Gottesdienst – Joh. 5, 1-16

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Lesepredigt für 14.10.2007, 19. Sonntag n. Trinitatis, Predigttext: Joh. 5, 1-16

(Diese Predigt wurde von Pfr. Schöppel für das Gottesdienstinstitut in Nürnberg angefertigt und dort leicht gekürzt veröffentlicht und als Lespredigt herausgegeben)


I. Gibt es noch Wunder? 

„Ich glaube, es geschehen keine Wunder
mehr oder wenigstens nicht mehr so viele.“ Die Frau, die diesen Satz
sagte, lag selbst im Krankenhaus und laborierte an den Folgen einer
unangenehmen Verletzung. Sie sagte diesen, Satz auch im Gedanken an ein
krankes Kind in ihrer Verwandtschaft.

Wie ist das mit Wundern bei uns? Was dürfen wir
dem Herrn noch zutrauen? Hört er noch Gebete? Greift er noch
wunderbar ein in unser Leben? Oder sollten wir uns lieber an
Heilquellen und Wallfahrtsorten unserer Zeit versammeln, wenn
menschliche Hilfe versagt?

Hat es noch Sinn, sich ganz kindlich vertrauend an
den Herrn Jesus zu wenden, wie die Menschen damals? Ist die Zeit seiner
der Wunder nicht vorbei? Vielleicht gab es das damals, als der Herr
über diese Erde ging, aber heute? Wenn da nicht immer wieder Dinge
passieren würden, die man nur ein Wunder nennen kann. Manchmal
liest man das Wort Wunder ja sogar in einer Zeitungsüberschrift:
„Wunder auf der Autobahn“. Wie durch ein Wunder überlebt jemand
einen schweren Autounfall, bei dem das Fahrzeug total zerstört
wurde.

Da war ein 4jähriges Mädchen, das in ein
Auto lief. Leblos lag sie in den Armen der Mutter, von deren Hand sie
sich losgerissen hatte. Der Rettungshubschrauber brachte sie mit
schweren Kopfverletzungen in die Uniklinik. Wochenlang lag sie im Koma
und die Ärzte machten den Eltern wenig Hoffnung. Würde sie je
wieder aufwachen, dann wohl nur mit schweren bleibenden Schäden
und Behinderungen. Die Menschen in der kleinen Dorfgemeinde beteten
zusammen mit den Eltern und den Verwandten für das Kind. Auch im
Gottesdienst bei den Fürbitten im Gottesdienst dachte man an sie.
Der ganze kleine Ort betete für das Kind.- Eines Tages schlug sie
tatsächlich die Augen wieder auf, sie wurde wieder ganz gesund.
Für die Eltern und viele in der Gemeinde ein großes Wunder.
Für die Ärzte höchst erstaunlich.

Sicher könnten manche unter uns diesem Wunder
eigene Erlebnisse hinzufügen. Ein Konfirmand sagte einmal beim
Gespräch über Wunder: Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich
noch lebe. Um ein Haar wäre ich bei meiner Geburt gestorben.
Manche und mancher, säße heute nicht hier im Gottesdienst,
wenn der Herr nicht auch in unserer Zeit noch wunderbar eingreifen
würde.

Wunder, das sind persönliche Erfahrungen, von
denen Menschen berichten! Heilungen Hilfen, Bewahrungen, mit denen nach
menschlichem Ermessen nicht zu rechnen gewesen wäre. Solche Wunder
werden dann als besondere Hilfen und Gnadenzeichen Gottes erlebt. In
ihnen handelt Gott über Bitten und Verstehen. Niemand von uns hat
einen Anspruch oder ein Recht darauf. Liebe und Zuwendung Gottes kann
genauso erfahren, wer an sich kein solch spektakuläres
äußerlich sichtbares Wunder erlebt.

