Gottesdienst – Kolosser 1,24-27
Zur PDFPredigt zu Kolosser 1,24-27 am Epiphaniasfest 2006
Der Apostel schreibt: Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.
Liebe Gemeinde,
der heutige Festtag wird in der evangelischen Kirche „Epiphanias“ genannt, das Fest der „Epiphanie“, das heißt der Erscheinung der Herrlichkeit Christi. Dieses Epiphaniasfest ist ein sehr altes, neben Ostern das älteste Fest der Christenheit.
So geheimnisvoll wie sein Name ist das, worum es an diesem Tag geht: nämlich um „das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen“, wie es in unserem Briefabschnitt zu lesen ist.
Streckt sich nicht alle Religion dem entgegen, dass Gott erkennbar wird für uns Menschen? Dass das, was unsichtbar ist und unsichtbar bleibt, unserem inneren Auge erscheint? Dass der Anruf, den kein leibliches Ohr hören kann, im Herzen vernommen wird? Dass das schlechthin Verborgene und Wunderbare uns berührt und ergreift?
Mit der alten Christenheit glaubt und bekennt die Kirche aller Zeiten, dass eben diese Sehnsucht aller Religionen in der Erscheinung Jesu Christi erfüllt ist. Und sie begeht darum diesen Festtag mit dem Jubelruf: Jesus Christus ist erschienen zum Heil der ganzen Welt.
Nun erweist sich freilich auch die Gestalt Jesu als ein Geheimnis, mit dem wir wohl ein Leben lang zu ringen haben. Gott zeigt sich im Kommen seines Sohnes – denen, die an ihn glauben! Der übrigen Welt bleibt er verborgen, gilt er nicht mehr als ein achtbarer Mensch. Schon die Geburt des Gottessohnes an Weihnachten verhüllt sich in unscheinbaren Dingen: in einem Stall, einer Krippe, mitten in dunkler Nacht.
Und wenn wir schon vorangeschritten sind auf dem Weg, Jesus zu erkennen und zu verstehen? Der Theologe Eberhard Jüngel schreibt dazu: „Es gibt Dinge und Begebenheiten, Personen und Ereignisse, die um so geheimnisvoller werden, je besser man sie versteht. Rätsel kann man lösen. Geheimnisse bleiben auch dann, wenn man sie kennt, geheimnisvoll.“
Unsere Lieder besingen das Unfassbare: „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein, in einem Krippelein.“ (EG 27,2) So dichtete Nikolaus Herman.
Und Paul Gerhardt staunte: „O dass doch so ein lieber Stern soll in der Krippen liegen! Für edle Kinder großer Herrn gehören güldne Wiegen. Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, Samt, Seide, Purpur wären recht, dies Kindlein drauf zu legen!“ (EG 37,6)
Dass Sie und ich heute das Epiphaniasfest begehen, zeigt: Jesus Christus ist uns lieb und wert geworden, trotz und vielleicht gerade wegen des Geheimnisses, das ihn umgibt: seiner unbegreiflichen Art zu lieben. Christ ist erschienen, das ist nicht bloß ein weltbewegendes Ereignis, das ist ein Ereignis, das unser persönliches Leben verändert hat, nicht wahr?
Zwei Folgen des Erscheinens Jesu für uns leuchten im Briefabschnitt an die Kolosser klar und tröstlich auf. Der Apostel hat entdeckt: Weil Christus gekommen ist, darum gilt: Mein Leiden hat einen Sinn. Und: Mein Leben hat einen Auftrag.
Mein Leiden hat einen Sinn. Das Schlimmste, ihr Lieben, was uns widerfahren kann, steckt es im Leiden an sich? Keineswegs. Das Schlimmste steckt wohl im Leiden ohne Sinn. Ich rede nun nicht von einem Leiden, das einer wenden könnte, es aber nicht wagt oder wenden will bzw. sich dazu nicht helfen oder raten lässt. Ich spreche hier nicht von einem Leiden, das eigentlich bei etwas gutem eigenen Willen nicht sein müsste. ( Wobei die Unterscheidung zwischen Veränderbarem und Unveränderbarem freilich nicht immer leicht fallen mag. )
Doch hier geht es um Leiden, das unausweichlich wird, das wir nicht abstellen können, in dem unsere Ohnmacht mit Händen zu greifen ist. Eine schwere Krankheit, angesichts der die Ärzte den Kopf schütteln und die Schultern zucken. Ein tragischer Trauerfall im Angehörigen- oder Freundeskreis, der uns tränenverloren zurücklässt. Eine plötzliche Entlassung aus betrieblichen Gründen. Eine bittere Enttäuschung nach großer Anstrengung und froher Erwartung. Ein Unglück, das wir nicht verschuldet haben oder das wir unabsichtlich verantworten. Ein himmelschreiendes Unrecht, das uns angetan wird. Eine tiefe Depression, die uns den Hals zuschnürt und in Dunkelheit stürzt.
Leiden und keinen Sinn darin sehen, zweifeln, verzagen, verzweifeln an Gott und der Welt. Wir kennen das wohl. Muss das so sein? Nein. Die Männer und Frauen der Bibel weisen uns einen anderen Weg. Unser Briefschreiber etwa ordnet sein Leiden ein in den Plan Gottes mit ihm und allem Sein.
Konkret: Paulus war aus fadenscheinigen Gründen festgenommen und ins Gefängnis geworfen worden. Resigniert er, ballt er die Faust, verwünscht er sein Schicksal? Ganz im Gegenteil. „Nun freue ich mich in den Leiden“, erfahren wir von ihm.
