Gottesdienst – Joh.3,31-36

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Christfest 2006, Kreuzkirche, Joh.3,31-36


Gnade
sei mit euch und Friede, von dem, der da war, der da ist und der da
kommt. In der Stille wollen wir um den Segen für diese Predigt
bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen
Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Geht es Ihnen auch so? Am Tag nach der Heiligen Nacht
klingt das Weihnachtsevangelium, das wir heute am Christfest noch
einmal gehört haben irgendwie anders. Nicht mehr so feierlich,
so wunderbar. Woran mag das liegen? Weil es hell ist oder liegt das an
uns und unserer Stimmung?

Jetzt schlaf erst mal darüber, sagen wir zu
jemandem, der etwas Besonderes erlebt hat. Die Eindrücke
müssen verarbeitet werden, das Erlebte muss sich setzen, die
erste Begeisterung oder der erste Schrecken sich legen. Die Heilige
Nacht ist so eine besondere Nacht, in der vieles anders ist. Die
Erwartungen sind größer und die
Enttäuschungen bei vielen auch. Die Gefühle
beherrschen uns mehr als sonst. Der holde Knabe im lockigen Haar bringt
uns etwas aus unserem nüchternen Realismus, obwohl er ja
eigentlich in himmlischer Ruh schläft.

Aber nun ist die Heilige Nacht wieder vorbei. Wir haben
darüber geschlafen, hoffentlich gut und nicht zu unruhig mit
vollem Magen. Wie sehen wir die Sache jetzt, bei Tageslicht betrachtet?
Was bleibt vom schönen Schein der Weihnacht? – Ohne Jesus und
ohne Glauben bleibt nichts.

Der Evangelist Johannes will uns am Tag danach mit seinen
Worten helfen zum richtigen Verständnis und zum richtigen
Umgang mit dem Wunder der Heiligen Nacht. Er schreibt uns im dritten
Kapitel seines Evangeliums (Verse 31-36), was Johannes der
Täufer über Jesus sagt und das ist genau genommen
auch ein Weihnachtsevangelium, aber ganz anderer Art:

Jesus ist vom Himmel gekommen und steht deshalb über allen. Wir aber gehören zur Erde und können nur von irdischen Dingen reden.

Christus kommt vom Himmel und kann bezeugen, was er dort gesehen und gehört hat. Trotzdem glaubt ihm keiner.

Wer aber an ihn glaubt, bestätigt damit, dass alles wahr ist, was Gott sagt. Christus ist von Gott zu uns gesandt. Er redet Gottes Worte, weil Gottes Geist ihn ganz und gar erfüllt.

Der Vater liebt den Sohn und hat ihm alle Macht gegeben.

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.

Wer aber nicht an ihn glaubt, wird nie zum Leben gelangen, sondern Gottes Zorn wird ihn treffen.

Zunächst einmal stellt Johannes der Täufer
hier fest, dass es um zwei völlig unterschiedliche Welten
geht, die völlig verschieden sind. Unsere Welt und die Welt
Gottes. Wer in unserer Welt lebt, der kann die Welt Gottes nicht sehen
und nicht verstehen. Der kann auch von sich aus nicht in die Welt
Gottes eindringen. So wie ein Fisch in einer anderen Welt lebt als ein
Vogel. Der eine ist im Wasser in seinem Element, der andere in der
Luft.

An Weihnachten findet ein Brückenschlag statt. Da
schlägt Gott von sich aus die Brücke von seiner Welt
in unsere Welt. Weil wir den Weg zu ihm sonst niemals finden, findet er
den Weg zu uns. Er wird ganz Mensch, mit allem was dazu gehört
in unserer Welt, Windeln und Schweiß, Schmerz und Angst, aber
er bringt auch etwas mit aus der Welt Gottes. Er bringt mit, was es so
in dieser Welt vorher nicht gab.

Er bringt seine besondere Liebe mit. Er
bringt unzerstörbare Hoffnung mit. Und er
bringt Zukunft mit. Dass er überhaupt da
ist und wie er da ist, klein, schwach, hilflos, das ist schon der
Beginn der Enthüllung der Liebe Gottes: Einige Verse vor
unserem Predigttext sagt Johannes und zeigt dabei auf Jesus: So
hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit
alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben
haben.
(Joh.3,16) Gottes Liebe fordert nicht zuerst, sondern
sie gibt.

Die Liebe, die Jesus mitbringt hält er durch bis
zu seinem Tod am Kreuz. Und ergibt sie weiter, er verschenkt sie sogar.
Genauso die Hoffnung und die Zukunft. Aus Schuldigen macht er durch
seine Vergebung Unschuldige. Aus Hoffnungslosen und Verzweifelten macht
er durch seine Worte Frohe und Geborgene. Aus solchen, die kein Ziel
und keine Zukunft haben, macht er Menschen, deren Leben Sinn macht und
ein klares Ziel hat.

