Gottesdienst – Joh 8, 3-11

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4.Sonntag nach Trinitatis, 01.07.2007, Joh. 8, 3-11

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet
Unser heutiger Predigttext steht im 8. Kapitel des Johannesevangeliums.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu Jesus, die beim Ehebruch ergriffen war und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“

Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie:„Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?“

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Sie antwortete: „Niemand, Herr.“ Und Jesus sprach: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Ehe und Treue, Ehebruch und Treuebruch. – An der Aktualität des Themas hat sich nichts geändert. Seit es die Ehe als festes und auf Dauer angelegtes Bündnis zwischen Mann und Frau gibt, ist es auch in Gefahr. Gefühle lassen sich nicht vertraglich regeln und Leidenschaft ist schwer zu beherrschen. Die Versuchung kann groß und stark werden.

Viel verändert hat sich am gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Zurzeit Jesu galten strenge moralische Regeln. Es gab noch keine Gleichberechtigung und Frauen wurden in der patriarchalischen Gesellschaftsordnung, wenn ihnen Ehebruch nachgewiesen werden konnte, viel härter bestraft als Männer. Das konnte bis zur Todesstrafe durch Steinigung gehen. – In einigen fundamentalistisch regierten islamischen Staaten ist das noch heute so. Die Frau galt als Besitz des Mannes und hatte sich ihm ganz unterzuordnen.

Nicht zuletzt auch durch das Neue Testament hat sich das in der christlichen Kultur geändert. Vor Gott ist kein Ansehen der Person, da ist nicht Mann oder Frau, da heißt es: Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi(Eph.5,21). Und es ist gut, dass auch vor dem Gesetz kein Mann mehr bevorzugt, keine Frau mehr benachteiligt werden darf. Es ist auch eine sinnvolle Einrichtung, dass Gleichstellungsbeauftragte darauf achten, dass diese Gleichheit auch im Alltag gewährleistet ist und dass sich dieses Bewusstsein in den Köpfen der Menschen mehr und mehr durchsetzt.

Vor Gott macht es keinen Unterschied, ob eine Frau die Ehe bricht oder ein Mann, es ist immer gegen seinen Willen. Er hat die Ehe als eine lebenslange Verbindung für Mann und Frau geschaffen und hat der Ehe seinen Segen verheißen. Es ist eine große Not, dass in unserer Zeit etwa ein Drittel der Ehen geschieden werden. So eine endgültige Trennung hat immer mit Kummer und Verletzungen, mit bitteren Enttäuschungen zu tun. Bei jeder Scheidung leiden Menschen, gibt es Betroffene und Tränen. Was die Trennung der Eltern für Kinder – seien sie noch klein oder schon etwas größer – bedeutet, kann man gar nicht ermessen.

Auch an Eltern und Verwandten, an Freunden und Kollegen geht es nicht spurlos vorüber, wenn ein Mann plötzlich eine andere Frau an seiner Seite hat, eine Frau einen anderen Mann. Wie soll man sich verhalten? Sind Ehepartner so einfach austauschbar, dass man wortlos darüber hinweggeht? Tue ich nicht dem verlassenen Ehepartner irgendwie Unrecht, wenn ich den/die neuen Partner/in jetzt so hinnehme, als hätte es den/die frühere Partner/in nicht gegeben?

Es ist nicht leicht, sich da richtig zu verhalten. In dieser alten Geschichte eines Ehebruchs wird uns gezeigt, wie Jesus das sieht und wie er darüber denkt. Und das, was er dazu sagt betrifft nicht nur das Thema Ehebruch: „Welcher von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Mit diesem Satz wendet sich der Herr an die Ankläger. Sie haben die verheiratete Frau und ihren Liebhaber auf frischer Tat beim Ehebruch erwischt und für sie ist die Sache klar: Sie muss mit aller Härte bestraft werden. Die Umstände spielen gar keine Rolle. Es bleibt im Verborgenen, wie es der Frau in ihrer Ehe ging, welche Rolle der Liebhaber spielt und wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Für die Ankläger genügt der Augenschein. Es zählen nur Tat und Gesetz. Sie fühlen sich im Recht, die Frau sehen sie im Unrecht. Das Urteil steht fest, es muss nur noch vollzogen werden. Jesus kommt hier nur nebenbei ins Spiel. Dieser Ehebruch ist eine gute Gelegenheit, Jesus dranzukriegen. Sagt er, steinigt sie nicht, dann ist das der Beweis dafür, dass er gegen das Gesetz verstößt. Stimmt er der Steinigung zu, so werden sich die Sünder von ihm abwenden und seine Beliebtheit im Volk wird abnehmen.

