Gottesdienst – Johannes 12, 20 – 26
Zur PDFLätare, 22.03.2009, Johannes 12, 20 – 26
Große Ereignisse und berühmte Leute ziehen Zuschauer an. Wer irgendwie kann, möchte sehen, was los ist. Aus sicherer Entfernung schauen viele in diesen Tagen das Naturschauspiel an, das sich im Südpazifik, nahe dem Inselkönigreich Tonga abspielt. Da ist ein Unterwasservulkan ausgebrochen. Dampf und Wasserfontänen vermischt mit Rauch und Vulkanasche schießen hunderte von Metern in die Höhe. Wir haben es in den Medien, aus noch sichererer Entfernung auch wahrgenommen.
Wo was los ist, da geht man hin. Zur Festspielpremiere auf den grünen Hügel. Dann kann man auch mitreden. Ich hab fei den Thomas Gottschalk gsehn, mit seiner Frau oder die Frau Merkel mit ihrem Mann. Das ist eine alte Tradition in Bayreuth. Früher gab es mitten in der Stadt sogar einen Platz, der den Schaulustigen gewidmet war. Alte Bayreuther kennen ihn.
Bis 1910 hieß er noch so: Maulaffenplatz., der heutige Sternplatz. In der Mitte, zwischen Opernhaus, neuem Schloss und Altem Schloss. Dort musste man sich hinstellen, wenn in Bayreuth was los war. Wenn der Adel ein Fest feierte oder wenn im Opernhaus ein Singspiel aufgeführt wurde. Dann konnte man die hohen Herrschaften sehen in ihrem Prunk. Mit Perücken und Roben. Dann hatte man etwas zu erzählen hinterher, daheim oder am Stammtisch und in der Spinnstube.
Von einem Fest und Schaulustigen, die etwas sehen wollten berichtet unser Predigttext aus dem 12. Kapitel des Johannesevangeliums. Es war das Passahfest und die Pilger kamen bis aus dem fast 1000km entfernten Griechenland. Sie wollten was erleben, was sehen, um dann davon berichten zu können:
Unter den Festbesuchern waren auch einige Griechen. Sie kamen zu Philippus, der aus Bethsaida in Galiläa stammte und baten ihn: „Herr, wir wollten Jesus gern sehen.“ Philippus sprach mit Andreas darüber, dann gingen sie gemeinsam zu Jesus.
Er sagte ihnen: „Die Stunde ist gekommen. Jetzt soll der Menschensohn verherrlicht werden. Hört mir genau zu: Ein Weizenkorn, das nicht in den Boden kommt und stirbt, kann keine Frucht bringen, sondern bleibt ein einzelnes Korn. In der Erde aber keimt es und bringt viel Frucht, obwohl es selbst dabei stirbt. Wer sein Leben über alles liebt, der wird es verlieren. Wer aber bereit ist, sein Leben vorbehaltlos für Gott einzusetzen, wird es für alle Ewigkeit erhalten.
Wer mir dienen will, der folge mir nach. Denn wo ich bin, soll er auch sein. Und wer mir dient, den wird mein Vater ehren.
Für diese Griechen war Jesus zunächst eine willkommene Attraktion. Anscheinend waren Berichte über ihn und seine Wunder Tagesgespräch in Jerusalem. Er war kurz vorher in die Stadt eingezogen und von jubelnden Massen empfangen worden, die sogar einen bunten Teppich aus ihren Kleidern für ihn ausgelegt hatten.
Wie das so ist, wenn irgendwo ein Auflauf von Menschen ist, dann drängen andere von hinten dazu und wollen auch dabei sein. Sie wollen auch sehen, um mitreden zu können. Rettungsdienste haben oft ihre liebe Not mit den Schaulustigen oder den Maulaffen, wie man sie früher genannt hat, weil sie den Mund nicht mehr zugebracht haben vor lauter schauen und staunen.
