Gottesdienst – Kol. 2, 8-15

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Quasimodogeniti, Kreuzkirche, 23.04.2006 Kol. 2, 8-15

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist
zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt steht Kolosser 2, 8-15:

Lasst euch von keiner Ideologie oder irgendwelchem leeren Gerede einfangen. All das haben sich Menschen ausgedacht; aber hinter ihren Gedanken stehen dunkle dämonische Mächte und nicht Christus.
Nur in Christus ist Gott wirklich zu finden, denn in ihm lebt er ganz und gar.
Deshalb lebt Gott auch in euch, wenn ihr mit Christus verbunden seid.
Durch eueren Glauben an Christus habt ihr euer altes sündiges Leben aufgegeben, seid auch ihr Beschnittene. Zwar nicht durch eine Beschneidung, wie sie der Priester im Tempel durchführt, sondern durch die Beschneidung, wie ihr sie durch Christus erfahren habt.
Durch die Taufe ist euer altes Leben beendet; ihr wurdet mit Christus gleichsam begraben; aber durch den Glauben seid ihr gleichsam auch mit ihm zu einem neuen Leben auferweckt worden. Diesen Glauben hat Gott in euch bewirkt und er war es auch, der Christus von den Toten auferstehen ließ.
Durch eueren Egoismus und euere Sünden wart ihr für Gott tot, aber er hat euch mit Christus lebendig gemacht und alle Schuld vergeben.
Gott hat den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen so schwer belastete, eingelöst und auf ewig vernichtet, indem er ihn ans Kreuz nagelte.
Auf diese Weise wurden die finsteren dämonischen Mächte entmachtet und in ihrer Ohnmacht bloßgestellt, als Christus über sie am Kreuz triumphierte.

„Religion ist im Kommen“, titelt die neueste Ausgabe von idea Spektrum, Nachrichtenmagazin aus der Evangelischen Welt. Religion ist im Kommen.
Ist das nicht schön? Nach Aufklärung und Kommunismus, nach
der „Gott ist tot Theologie“ der Achtundsechziger, nach Materialismus
und Spaßgesellschaft scheinen Menschen wieder zu fragen, was
dahinter ist. Welchen Sinn hat das Leben?

Jeder klar denkende Mensch kann es ahnen, dass der Kosmos, die Welt,
das Leben, auch das eigene, nicht von Ungefähr kommen. Hinter
allem Sichtbaren muss ein Unsichtbarer stehen, der die Fäden in
der Hand hat. Über allen Mächtigen muss es noch einen
Allmächtigen geben, der letzte Entscheidungen trifft und
endgültige Urteile spricht.

Die revolutionären Entdeckungen der Wissenschaft und die
faszinierenden Errungenschaften der Technik haben Gott, Glauben und
Religion nicht widerlegen können. Religion ist im Kommen!
Das sollte uns, die wir Gottesdienste miteinander feiern und schon
lange an Gott glauben doch freuen und Mut machen. Über Gott darf
wieder gesprochen werden. Nicht nur anklagend. Jesus ist wieder ein
Thema, nicht nur in frommen Zirkeln.

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Büchern, Romanen,
Krimis, angeblichen Sachbüchern erschienen, die Jesus im
Mittelpunkt zu haben scheinen. 46 Millionen Mal wurde bisher Dan Browns
2004 erschienener Roman „Sakrileg“ verkauft, in viele Sprachen
übersetzt und ist demnächst verfilmt im Kino zu sehen. Andere
Autoren rollen auf dieser Erfolgsschiene hinterher: Der Thriller „Scriptum“ von Raymond Khoury, „Ikone“ von Neil Olson, das „Jesusfragment“ des Franzosen Loevenbruck und noch eine ganze Reihe andere.

Alle haben neue „Informationen“ über Jesus, wissen von „Tatsachen“
aus seinem Leben, die bisher unbekannt waren. Sie entschlüsseln
Geheimnisse und enthüllen Skandale. Hauptpersonen der Handlung
sind neben Jesus Frauen- und Männergestalten der Urgemeinde. Wer
das Neue Testament nicht wirklich kennt, kann nicht unterscheiden, was
in diesen Geschichten Phantasie ist und was sich mit der Bibel deckt.

