen zur Vergebung deiner Sünden.
„Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in eueren Herzen und seid dankbar!“
Paulus schließt seine Ratschläge hier mit diesem Friedenswunsch und einer geistlichen Ermahnung, die auch uns gilt:
Lasst das Wort Christi reichlich wohnen unter euch; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eueren Herzen.
Und alles, was ihr tut, mit Worten oder Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott dem Vater durch ihn.
Amen.
Verfasser: Martin SchöppelÓ , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168