Da ist eine Gruppe griechischer Touristen oder sollte ich besser sagen Pilger, denn sie sind ja zu einem religiösen Fest angereist. Gibt’s ja heute auch noch. Karfreitag auf der Via Dolorosa in Jerusalem, Ostern auf dem Petersplatz in Rom, Passionsspiele in Oberammergau alle 10 Jahre. Zuschauer wollen Jesus sehen, wie er einzieht, wie er sein Kreuz trägt, wie er am Kreuz leidet, wie er stirbt.
Nein, so weit haben die weit gereisten Griechen damals noch gar nicht gedacht. Sie wollten einen Wunderheiler sehen, einen der Tote aufweckt. Die eben erst geschehene Auferweckung des Lazarus in Bethanien vor den Toren Jerusalems war in aller Munde. So einen muss man doch gesehen haben. Vielleicht wird man ja sogar selber Zeuge eines Wunders. Wenn man davon berichten könnte, wäre man doch interessant.
Es ist aber gar nicht so leicht an diesen Jesus ranzukommen. Immer ist er von einer Menschentraube umringt. Wenigstens erwischen die Griechen einen Jünger. Den Philippus. „Kannst Du uns nicht zu Jesus bringen?“ Fragen sie. „Den würden wir auch gern sehen, wenn wir schon die weite Reise gemacht haben.“ Weil Philippus etwas unsicher ist, bezieht er noch den Jünger Andreas mit ein. Der findet das gar nicht schlecht, dass sich nun schon ausländische Touristen für Jesus interessieren.
Sie bahnen sich einen Weg durch die Menge. Die beiden Jünger machen Jesus auf das Anliegen der Griechen aufmerksam. Doch der gibt ihnen keine Privataudienz. Er fühlt sich nicht geschmeichelt ob dieses internationalen Interesses. Er hebt die Arme um die Menge zum Schweigen zu bringen und als es still geworden ist, wendet er sich laut an alle, die herumstehen:
„Die Stunde ist gekommen. Jetzt soll der Menschensohn verherrlicht werden. Hört mir genau zu: Ein Weizenkorn, das nicht in den Boden kommt und stirbt, kann keine Frucht bringen, sondern bleibt ein einzelnes Korn.
In der Erde aber keimt es und bringt viel Frucht, obwohl es selbst dabei stirbt. Wer sein Leben über alles liebt, der wird es verlieren. Wer aber bereit ist, sein Leben vorbehaltlos für Gott einzusetzen, wird es für alle Ewigkeit erhalten.
Wer mir dienen will, der folge mir nach. Denn wo ich bin, soll er auch sein. Und wer mir dient, den wird mein Vater ehren.
Das war zwar kein spektakuläres Wunder, was Jesus da von sich gab, aber für alle die zuhörten doch recht wunderlich. Manches hörte sich an wie ein Rätsel, anderes war schwer anzunehmen. Hat nicht jeder sein Leben lieb? Und: Wer will es schon verlieren? Und dienen ist auch nicht unbedingt attraktiv. Schnell denkt man da: Solln doch die anderen…
Es ist gar nicht so einfach, zu Jesus nur so als Zuschauer zu kommen. Mal dabei gewesen zu sein bei einem religiösen Großereignis, in Jerusalem oder in Rom oder in Oberammergau oder ab nächstem Sonntag in der Chemnitz-Arena bei der Prochrist Veranstaltung oder hier in der Kreuzkirche bei der Live-Übertragung. Nur so als Schaulustiger um zu sehen, was da so abgeht. Und dann kann man hinterher seinen Kommentar dazu abgeben oder sein Urteil fällen. Man war dabei, als Zuschauer, Schaulustiger, Maul… und ist informiert.