Was soll er dazu sagen? Lange schweigt er. Lange schreibt er vor sich in den Sand, bevor er aufblickt und diesen Anklägern ins Gesicht sieht. Was sind das für Leute? Langsam wandert sein Blick von einem zum Nächsten. Einige haben die Frau fest im Griff, andere haben schon einen Stein in der Hand. Alle warten sie auf seine Antwort.

Was sind das für Leute? Ehrenwerte Bürger, stadtbekannte Persönlichkeiten, fromme und angesehene Personen der Gemeinde, Männer, denen Recht und Ordnung, Moral und Anstand am Herzen liegen. Wahrscheinlich haben sie trotzdem dem Blick des Herrn Jesus nicht lange standgehalten. Warum sieht der uns so an? Wir sind doch hier nicht die Angeklagten!

Oder doch? Noch mehr als der Blick trifft sie schließlich der Satz mit dem Jesus das lange Schweigen durchbricht: „Welcher von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Jetzt schaut niemand mehr auf die Frau, die mit Tränen in den Augen und gesenktem Kopf in der Mitte steht. Alle Augen sind plötzlich auf die Ankläger gerichtet: Was werden die jetzt sagen? Sind die ohne Sünde? Wer von denen hat den Mut jetzt den ersten Stein zu werfen?

Auf einmal geht es nicht nur um das sechste Gebot: Du sollst nicht ehebrechen, sondern um alle Gebote. Ohne Sünde ist doch nur, wer alle Gebote hält. Mit seiner Frage macht Jesus deutlich, dass da aus Gottes Sicht ja letztlich kein Unterschied ist, ob jemand lügt oder stiehlt, neidisch ist oder frech zu den Eltern, ob jemand flucht oder den Sonntag zum Werktag macht. Vor Gott ist das genauso Sünde, wie Ehebruch, Untreue oder missbrauchte Sexualität.

Auf einmal muss die ganze Sache in einem viel größeren Zusammenhang gesehen werden. Jesus hat nicht gesagt, dass Ehebruch doch nicht so schlimm ist und dass es sich dabei um eine Kleinigkeit handelt. Er lässt auch das sechste Gebot nach wie vor gelten, aber er zeigt mit seinen Worten, dass jede Sünde von Gott trennt und dass niemand das Recht hat sich über andere zu stellen und andere zu verachten und zu verurteilen. Sondern jeder kann nur sich selber vor Gott prüfen und fragen: Wo stimmt es denn in meinem Leben nicht? Wo handle ich gegen den Willen Gottes? Wo ist bei mir Umkehr und Buße angesagt? Wo brauche ich Gottes Vergebung, um nicht unter seinem Urteil zu stehen?

Mich erstaunt bei diesem Bericht immer die Reaktion der Ankläger. Sie nehmen ja tatsächlich den Satz Jesu ernst. Sie tun ihn nicht oberflächlich ab, indem sie schnell behaupten doch keine Sünder zu sein, sondern sie merken sofort, der hat ja Recht. Ohne Sünde bin ich auch nicht. Und da wird ihnen der Stein schwer in der Hand. Plötzlich richtet sich das Urteil, das sie so selbstsicher gefasst haben gegen sie selbst. Und keiner wirft. Einer nach dem anderen schleicht sich betreten davon. Die Ältesten, die Einflussreichsten zuerst. Betroffen, beschämt, nachdenklich. Ohne Sünde, so geben sie mit ihrem Weggehen zu, sind wir alle nicht.

Muss das nicht jeder Ehrliche zugeben, wenn er nachdenkt? Nein, ohne Sünde bin ich nicht. Was diese Frau getan hat, habe ich in meinen Gedanken auch schon durchlebt. Wenn’s keiner gesehen hat, dann habe ich auch schon oft getan, was Gott nicht will. Wie oft war ich treulos Gott oder Menschen gegenüber? Bin ich nicht oft anderen die Liebe, die Wahrheit, Hilfe oder Fürsorge schuldig geblieben? Wie oft habe ich mich einfach gehen lassen, habe Grenzen überschritten, Warnungen missachtet? Im Straßenverkehr, in der Schule, im Berufsleben in der Familie, im Umgang mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln, mit Medien oder Menschen. Ich habe viele Tage ohne Gott gelebt, nicht geglaubt, gezweifelt, gesorgt…

Johannes schreibt in einem seiner Briefe: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Das ist sehr dezent ausgedrückt. Die Wahrheit ist nicht in uns. Deutlich gesagt heißt das: Wer behauptet, kein Sünder zu sein, der lügt doch.

