Gottesdienst – Johannes 6, 1-15
Zur PDF7.Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2009, Johannes 6, 1-15
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:
…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Vor einigen Tagen las ich im Neukirchener Kalender eine Brotgeschichte: „Der New Yorker Bürgermeister LaGuardia tauchte im Januar 1935 im Gericht eines der ärmsten Stadtteile auf und setzte sich selbst auf den Richterstuhl. Eine alte zerlumpte Frau wurde vorgeführt. Die Anklage lautete: Diebstahl eines Brotes. Sie berichtete, dass sie nicht mehr mit ansehen konnte, wie ihre beiden Enkel hungerten und deshalb habe sie das Brot gestohlen. Der geschädigte Geschäftsinhaber weigerte sich, die Anzeige zurückzuziehen. La Guardia seufzte tief und sagte: „Das Gesetz verlangt, dass ich Sie bestrafe.“ Dann zog er einen Geldschein heraus und fügte hinzu: „Die zehn Dollar Strafe übernehme ich. Außerdem verurteile ich jeden im Saal zu einer Geldstrafe von 50 Cent dafür, dass er in einer Stadt lebt, in der eine alte Frau Brot stehlen muss, damit ihre Enkel nicht hungern brauchen. Gerichtsdiener, sammeln Sie das Geld ein und händigen Sie es der Frau aus!“ In der Zeitung stand tags darauf: Einer alten Frau, die ein Brot gestohlen hatte, wurden im Gerichtssaal 47,50 Dollar ausbezahlt. Dazu beigetragen hatten, mit hochrotem Kopf, der Ladeninhaber, sowie etwa 70 anwesende Verkehrssünder und Polizisten, die dem Richter stehend applaudierten.
Eine von vielen Brotgeschichten. Brotgeschichten berühren die Menschen. Wenigstens die, die in ihrem Leben schon einmal Hunger gehabt haben. Die Älteren unter uns könnten wahrscheinlich alle eine oder mehrere Brotgeschichten aus ihrem eigenen Leben erzählen.
Obwohl ich selber, Gott sei es gedankt, zu der Generation gehöre, die noch nie wirklich Hunger leiden mussten, berühren auch mich solche Brotgeschichten. Ich habe schon manche gehört und etliche Menschen kennen gelernt, die sie erlebt haben.
Mir fällt jene Frau ein, die in ihrer Schürzentasche immer ein Stück Brot bei sich trug. Man hatte sie während des zweiten Weltkriegs von ihrem Haus weggeholt, wie sie war und nach Russland deportiert, wo sie viel Hunger leiden musste. Erst nach Jahren kam sie wieder in ihre Heimat zurück. Und sie wollte nie mehr ohne ein Stück Brot sein. Noch auf ihrem Sterbebett hat sie danach verlangt.
Jesus lehrt uns im Vaterunser um Brot zu bitten: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Ist uns das noch wichtig? Kennen wir noch den Wert eines Brotes? Brot, für das alle Menschen dankbar sind, die nicht im Überfluss leben, bedeutet bei uns vielen gar nichts mehr.
In der Bibel gibt es eine ganze Menge Brotgeschichten und es geht dabei oft ums satt werden, aber oft auch um noch mehr. Eine Brotgeschichte ist auch unser heutiges Evangelium für die Predigt. Johannes hat sie im 6. Kapitel seines Evangeliums aufgeschrieben:
Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt, Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war aber kurz vor dem Passah, dem Fest der Juden.
Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
Das sagte er aber um ihn zu prüfen, denn er wusste wohl, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm: Für 200 Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, – aber was ist das für so viele?
Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa 5000 Männer.
Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.
Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.
Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.
Ich kann mir vorstellen, dass keiner von denen, die dabei waren, diese Brotgeschichte je wieder vergessen hat. Viele Jahrhunderte später hat man an der Stelle, wo das geschehen sein soll, eine Kirche gebaut und vor dem Altar ein Mosaik angebracht, das die Brote und Fische zeigt. Sie sollen daran erinnern, dass der Herr aus fast nichts etwas Großes machen kann. Sie machen uns Mut, auch wenn es menschlich gerechnet keine Hilfe gibt, wenn unsere Kräfte viel zu klein zu sein scheinen, doch dem Herrn zuzutrauen, dass er etwas daraus macht, was genügt.