Verstehen wir das nicht falsch, liebe Gemeinde. Leiden soll nicht beschönigt werden nach dem Motto: So was Tolles! Ein Christ wird – auch wenn der Herr gekreuzigt wurde und wir in seiner Nachfolge stehen, ein Christ wird nicht leidenssüchtig sein. Als Christin bin ich für das Wohlbefinden von Körper und Seele dankbar, solange und soweit es mir geschenkt ist.
Lassen wir uns die vielfältig alltägliche Gnade Gottes gern gefallen! Meinen wir nicht, Konflikte und Demütigungen, Not und Schmerzen und schließlich der Tod müssten uns jederzeit suchen. Auch dem gefangenen Apostel Christi liegt daran, wieder freizukommen und seinen Dienst ungestört weiterzuversehen. Sogar unserem Herrn Jesus war die Bitte vor der Hinrichtung nicht zu billig: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir!“ (Lukas 22,42)
Aber gleichzeitig wuchs in Paulus eine tiefe Freude darüber, dass er auch mit seinem Elend – und besonders in seinem Elend – für Christus zeugen durfte, vielleicht für manchen wirkungsvoller und überzeugender, als wenn er unbeschadet hätte predigen und reisen können.
Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, müssen wir zum Leiden grundsätzlich bereit sein. Wenn wir konsequent unseren Glauben an den Herrn leben, erfahren wir Beglückung – und eben oft zusätzlichen Schmerz. Den Schmerz über das eigene Versagen, das im Licht Christi so krass hervorsticht. Den Schmerz über manches Unverständnis, manchen Spott anderer, möglicherweise sogar in der eigenen Familie. Den Schmerz darüber, dass wir nicht im Paradies leben.
Zum Christ sein gehört „das Leiden Gottes, an der gottlosen Welt mitzuleiden“, schrieb Dietrich Bonhoeffer in seinen ergreifenden Briefen aus dem Gefängnis in Berlin während des Zweiten Weltkriegs.
Im übrigen dürfen wir uns sagen lassen: Keine Wegstrecke im Leben der Leute Jesu ist jemals sinnlos. Alles, wirklich alles, weiß der Herr einzubauen in den Heilsratschluss für alle Menschen und bahnt der Botschaft irgendwie den Lauf. Nehmen wir Leid und Freud aus Gottes Hand und vertrauen darauf: es muss zum Besten dienen. Jesus bürgt dafür.
Ja: Mein Leiden hat einen Sinn – auch wenn ich selbst ihn nicht immer oder nicht immer gleich erkenne. Das hilft, manches tapfer und aufrecht zu tragen. Und das Zweite, das durch die Erscheinung Christi unter uns gilt: Mein Leben hat einen Auftrag.
Ihr Lieben, es steht nicht in unserem Belieben, ob wir als Gemeinde Jesu das Evangelium verkündigen und bekannt machen überall und zu jeder Zeit. Gewiss: als Pfarrerin bin ich in herausragender Weise bevollmächtigt und in die äußere und innere Pflicht gerufen, Menschen zu Christus zu führen und sein Wort „reichlich“ zu predigen, nicht nur auf Kanzel und Katheder.
So dürft ihr das Wort, das in dieser Predigt laut wird, durch den heiligen Geist als Gottes eigenes Wort hören. Ihr dürft in Brot und Wein, die ich nicht minder recht zu verwalten habe, Christus selbst empfangen. Dazu bin ich geschickt. Doch „der herrliche Reichtum des Geheimnisses“ Gottes will durch jeden von uns strömen und in alle Ecken und Nischen des Daseins gelangen.
Was auch immer ihr in diesem Jahr tut – tut es in der Gegenwart Jesu. Was auch immer ihr sagt – sagt es in seinem Namen. Und wenn ihr etwas nicht guten Gewissens in seinem Namen sagen könnt, lasst es. Was „der herrliche Reichtum des Geheimnisses unter den Heiden“ ist?: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“
Euer Familien- oder Alleinleben, eure Berufstätigkeit oder Ehrenamt, der Ort, an dem ihr wohnt – alles in eurem Leben ist letzten Endes der Ausgangspunkt, von dem aus der eigentliche Dienst eures Lebens sich vollzieht: euch selbst und andere für Jesus gewinnen zu lassen, damit wir alle seinem Leib, der Gemeinde, eingefügt werden.
Denn wir bezeugen: Er ist die eine große Hoffnung für uns, neben der es keine zweite gibt. Jetzt, wo wieder ein neues Jahr vor uns liegt, wo wir nicht ahnen, was 2006 für dich und mich birgt, für unsere Stadt, für unser Land, für die Erde, da können wir uns auf eines verlassen: Christus wirkt weiter unter uns durch Wort und Sakrament. Christus ist alles in allem!
Darum leben wir Christen erfüllt mit Hoffnung in Ihm, Tag um Tag. Wenn es schön ist und wenn es schwer ist. Vom ersten Atemzug an bis zum letzten. Unser Leiden hat einen Sinn. Unser Leben hat einen Auftrag. In allem, was geschieht, nähren wir uns von dem Geheimnis, das uns, den Heiligen offenbart ist, und bieten uns an, diesem Geheimnis zu dienen: Christus in uns, und wir in Christus. Dazu helfe uns Gott. Amen.
Pfarrerin Birgit I. Bauer, Kreuzkirche Bayreuth