Gottesdienst – Johannes 9, 1-7
Zur PDF8. Sonntag nach Trinitatis, 29.07.2007 Johannes 9, 1-7
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet
Unser Wort Gottes für die Predigt dieses Sonntags steht im 9. Kapitel des Johannesevangeliums, Verse 1-7:
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen:
„Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“
Jesus antwortete: „Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“
Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: „Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt ‚gesandt’ – und wasche dich!“ Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Als Kinder haben wir „Blinde Kuh“ gespielt? Einem Mitspieler werden die Augen verbunden und dann soll er die Sehenden um ihn rum fangen. Er tappt mit ausgestreckten Armen durch die Gegend, versucht sich an Geräuschen zu orientieren, an den Stimmen der Mitspieler. Man meint gleich einen zu haben, hört ihn ganz nah und greift – ins Leere. Die anderen um einen herum lachen und haben ihren Spaß, wenn die Blinde Kuh stolpert und gegen die Wand läuft. Es ist nur ein Kinderspiel und man weiß, bald bin ich die Binde los und dann ist jemand anders die „Blinde Kuh“.
Aber wenn’s kein Spiel ist, wenn jemand durch eine Krankheit oder einen Unfall das Augenlicht verliert oder wenn gar ein Kind schon blind zur Welt kommt, dann ist das ein schweres Schicksal, das sich ein Sehender kaum vorstellen kann. Nie ein Licht sehen, keine Farben und Formen vor Augen haben, kein Bild von Menschen, die wir lieb haben, im Kopf. Nie die Aussicht genießen, Gefahren und Hindernisse nicht rechtzeitig erkennen können. Kein Klingelschild, keine Telefonnummer, keinen Wegweiser lesen können, nie allein Auto oder Rad fahren können. Wer sehen kann hat keine Vorstellung davon.
Es auch heute noch ein schweres Schicksal, nicht sehen zu können. Zwar gibt es Blindenschrift und Schulen für Blinde, Hörbücher und viele Hilfsmittel. Blinde können studieren und manche Berufe ausüben, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, aber viele Möglichkeiten bleiben ihnen verschlossen, weil sie blind sind.
Noch viel gravierender war das zur Zeit Jesu. Es gab viele Blinde und meist blieb ihnen nur das Betteln als Broterwerb. Am besten dort, wo Menschen am ehesten geneigt waren etwas zu geben, vor dem Tempel. Wenn sie nach ihren Opfern und Gebeten den Tempelplatz verließen oder wenn sie mit einer Schuld, die sie drückte hinauf gingen zum Gebet, dann griffen sie schon mal in ihren Geldbeutel und warfen dem blinden Bettler eine kleine Münze hin. In der Hoffnung: Gott wird’s sehen und lohnen. Von solchen Almosen lebten viele Blinde.
Aber keineswegs alle Pilger waren bereit, zu geben ein wenig zu helfen und Anteil zu nehmen. Viele gingen vorüber und hatten sich angewöhnt gar nicht hinzusehen. Es gibt ja so viel Leid auf der Welt und man sich doch nicht um alles kümmern. Es gab auch noch solche, die sich wie die Jünger verhielten. Sie sahen den Blinden und sein Elend. Schlimm, dachten sie, wirklich schlimm, wenn man so gestraft ist, mit Blindheit geschlagen. Und sofort war bei ihnen die Frage da: Warum? Warum ist der blind? Das muss doch eine Ursache haben. Sie wussten nichts von Viren und bakteriellen Erkrankungen, die hygienischen Bedingungen waren schlecht.
Als Erklärung dachte man schnell an eine Strafe Gottes. Es muss doch jemand verantwortlich sein dafür. Wer ist denn schuld an so einem Leid? Das kann doch nur eine Strafe Gottes sein. Ist der vielleicht selber schuld? Eigentlich eine blöde Frage bei einem Blingeborenen. Vielleicht haben die Fragenden gemerkt wie absurd ihr erster Gedanke war und deshalb suchen sie weiter nach Schuldigen. Ob seine Eltern…
Immer wird schnell die Schuldfrage gestellt. Noch bevor gefragt wird, was man tun kann um zu helfen. Bevor man in den Geldbeutel greift um die Not wenigstens ein bisschen erträglicher zu machen, sucht man nach Schuldigen. Sucht die Schuld natürlich bei den anderen und drückt sich um die Hilfe herum.
