Gottesdienst – Joh 15, 9-17
Zur PDFPredigt zu Johannes 15,9-17 am 21. Sonntag nach Trinitatis 28.10.07 Pfarrerin B. Bauer
Das Gebot der Liebe
Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe. Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.
Liebe Gemeinde,
„Gott ist die Liebe.“ Das ist die Botschaft des 15. Kapitels im Johannesevangelium. Aber Gott ist die Liebe – auf seine Weise. Wir rufen gern nach einem Gott, der seine Liebe gerade so beweisen würde, wie es uns einleuchtend und passend wäre. Gott jedoch geht, wie etwa mit dem Wetter, auch mit seiner Liebe seinen eigenen Weg, und es wird gut sein so.
Wer sich da nicht fügen will, wird sein Lebtag daran zweifeln müssen, dass Gott die Liebe ist. Wer aber einmal sich gebeugt hat unter dieses majestätische Vorgehen Gottes, der wird es erfahren und erfassen dürfen: Gott ist die Liebe!
Wie geht Gott vor? Alle Liebe Gottes konzentriert sich zunächst auf den Sohn: er ist der Geliebte. Gott liebt den eingeborenen Sohn. Und dann pflanzt sich in diesem und von diesem aus die Gottesliebe in die Welt hinein fort. Gott beweist seine Liebe an einem bestimmten Ort, den er aussucht, zu einer bestimmten Zeit, die er ansetzt, in einer ganz bestimmten, unnachahmlichen Art.
Gottes Liebe ist vom Himmel in die Welt herabsteigende Liebe. Seit der Heiligen Nacht gibt es unwiderruflich Gottes Liebe auf dieser Erde. Anders gesagt: Gottes Liebe kann in keinem Augenblick von Jesus Christus abgetrennt werden. Gottes Liebe begegnet uns in Jesu Geburt, in seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen.
Darum fragt nicht mehr, ob Gott die Liebe sei! Er ist sie. Und zwar so, wie er sie der Welt in Christus zeigen will. Ergreife sie und lass dich lieben! Christus bietet dir sein Herz an, indem er sagt: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“
In seiner Geschichte „Unterm Rad“ beschreibt Hermann Hesse einmal die Deutlichkeit und Nähe der Gestalt Jesu, wie sie uns aus dem Evangelium entgegentreten mag. Den Hans in seinem Buch lässt er staunen: „Da sah auch er den Menschensohn das Schiff verlassen und erkannte ihn sogleich, weder an Gestalt noch Gesicht, sondern an der großen, glanzvollen Tiefe seiner Liebesaugen und an einer leise winkenden oder vielmehr einladenden Gebärde seiner schlanken, schönen, bräunlichen Hand, die von einer feinen und doch starken Seele geformt und bewohnt schien. … Hans nahm es hin, wunderte sich darüber und fühlte … sich tief und seltsam verwandelt, … als habe Gott ihn angeschaut.“
Wo ist nun Gottes Liebe angelangt? Christus antwortet darauf: Such nicht zu weit! Such nicht irgendwo in der Welt, such nicht bei den anderen! Such bei dir selber! Allen, die hadernd zu den Sternen empor nach Gottes Liebe schreien, wirft der Himmel die Frage nach der Liebe wie ein Echo zurück: Wo ist Gottes Liebe? Wo hast du sie? Wo ist sie bei dir? Hast du denn noch gar nichts davon gemerkt, dass sie bei dir sein will?
Immer wollen wir Gott zur Rechenschaft ziehen. Aber in Wirklichkeit ist es eben umgekehrt, wie es schon Viktor Frankl als Arzt und Logotherapeut betont: Das Leben fragt uns, und wir haben zu antworten, uns zu verantworten vor dem Ewigen: Wo ist Gottes Liebe – bei dir?.
Und doch müssen wir von uns gleich wieder weiter zu Christus schauen. So wahr der Weinstock seinen Lebenssaft an die Zweige gibt und in die Zweige hineintreibt, wie Johannes in den Versen vor unserem Predigtabschnitt schildert, so wahr gibt Christus seine ewige Gottesliebe an die Menschen ab und treibt sie in die Menschen hinein, die mit ihm verwachsen sind.
Da ist nun die Liebe Gottes zu sehen und zu spüren, wo Menschen so an Christus hängen und so von Christus her leben, wie ein Zweig am Weinstock hängt und vom Weinstock lebt. Ein Wunder ist es schon, dass Gott überhaupt seine Liebe in diese Erde pflanzt. Wo aber gar ein Mensch ein Zweig an jenem „wahren Weinstock“ werden darf, an dem ist das große Wunder der Gnade passiert.
Wir stehen hier vor dem Geheimnis der göttlichen Erwählung, die sich zu uns Menschen herabbeugt. Die nach uns Ausschau hält und uns wie wilde Reisige mitten hineinpfropft in den grandiosen Wurzelstock der Liebe Gottes: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Erwählt finden wir uns aus der heillosen Verlorenheit dieser Welt, aus Schuld und Tod – zum Leben.
Gottes Liebe in Christus erwählt Sünder. Jesus hat es auf Leute abgesehen, wie wir es sind: abgewandt vom Heiligen, für Gott zu selten zu sprechen. Unerschütterlich oft in ihrem Denken und Meinen, selbstherrlich, verkehrt. Undankbar und stolz. Gottes Liebe liebt, wo es eigentlich nichts zu lieben gibt.