II. Das erste große Wunder durch Jesus

Wenn Sie dem Johannes vorhin genau
zugehört haben, dann ist ihnen sicher auch das aufgefallen: In den
Säulenhallen um den Teich Betesda lagen viele Kranke, Blinde,
Lahme, Ausgezehrte. Geballtes Elend kam da zusammen. Schwer
gezeichnete, Verletzte, Kranke, Behinderte die sich an die schwache
Hoffnung klammerten, doch einmal zuerst in den Teich zu kommen, wenn
das Wasser sich bewegt hatte und so endlich wieder gesund zu werden.

Ist es nicht erstaunlich? Nur einen unter diesen
Vielen heilt Jesus, bevor er den Ort des Elends wieder verlässt.
Im ganzen NT wird immer wieder von solchen Wundern an Einzelnen
berichtet. Andere bleiben zurück und sind nicht geheilt. Jesus
sieht es offenbar nicht als seine Aufgabe an. jeden Kranken und jede
Krankheit zu heilen.

Dort am Teich von Betesda geht er auf den Einen zu.
38 Jahre liegt er da. Fast 14.000 Tage, 14.000 Nächte -mehr als
330.000 verzweifelte Stunden. Hoffnung hat er längst keine mehr. –
Diesen Ärmsten und Hoffnungslosesten, den, der am allermeisten
hinter sich hat sucht Jesus sich aus, um an ihm das Wunder zu tun.


Vielleicht hat ihn auch der erschütternde Satz bewegt, den der Mann sagt:

Herr, ich habe keinen Menschen.

Wie soll er in das Wunderwasser kommen, wenn es sich
bewegt. Auch unter den Kranken und Elenden gilt noch das Gesetz der
Welt, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Jeder will der Erste
sein und bis sich unser Mann mit letzten Kräften, kriechend,
robbend, rollend, selbst zum Wasser bewegt ist immer ein anderer drin.

Ich habe keinen Menschen! Was ist das für eine
schlimme Erfahrung. Wenn jemand, ob jung oder alt, alleingelassen ist
mit seiner Not. Wie viele gibt es auch heute bei uns. die es so
empfinden:

Ich hab keinen Menschen, mit dem ich reden kann.

Ich habe keinen Menschen, der mich besucht.

Ich hab keinen Menschen, der mich versteht.

Ich habe keinen Menschen, der mir hilft.
Ich habe keinen Menschen, der mir glaubt.

Ich habe keinen Menschen, der mich braucht.

Ich habe keinen Menschen, der mich liebt.

Ich habe keinen Menschen! – Was für eine
erschütternde Feststellung! Dieser Satz ist eine Aufforderung an
uns alle, Augen und Ohren aufzumachen und zu prüfen ob da nicht in
unserer Nähe Leute leben, die keinen Menschen haben, die
vielleicht nicht einmal mehr diesen Hilferuf formulieren können:
Ich habe keinen Menschen. Es gilt die stummen Schreie zu hören,
der einsamen Alten oder Jungen, der vernachlässigten Kinder, der
chronisch Kranken.

Es ist unsere Aufgabe in der Nachfolge des Herrn
Christus, solche aufzuspüren, wahrzunehmen und ihnen Mensch, ihnen
Nächster zu sein. Vielleicht sind heute auch solche unter uns, die
zwar mitten in dieser Kirche unter uns sitzen, aber es doch so für
sich empfinden: Ich habe auch keinen Menschen. Denen bietet diese
Wundergeschichte auch Trost. Denn genau auf die, die keinen Menschen
haben geht der Herr Jesus zu. Sie spricht er an. Er nimmt sich dieser
Einsamen an und hilft ihnen aus ihrer Not und Isolation heraus.

Aus der bitteren Klage: Ich habe keinen Menschen!
kann ein kindlich vertrauensvolle Gebet werden: Herr, ich habe keinen
Menschen. Wer so betet, so dem Herrn sein Leid klagt, der mag
vielleicht von Menschen verlassen sein, ist aber trotzdem von guten
Mächten wunderbar geborgen und kann getrost erwarten was kommen
mag.