Geht es nicht immer sofort um diese Frage: Wer ist schuld? –
Wenn Dopingskandale den Radsport kaputt machen. Die Fahrer, die Betreuer, die Medien, die begleitenden Ärzte?
Wer ist schuld? – Wenn ein Campingplatz brennt und viele Hab und Gut verlieren und nur ins Meer rennen können um ihr fast nacktes Leben retten. Ist die Maffia schuld, sind es Grundstücksspekulanten, Pyromanen?
Wer ist schuld? – Wenn ein Sturm über eine Stadt rast und Schäden verursacht. Ist die Erderwärmung schuld, der CO2 Ausstoß, die Industrie, die Politiker, der Verbraucher.
Wer ist schuld? – Wenn ein Autounfall passiert und die zerbeulten rauchenden Autowracks auf dem Standstreifen stehen, dann fragen die im Stau langsam vorbeirollenden Urlauber:
Wer ist schuld? – Wenn jemand eine schwere Krankheit bekommt dann fragt er nach der Schuld. Wer hat mich angesteckt? Von wem hab ich das geerbt? Warum ausgerechnet ich? Was hat der Arzt falsch gemacht?
Wer ist schuld? Wenn jemand eine Prüfung nicht besteht oder das Klassenziel nicht erreicht, dann wird nach der Schuld gefragt. War der Unterricht zu schlecht, die Prüfung zu schwer, der Prüfer unfair? Bin ich zu dumm?
Allen Schuldfragen, die Leid und Schuld im Leben eines Menschen so gnadenlos verknüpfen, erteilt der Herr Jesus hier eine Absage. Nein! Sagt er, dass dieser Mensch blind ist, ist weder seine Schuld, noch die seiner Eltern. An diesem Mann und seinem Schicksal sollen die Werke Gottes offenbar werden.
Wie bitte? Was soll das heißen? Jesus blickt in die erstaunten Gesichter der Jünger und gibt keine theoretische Antwort, sondern eine praktische. Eine merkwürdige, vielleicht auf manche abstoßende Art. Er bückt sich, spuckt auf die Erde, macht aus Dreck und Spucke einen Brei und streicht ihn dem Blinden auf die Augen. Dann spricht er mit dem Mann, über den die anderen vorher nur geredet haben. „Geh zum Teich Siloah und wasch dich!“ Der Blinde erhebt sich und mit dem Stock vorsichtig den Weg ertastend, gehorcht er. Er gehorcht, tut, was Jesus sagt, obwohl er weder von Jesus, noch von Hilfe etwas sieht. Erst ein ganzes Stück später, nachdem er sich den Dreck von den Augen gewaschen hat, sieht er. Er sieht die Welt mit neuen Augen. Staunend sieht er die Werke Gottes um sich herum und an sich selbst: Das ich sehen kann, ist Gottes Werk.
Er sieht nicht nur mit seinen Augen, was sich bewegt und was geschieht, sondern er fängt auch an mit seinem Herzen und im Glauben zu sehen: Er sieht immer mehr Werke Gottes. Er weiß, dass ich sehen kann ist ein Werk und Wunder Gottes! Phantastisch, genial! Ganz dort hinten läuft jemand und ich kann es von hier aus sehen! Obwohl ich noch nichts höre und nichts fühle, kann ich sehen!
Hätte er sein Leben lang normal gesehen, wie du und ich, dann hätte er sich nichts dabei gedacht. Er hätte keinen Zusammenhang gesehen zwischen den Bildern, die sein Gehirn über die Augen empfängt und Gott. So, wie wir sehen, mit oder ohne Brille und das Wunder des Sehens gar nicht mehr wahrnehmen.
