Gottesdienst – Johannes 1, 1 – 14

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Christfest II, 26.12.2008, Johannes 1, 1 – 14

Die Weihnachtsgeschichte ist die wunderbarste Geschichte der ganzen Bibel. Dreimal wird sie uns erzählt. Am anschaulichsten vom Evangelisten Lukas in der zur Weltliteratur gewordenen Übersetzung Martin Luthers: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Gestern und vorgestern haben wir sie gelesen und gehört. Die meisten von uns sprechen in Gedanken mit, wenn sie sie hören, wenigsten die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“

Lukas lässt uns das Kind in der Krippe sehen, die und die Gedanken Marias erfahren, die das Erlebte in ihrem Herzen bewegt. Lukas erzählt aus der Sicht Maria .

In der Christmette, wird dann nach der Ordnung unserer Kirche die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus gelesen, Matthäus lässt uns aus der Perspektive des Josef teilhaben.

Typisch Mann. Viel nüchterner werden da vernünftige und logische Überlegungen angestellt. Josefs Gedanken und Pläne als er erfährt, dass seine Braut ein Kind erwartet, das doch nicht von ihm sein kann, weil er gar nicht mit ihr zusammen war. Nur der Engel, der dem Josef im Traum erscheint, kann verhindern, dass Josef Maria verlässt.

Matthäus fährt nach der Geburt Jesu, die nur mit einem Satz erwähnt wird mit Männergeschichten fort. Die drei Weisen, die Flucht vor Herodes, der Kindermord. Es wird sofort deutlich, in welche Welt dieser Gottessohn hineingeboren ist. Sein Leben ist bedroht, schon von der ersten Stunde an.

Die dritte, kürzeste und eigenartigste Weihnachtsgeschichte erzählt uns der Evangelist Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums. Sie ist völlig anders, mit sehr viel theologischem Tiefgang und klingt zunächst gar nicht nach Weihnachten. Aber sie ist so gehaltvoll, dass man sie immer wieder hören, lesen und bedenken muss, um ihre Tiefe allmählich zu begreifen. Ich lese Johannes 1, 1-14:

Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
Es war ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten.
Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“


Mit etwas Abstand vom Geschehen schreibt der Evangelist Johannes seine Version der Weihnachtsgeschichte nieder. Die Schafe und die Engel, die Krippe und die Windeln lässt er weg. Johannes will uns zeigen, was da eigentlich passiert ist. Die atemberaubendste Geschichte dieser Erde. Das Wort ward Fleisch. Eine Verwandlungsgeschichte.

Er beginnt sein Evangelium, indem er uns Gott vorstellt. „Gott ist das Wort!“ Nicht ein Wort, das nur wirkungslos im Raum verhallt, sondern ein Wort, das bewegt und verändert.

Im griechischen Urtext steht „Logos“ für Wort. Das kann noch viel mehr bedeuten als „Wort“, das aus ein paar Buchstaben besteht. Logos ist Geist, Vernunft, Weisheit. Johannes will sagen: höchster Geist, höchste Vernunft, höchste Weisheit. Am Anfang der Bibel heißt es in der Schöpfungsgeschichte: Gott sprach – und es geschah. Gottes Wort ist also ein Geschehen. Wenn er spricht, sind das nie leere Worte, sondern es geschieht etwas. Gottes Schöpfungswort ließ einst unsere Erde entstehen und das Leben auf ihr in allen seinen Formen und Farben. Es ließ uns Menschen werden – und vergehen. Ließ die Sintflut kommen und teilte das Rote Meer.

Bei den Propheten heißt es, wenn Gott ihnen einen Auftrag gibt oder eine Botschaft, die sie verkünden sollen: da geschah das Wort des Herrn zu Jeremia oder Jona. Es geschah! Das st nicht wie das Geplaudere am Kaffeetisch oder in der Talkrunde. Da passiert was. Das Wort Gottes hat Macht. Vom göttlichen Wort geht Wirkung aus.

Stellen Sie sich den Start einer Mondrakete auf dem Weltraumbahnhof vor. Da zählt einer rückwärts: Three, – two, – one, – zero. Und mit dem „Zero“, dem Startsignal zündet die Rakete. Ohrenbetäubender Lärm und riesige Rauchwolken begleiten eine gewaltige Kraft und katapultieren viele hundert Tonnen Last und Treibstoff in den Himmel. Eine Hand voll Menschen in der Kapsel bewegen sich von der Erde weg, ein winziges Stück hinaus in die unermesslichen Weiten des Alls.

Als am 20. Juli 1969 das Raumschiff Apollo 11 so startete und Tage später auf dem Mond landete, meinte der Astronaut beim Betreten des Mondes: „Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Menschen auf der ganzen Welt verfolgten auf dem Bildschirm das Ereignis. Ich kann mich noch gut erinnern. Aber der große Schritt für die Menschheit ist es nicht geworden. Der Besuch des Menschen auf dem Mond hat nicht wirklich etwas verändert. Nicht auf dem Mond und nicht auf der Erde. Große Worte vor fast 40 Jahren, als der Mensch den Mond betrat, sie sind in Schall und Rauch verklungen. Wie hat der Mensch sich groß gemacht!

