Gottesdienst – Kol. 4, 2-4
Zur PDFRogate, Kreuzkirche + MCKapelle 20./21.05.06, Kol. 4, 2-4
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist
zum Reden und zum Hören. Amen.
Das Wort Gottes für die Predigt am heutigen Rogate-Sonntag steht im Brief an die Kolosser im 4. Kapitel:
Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!
Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin.
Er sitzt mal wieder. Nein nicht auf der Parkbank, sondern als
Gefangener. Er steht unter Hausarrest bis Zur Verhandlung. Schwer
bewacht hat man Paulus nach Rom gebracht, damit ihm dort vor dem Kaiser
der Prozess gemacht würde. Monatelang, jahrelang tat sich nichts.
Der Prozess verzögerte sich.
Wenn sie am letzten Sonntag im Gottesdienst waren, dann haben sie von
seinem Gefängnisabenteuer in Philippi gehört. Nach harten
Schlägen hatte man ihn zusammen mit seinem Freund Silas ins
Gefängnis geworfen und in den Block gesperrt. Während sie um
Mitternacht sangen und beteten, gab es ein Erdbeben, das ihre Fesseln
sprengte und die Türen des Gefängnisses aus den Angeln riss.
Damals hatte er erlebt, wie Gott Gebete sofort erhört. Jetzt in
Rom betet er schon Monate lang, länger als ein Jahr und nichts
geschieht.
Der Apostel und Missionar macht dieselbe Erfahrung, die jeder
Glaubende, jeder Beter auch kennt: Manchmal erhört Gott unsere
Gebete sehr schnell, ein andermal beten wir lange und es geschieht
nichts. Haben Sie das nicht auch schon erlebt?
Mancher Vater, manche Mutter, die Gottes Eingreifen im eigenen Leben
schon oft erlebt haben, beten Jahre, Jahrzehnte für ihre Kinder,
dass sie doch auch den Weg des Glaubens gehen sollten, aber sie wollen
nichts davon wissen.
Kann man, ja muss man da nicht zweifeln an Gott? Wenn man in einer
Sache immer wieder betet und es tut sich nichts? Wie wird denn der
Apostel Paulus damit fertig? Was schreibt er hier auf dem Hintergrund
dieser Erfahrung an die Gemeinde in Kolossä? Er weiß ja,
dass seine Gefangenschaft nicht nur für ihn selbst, sondern auch
für viele seiner Freunde eine Anfechtung ist. Auch das kennen wir
ja: Wir beten für kranke Verwandte und Freunde und dann erhalten
wir trotzdem, wenn wir nach ihrem Befinden fragen, immer wieder die
Antwort: Nicht besser, eher schlechter:
Paulus schreibt diesen Christen am Ende seines Briefes, nachdem er auf ihre Probleme eingegangen ist: Seid beharrlich im Gebet und wacht betend mit Danksagung!
In diesem Satz stecken drei wichtige Aussagen:
1. Beten braucht Ausdauer und Geduld.
2. Beten verlangt Wachsamkeit, Konzentration und Glauben
3. Beten ist untrennbar mit Dankbarkeit verbunden.
Denken Wir über diese Gebetshilfen noch ein wenig nach:
Die erste: Beten braucht Ausdauer und Geduld.
Ein Missionar hatte vor Studenten von seiner fruchtbaren
Arbeit auf einer fernen Insel erzählt. Hinterher fragte einer:
„Was haben Sie eigentlich gemacht, dass es zu einer solchen Erweckung
kommen konnte?“ Der Missionar schüttelte den Kopf. – „Gemacht? Ja
gemacht haben wir eigentlich nichts. – Bloß 25 Jahre lang darum
gebetet. Das ist alles!“
Seid beharrlich im Gebet! Wann hätten wir aufgegeben? Nach
fünf Jahren? Nach fünf Monaten? Nach fünf Wochen? Ja,
manchmal geben wir doch schon nach fünf Stunden, manchmal sogar
schon nach 5 Minuten auf, mit unserem Gebet.
