Gottesdienst – Joh 16 23b bis 33
Zur PDFRogate 17 05 09 Joh 16 23b bis 33
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Herr, wir bitten Dich, gib uns den Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen
Im 16. Kapitel des Johannesevangeliums steht unser Schriftwort für die Predigt heute:
Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass euere Freude vollkommen sei.
Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zestreut werdet, ein jeder in das Seine und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Überall werden Sieger gesucht und bejubelt. Und wir haben immer wieder Angst, zu verlieren. Angst, Menschen zu verlieren, den Job zu verlieren, die Selbständigkeit zu verlieren, Freunde zu verlieren. Angst, den Verstand zu verlieren oder unsere Sicherheit. Wir möchten nicht verlieren, sondern behalten. Wir möchten die Angst besiegen, vor den Verlusten und der Verlorenheit. In der Welt habt ihr Angst. Das erleben wir oft. Aber wer sich auf die Seite des Sohnes Gottes stellt, darf getrost sein, denn er steht auf der Seite des Siegers.
Olympische Spiele, Paris 1924. – Einer der Höhepunkte dieser Großveranstaltung sollte der 100m-Sprint der Männer werden. – Wer ist der schnellste Mann der Welt? – Auch heute noch ist der 100m Lauf jedes Mal Höhepunkt olympischer Spiele. 1924 konzentrierte sich das Interesse von Presse und Rundfunk, vor allem auf zwei Sprinter aus Großbritannien.
Da war einmal der ehrgeizige Harold Abrahams, der sich und anderen beweisen will, dass er der Beste ist. Er glaubt an sich und seinen Erfolg. Dafür ist er bereit das Letzte zu geben. Dafür schindet er sich, dafür verzichtet er auf alles was ihn von seinem Ziel abhalten könnte.
Der andere: Eric Lidéll kommt aus einer gläubigen schottischen Familie. Er glaubt an Jesus, nicht an sich selbst. – Er hat Freude daran, dass Gott ihm einen gesunden, starken und schnellen Körper gegeben hat. Es geht ihm auch in seinem Sport um die Ehre Gottes. Und er weiß, dass die Zeit kurz ist, in der ein Mann zu sportlichen Höchstleistungen fähig ist. Später will Eric in die Mission gehen und seinen Glauben bezeugen, Menschen zu Jesus führen.
Harold Abrahams und Eric Lidéll, die Favoriten, beide in derselben Disziplin, beide wollen Olympiasieger werden – aber sie sind ganz unterschiedliche Menschen.
Die Spiele beginnen, beide Top-Stars gewinnen die Vorläufe und qualifizieren sich erwartungsgemäß für den Endlauf. – Doch dann sagt Eric Lidéll seine Teilnahme am Finale ab. – Warum? Weil die Verantwortlichen den Lauf auf den Sonntagvormittag gelegt haben. – Auf den Zeitpunkt, zu dem Eric Lidéll immer den Gottesdienst besucht.
Alle versuchen Eric zu überreden. Es ist doch nur einmal olympisches Finale. Gottesdienst ist jeden Sonntag. Aber Lidéll hat sich entschieden. Für den Gottesdienst, für Jesus. Der ist sein Herr, nicht der Sport. Wenn es zum Zusammenstoß zwischen Gottes Gebot und sportlicher Pflicht kommt, dann hat für ihn Gottes Gebot Vorrang. Da ist er zu keinem Kompromiss bereit. Nicht einmal bei olympischen Spielen.
Ganz konsequent nach dem Wort des Herrn Jesus: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dass er aber sich selbst verliert und Schaden nimmt.
Weltfremd, gesetzlich, fundamentalistisch, unsportlich und undankbar, so lauteten damals die Vorwürfe – so würden sie heute auch lauten. – Viele verstehen es nicht, wenn jemand Gott, Jesus, dem Glauben, den ersten Rang in seinem Leben einräumt. Aber es bleibt dabei: Während Eric Lidéll einige Kilometer vom Olympiastadion entfernt mit einer kleinen Gemeinde Gottesdienst feiert, läuft Harold Abrahams unangefochten zum Ziel seiner Träume. Olympisches Gold! Ganz oben auf dem Treppchen erlebt er die große „Stunde des Sieges“. Der eine sucht seine Ehre, der andere Gottes Ehre. Einer betet an, der andere will angebetet werden.