In dieser Brotgeschichte tauchen ja ganz verschiedene Menschentypen auf, die das Problem auf ihre Weise angehen oder für unlösbar halten: da ist zuerst einmal der Typ Philippus: Er ist nüchterner Realist und schneller Rechner. Als Jesus die Frage nach der Verpflegung der vielen Menschen stellt, fängt er sofort an zu rechnen: 250g Brot pro Person, mal 5000 Männer, das sind rund 1.250 Kilo Brot. Das kostet mindestens, in damaliger Währung und bei den ortsüblichen Preisen, 200 Silbergroschen! Aber woher sollte das kommen und wie soll man das ranschaffen?
Ich weiß nicht, ob Sie vorhin den Nebensatz beachtet haben: Das sagte Jesus aber um ihn zu prüfen… Jesus kennt den Typ Philippus. Den Typen Mensch, der nur für möglich hält, was technisch machbar ist und was er sich vorstellen kann. Jesus wollte diesen Philippustypen klar machen, dass der Glaube andere Möglichkeiten hat und nicht da am Ende ist, wo menschlich eben nichts zu machen ist. In unserer Jahreslosung heißt es doch: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. (Lukas,18, 27)
Jesus wollte dem Philippus und allen anderen rechnenden Realisten zeigen, dass mit ihm und Gottes Hilfe viel mehr möglich ist. Demonstrativ dankt der Herr für das Wenige, das da ist und unter dem Gebet werden alle Grenzen gesprengt. Also nicht nur dort beten, wo Hilfe noch vorstellbar ist, sondern gerade dort beten und glauben, wo Hilfe unmöglich scheint. Das soll Philippus durch diese Zeichen lernen und wir auch, wenn wir zu diesem Typ Mensch gehören.
Ein bisschen anders verhält sich der Jünger Andreas dort am See Genezareth. Er hat das Gespräch zwischen Jesus und Philippus mitgehört und er hat den Jungen gesehen, mit den fünf Broten und zwei Fischen. Immerhin, ein wenig ist da. Ein Anfang ist gemacht. Aber dann verlässt ihn die Zuversicht auch schnell und er macht einen Rückzieher: Was ist das schon für so viele? Pro tausend Leute ein Brot. Pro Person ein Tausendstel Brot. Wenn es Vierpfünder waren kriegt jeder zwei Gramm Brot- und eine Gräte, nein eine viertel Gräte.
Merken Sie es? Da will einer glauben, aber es verlässt ihn ganz schnell der Mut. Der Andreas Typ. Ist der uns nicht ziemlich vertraut? Immerhin, er bringt den Jungen zu Jesus. Er bringt den Mangel zu Jesus. Wenn wir doch wenigstens das täten, unseren Mangel, unsere Defizite zu Jesus bringen. Unsere leeren oder fast leeren Hände vor ihm ausstrecken und ihm zutrauen würden, dass er was daraus machen kann.
Aus dem Nichts kann Gott etwas machen und er hat Freude daran. Ich vermute, er lächelt über die Physiker und Materialisten, die davon ausgehen, dass sich Masse und Energie des Kosmos nicht vermehren lassen. Seine Schöpfermacht bewirkt die Creatio ex nihilo. Die Schöpfung aus dem Nichts. Es macht Gott Freude, aus Nichts etwas zu machen, aus Kleinem Großes hervorzubringen. In dem kleinen Örtchen Bethlehem kommt sein Sohn zur Welt. Die kleine Magd Maria darf ihn unter dem Herzen tragen und gebären, nähren und erziehen.
Das kleine Volk Israel schreibt Welt- und Heilsgeschichte. Aus dem kleinen Kreis der zwölf Jünger baut der Herr seine weltweite Kirche.
Au dem kleinen und unbedeutenden Mönch Martin Luther macht er einen Reformator mit weltweiter Bedeutung.
Aus dem kleinen mittelfränkischen Neuendettelsau ist ein großes Diakonie- und Missionswerk geworden.
Wir müssen nicht verzagt auf unsere geringen Möglichkeiten schauen und resignieren, sondern mit Gottes Hilfe mit unseren kleinen und bescheidenen Mitteln beginnen und Gott zutrauen, dass er das Übrige tut. Es stimmt, dass keiner von uns die Probleme der Welt lösen kann, aber wir können mit unseren Mitteln und Kräften dazu beitragen, dass sie kleiner werden.