Welches Gebet haben Sie längst aufgegeben? Wie beharrlich
bringen Sie Ihre Anliegen Gott oder Jesus vor? In anderen Dingen
können wir ganz schön beharrlich sein. Schon kleine Kinder
können das, wenn sie etwas unbedingt wollen. Eins unserer Kinder
war da im Kindergartenalter unermüdlich. 5-mal, 10-mal, 50-mal hat
es mich an der Hose oder Jacke gezogen und immer wieder gebettelt:
Papa, kommst du jetzt, machst du das jetzt mit mir! Bis ich endlich
reagiert habe.
Wie beharrlich arbeiten manche Menschen auf ein Ziel hin, um
sich eines Tages den großen Wunsch erfüllen zu können.
Sie sparen, schuften, trainieren, experimentieren mit immer neuen
Versuchen und Methoden. Manche Leute bestellen beharrlich Jahr für
Jahr Festspielkarten, in der Hoffnung, endlich mal welche zu bekommen.
Oder sie machen jedes Preisausschreiben mit, um endlich mal was zu
gewinnen. Wie viele Fans versuchen beharrlich und mit großem
Aufwand an eine Karte für die Fußball-Weltmeisterschaft
heranzukommen.
Andere arbeiten beharrlich und zielstrebig an Erfolg und
Karriere oder Wochenende für Wochenende am eigenen Haus oder
suchen als leidenschaftliche Sammler beharrlich nach der Münze
oder der Briefmarke. Der Apostel nimmt nun dieses Wort „beharrlich“ und
wendet es aufs Gebet an: „Seid beharrlich im Gebet!“ Gebt doch auch da nicht so schnell auf! Nehmt Gott beim Wort! Jesus sagt doch: Bittet, so wird euch gegeben! In der Bibel gibt es viele Beispiele, die belegen, dass es sich lohnt auch auf diesem Gebiet ausdauern zu sein.
Wie lange haben Abraham und Sara um den Isaak gebetet, wie lange
die Hanna um den Samuel, Zacharias und Elisabeth um Johannes. Hiob hat
nicht aufgegeben zu beten, bis Gott ihn nach langer Zeit erhörte.
Simeon musste bis ins hohe Alter beten, bevor er das Jesuskind sah und
bewegt bekannte: Meine Augen haben den Heiland gesehen.
Uns
fehlt oft die Geduld. Wir wollen immer alles gleich haben. Und wenn
Gott nicht gleich hört und so handelt, wie man es erwartet, dann
geben viele auf, wenden sich ab von ihm, hören auf zu beten. Wie
man sich enttäuscht und ärgerlich von einem Automaten
abwendet, in den man sein Geld reingesteckt hat und der dann die Ware
oder die Fahrkarte nicht rausrückt.
Gott ist doch kein Automat, in den ich ein Gebet einwerfe und
dann erwarte, dass die Erhörung umgehend kommt. Wer so betet, mit
dieser Einstellung, der wird enttäuscht werden. Wir haben doch
keine berechtigten Forderungen an Gott! Er ist uns doch nichts
schuldig! Wenn er Ihr oder mein armseliges Gebet hört, dann ist
das seine große Güte und Barmherzigkeit. Und wenn er uns
lange bitten lässt, dann ist das nicht Schikane, sondern hat
sicher Gründe. Wir sollen deshalb nicht aufhören zu beten,
sondern beharrlich weiterbeten. Auch Gebete, die in der Sache lange
unerhört bleiben bringen Segen.
Dass wir überhaupt beten können, mit Gott reden
dürfen, ist ein Vorrecht. Gebet ist ein Angebot der Nähe
Gottes. Wer betet, kommt zu Gott. Der lebendige heilige Gott ist
für uns zu sprechen. – Wie viele Leute sind für uns nicht zu
sprechen! Die Großen und Mächtigen, die Berühmten und
Reichen sind für uns nicht zu sprechen. Die leben hinter dicken
Mauern, abgeschirmt von Sicherheitspersonal. Will man sie auch nur am
Telefon sprechen, dann kommt man allenfalls bis zur Sekretärin
oder zum Referenten im Vorzimmer.
Aber ein viel Höherer, der Allerhöchste ist für
uns zu sprechen. Jederzeit, an einem ganz normalen Tag oder auch mitten
in der Nacht, wenn uns Sorgen oder Schmerzen nicht schlafen lassen.
