Gottesdienst – Johannes c.21,1-5a

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Predigt zum 50-jährigen Kirchenjubiläum der Kreuzkirche in Bayreuth am 24.10.2010

Predigttext: Offenbarung des Johannes c.21,1-5a

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Festgemeinde,

das durch die Ordnung der Predigtexte vorgeschriebene Predigtwort für Kirchenjubiläen kennen die meisten von Ihnen, denn es wird bei vielen Beerdigungen gelesen. Wie unpassend (!), wird mancher denken. Heute findet das Gegenteil von einer Beerdigung statt. Wir feiern Geburtstag, den 50. Geburtstag der Kreuzkirche.

Und trotzdem passt das vorgeschriebene Predigtwort eben nicht nur zu Beerdigungen, sondern unglaublich gut gerade zu Ihrer Kirche. Denn das Glasfenster (nach dem Entwurf des Architekten Reissinger) stellt bildlich dar, was unser Predigttext mit Worten beschreibt: Gottes neue Welt, das neue Jerusalem kommt vom Himmel.

Wir hören mit dem für diesen Sonntag vorgesehenen Bibelwort also auch das passende Bibelwort zu dieser Fensterwand. Es handelt von einer Vision, die der Seher Johannes hat. Ich lese aus der Offenbarung des Johannes, c. 21, 1-4:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Schon vor einigen Wochen besuchte ich Ihre Kirche mit Gemeindezentrum, um beides kennen zu lernen. Herr Pfarrer Schöppel führte mich durch die Räume. Bei seiner Erzählung wuchs meine Freude über Ihr lebendiges Gemeindeleben hier in der Kirchengemeinde Kreuz. Meine herzliche Gratulation gilt Ihrer Gemeinde, nicht nur für die 50 Jahre des Bestehens Ihrer Kirche, sondern auch für das vielfältige Gemeindeleben, angefangen von der Kirchenmusik, die wir auch heute im Gottesdienst genießen, über die diakonische Arbeit, wie z.B. die Kleiderausgabe und die Seniorenarbeit, bis hin zur Kinder- und Jugendarbeit, die das Fundament legt für die nächsten 50 Jahre.

Eine besondere Überraschung war für mich bei diesem Besuch, dass in Ihrer Kreuzkirche ein auferstandener Christus dominiert. Denn in einer Kreuzkirche vermutet man keine den Raum prägende Figur des Auferstandenen, sondern eine besondere Darstellung des Gekreuzigten. Doch ich möchte die Väter und Mütter dieser Entscheidung beglückwünschen. Zum einen ist Karl Heinz Hoffmann ein Künstler, der meines Erachtens Kunstwerke erarbeitet, die dem Gottesdienst und der Gemeinde dienen. Zum anderen glauben wir doch nur an den Gekreuzigten, weil er auferstanden ist, weil er lebt und weil er als Auferstandener in unserer Mitte ist. Diese Kreuzkirche hat eine besondere Darstellung des Gekreuzigten, denn dieser Auferstandene trägt die Nägelmale.

Mit den Händen, die Leid und Schmerz gefühlt und den Tod erlitten haben, segnet er jeden, der in diesen Bänken sitzt. Gerade denen, die Leid, Schmerz und Tod in ihrem Leben erfahren, wird dieser Christus gut tun, der gelitten hat und doch auferstanden ist, der lebt und zu neuem Leben segnet.

Am vergangenen Freitagvormittag fuhr ich erneut hierher zur Kreuzkirche, um den Kirchenraum und das Kirchenfenster noch einmal in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Auf der Herfahrt las ich das Bibelwort, über das ich heute predigen sollte.

Als ich den Kirchenraum betrat, waren zwei Menschen fröhlich zu Gange, die Kirche mit Blumen zu schmücken. Wunderschön, die Blumengebinde an den Bänken, auf dem Taufstein und vorne im Altarraum: „Wie eine geschmückte Braut bereitet für ihren Mann“ – so kam mir unser Bibelwort sofort in den Sinn.

Ich schaute den beiden kurz zu: Wie gut ausgewählt die roten Gerbera zu den roten Antipendien hier an der Kanzel und am Altar! Denn „rot“ ist die Farbe aller Kirchenfeste.

Das Rot erinnert zum einen an das Feuer des Heiligen Geistes, ohne das jede noch so aktive Gemeinde tot ist.