Einige Tage danach, an einem Werktag, geht Eric, damit er nicht umsonst in Paris war, doch noch an den Start. Seine Trainer und Funktionäre haben ihn für die 400m-Strecke nachnominiert, dafür hat er nicht trainiert. Favoriten sind andere. – Der Startschuss erfolgt. Eric geht schnell an – als ob er nur 100 m zu laufen hätte. – Er hält das Tempo. – Aufregung im Stadion. Woher nimmt der die Kraft? Eric Lidéll gewinnt völlig überraschend über 400 m die Goldmedaille. Niemand hätte damit gerechnet. – Ganz oben auf dem Treppchen erlebt auch er die „Stunde des Siegers“. – Für Eric ist das nicht seine Stunde, sondern die Stunde seines Herrn. Der Herr, zu dem er sich einige Tage vorher unter dem Kopfschütteln der Welt bekannt hat, hat ihn nicht hängen lassen.
Einige, wahrscheinlich nur wenige, werden damals im Stadion, bei der Zeitungslektüre, am Rundunkempfänger, begriffen haben, welche „Stunde des Siegers“ das war. „Die Stunde des Siegers“ unter diesem Titel wurde diese Geschichte zweier Sportler verfilmt und lief auch schon in den Kinos und im Fernsehen.
Harold Abrahams starb viele Jahrzehnte später als alter Mann – sein Name vergessen – nur noch in alten Siegerlisten festgehalten. Frucht für das Reich Gottes hatte er nicht gebracht. – Eric Lidéll ging 2 Jahre nach seinem spektakulären Sieg als Missionar nach China, um den Sieger Jesus Christus zu verkündigen. Er brachte Frucht.
Im 2. Weltkrieg kam er in ein japanisches Internierungslager. Er erfuhr dort, dass Jesus nachfolgen, auch Kreuz tragen, heißt. Und Christen oft nicht Erfolg, sondern auch Verfolgung erleben. Er starb dort in den besten Jahren. Aber auch im Tod stand er immer noch auf der Seite des Siegers. – Ja, für Jesus Leute ist auch die Todesstunde die „Stunde des Siegers.“
Die beiden Sportler, Harold Abrahams und Eric Lidèll, stehen mit ihrer Einstellung zu Leben und Glauben für die zwei Verhaltensweisen des Menschen vor Gott:
Entweder lebe ich mein Leben, verwirkliche meine Pläne und tue, was mir gefällt. – Oder ich lebe sein Leben, das er für mich geplant hat, lebe nach seinem Willen und will tun, was ihm gefällt. Entweder lebe ich in Auflehnung gegen Gott oder versöhnt mit ihm. – In Sünde oder gerechtfertigt. In betender Verbindung mit ihm oder getrennt von ihm.
Welche Rolle spielt der Sieger Jesus Christus in unserem Leben? Streben wir nur die vergänglichen, zeitlich begrenzten Siege im Leben an? Einen Tick besser sein, als andere, die Nase vorn haben, Ansehen genießen, erfolgreich sein? Geben wir uns mit den kleinen Siegen im Alltag zufrieden? Oder jagen wir dem großen Ziel nach – wie Paulus es ausdrückt – Gott bietet uns an, für immer auf der Seite des Siegers zu stehen. Auch in der Niederlage, im Leid, in der Angst.
Im Namen des Siegers dürfen wir den Vater bitten. In seinem Namen wird er uns geben, was wir brauchen. Die Stunde des Siegers schlägt nicht nur im Olympiastadion oder auf dem Centre-Court.
Jede Stunde kann zur Stunde des Siegers werden.
- Die Stunde, in der sich Eheleute wieder in den Arm nehmen und sagen: Ich vergebe dir, bitte vergib du mir auch.
- Stunde des Siegers, wenn jemand den Mut hat, das Fernsehgerät
auszuschalten, weil das, was da gesendet wird, dreckig und mies ist. - Stunde des Siegers, in der ein Schüler bei der Schulaufgabe nicht abschreibt, sondern ehrlich bleibt.
- Stunde des Siegers, in der jemand zurückgibt, was er gestohlen hatte.
- Stunde des Siegers, die jemand am Bett eines Schwerkranken verbringt.