Unterwegs, wenn uns etwas einfällt, wenn wir an eine wichtige
Sache erinnert werden. Ja manchmal erinnert uns der Geist Gottes an
etwas oder jemanden. Dann sollten wir es nicht aufschieben zu beten.
Vielleicht fällt Ihnen jetzt etwas wieder ein, wofür sie
schon lange nicht mehr gebetet haben. Dann schieben Sie es nicht weg!
Schieben sie es nicht auf! Fangen sie an, wieder beharrlich dafür
zu beten!
Klopfen Sie immer wieder an Gottes Tür, bis sie eines Tages
aufgeht. – Vielleicht geht sie an einer anderen Stelle auf als sie
erwartet haben. Aber sie wird aufgehen! Beten braucht Ausdauer und
Geduld.
Beten verlangt auch Wachsamkeit, Konzentration und Glauben,
so haben wir es vorhin den Worten des Paulus als zweite Feststellung
entnommen. Beter sind keine Schlafmützen oder fromme Träumer.
Beter sehen mit wachen Augen die Nöte der Zeit oder der Menschen
um sie herum. Die politischen Nöte, wenn wieder ein neuer Krieg,
wie im Iran droht oder die wirtschaftlichen Probleme, wenn ein
Gesundheitswesen nicht mehr finanzierbar ist und Ärzte nicht mehr
richtig entlohnt werden. Wenn sich Krankheitserreger nicht stoppen
lassen und Mensch und Tier gefährden, wenn Schulabgänger
keine Stellen mehr finden, Kirchen geschlossen werden müssen, weil
niemand mehr reingeht, wenn Arbeit nicht mehr so entlohnt wird, dass
man davon leben kann.
Das alles und noch mehr sehen wache Beter. Sie fangen an darum zu
beten, dass Gott Lösungen zeigt und sie hören nicht auf
beharrlich dafür zu bitten, dass er Hilfe schenkt. Wenn Reinhold
Schneider im Nationalsozialismus den beschwörenden Ausruf getan
hat: Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert über unseren Häuptern aufzuhalten,
gilt das nicht genauso oder noch mehr für die vielen Schwerter,
die vielen Bedrohungen über unseren Häuptern im Jahr 2006?
Auch unsere Enkel und Urenkel sollen einmal noch Luft zum Atmen, Wasser
zum Trinken, Arbeit zum Leben, Rohstoffe zum Gestalten haben. Und dazu
braucht es wache und konzentrierte Beter, nicht jammernde
Untergangsphantasten und klagende Pessimisten. Beter legen nämlich
nach ihrem Gebet die Hände nicht in den Schoß, sondern tun,
was sie können, um das, worum sie gebetet, haben auch
voranzubringen.
Ora et labora, bete und arbeite, sagten die alten
Mönche und wussten, dass nach vertrauensvollem Gebet auch
zupackendes Handeln nötig ist. Es ist zu wenig, wenn ein
Schüler nur darum betet, dass er das Schuljahr schafft oder eine
gute Note erreicht. Er muss schon auch was tun. Aber es kann einer Tag
und Nacht arbeiten und sich verrückt machen, wenn er nicht darum
betet, dass Gott seine Arbeit auch segnet und gelingen lässt, dann
arbeitet er umsonst. Das wusste vor 3000 Jahren schon der König
Salomo und schrieb im 127. Psalm:
Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.
Unsere Welt, unser Land, unsere Kirche, unsere Gemeinde braucht
Beter! Christen, die nicht gleich aufgeben, die beharrlich sind, die
dran bleiben am Gebet. Gott lässt mit sich reden. Er wendet Unheil
ab, wenn Beter da sind, die nicht aufhören. Er stößt
Pläne um, wendet Gericht ab, wenn Menschen anfangen, wieder mit
ihm zu reden und auf ihn zu hören.
Denken Sie an den Propheten Jona, der der Stadt Ninive im
Auftrag Gottes Gericht ankündigte. Sie tun tatsächlich
Buße, bekennen und bereuen ihre Schuld, bitten Gott um Vergebung
und ihre Stadt bleibt verschont. Dem kranken König Hiskia wird
durch den Propheten Jesaja angekündigt, dass er sterben wird.