Aber wie und wodurch geschieht das? Es geschieht nur durch
den Glauben
. „Wer an ihn glaubt, bestätigt damit,
dass alles wahr ist, was Gott sagt.“ Der Glaube ist der einzige
Nachweis mit dem ein Mensch für sich selbst die Wirklichkeit
Gottes erfährt. Mit soziologischen, psychologischen und
religionswissenschaftlichen Methoden kommt man dem Glauben nicht
näher. Das sind die falschen Prüfsteine.

Die Weihnachtsausgabe des Magazins Focus (Ausgabe 52/06 S.
68-79) versucht es trotzdem damit. Unter dem Schein eines
wissenschaftlichen Ansatzes wird da nach dem Nutzen der Religion
gefragt. In einer Tabelle werden die wichtigsten Religionen der Welt
miteinander verglichen, wie Waschmittel bei Stiftung Warentest oder
Winterreifen in der ADAC Motorwelt.

Für die Journalisten bleibt es ein
Rätsel, warum auch 200 Jahre nach der Aufklärung
Religionen noch eine Rolle spielen. Sie vermuten, der Mensch sei
unheilbar religiös und empfehlen dem Menschen, der ohne die
Droge Religion nicht leben zu können scheint, eine
möglichst harmlose Variante. Such Dir was aus im Katalog der
Götter aber nimm nur die weiche Variante. Religion light. Ein
toller Beitrag zum Weihnachtsfest. Ein bisher religiös
Ungebundener steht ratlos vor dem Religionsregal und weiß
nicht recht, ob er zugreifen soll und wenn ja, wonach er greifen soll.

Ohne Glauben wird nie ein Mensch Gott finden. Der Glaube
kommt aus der Predigt und die rechte Predigt aus dem Wort Gottes. Und
Glaube an Jesus Christus ist durch die Jahrtausende immer im
persönlichen Zeugnis weitergegeben worden. Er musste sich in
den Stürmen des Lebens bewähren und hat sich
bewährt, sonst gäbe es ihn längst nicht mehr.

Wenn jemand die Radioaktivität eines Stoffes
nachweisen will, dann muss er einen Geigerzähler benutzen.
Wenn jemand den Magnetismus eines Materials prüfen will, dann
muss er dazu ein Eisen benutzen. Mit einem Stück Glas, Plastik
oder Holz wird es ihm nie gelingen. Diese Gegenstände werden
vom Magneten nicht angezogen.

Und so muss ein Mensch, der Gott für sich
nachweisen will anfangen zu glauben, sonst bleibt alles Gerede von Gott
und seiner Kraft für ihn sinnlos und unverständlich.
„Wer nicht an Jesus Christus glaubt, wird nie zum Leben gelangen.“ Der
wird auch nie Weihnachten verstehen, wie viele Päckchen er
auch packt und wie großartig er auch feiert. Noch viel mehr
als mit Geschenken und Kerzen, als mit Stimmung und Sternchen hat
Weihnachten mit dem Glauben zu tun.

Und was ist Glauben? Wie geht Glauben?
Schauen wir noch einmal in die Weihnachtskrippe rein. Da
gibt’s die Maria und den Josef, da liegt ein Jesuskind in der
Futterkrippe. Da stehen Weise aus dem Morgenland mit ihren Geschenken,
obwohl die dem Evangelium nach erst am sechsten Januar dran sind.

Von diesen direkten Beteiligten des Weihnachtsgeschehens
können wir eine ganze Menge über den Glauben und den
Gehorsam Gott gegenüber lernen.

Da war das einfache jüdische Mädchen Maria,
die den Worten des Engels gehorchte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“
Sie ließ sich auf den gewagten Plan Gottes mit ihr ein,
obwohl dabei ihre Ehre auf dem Spiel stand und ihre Zukunft ungewiss
war.

Das war auch bei Josef so, der seine
schwangere Verlobte verlassen wollte, weil das Kind nicht von ihm war.
Er hat dem Engel, der ihm im Traum erschien, gehorcht und Maria
trotzdem zu sich genommen, obwohl das, was er glauben sollte,
eigentlich eine Zumutung war.

Die Hirten haben dem Engel die
phantastische Botschaft geglaubt und sind noch in der Nacht nach
Bethlehem gelaufen um das Wunder selbst zu sehen.

Die Weisen haben dem Engel, der ihnen
im Traum erschien geglaubt und sind nicht wieder nach Jerusalem zu
Herodes zurück und haben damit Jesus das Leben gerettet. Sie
alle haben sich zuerst im Glauben auf Gott und auf Jesus seinen Sohn
eingelassen. Sie haben den Glauben gewagt. Die Gewissheit, dass das
richtig war bekamen sie erst viel später.

Glauben, das ist nicht irgendein Dogma theoretisch für wahr
halten, sondern sich auf Gott einlassen, also auf Gott hören,
im gehorchen und das Gehörte auch tun und praktisch anwenden
und damit der Sache Gottes und den Menschen dienen.