Ganz anders als Gott die Welt betrat. Da hat ER sich ganz klein gemacht. Gott, der gewaltige Energien und Massen befehligt, dem Galaxien gehorchen und Sonnensysteme folgen, hat sein Erscheinen nur vom Schall eines Engelschores begleiten lassen und dem bisschen Rauch eines Hirtenfeuers. Er hat seine Machtzentrale verlassen und sich unbewaffnet in der Menschen Hände begeben. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Ganz vertuschen konnte er seine göttliche Abstammung allerdings nicht. Johannes bezeugt. Wir sahen seine Herrlichkeit. Etwas hat ihn verraten. Seine Liebe, sein Licht, sein Leben. Es strahlt etwas aus von dem Mensch gewordenen Gott. Das kann man aufnehmen oder ablehnen. „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Am Mensch gewordenen Gott, an Jesus, fällt eine Entscheidung, damals wie heute. Die einen lehnen ihn ab, die anderen nehmen ihn auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben

Wer Jesus im Glauben aufnimmt, wird Gottes Kind und bekommt Anteil an seiner Macht. An seiner Macht der Liebe, seiner Macht des Lebens, seiner Macht des Lichts. Das gilt für alle Dunkelheiten des Lebens. Wenn man trauert um einen Menschen. Es sind ja viele, die im zurückliegenden Jahr einen Menschen hergeben mussten. Die vielleicht die Dunkelheit des Todes gespürt haben oder noch spüren. Da kommt man sich einsam und verlassen vor. Gott kommt in diese Dunkelheit in Jesus. Spürbar.

Es gibt ein sehr eindrückliches und bewegendes Bild des Malers Dr. Kurt Reuber, der auch Arzt und Pfarrer war. Er hat es 1942 in einem Bunker im Kessel von Stalingrad gemalt. Die in ein Tuch eingehüllte Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Am linken Bildrand stehen die Worte: „Weihnachten 1942 im Kessel“. Am rechten Bildrand die Worte: Licht, Leben, Liebe.

Der Maler selbst schreibt: „Als ich die Weihnachtstür, die Lattentür unseres Bunkers öffnete und die Kameraden eintraten, standen sie wie gebannt, andächtig und ergriffen schweigend vor dem Bild an der Lehmwand, unter dem ein Holzscheit brannte. Sie lasen die Worte Licht, Leben, Liebe.“

Kurt Reuber starb 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft. Mit einer der letzten Maschinen nahm ein schwer kranker Kommandeur diese Zeichnung mit anderen Bildern Reubers mit nach Deutschland. In aussichtsloser Lage war dieses Weihnachtsbild Licht, Leben und Liebe für verzweifelte Menschen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Der Glaube sieht die Herrlichkeit Gottes auch mitten in der Dunkelheit. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.

Als Lazarus gestorben war, sagte Jesus zu seiner trauernden Schwester Maria: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen. Dann ruft er den toten Lazarus ins Leben zurück. Der Glaube gibt Macht. Wer glaubt, zapft die Macht Gottes an. Macht der Liebe, die tröstet, hilft, heilt und herausholt aus Verzweiflung und Schuld. Wer glaubt wird neu geboren durch den Geist Gottes. Und wer durch den Geist Gottes neu geboren ist, der sieht immer mehr Herrlichkeit Gottes.

Herrlichkeit Gottes wird sichtbar, wenn ein Mensch zur Welt kommt. Eltern sagen mir das auch oft bei Taufgesprächen, dass sie die Geburt ihres Kindes als ein Wunder erlebt haben, das sie überwältigt hat. Sie spüren: Gott schenkt neues Leben in ihrem Kind. Unser Kind und doch eigenständiges Leben.

Herrlichkeit Gottes wird noch viel gewaltiger sichtbar in Jesus. Gott, der als Mensch zur Welt kommt. Wort, das Fleisch wird. Wo das Wort Gottes nicht geglaubt wird, da wird Weihnachten eine rührselige Geschichte von Hirten und Schafen. Da werden die Engel immer kitschiger und die himmlischen Chöre gehen einem mit der Zeit auf die Nerven. Da bleiben von Weihnachten schließlich nur ein Haufen Geschenkpapier, abgenagte Gänseknochen und abgefallene Christbaumnadeln.

Aber wo geglaubt wird, dass das Kind in der Krippe der Retter der Welt ist, mein Retter, da bleibt viel mehr. Da bleiben Licht, Leben und Liebe. Da bleibt der Frieden, der höher ist als alle menschliche Vernunft. Da bleibt auch in dunkelsten Stunden die Hoffnung, nein, die Gewissheit, dass wir die Herrlichkeit Gottes sehen werden.

Menschen haben die Herrlichkeit Gottes in der Natur entdeckt, in den Bergen, Blumen Wäldern, in einem zarten Schmetterling, in einem Regenbogen. Ja, unbestritten, auch in jedem Stein und jedem Tropfen Wasser lässt sie sich entdecken. Aber persönlich erfahrbar, menschlich bewegend, für mich rettend und heilend wird die Herrlichkeit Gottes nur in Jesus Christus. In seinem Bild sehen wir die Herrlichkeit Gottes, auch in seinem Kreuzesbild. Er und der Vater sind eins. Und niemand kommt zum Vater außer durch ihn. Diesen einzigartigen Anspruch dürfen wir nie aufgeben, sondern müssen wir wieder ganz neu glauben und ganz neu leben lernen. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit damit anzufangen.

In einem Kindergarten unterhielten sich die Kinder mit der Erzieherin über Gott. „Gott wohnt im Himmel“, meinten die einen. „Gott wohnt auf der Erde bei den Menschen“, sagten die anderen. Schließlich löst ein Junge, dessen Vater Arzt ist die schwierige Frage auf eine ganz lockere Art: „Wohnen tut Gott im Himmel, aber sein Praxis hat er auf der Erde!“

Ja, er ist praktizierender Gott, er kommt Mensch geworden unverzüglich dorthin, wo man ihn ruft. Er hilft, er heilt. „Ich bin der Herr dein Arzt“

Gott wohnt im Himmel, aber seine Praxis hat er da, wo Menschen glauben und in seinem Namen leben, denken und entscheiden. In Jesus, dem Mensch gewordenen Gott können wir seine Herrlichkeit entdecken, auch nach Weihnachten.

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168