Ist das nicht leider oft so, dass wir erst merken, wie wertvoll und wunderbar etwas ist, wenn es nicht mehr funktioniert? Wenn Organe den Dienst verweigern und man beim Arzt oder im Krankenhaus bangt und betet, dass es doch wieder werden möge, dann erst weiß man zu schätzen, was früher war.
Vielleicht haben wenigstens einige von den Touristen, deren Zelte und Wohnwagen vor einer Woche in Italien verbrannt sind, mit allen Wertgegenständen, vom Wasser aus, wohin sie sich geflüchtet hatten, ein Dankgebet gesprochen, dass sie noch leben. Ja, wenn es nur noch ums Überleben geht, dann wird man dankbar für Geringes. Dann fängt man an, auf Wunder Gottes zu warten und sieht sie auch in den kleinen Dingen. Eine schmerzfreie Nacht, ein paar Stunden tiefer erholsamer Schlaf, was für ein Wunder, was für ein Werk Gottes.
Die Jünger gingen vorüber, sahen den Blinden und fragten: Wer ist schuld? Aber nicht Schuldzuweisungen helfen, sondern der Gehorsam Gott gegenüber und das Annehmen von Lasten und Leiden. Das nicht bestandene Schuljahr oder die nicht geschaffte Prüfung oder Durchschnittsnote soll nicht zur Schuldfrage werden, sondern zur Erkenntnis der Werke Gottes führen. Es soll uns erkennen lassen, was Gott trotzdem in unserem Leben und in unserem Leid an Gutem wirkt.
Wir sollen von unserer Blindheit geheilt werden, in der wir nicht sehen, was Gott uns Gutes will und wie nah uns Jesus gerade im Schweren ist, trotz unseres Leids. Jesus lässt hier nicht nur den Blinden die Welt mit neuen Augen sehen. Er nimmt auch seine Jünger und uns in eine Sehschule. Der Herr demonstriert hier, wie Glaubensgehorsam aus der Not und dem Leid herausführt und wie man oft zunächst nichts von der Hilfe und den Werken Gottes sieht. Sinnlos scheint, was er tut und befremdend, ja abstoßend, wie er dem Blinden den Brei aus Spucke und Dreck auf die Augen schmiert.
Aber viele von denen, die das ekelhaft finden, was Jesus da äußerlich tut, die lassen Tag für Tag jeden Dreck und Abschaum über ihre Augen in ihre Herzen und werden davon belastet und verdorben. Was wird alles ausgestrahlt, gedruckt, versendet und aufgenommen, herunter geladen. Die Zehnjährigen haben’s drauf auf ihrem Handy und oft haben Eltern und Lehrer keine Ahnung. Da müssten wir die Schuldfrage stellen! Wer ist denn Schuld, dass so viel Mist produziert wird? Nur die Produzenten oder auch die Konsumenten? Wer okkulte, gewaltverherrlichende, pornographische Medien konsumiert, der bezahlt sie mit, der sorgt für ihre Verbreitung, schadet sich und anderen damit. Da werden die Werke Gottes nicht verherrlicht, sondern entstellt und verlästert.
Auch da ist Gehorsam nötig um heil zu werden. Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber. Nur wer bei sich selber anfängt, wer mit seiner Blindheit oder seinem verdorbenen Sehen zu Jesus kommt und sich heilen lässt, lernt neu sehen:
1. Gott neu sehen. Gott geht nicht vorüber und er sieht nicht weg. Er sieht das Leid, die Not, die Schuld. Mit seinen Werken, mit dem, was er tut, will er helfen. Seine Gebote sind kein Hindernis, sondern Schutz und Hilfe. Er hat nicht Freude daran, wenn Menschen wie die blinde Kuh durchs Leben stolpern und nach allem greifen, was ihnen unterkommt und doch ins Leere greifen. Er will uns sehen lehren. Sein Bild, ein Gottesbild vermitteln, das nicht unserem Wunschdenken entspricht sondern der göttlichen Realität. Wer Gott sieht, wie die Bibel ihn zeigt, der sieht den, der gekommen ist zu dienen, zu retten und zu helfen, der sieht den, der am Kreuz unsere Schuld auf sich nimmt und vergibt. Der sieht nicht den Gott, der droht, sondern den Gott, der ruft und sucht, rettet und neu macht.