Jeder darf in Verlassenheit und Not so beten, wie es K. Josten in seinem Lied tut: „Ich hab einen Heiland in Not und in Nacht, ich hab seine Liebe, die allezeit wacht“
(Jesu Name nie verklinget, Band 2, Rechte Hänssler Verlag,
Stuttgart). Wer den Mensch gewordenen Gott anspricht, ist nicht allein.
Dem hilft er heraus, auf seine Weise, ohne geheimnisvollen Zauber oder
obskure Mittelchen, die viel versprechen und noch mehr kosten. Manchmal
hilft Gott durch ein Wunder. Manchmal durch seine Kraft, die Leid
tragen hilft.

 

III. Das zweite größere Wunder durch Jesus

Warum Jesus nicht alle heilt, zeigt uns
die zweite Begegnung, die er mit dem Mann einige Zeit nach der Heilung
hat. Der Geheilte trifft Jesus, von dem er bis dahin nicht einmal den
Namen kannte, im Tempel wieder. Vielleicht war es sein erster Besuch im
Tempel nach 38 Jahren Krankheit. Vielleicht war er hinaufgegangen um
ein Dankopfer für die wunderbare Heilung darzubringen.
Plötzlich stehen sie sich ein zweites Mal gegenüber: Der
Geheilte und der Heiland. Und noch bevor der Geheilte etwas sagen kann
ergreift Jesus das Wort: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Wie
meint der Herr Jesus das? Kann es etwas Schlimmeres geben als 38 Jahre
krank zu sein? So alt kann doch der Mann gar nicht werden, dass er
dasselbe Schicksal noch einmal durchlebt.

Jesus will uns und diesem Mann hier sagen: Pass auf!
Gesundheit ist wichtig, sie ist ein großartiges Geschenk, aber
sie ist nicht das Wichtigste im Leben. – Krankheit ist schlimm,
sie kann einem furchtbar zusetzen. Aber Krankheit, auch tödliche
Krankheit, ist nicht das Schlimmste. Noch schlimmer ist es von Gott
getrennt zu sein durch Sünde.

Sünde kommt von dem Wort sondern, absondern.
Abgesondert, getrennt zu sein von Gott. Sünde ist nicht Verletzung
kleinlicher Vorschriften, so wie hier fromme Leute den Geheilten
angreifen, der am Sabbat sein Bett trägt. In seiner Freude hat er
wohl gar nicht überlegt was für ein Tag ist und ob er das
darf. Sünde ist Leben ohne Gott, sich bewusst gegen Gottes Willen
entscheiden oder gleichgültig an ihm vorbei leben. Sünde ist
Leben ohne Glauben. Und das hat zur Folge, in Ewigkeit getrennt bleiben
von Gott. Das ist schlimmer als die schlimmste Krankheit, schlimmer als
das schwerste Schicksal. Das ist tragischer, folgenschwerer als die
größte Not. Das ist das Ärgere, vor dem Jesus den
Geheilten warnt.

Um Kranke zu heilen, hat Jesus keinen Weg gescheut.
Er hat Tabus durchbrochen, das Sabbatgebot gering geachtet, sich die
Hände schmutzig gemacht und sich der Ansteckungsgefahr ausgesetzt.
Aber um Sünde zu heilen hat er noch viel mehr getan: Dafür
hat er sein Leben gegeben, sein Blut vergossen, sich Nägel in
Hände und Füße schlagen lassen. Um Sünde zu
vergeben und Sünder mit Gott zu versöhnen ist er Mensch
geworden. Damit niemand mehr sagen muss: Ich habe keinen Menschen.