Allzu oft wird Jesus dargestellt als einer, der keine Wunder tun, keine
Wahrheit verkündigen wollte. Man konstruiert Liebesgeschichten
zwischen ihm und Maria Magdalena, dichtet ihm Kinder an, die von der
Kirche verschwiegen würden, weil sie die rechtmäßigen
Erben von Jesus seien. Der Tod am Kreuz wird geleugnet und man
behauptet Jesus habe die Kreuzigung überlebt und seine
Auferstehung sei von seinen Anhängern, nachdem sie ihn versteckt
hätten, geschickt inszeniert worden.

Sex and crime, Intrige und Lüge, Betrug und Täuschung der
Christenheit werden Jesus und der Kirche unterstellt. Den Autoren
dieser Machwerke scheint nichts heilig zu sein. “ Sie
biographisieren und psychologisieren die Persönlichkeit Jesus. Sie
erzählen von Jesu angeblichen Träumen, Sehnsüchten,
menschlichen Leiden und Ängsten“
, schreibt die Theologin und
Germanistin Dr. Elisabeth Hurth aus Wiesbaden, die sich mit den
genannten Büchern beschäftigt hat.

Frau Hurth fährt in ihrer Analyse dieser Bücher fort: „Die
literarische Suche nach dem Menschen Jesus hat ihre eigene
Berechtigung. Fragwürdig wird sie allerdings dann, wenn sie den
Menschensohn zu einem Menschen wie du und ich verharmlost und sich auf
das Christuszeugnis der Evangelien nicht mehr einlässt. Die
Jesus-Roman-Autoren meinen etwas zu wissen, wofür es in den
Evangelien selbst keine Anhaltspunkte gibt.“
(idea-Spektrum 16/2006, S.21-23)

Haben sie noch die Worte aus dem Kolosserbrief im Kopf, die ich vorhin
gelesen habe, aus unserem Schriftwort für die Predigt? Lasst
euch von keiner Ideologie oder irgendwelchem leeren Gerede einfangen.
All das haben sich Menschen ausgedacht; aber hinter ihren Gedanken
stehen dunkle dämonische Mächte und nicht Christus.


Der Apostel Paulus bezeugt Jesus als den Christus, den Messias, den
Heiland, den Sohn Gottes, der Mensch wird und ohne Sünde ist. Als
den, der die Sünden der Menschen auf sich nimmt und an seinem
Kreuz für sie bezahlt. Er ist der Heilige Gottes, der aus der
Verlorenheit rettet, der Sünder annimmt, der Menschen in die
Nachfolge ruft. Er ist als Auferstandener vielen begegnet. Wir
können bis heute erleben, dass er in unser Leben eingreift, in
Trauer tröstet, in Verzweiflung Geborgenheit schenkt und unserem
Leben Sinn und Ziel gibt.

Wir sind den Menschen unserer Zeit dieses Zeugnis und Bekenntnis
schuldig, sonst sitzen sie bei ihrer Suche nach Religion, nach Halt,
nach Wahrheit den Phantasten und Verführern auf, die selber dem
lebendigen Gott nie begegnet sind. Hinter der Verwirrung steckt System.
Auch wenn die genannten Autoren jeder für sich schreiben, sind sie
doch von einer Kraft gelenkt, die ganz konkrete Ziele verfolgt. Auch
davon redet der Apostel Paulus: … hinter ihren Gedanken stehen dunkle dämonische Mächte und nicht Christus.
Die dämonischen Mächte versuchen um jeden Preis das
Evangelium von der rettenden Macht des Jesus Christus zu verdunkeln und
die Menschen zu verwirren. In unserer Mediengesellschaft haben sie
viele Möglichkeiten dazu.