Hiskia betet darauf hin, wie er noch nie vorher gebetet hat und Gott
erhört sein Gebet und schenkt ihm noch weitere fünfzehn Jahre
dazu. Gott lässt mit sich reden und er hat alle Möglichkeiten
etwas zu tun, einzugreifen, zu helfen. Wenn ein wirklicher Beter da
ist, teilt er sogar ein Meer, lässt Minderheiten siegen, rettet
Schiffbrüchige oder Abstürzende, bewahrt vor Granatsplittern,
Bomben und feindlichen Kugeln, führt Durstende aus der Wüste
und Verirrte auf einen Weg.
Das ist alles schon geschehen, nicht nur einmal, sondern
tausendfach. Und du meinst, deine Not wäre zu groß? Du
meinst, Dein Gebet würde er nicht hören? Du meinst, Dir
könnte er nicht helfen? Du willst aufgeben? Aufhören zu beten
und zu vertrauen? Du lässt Dich ablenken von Deinem Gebetsanliegen
und traust der Macht des Gebets nichts mehr zu?
Der Theologe Karl Barth hat einmal gesagt: „Wenn das Herz
nicht dabei ist, wenn es nur eine Formsache ist, die mehr oder weniger
korrekt erfüllt wird, was ist es dann? Nichts! Alle Gebete, die
nur allein mit den Lippen verrichtet werden, sind nicht nur
überflüssig, sondern sie missfallen Gott; sie sind nicht nur
nutzlos, sondern sie sind eine Beleidigung Gottes.“ Wie oft mögen wir Gott da schon beleidigt haben? Beten verlangt Wachsamkeit, Konzentration und Glauben.
Und das dritte, was Paulus uns im Bezug aufs Beten ans Herz legt: Beten ist untrennbar mit dem Danken verbunden. Er macht das auch gleich vor in seinem Brief. Am Anfang schreibt er: „Wir danken Gott dem Vater unseres Herrn Jesus Christus allezeit, wenn wir für euch beten“
– Was in jedem Gespräch oder Schreiben eigentlich
selbstverständlich ist, vor der Bitte einen Dank zu sagen, wird
beim Beten oft vergessen. Dabei hätten wir alle genug Grund Gott
zu danken.
Wir leben im Frieden, leiden keinen Hunger, haben
ein Zuhause, sind eingebunden in eine Gemeinde, in eine Familie, sind
vor Katastrophen verschont geblieben, können Gottes Wort
hören… Es wäre kein Problem, eine ganze Predigt lang
aufzuzählen, wofür wir danken können. Für uns
selbst und für andere.
Auch in der Fürbitte ist Dank angebracht. Dank, dass es den
anderen, für den ich bete überhaupt gibt. Manchmal zerbrechen
wir uns den Kopf, wie wir einem freundlichen Menschen, der uns Gutes
getan hat, danken können, aber wie wenig denken wir darüber
nach wie wir einem freundlichen Gott, der uns schon so viel Gutes getan
hat, danken können.
Noch etwas vergisst Paulus nicht: „Betet darum, dass Gott eine Tür für das Wort auftut!“
Auch das ist bis heute ein ganz wichtiges Gebet. Darum beten, dass Gott
Türen und Herzen öffnet. Missionarisch beten,
leidenschaftlich beten, dass um uns herum viele aus einem Leben ohne
Gott, ohne Jesus, ohne Sinn und Ziel gerettet werden. Wichtiger als
jede Aktion, jedes Papier, jedes Plakat, jede Einladung ist, dass wir
für das Evangelium und seine Wirkung beten. Gott will doch, dass
allen Menschen geholfen werde und dass alle zur Erkenntnis seiner
Wahrheit kommen. Beter sind Mitarbeiter Gottes.
Noch einmal Karl Barth: „Das Gebet ist es, das uns in Verbindung mit Gott bringt, das uns erlaubt mit ihm zusammenzuarbeiten.“
Herr, lehr uns beten, dass wir mit dir reden, wie Kinder mit ihrem Vater
Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168