Wer das anfängt zu sehen, der lernt 2. sich selbst neu sehen. Nicht als einen, der groß sein muss und alles richtig machen muss, nicht als jemand der vor anderen groß dasteht und geehrt wird. Wer von Jesus geheilte Augen bekommt, der sieht sich selber immer mehr als von Gott beschenktes, von Gott angenommenes Wesen, das trotz seiner Unvollkommenheit geliebt ist. Der entdeckt immer mehr Werke Gottes im eigenen Leben. Die Krankheit damals, der Verlust, der Unfall, die Zeit der Arbeitslosigkeit, das war ja gar keine Strafe Gottes. Da hat Gott mich gesucht, wollte mir etwas zeigen, wollte mich zu sich ziehen, wollte mich rausholen aus meinem Egoismus. Ach so war das damals! Das war ja Gottes Liebe und Güte, die mich retten wollte.
3. Wer Gott mit neuen Augen sieht und sich selbst, der kann dann auch die Welt neu sehen. Der fängt an Hintergründe zu erkennen im politischen Geschehen, in Nah-Ost. Oder in den Globalisierungsbestrebungen oder in Kunst und Kultur, wie da immer mehr gottesfeindliche, ja gotteslästerliche Tendenzen überhand nehmen. Was vordergründig vielen harmlos erscheint, transportiert ganz subtil gottlose Inhalte. Die Übergänge zum Okkulten sind fließend. Mit den von Jesus berührten Augen gesehen ist die Welt des Harry Potter doch nicht so harmlos und manches Buch, mancher Film, manche Mode auch nicht. Magische und mystische Rituale vermitteln keinen Frieden, sie helfen nicht, sondern belasten.
Wenn wir von Jesus sehen lernen, dann werden wir schließlich 4. auch das Leid und die Menschen um uns herum neu sehen. Dann werden wir barmherziger werden. Nicht nur wegsehen oder distanziert fragen: wer ist denn eigentlich schuld? Sondern wir werden den Leidenden zu Schwestern und Brüdern werden und ihnen in ihrer Not und wenn das möglich ist, auch aus ihrer Not helfen.
Dieses neue Sehen des Leids der anderen war der Ursprung der christlichen Diakonie. Dasein für andere. Nicht nur für sich selbst leben. Helfen so gut und so schnell und so umfassend wie möglich, auch wenn es mich etwas kostet. Dass Diakonie und Caritas inzwischen zu kompetenten Sozialkonzernen geworden sind, entbindet uns nicht von unserer Verantwortung, die Not vor unserer Tür zu lindern.
Noch ist Jesus in der Welt. Noch hören wir sein Evangelium. Noch ist Zeit, sein Licht zu sehen und sich von ihm leiten zu lassen. „Einmal“, so Jesus hier, „kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Aber solange er in der Welt ist, im verkündigten und geglaubten Wort, ist Jesus das Licht der Welt.
Der Blinde sieht Jesus nicht, aber er lässt sich von ihm berühren und er gehorcht ihm. Er geht auf seinen Befehl hin los. Erst als er dem Wort Jesu gehorcht hat, konnte ihm geholfen werden. Erst als er sich am Teich Siloah gewaschen hat, sieht er. Die Jünger sind blind für das Leid, das ihnen da mit dem Blindgeborenen begegnet. Erst durch Jesus werden sie sehend.
Wir sind mit unserem Leid gesandt, trotzdem uns im Glauben aufzumachen, loszugehen, nicht zu zögern, auch wenn wir noch nichts sehen.
Herr, öffne uns die Augen für Dich, für uns, für die Welt und das was geschieht. Öffne uns die Augen für das Leid und lass uns barmherzig werden mit den Leidenden neben uns. Amen.
Verfasser: Martin SchöppelÓ , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168