Wenn wir nur den Menschen Jesus betrachten, wie es in vielen Kreisen
unserer Gesellschaft, bis hinein in Theologie und Kirche geschieht,
bleibt das ohne Wirkung. Jesus als Mensch, über den man reden und
diskutieren kann, dessen Ansichten man teilt oder als weltfremd
ablehnt, scheitert am Kreuz. Er ist tot. Wem soll ein vor fast
zweitausend Jahren gestorbener heute noch helfen? Man kann über
ihn meditieren, auf seinen Spuren durchs Heilige Land pilgern und die
Orte seines Lebens und Sterbens aufsuchen und versteht doch nichts,
bleibt unberührt.

Es kommt auf etwas ganz anderes an. Paulus schreibt: Nur in Christus ist Gott wirklich zu finden, denn in ihm lebt er ganz und gar. Wir glauben doch nicht nur an Jesus, den Menschen, sondern an Jesus, den Christus,
den Sohn Gottes, ganz Mensch und ganz Gott! So heißt es in
unserem Glaubensbekenntnis im zweiten Artikel: … und (ich
glaube) an Jesus Christus, seinen (Gottes) eingeborenen Sohn, unseren
Herrn.

So bezeugt es Petrus im Matthäusevangelium (Mt.16,16): Du bist
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Wir sind auch nicht Jesuaner,
sondern werden Christen genannt. Allerdings sollte sich nur Christ
nennen, wer wirklich an Jesus Christus glaubt, also nicht nur an den
Menschen Jesus von Nazareth, der irgendwann mal gelebt hat und ein
guter Mensch war, aber an den Mächtigen gescheitert ist.

Nun heißt es in den Briefen des Neuen Testaments aufpassen! Nicht
alles, was wir hier lesen, lässt sich 1:1 übertragen auf
unsere heutige Christenheit. Paulus schreibt hier: Durch die Taufe
ist euer altes Leben beendet; ihr wurdet mit Christus gleichsam
begraben; aber durch den Glauben seid ihr gleichsam auch mit ihm zu
einem neuen Leben auferweckt worden.


Kann das so auch einfach für uns gelten? Wenn hier steht: Durch
die Taufe, dann müssen wir wissen, dass die Leute, an die Paulus
in der Mitte des ersten Jahrhunderts schreibt, wahrscheinlich fast alle
als Erwachsene getauft wurden, die durch die Predigt von Jesus Christus
zum Glauben gekommen waren und die ihr Leben ganz bewusst bei der Taufe
Jesus Christus anvertraut haben. Symbolisch haben sie ihr altes Gewand
ausgezogen und nach der Taufe ein neues weißes Gewand angezogen
bekommen. – Lange Zeit ist das am Sonntag nach Ostern geschehen,
deshalb heißt der heute noch der „Weiße Sonntag“. Paulus
kann also noch alle Getauften als Bekehrte und bei der Taufe
Wiedergeborene anreden.

Bei uns werden überwiegend kleine Kinder getauft, oft aus
traditionellen Gründen. Da muss die Entscheidung für den
Glauben erst noch fallen. Und ohne den Glauben an Jesus Christus bleibt
die Taufe unerfüllt, ein Versprechen, das Gott gegeben, aber der
Mensch nie eingeholt hat. Der Apostel spricht hier die Getauften auf
die Notwendigkeit der Verbindung zu Jesus an. Er sagt: Deshalb lebt Gott auch in euch, wenn ihr mit Christus verbunden seid. Das ist der entscheidende Punkt: Mit Christus verbunden sein im Glauben.

Ein Mensch, der nicht zum Glauben gekommen, der nicht von Neuem geboren
ist durch den Heiligen Geist, der ist nicht mit Christus verbunden, der
bleibt Gott fern, auch wenn er über ihn liest, meditiert,
diskutiert, referiert, spekuliert, phantasiert… Er lebt in
Gottesferne und merkt es oft gar nicht oder meint, das ist schon o.k.
so. Er ist für Gott tot, sagt der Apostel: Durch eueren Egoismus und euere Sünden wart ihr für Gott tot. Aber
Gott will, dass alle Toten lebendig werden und dazu hat er seinen
Christus in die Welt geschickt, dass das nicht so bleibt. Gott hat
euch mit Christus lebendig gemacht und alle Schuld vergeben. Gott hat
den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen so schwer belastete,
eingelöst und auf ewig vernichtet, indem er ihn ans Kreuz nagelte.