Gott hat tatsächlich in Jesus seine Feinde geliebt. Gerade dies zu wissen, wird in uns betroffene, beglückte Gegenliebe wecken: „Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.“ Aber es bleibt dabei: Er hat uns zuerst geliebt. Das soll uns auch in den Augenblicken der Anfechtung trösten, in den Krisen des Kleinglaubens, in den Fallen des Versagens. Wenn uns die Liebe mal wieder abhanden gekommen ist.
Sein Erwählen wankt nämlich nicht, Ihr Lieben. Es ist stark auch in den Flauten, die mein Glaube durchmacht. Jesu Liebe hält mich fest. Seine Nähe ist derart innig, dass er seine Auserwählten geradezu seine Freunde nennt. Menschen werden Gottesfreunde!
Wenn er wenigstens sagen würde, wir seien seine Knechte! Schon das wäre wohl genug, wäre fast zu groß, als dass wir es annehmen dürften. Aber nun sagt er mehr. Freunde nennt er uns. Uns, die er doch kennt. Uns, die wir verschämt mit Petrus seufzen müssen: „Herr, du weißt alle Dinge.“
Er weiß ja um die tief eingewurzelte Gottesfeindschaft, die zäh und unausrottbar zuinnerst in unserem Wesen wohnt. Und dennoch nennt er uns seine Freunde. Dazu braucht es schon Jesus Christus, der in Vollmacht zu handeln und zu reden vermag.
Die Sängerin Hella Heizmann hat es mir auf einer CD bereits vor Jahren ins Ohr gesungen: „Freunde Gottes werden wir genannt, das bedeutet viel. Diese Freundschaft anzunehmen und sie dann auch weitergeben, so wie du dein Leben gabst und uns seitdem deine Freunde nennst.“
1. „Wahre Erneuerung entsteht, wenn du segnest. Du schaffst Veränderung, wenn du uns begegnest. Du öffnest Türen, dort, wo Mauern sind. Der Blick wird weit, es weht ein starker Wind. Du wartest lange draußen vor der Tür. Im Glauben finden wir den Weg zu dir.
2. Ich weiß, dass deine Freundschaft nicht plötzlich aufhört. Du hältst die Treue, auch wenn dich meine Schuld stört. Du öffnest Türen, dort, wo Mauern sind. Der Blick wird weit, es weht ein starker Wind. Du wartest lange draußen vor der Tür. Im Glauben finden wir den Weg zu dir.“
Die Freundschaft, die Gott uns Menschen anträgt, ist für ihn keine billige Sache. Sie kostet ihn alles: Tränen und Blut und den Pulsschlag. Aber auch für uns Menschen ist sie keine billige Sache. Nicht zur Zierde hängen die Zweige am Weinstock. Nicht allein um ihrer selbst willen empfangen sie Kraft und Lebenssaft. Der Zweig ist dazu da, dass er Frucht trage.
Wer sich kennt, spürt, wie leicht wir uns dagegen immer wieder zum Mittelpunkt unseres gesamten Lebens machen. Als käme es darauf an, dass wir auf unsere Kosten kommen. Als ginge es darum, dass wir für uns „die Welt gewinnen“ oder doch wenigstens so viele Annehmlichkeiten wie möglich.
Nein. Frucht bringen – dazu sind wir bestimmt. Frucht der Liebe. Die in dieser Welt so bitter nötig ist. Aber nun wiederum: Frucht nicht aus uns selbst! Das Bild vom Weinstock malt anders: Da geschieht es, dass ein mächtiges Treiben und Drängen von der Wurzel her ansetzt. Ein Trieb entfaltet sich, zum andern hin. Und endlich bilden sich Ansätze der Frucht, sie wachsen und reifen, werden voll und schwer und süß.
Bitten sollen wir darum. Beten in Jesu Namen, damit es uns gegeben werde. Wenn wir beten, stellen wir uns hinter Jesus, unseren großen Vorbeter und Fürbitter. Wir tun es zugleich als die von ihm in Gottes Wollen Eingeweihten, als seine Freunde. Darum werden wir vom Vater nichts erbitten, was seinen guten, heilsamen Gedanken, Plänen und Unternehmungen für die Welt zuwiderläuft.
Über allem heißt es also: Bleibet, bleibet, bleibet! Ich kann mir nichts selber verschaffen. Weder die Liebe noch die Gottesfreundschaft noch die Frucht. Ich kann alles freilich verlieren. Wenn ich nur als schönes Laub und Beiwerk wirken will. Oder wenn ich mich trenne vom Weinstock Jesus Christus.
Bleibet in Jesus! Bleibt in seiner Liebe, noch da, wo sie es schwer hat bei euch und durch euch bei anderen. Bleibet in seiner Liebe noch den Feinden gegenüber! Denn dann werdet ihr voll werdende Freude erleben! Ohne Ächzen und Zwang. Reich wird euer Leben sein, überfließend euer Herz und Sinn. Trauben glänzen und locken, duften und schmecken.
Mich begleitet seit langem ein Gedicht Christian Morgensterns. Die Freude, die Gott uns schenken will, hat er gefasst: „Alles fügt sich und erfüllt sich, musst es nur erwarten können und dem Werden deines Glückes Jahr und Felder reichlich gönnen. Bis du eines Tages jenen reifen Duft der Körner spürest und dich aufmachst und die Ernte in die tiefen Speicher führest.“
Gott ist die Liebe. Gott will, dass dein und mein Leben sich erfüllt. In der Liebe. In der Freude. Alles, was dazu nötig ist, hält Jesus Christus für uns bereit. Heute. Jetzt. Amen.