So hat es der Junge in der Geschichte getan. Er ist bereit, das einzusetzen, das herzugeben, was er hat: Fünf Brote und zwei Fische. Er stellt sein Körbchen Jesus vor die Füße. Vielleicht war er gerade vom Einkaufen gekommen, als er die Menschenmassen sah, die alle in eine Richtung, alle zu Jesus auf den Berg strömten und er war den Leuten gefolgt. Er protestiert nicht und sagt: Das brauchen wir selbst und da krieg ich gewaltigen Ärger, wenn ich ohne heimkomme. Er gibt ab, was er hatte. Er überlässt es Jesus mit kindlichem Vertrauen, mit kindlichem Glauben. Der Kind-Typ. Kinder sind großzügig. Schon manches Kind hat sein Sparschwein gebracht um Erwachsenen in ihrer Not zu helfen.
Vielleicht bittet uns der Herr ja auch manchmal um eine Kleinigkeit. Eine Spende für Menschen, die in Not sind, eine halbe Stunde Zeit für jemanden, der sich seinen Kummer vom Herzen reden möchte, ein freundliches Wort, ein Trost, ein Blümchen, ein paar Zeilen. Einmal mit angepackt in der Nachbarschaft. Vielleicht kommt es uns selber ganz wenig und nicht der Rede wert vor, aber der Herr kann Großes daraus machen, großen Segen, große Freude, große Hilfe.
Auch das Wenige, was wir als Einzelne gegen die Not und den Hunger der Welt tun können oder für den Erhalt der Schöpfung, soll uns nicht entmutigen. Vielleicht stirbt ein Baum weniger, die Luft wird etwas weniger mit Schadstoffen belastet, das Klima etwas weniger aufgeheizt. Ein Mensch kann sich mal satt essen, erhält ein Medikament, das er dringend braucht, eine Brille, dass er wieder sieht, eine Prothese, die ihm laufen hilft. Der Kind Typ resigniert nicht bei dem Gedanken, es könnte zu wenig sein.
Als der Herr das Wenige vor sich liegen sieht, das der Junge gebracht hat, legt er auch nicht sorgenvoll die Stirn in Falten, lächelt nicht hilflos und bricht das Vorhaben ab. Er dankt für das Wenige, was da ist und beginnt auszuteilen. Auch das dürfen wir lernen: Nicht jammern, sondern danken, auch wenn das, was wir haben uns so armselig wenig zu sein scheint. Vielleicht ist es wenig, was ich von dem Stoff schon weiß, der in der Prüfung verlangt wird, aber vom Jammern wird es nicht mehr, da wird nur die Angst größer. Danken und anfangen mit dem Wenigen zu arbeiten.
Jesus hat einmal ein Kind genommen und es unter die Erwachsenen gestellt und gesagt. Im Glauben sollt ihr alle so ein Kind-Typ werden. Gar nicht so lange überlegen und nachrechnen, sondern bitten und vertrauen, Gott zutrauen, dass er hilft und rettet. Wir dürfen mit dem Wenigen kommen und der Herr wird Großes draus machen, wenn wir es ihm zutrauen.
Als letzte sind da noch die vielen, die sich satt essen. Sie erleben, dass Jesus aus fast nichts so viel machen kann, dass sogar noch Überfluss bleibt. Was machen sie als sie die 12 Körbe mit übrig gebliebenen Brocken sehen? Statt zu danken und Gott zu loben, fassen sie schnell einen Plan: Passt auf, dass uns der nicht entwischt. Haltet ihn fest! Sie wollen Jesus nicht deshalb, weil er ihnen Gott zeigt, sondern weil er sie satt macht. Es sind die Satt- und Sicher Typen. Sie wollen den Besitzstand wahren und ihre Zukunft absichern.
Was geben Menschen drum, ihre Zukunft zu sichern! Was werden für Versprechungen gemacht! Die Renten sind sicher und die Atomkraftwerke, die medizinische Grundversorgung und die Spareinlagen. Immer wieder werden solche Versprechungen abgegeben, die doch keiner wirklich garantieren kann. Setzen wir unser Vertrauen doch nicht auf solche zerbrechlichen Sicherheiten, sondern auf den, der Das Brot des Lebens ist: Auf Jesus, der wirklich satt macht und auf den Vater im Himmel, der aus nichts Großes machen kann. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168