Zum anderen erinnert die rote Farbe bei Kirchenfesten bewusst an das Blut der Märtyrer, das in den ersten drei Jahrhunderten des Christentums reichlich floss – und auch heute noch in manchen Ländern fließt. Unser Bibelwort ist gerade in der Zeit schwerer Christenverfolgung entstanden. Doch wir Christen haben erfahren, dass jeder Blutstropfen der Märtyrer, der zu Boden tropfte, wie ein Samenkorn für das Wachstum der Kirche Jesu Christi wirkte.

Übrigens zeigt auch das erste der von Hubert Distler gemalten Ornamente an der Empore mit dem Andreaskreuz die Bedeutung der Blutzeugen für das Wachsen der Kirche, und in den folgenden Ornamenten die Bedeutung des Kreuzes und Blutes Jesu Christi.

Auch der rote Stein im Altarkreuz weist auf das Blut Christi hin. In ihm ist uns vergeben. Das ist uns vorhin in der Beichte zugesprochen worden und das werden wir nachher im Abendmahl feiern.

Passend rot geschmückt zum Kirchengeburtstag, dachte ich mir, als ich am Freitag die Kreuzkirche betrat. Doch Ruhe hatte ich natürlich nicht, denn die beiden fleißigen Menschen waren ja noch zu Gange.

So kam ich gegen 16.00 Uhr wieder. Es war ruhig. Ich setzte mich mit Blick auf die Fensterfront. Kaum hatte ich meinen Laptop aufgeklappt, um einige Gedanken aufzuschreiben, ertönten kräftige Stimmen von Jugendlichen aus den Gemeinderäumen in die Kirche hinein. Sie wurden immer lauter. Ich klappte meinen Laptop wieder zu und schmunzelte: Schöner kann eine Kirche gar nicht geschmückt sein als durch solch ein Leben, solche Stimmen, solche Jugendliche.

Der schönste Schmuck einer Kirche – schöner als alle Kunstwerke und Blumen – sind die Menschen, die Erwachsenen und Alten und vor allem die Kinder und Jugendlichen. Die Kreuzkirche ist heute die am schönsten geschmückte Kirche Bayreuths, weil so viele Menschen, weil Sie da sind. Sie sind der schönste Schmuck dieser Kirche. „Wie eine geschmückte Braut“ ist diese Kirche durch Sie alle.

Unsere Kirche hier, die so gefüllt ist mit Menschen, die an Christus glauben, ist wie eine geschmückte Braut, die auf ihren Bräutigam, den auferstandenen Christus wartet und ihm entgegen geht. Jeder von uns geht ihm entgegen, denn wir alle werden sterben. Im Tod wird er uns, die an ihn glauben, rufen, damit wir bei ihm sind und wir werden schauen, was wir geglaubt haben.

Der Seher Johannes allerdings blickt schon dort hinein in Gottes Welt. Johannes redet dabei bildhaft von einer neuen Stadt. Das Neue dieser Stadt ist, dass Gott mitten in ihr wohnt. Wir werden den Auferstandenen sehen von Angesicht zu Angesicht. Kein Tod wird dort mehr sein, kein Leid, kein Geschrei. Johannes nimmt wahr, dass die Stadt keine Sonne braucht, weil Gott in ihr leuchtet bei Tag und Nacht. Gottes Gegenwart, seine Liebe ist das Licht, das alles und alle erleuchtet. Daran erinnern die leuchtenden Farben der neuen Stadt in der Fensterfront, die ausgerechnet jetzt so wunderschön durch die Sonne erhellt ist.

Gott wischt dort alle Tränen ab. Das ist wirklich ein sehr wundersames Bild, sagt es doch, dass es auch in der Ewigkeit Tränen gibt. Doch mir erscheint es sehr stimmig, dass auch zum Himmel die Tränen gehören.

Haben Sie gesehen, wie viel Tränen geflossen sind, als die Grubenarbeiter in Chile ans Tageslicht kamen? Es waren die Tränen der Erlösten. Die Grubenarbeiter waren erlöst von den Qualen des gebremsten Lebens unter Tage; zu Beginn sogar ohne Nahrung und in Todesangst. Und die Wartenden oben waren erlöst von der Angst, ihre Lieben nie wieder zu sehen. Eine Angst, die erst vergehen konnte mit dem Moment, als sie einander endlich in den Armen lagen. Alle „Warum“-Fragen waren vergangen und unwichtig geworden. Wichtig war nur noch, dass die Bergleute gerettet waren und die Menschen einander hatten.