Das ist das Evangelium, die gute Nachricht, dass es einen Weg aus
Schuld und Elend gibt. Jeder, der ehrlich ist, muss doch erkennen, dass
Schuld der Menschen aneinander das große Thema des Lebens ist.
Kinder werden schuldig an ihren Eltern, denen sie nicht gehorchen, die
sie belügen, beschimpfen, anschreien, die sie dann vielleicht im
Alter vergessen, abschieben, an den Rand drängen.

Eltern werden schuldig an ihren Kindern, weil sie sie zu wenig oder zu
abgöttisch lieben, weil sie zu viel oder zu wenig für sie
tun, weil sie sie sich selbst oder dem Fernseher überlassen, weil
sie zu streng oder zu freizügig sind.

Ehepartner werden schuldig aneinander, weil sie nur an sich denken,
immer recht haben wollen, nicht ehrlich sind, nicht vergeben
können, nicht miteinander reden, einander betrügen oder
wehtun.

Ich könnte diese Aufzählung fortsetzen. In allen Bereichen
werden Menschen ständig aneinander schuldig, durch Egoismus und
Habgier, Unehrlichkeit, Bequemlichkeit und Lieblosigkeit. Diese Schuld
macht einsam, traurig und nimmt die Freude am Leben. Sie trennt
Menschen voneinander und trennt von Gott. Zuletzt führt Schuld in
Tod und ewige Verdammnis.

Wenn sie nicht, – was durch Jesus Christus möglich geworden ist, –
vergeben wird! Ans Kreuz geheftet. Wie ein Schuldschein, den uns jemand
aus der Hand nimmt und sagt: Gib her, ich bezahle für dich! Warum
ans Kreuz geheftet? Weil die Schuld so groß ist, dass sie den Tod
bedeutet. Und weil die Liebe Gottes so groß ist, dass er die
Schuld in Jesus Christus am Kreuz auf sich nimmt. Deine Schuld, meine
Schuld! Ist das keine gute Nachricht?

In der Taufe ist uns das persönlich versprochen worden. Mit
unserem Glauben an Jesus Christus dürfen wir zum Kreuz Christi
kommen und dort löst er sein Versprechen ein. Nicht nur einmal,
sondern immer wieder, immer wieder. Mehr noch: Er befreit auch von der
Macht, die uns dazu bringt immer wieder schuldig zu werden: Gott hat
den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen so schwer belastete,
eingelöst und auf ewig vernichtet, indem er ihn ans Kreuz nagelte.


Auf diese Weise wurden die finsteren dämonischen
Mächte entmachtet und in ihrer Ohnmacht bloßgestellt, als
Christus über sie am Kreuz triumphierte.


Wenn wir zu Jesus Christus kommen, sind die finsteren und
dämonischen Mächte entmachtet. Wir stehen dann auf der Seite
des Stärkeren. Und der Stärkere stellt sich zu uns. Trotz
unserer Schuld. Er ist nicht nur mächtig, sondern auch treu und
zuverlässig. Niemand kann uns aus seiner Hand reißen.
Für uns ist nicht eine Strömung, eine Ideologie entscheidend,
wenn es heißt: Religion ist im Kommen. Für uns zählt
eine andere Gewissheit: Christus ist im Kommen. Jesus Christus
kommt. Einmal am Ende der Zeiten. Aber auch jetzt schon hier, heute,
morgen, in unsere Not, in unser Leben, in unsere Angst, in unseren
Alltag. In Ihr kleines Leben, in mein kleines Leben.

Christus ist im Kommen. Er kommt ganz gewiss zu allen, die ihn
um sein Kommen bitten. Ja, komm, Herr Jesus Christus zu uns, mit deiner
Macht und deinem Sieg. Du machst uns Mut, lässt uns getrost und
geborgen sein. Wir danken dir!

Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168