Es gibt erstaunlicherweise ziemlich viele Menschen, die mit dieser Lüge leben, die sich da etwas vormachen. Wie oft hab ich das schon gehört: Ich bin doch kein Sünder! Ich hab doch keine Sünden! Oder wie verbreitet ist die Kritik: Müsst ihr denn in der Kirche immer von Sünde reden! So als ob das kein Thema mehr wäre.

Manche machen auch einen anderen Fehler. Sie sagen: Na gut, mag sein, dass wir auch Sünder sind. Wir sind alle Sünder. Und damit spielen sie die Sache runter: Wenn alle Sünder sind, dann ist es doch nicht so schlimm. Wenn wir auch alle Sünder sind, kommen wir doch alle irgendwie in den Himmel. Der liebe Gott wird’s schon nicht so genau nehmen.

Der Herr Jesus sieht es nicht so oberflächlich. Als die Ankläger sich davongeschlichen haben und die Frau allein vor ihm steht, da wendet er sich ihr zu, sieht ihr in die Augen: Wo sind denn jetzt deine Ankläger? Hat dich niemand verdammt?

Und sie antwortet: Nein, niemand hat mich verdammt.

Da sagt der Herr zu ihr: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Der Herr Jesus verdammt Sünder nicht, sondern er hilft aus der Sünde heraus. Er hebt aber auch Gebote nicht auf und verharmlost die Sünde nicht, wie es bei uns vielfach geschieht: Ist doch nicht so tragisch! Das machen doch eh alle!

Sündige hinfort nicht mehr! Das heiß in der Situation dieser Frau: Geh nach Hause zu deinem Mann, zu deiner Familie. Trenn dich von deinem Geliebten. Stell deine Gefühle nicht über die Gebote Gottes, sondern versuche gehorsam zu sein und so gut du kannst nach den guten Ordnungen Gottes zu leben.

Jesus will nicht verdammen, sondern zurecht bringen. Manchmal scheint es den Betreffenden unmöglich. Sie denken: ich kann das nicht. Ich kann nicht von der Frau oder dem Mann lassen. Ich kann nicht aufhören zu streiten oder zu lügen oder zu fluchen oder trinken oder meiner Lust und Bequemlichkeit nachzugeben. Mit eigenen Kräften geht es wirklich oft nicht. Aber mit Bitten und Flehen im Gebet und mit der Hilfe Gottes kann Sünde überwunden werden. Jesus macht frei und macht neu. Er löst von Gebundenheiten und befreit von Ketten.

Der Versucher will uns einreden: Das hältst du nicht aus! Du brauchst die Frau, den Mann, sonst wirst du nie glücklich sein. Du musst das haben, die Kleidung, den Lebensstandard, das Auto, das Handy, die Ausstattung, sonst geht es nicht. Es ist nicht wahr. Wir müssen nicht alles haben um erfüllt und zufrieden leben zu können. Im Psalm 73(V.25+26) heißt es: „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“

Unser Predigttext heute ist erstens eine Warnung an alle, die so schnell sind mit ihrem Urteil und die immer wissen, was die anderen falsch machen und sich über sie stellen mit ihrem Urteil und selbstgerecht den Kopf schütteln: Wie kann man nur. Die fragt der Herr ganz deutlich: Und du? Bist du ohne Sünde? Er ruft uns zur Besinnung und Umkehr mit dem Satz: „Welcher von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Alle, die sich schuldig wissen, die immer wieder schuldig werden und bekennen müssen: Ich bin ein Sünder! Die dürfen hier das Wort Jesu für sich nehmen: Ich verdamme dich nicht! Nein er verdammt nicht. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen(Mt.12,20), sondern, wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden(Röm.5,20).

Schließlich sind diese Worte eine Mahnung an uns alle, die wir in irgendwelche Sünden leben: Geh hin und sündige hinfort nicht mehr! Lass es! Fang neu an! Gib nicht auf mit deinem Widerstand gegen das, was Gott nicht will! Verlier das Ziel nicht aus den Augen! Nicht irgendeine erfüllte Lust bringt uns ans Ziel, nicht irgendeine gelebte Leidenschaft macht uns selig, sondern der Glaube, der sich unter den Willen Gottes beugt, der die rettende Gnade annimmt und der um Gottes Willen gehorsam sein will.

Mein treuer Gott, auf deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verlorengehn.

Nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168