Tränen der Erlösten werden auch im Himmel fließen. Wie viele Fragen haben auch Christen hier, wie viele Ängste, wie viele Zweifel. Vieles können wir nicht verstehen. Naturkatastrophen, wie sollen wir sie verstehen? Einen plötzlichen Kindstod, wie sollen wir den verstehen?

Die Geschichte dieser Welt und jedes Menschen ist wie ein Buch mit sieben Siegeln, so wie es hier unter der Kanzel dargestellt ist.

An einer anderen Stelle in der Offenbarung des Johannes wird beschrieben, wie der Visionär Johannes das Buch mit den sieben Siegeln sieht. Der Auferstandene löst die Siegel und öffnet das Buch, sodass die Menschen verstehen, was ihnen unerklärlich war in ihrer Lebensgeschichte und in der Geschichte der Menschheit.

Die Warum-Frage wird sich im Himmel nicht mehr stellen. Heilende Tränen können fließen. Tränen, weil sich die Erlösten wieder sehen, Tränen, weil der Tod, das Leid, der Schmerz vorbei ist. Tränen, weil Gott endlich so nah ist und wir ihm; so nah, dass er uns die Tränen von den Augen abwischen wird. Es sind Tränen der Erlösten, die nun spüren, dass sie von Gottes Liebe umfangen sind und erfahren, dass sie es schon immer waren.

Der Seher Johannes blickt in diese neue Stadt. Er sieht dort ausdrücklich keinen Tempel, keine Kirchen. Die geschmückte Braut sind auch dort Menschen; Menschen die bei Gott sind und Gott bei ihnen. Er sieht Erlöste, er sieht zutiefst Getröstete, er sieht sie umgeben vom Licht der Gegenwart Gottes und Jesu Christi.

Keine Kirchen im Himmel? Nein, keine Kirchen im Himmel. Sie gehören zur vergänglichen Welt.

Wie wahr! Wie vergänglich diese Kirche ist, wurde dem Kirchenvorstand in den letzten Monaten bewusst. Die festgestellten Mängel reichen von Korrosionsschäden an der tragenden Stahldachkon-struktion bis hin zu Schäden an der Betonkonstruk-tion dieser Glaswand. Nach gegenwärtigen Berech-nungen werden 1,4 Millionen nötig sein, um die Kreuzkirche zu erhalten und eine Perspektive für die nächsten 50 Jahre zu eröffnen.

Wie vor 50 Jahren wird die Kreuzkirche die finanzielle Hilfe der Gemeindeglieder brauchen – gerade auch der Jugendlichen. Sie waren es, denen die Gemeinde die drittgrößte Glocke verdankt – die Jugenddankglocke.

Gerne kann ich Ihnen die fachliche und finanzielle Unterstützung der Kirchenleitung zusagen. Es gibt keine Alternative zur zügigen Sanierung, zumal diese Kirche belebt ist – heute ganz besonders, doch auch an anderen Sonntagen. Diese Kirche wird gebraucht.

Kirchen sind also von der Vergänglichkeit dieser Welt nicht ausgenommen. Doch sind sie etwas Besonderes. Sie weisen uns mit ihrer Symbolik mitten in der Zeit hin auf die Ewigkeit. Sie stehen auf der Erde und erzählen doch vom Himmel. Sie öffnen die Gegenwart für die Gegenwart Gottes. Darum sind Kirchen so wichtig hier auf der Erde. Im Himmel brauchen wir sie nicht mehr – hier auf der Erde sehr.

Sie haben mit der Kreuzkirche eine besonders helle, kunstträchtige, dem Gottesdienst dienliche Kirche. Doch vergessen Sie bitte nicht: Sie sind ihr schönster Schmuck. Die geschmückte Braut sind wir als Gemeinde. Schmücken Sie diese oder eine andere Kirche mit Ihrer Gegenwart jeden Sonntag. An jedem Sonntag feiern wir die Auferstehung unseres Herrn und dass wir einst bei ihm sein werden.

Möge der gekreuzigte und auferstandene Herr Sie alle segnen, die Kirchenrenovierung und das Leben dieser Gemeinde in den kommenden 50 Jahren.

Amen