Überall, wo man sich mit Jesus und seiner Bewegung befasst, da kann es leicht sein, dass einem das viel näher kommt und viel mehr unter die Haut geht, als man das eigentlich wollte. Als ich vor 12 Jahren in Jerusalem war, im Garten Gethsemane, in der Kirche, die über dem Felsen gebaut ist, an dem Jesus gebetet hat und sein Angstschweiß zu Blut wurde, da hat mich das doch schon sehr berührt. Auch der ziemlich blutige Film Passion Christi, der vor einigen Jahren im Kino lief. Schon an besonderen Orten oder nachgestellt kann die Passion Christi sehr betroffen machen. – So ist das! So schlimm, so hart: Kreuz tragen, Schuld der Welt tragen, zu der ja auch meine Schuld gehört.
Und noch mehr können einen Worte Jesu treffen. So dass man ganz genau merkt: Da bin jetzt ich gemeint! Da redet Gott ja mit mir! Bekannt ist vielleicht manchen das Erlebnis des Grafen von Zinzendorf als er auf einer Bildungsreise in Düsseldorf war. Während seine Pferde gefüttert wurden vertrieb sich der damals einundzwanzigjährige lebenslustige Graf die Zeit in einem nahe gelegenen Museum. Unter den ausgestellten Bildern befand sich eine beeindruckende Darstellung des gekreuzigten Jesus. Unter dem Bild stand der Satz: „Das tat ich für dich, was tust du für mich?“ Diese Frage traf ihn ins Herz, obwohl er natürlich schon viele Kreuzigungsdarstellungen gesehen hatte. Lange Zeit starrte er auf das Bild und die Frage ging ihm nicht mehr aus dem Sinn.
Später bekannte er, dass dieses Erlebnis den Anstoß zur großen Wende seines Lebens gegeben hatte. Er bekehrte sich. Im Bild des Gekreuzigten war ihm die Liebe Gottes in unwiderstehlicher Weise begegnet. Er hatte verstanden: Jesus Christus starb für mich! Von da an stellte er sein Leben dem Herrn Jesus zur Verfügung. Er wurde selber Verkündiger des Evangeliums und Missionar, der über die Herrenhuter Losungen bis heute wirkt.
Vielleicht hat er sein lockeres Leben als Adeliger dabei verloren, aber er hat ein ganz anderes Leben, ein viel wertvolleres dabei gefunden. Viele haben ihr Leben, das sie so führen, ihr lockeres oberflächliches Leben voller Spektakel und Kick oder ihr bequemes und geregeltes Leben so lieb, dass sie darüber das Leben, das Jesus anbietet, versäumen. Viele wollen gar nicht dienen. Sie wollen lieber herrschen. Sie wollen ihren eigenen Kopf durchsetzen, ihre Vorstellungen verwirklichen. Sie bleiben allenfalls flüchtige Zuschauer, oberflächliche Zuhörer, wenn ihnen Jesus oder Gottes Wort begegnet. Sie wollen nur mal schaun. Nur Zuschauer am Wegrand des Lebens.
Weniger bekannt als die Bekehrungsgeschichte Zinzendorfs dürfte die Geschichte des Gemäldes sein, das ihn damals so angesprochen hatte. Der junge Maler Domenico Feti sollte für einen Altar in Düsseldorf die Kreuzigung Jesu malen. Mit dem Pinsel malte er die Kreuzigungsszene, aber er war in seinem Herzen unberührt. Der Opfertod Jesu war ihm gleichgültig. Da begegnete ihm auf einem Spaziergang ein Zigeunermädchen. Sie faszinierte ihn und er wusste sofort: Sie gäbe eine wunderschöne spanische Tänzerin her. Er bot ihr Geld, damit sich von ihm malen ließe.
Jeden Tag kam sie in sein Atelier und neugierig betrachtete sie alles und entdeckte dabei das fast fertige Altarbild. Sie musste es immerzu ansehen und stellte viele Fragen zu dem Geschehen auf dem Bild. Feti gab nur sehr widerwillig Antwort. Er fühlte sich in seiner Arbeit gestört, aber weil sie nicht locker ließ, erzählte er ihr, was er über das Sterben des Heilandes wusste. Im Kopf hatte er die Geschichte ja, aber wirklich innerlich berührt hatte sie ihn nie. Erst auf die Fragen des Mädchens und durch ihr Staunen wurde er etwas nachdenklicher.