- Stunde des Siegers, in der ein Mensch das erste Mal oder wieder den
Mut hat, Schuld zu bekennen und in Jesus Namen um Vergebung zu bitten. - Stunde des Siegers, in der sich jemand für einen Gottesdienst, an Stelle eines anderen verlockenden Angebots entscheidet.
- Stunde des Siegers, wenn jemand morgens oder abends seine Bibel in die Hand nimmt und liest.
- „Stunde des Siegers“ ist, wenn sich Menschen in unserer Zeit trotz
des kuscheligen warmen Betts oder trotz der spöttischen Bemerkung
anderer oder trotz der zahlreichen Angebote und Programme aufmachen und
in die Kirche kommen.
Jede Stunde in unserem Alltag kann zur Stunde des Siegers werden.
Auch die Stunden der Angst. Wenn ich mir nicht mehr zu helfen weiß. Wenn ich nicht sehe, wie ich den vor mir liegenden Tag bewältigen soll. Wenn ich dann auf Jesus sehe und vertraue, wenn ich meine Sorgen und Ängste an ihn abgebe und ihm zutraue, dass er mir heraus- oder hindurch hilft, dann wird die Stunde der Angst, zur „Stunde des Sieger.“
Ja, die schlimmste Stunde, die, in der alles zerbricht, in der Scheitern, Versagen, erdrückende Schuld bewusst werden, wird im Namen Jesu zur Stunde des Siegers.
Ich denke, an den Paulus, der nach Damaskus unterwegs war, um Anhänger der neuen Christenlehre festzunehmen. Er war überzeugt von sich, seinem Auftrag und seiner Treue zu Gott. – Wie ein Blitz trifft ihn da die Erkenntnis, dass seine ganze Einstellung falsch ist. Alles Bisherige zerbricht. – Und doch ist das die „Stunde des Siegers“ für Paulus. – Ein Leben mit dem Sieger Jesus Christus folgte. So haben viele die Stunde ihrer völligen Kapitulation vor Gott auch als Sieg erlebt.
Es ist die Stunde des Siegers, wenn aus dem verstandesmäßigen Wissen von Glaubensinhalten lebendiger Glaube, brennende Liebe zu Jesus wird, kindlicher Glaube an den Vater im Himmel. Das löst nicht alle Probleme. Das führt auch nicht zu einem bequemen Leben. Das garantiert nicht den Erfolg.
Ich denke noch einmal an den Sportler Eric. – Die Tage vor seiner Absage des 100m-Laufs bis zu seinem 400m-Erfolg waren sicher hart. – Vorwürfe, Beschimpfungen, Enttäuschung. – Vielleicht hatte er Selbstzweifel, ob seine Entscheidung richtig war. Das war bestimmt schwer. Oder später als Missionar im Lager eingesperrt, hungrig und krank.
Sieh, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine. Es kommt manche harte Stunde. Auch für Jesus Leute. Stunden der Angst.
Jesus macht uns da nichts vor. Das ist so: In der Welt habt ihr Angst. Aber wir dürfen den Vater in seinem Namen bitten, in jeder Angst und gegen jede Angst. Und diesem Gebet ist Erhörung versprochen.
Jesus Leute erfahren, dass gerade in der Angst, der Sieger bei ihnen ist. Ein kurzes Gebet, ein Stoßseufzer: – Auf einmal ist Trost da. Auf einmal ist wieder Kraft da. Sie wissen sich geborgen, denn der Sieger, Jesus Christus, hat die Welt und alle ihre Ängste überwunden. Er ist stärker als die Angst.
Wenn wir miteinander in seinem Namen das Heilige Abendmahl feiern, dann ist auch das die „Stunde des Siegers“. In Brot und Wein lässt uns der Sieger Jesus Christus seinen Sieg mitfeiern. Er zeigt uns durch sein Leiden und Sterben, dass er mitten in der Welt mit ihren Ängsten ganz für uns da ist. Er führt alle zum Sieg, die sich zu ihm, dem Sieger, stellen.
Ja, Herr, dein Sieg, er gilt auch mir.
Trotz aller Not vertrau ich dir.
Vollbracht! Erlöst! Dies Wort ist mein.
Ich bin jetzt frei, Herr ich bin dein.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168