Ist das nicht das größte Wunder, das es gibt (Joh. 3, 16):
So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf
dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige
Leben haben.
Dieses größte Wunder gilt uns allen.
Auch denen, die in Krankheit oder Not kein hilfreiches Wunder an sich
erleben. Dieses Wunder dürfen wir für uns alle immer wieder
im Glauben annehmen.

Vater, vergib mir! Wo die Bitte ernst gemeint ist,
geschieht das Wunder, dass Gott die Trennung zwischen uns und ihm
aufhebt, um Jesu willen. Wenn auch die äußere Not, die
Krankheit, der Schmerz oder die Trauer damit, noch nicht vorbei ist,
hilft der innere Frieden, das Wissen ich bin trotzdem ein begnadigtes
Kind Gottes.

Denken wir noch einmal an das Gespräch im
Krankenhaus, von dem am Anfang die Rede war: Die Frau meinte, es sind
gerade die Zeiten, in denen kein Wunder geschieht, in denen wir immer
wieder ringen und beten, verzagen und zweifeln und dann doch wieder neu
glauben.

Der Herr kann so oder so segnen: Dadurch, dass er ein
Wunder tut, ihm ist nichts unmöglich oder dadurch, dass er kein
Wunder tut, aber doch die nötige Kraft schenkt, das eigene
Schicksal anzunehmen. Mit kindlichem Vertrauen dürfen wir uns
darauf verlassen, dass er den Weg einschlägt, der für uns gut
ist.

Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht:

So nimm den meine Hände und führe mich,
bis an mein selig Ende und ewiglich. (EG 376, 3)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168

 

 

Lesepredigt für 14.10.2007, 19. Sonntag n. Trinitatis, Predigttext: Joh. 5, 1-16

Hinführende Gedanken

In unserem Predigttext beeindruckt zunächst das
Wunder. Wunderbare Heilungen nach jahrzehntelanger Krankheit sind
spektakulär. Bis heute berichten Medien immer wieder über
solche Wunder.

Jesus geht es nicht um die Sensation. Für ihn
ist das Wunder kein Kunststück, mit dem er sich selbst in Szene
setzt. Grund für seine Wunder ist sein Erbarmen mit dem Menschen.
Er sieht den Menschen hinter dem Kranken.

Die Heilung ist für Jesus eher die Nebensache.
Er sieht tiefer. Er will nicht nur Heilung schenken, sondern Heil. Das
wird in der zweiten Begegnung mit dem Geheilten im Tempel deutlich.
Für viele Menschen ist Gesundheit die Hauptsache. Für Jesus
ist das geheilte Verhältnis zu Gott das Wichtigste. Darum fordert
er den Geheilten auf: Sündige hinfort nicht mehr. Was soviel
bedeutet wie: Trenne dich nicht mehr von Gott! Bleibe bei ihm!

Die Predigt will von der Frage nach den Wundern heute
über das Wunder von damals zum größten Wunder
hinführen, das es gibt, dass Gott in Jesus Mensch wird, Vergebung
schenkt und Frieden. Die Nähe Gottes und die wunderbare
Geborgenheit in seinen guten Mächten kann auch erfahren, wer nicht
durch ein sensationelles Wunder von seiner Krankheit oder seinem Leid
befreit wird.

 

Liedvorschläge



637 Von guten Mächten treu und still umgeben

376 So nimm denn meine Hände (Besonders Strophe 3)

326 Nun lasst uns Gott, dem Herren (Wochenlied)

 

Gebet des Tages



Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass du mitten unter uns bist und uns als Menschen siehst, die dich brauchen.

Wir bitten dich um Heilung an Leib, Seele und Geist. Bring uns auf deinen Weg und hilf uns nach deinem Willen zu leben.

Lass uns nicht kleinlich und gesetzlich werden, aber auch nicht oberflächlich und selbstgerecht leben.

Schenke uns Liebe im Umgang miteinander und wirke Glauben bei uns

durch den Heiligen Geist, der mit dir und dem Vater lebt und regiert in Ewigkeit.

Amen.