Beide Bilder, das Altarbild und die spanische Tänzerin wurden gleichzeitig fertig. Bei ihrem letzten Besuch war das Zigeunermädchen an ihrem eigenen Bild gar nicht so interessiert. Ihre Blicken fielen immer wieder auf das Kreuzigungsbild. Dann sagte sie zu dem Maler: „Nicht wahr, Herr, ihr liebt ihn sehr, weil er das alles für euch getan hat?“ Der Künstler schämte sich. Daran hatte er noch nie gedacht. Das Mädchen in seinem armseligen Kleid verließ ihn, aber ihre Worte klangen in seinem Herzen nach: „…weil er das alles für euch getan hat!“
Dem Maler ließ es nun keine Ruhe mehr. Feti wanderte aufgewühlt in der Stadt umher. Eines Tages sah er Menschen in ein kleines Haus an der Stadtmauer gehen. Das machte ihn neugierig. Er hörte von einem Fremden, der hier wohne, der eine neue Lehre mitgebracht habe. Feti ging in die Versammlungen, die dort gehalten wurden und fand, wonach er sich gesehnt hatte: lebendigen Glauben. Und er hatte nun ein Ziel: Wie kann ich den Menschen von dieser grenzenlosen Liebe sagen, die mein Leben so hell gemacht hat?
Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Sinn: „Ich kann ja malen. Mit meinem Pinsel muss ich es verkünden. In seinem Altarbild drückte das Gesicht von Jesus nur Schmerz aus. Aber das war ja nicht die ganze Wahrheit. Unaussprechliche Liebe, unendliches Erbarmen, dienstbereites Opfer müssen darin zu sehen sein.“ Und dann malte er – und wuchs über sich selbst hinaus. Das neue Gemälde von der Kreuzigung war wie eine göttliche Eingebung.
Er konnte sich nicht entschließen, es zu verkaufen, und schenkte es seiner Geburtsstadt Düsseldorf. Das Bild wurde in einer öffentlichen Galerie aufgehängt und viele Menschen strömten dahin es zu sehen. Jeder, der davor stand, verstummte; die Herzen wurden bewegt. Unter das Bild hatte er geschrieben: „Das tat ich für dich – was tatest du für mich?“
Auch der Maler ging oft hin. Er stand hinten in einer Ecke der Galerie und bat Gott, er möge seine gemalte Predigt segnen. Als sich eines Tages die übrigen Besucher verlaufen hatten, bemerkte er eine arme junge Frau, die bitterlich weinend vor dem Bild stand. Es war das Zigeunermädchen von damals. Er sprach sie an. Dann erklärte er ihr, dass diese Liebe Jesu auch ihr gelte. Lange redeten sie noch miteinander. Er sprach nicht nur vom Opfertod Jesu, sondern auch von seiner Auferstehung. Sie lauschte und nahm die Worte in ihrem Herzen auf und kam zum Glauben.
Auch wir dürfen uns so von Jesus, von seinem Leiden und Sterben für uns ansprechen und anspornen lassen ihm nachzufolgen, ihm zu dienen, in der Gemeinde, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Gespräch. Aber das werden wir nur können, wenn wir das Kreuz und die Liebe des Gekreuzigten für uns angenommen haben. Jesus nur sehen und auf Distanz bleiben, das hilft uns nicht. Christen sind keine Schaulustigen und Maulaffen, die nur gelegentlich mal neugierig hinschaun. Sie dürfen das was sie sehen und hören ganz für sich nehemen, davon leben, daraus Hoffnung schöpfen, davon erzählen und diesen Weg der Nachfolge Jesu gehen. Leben mit Jesus hat Folgen! Folgen heißt zu lernen, von sich selbst wegzusehn. Die Not der Welt erkennen und mutig loszugehn. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168