Gehorchen und Dienen, sind zwei Begriffe, die
heute nicht gerade anziehend wirken. Wir lassen uns lieber bedienen
und sagen anderen, was sie tun sollen. Als Erziehungsziele rangieren
Dienen und Gehorchen nicht gerade an erster Stelle. Man führt
die Katastrophen der Geschichte an, die durch blinden Gehorsam von
Soldaten und Staatsdienern erst möglich geworden sind. Aber es
geht im Glauben nicht, um solchen Kadavergehorsam und um gedankenloses
Dienen.

Wer den Willen Gottes tun und ihm
dienen will, der wird nicht zum willenlosen Wesen, das alles mitmacht
ohne nachzudenken, sondern wird zum verantwortlich handelnden Menschen,
der gut und böse unterscheidet. Wer Gott gehorcht, wird frei
sich vor Mächtige hinzustellen und ihnen nicht nach dem Mund
zu reden. So wie Petrus und Johannes, die sich vom Hohen Rat nicht
verbieten ließen vom Glauben an Jesus zu reden. Sie wussten
und sagten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Solche Glaubende, die Gott gehorchen wollten, haben sich auch nie von Mächtigen zwingen lassen gegen die Liebe, die Wahrheit oder die Menschenwürde zu handeln. Sie haben Diktatoren und Folterknechten die Stirn geboten, sind gegen den Strom geschwommen, haben damit oft für andere Freiheit von Unterdrückung erkämpft. Vor Menschen unbeugsam und vor Gott auf den Knien. Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen, Johan Hus und Martin Luther, Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer, und viele andere, deren Namen nicht in den Geschichtsbüchern, wohl aber im Buch des Lebens geschrieben sind.

Wer Gott nicht gehorcht und dient, der gehorcht und dient immer anderen Mächten: Den Meinungsmachern, den Werbeträgern, den Trendsettern, den Sterndeutern und Wahrsagern, die jetzt zum Jahreswechsel wieder ihre Weisheiten von sich geben. Oder man gehorcht den Modezaren, den Gesetzen der Wirtschaft, des Kapitals und des Erfolges, dem Diktat der Masse oder der Clique.

Wem wir gehorchen, dem gehören wir. Wer Gott gehorcht und dem, der von ihm kommt, Jesus Christus, der gehört ihm, der gehört zu ihm und den kann nichts und niemand aus seiner Hand reißen. Und das gilt nicht nur für eine Heilige Nacht im Jahr, sondern das bewährt sich in allen 365 Nächten, auch den langen und schweren, den schlaflosen und schmerzvollen.

Dazu ist Jesus als Mensch geboren, um uns wieder neu zu sagen, wo wir hingehören, wem wir Gehorsam schulden, wem wir dienen sollen, wo wir geliebt werden, wo wir Vergebung finden, wo es Hilfe für uns gibt. Das hält uns auch nach der Heiligen Nacht noch und lässt uns froh in die wunderbaren Glaubenslieder einstimmen.

Wer Gottes Segen sucht und erfüllt leben will, der muss gehorchen und dienen lernen, der darf sich beides immer neu von Gott erbitten. Das ist Glaube, der trägt und sich bewährt. Glaube, der immer wieder Wunder erlebt und der Gottes Handeln in der Welt und im eigenen Leben entdeckt.
Gott stellt nicht in unser Belieben, was wir glauben. Es wird auch nicht jeder nach seiner Fasson selig werden, sondern nur, wer an Jesus Christus glaubt. Gott hat ihn als den Brückenbauer in die Welt geschickt, der die Distanz zwischen ihm und uns überwindet. Jesus ist die einzige Brücke über diese Kluft und der Glaube wagt es, diese Brücke zu betreten. Sie ist lang und sieht von weitem betrachtet vielleicht alt und wenig tragfähig aus. Im Sturm des Lebens kann sie ins Schwanken geraten, aber sie hält und wer Schritt für Schritt auf ihr geht und sich nicht beirren lässt, den bringt sie zum Ziel.

Wer nicht glaubt, sagt Johannes, der wird scheitern. Aber wer glaubt, auch gegen allen Augenschein und alle Zweifel, den trifft nicht Gottes Zorn, sondern der trifft auf Gottes vergebende Liebe. Die hilft auch durch diese Weihnachtstage, wenn sie vielleicht für Sie heuer aus bestimmten Gründen besonders schwer sind. Einmal hilft Gottes Liebe, im Gehorsam angenommen und der Sache Gottes dienend gelebt, auch durch den Tod und durch den Tag des Gerichts. Darum ist es wichtig, dass wir die Engelsbotschaft nicht wieder vergessen: Euch ist heute der Heiland geboren. Der, der euch gerecht macht und mit Gott versöhnt und der euch fest hält.

Das sieht der Glaube, wenn er vor der Krippe steht und anbetet. Der Glaube sieht schon, was noch nicht ist. Sieht in dem Kind den, der am Kreuz alles auf sich nimmt und der am Ostermorgen aufersteht. Der Glaube sieht im Verlierer den, der siegt. Der Glaube hält sich an Krippe und Kreuz und wird gehalten.

Amen.

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18. 95445 Bayreuth