Gottesdienst – Joh. 12, 34-37
Zur PDFLetzter Sonntag nach Epiphanias 28.01.07 Joh. 12, 34-37
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Staatsempfang. „Da müsste man selbst zulangen dürfen!“ seufzt Robert, Mitarbeiter des hohen Hauses. Zum 100. Mal dreht er mit seinem silbernen Tablett die Runde zwischen den erlauchten Persönlichkeiten und bietet Kaviarhäppchen an. Die Feierlichkeit ist in vollem Gange. Klirren von Sektgläsern, gedämpftes Gemurmel, untermalt von den klassischen Klängen der Kammermusiker.
Mit einem Blick auf die Vorräte versucht Robert abzuschätzen, ob wohl am Ende auch für ihn und seine Kolleginnen noch etwas übrig bleiben wird. Noch will keiner der hochkarätigen Gäste gehen.
Als Robert gerade eine weitere Flasche Champagner öffnet, kommt in einer Ecke des Saals Unruhe auf. Stimmen werden laut. Dunkle Rauchschwaden ziehen durch die große Flügeltüre in den Saal. Ein Sicherheitsbeauftragter stürzt herein und macht dem Protokollchef Meldung: Im unteren Stockwerk ist ein Feuer ausgebrochen, das sich schnell über das Treppenhaus nach oben ausbreitet. Er schlägt vor die Saaltüren sofort zu schließen und die Anwesenden über die Feuerleitern an den hinteren Fenstern in Sicherheit zu bringen.
Der persönliche Adjutant eines Staatschefs hat das Gespräch mit angehört und stellt energisch die Forderung, sein Chef müsse als ranghöchster Gast zuerst in Sicherheit gebracht werden. Darauf will sich allerdings der Protokollchef nicht einlassen, außerdem verbittet er sich solche Eingriffe in seine ureigensten Kompetenzen. Er besteht darauf, dass die protokollarische Reihenfolge eingehalten wird und der Präsident als Staatsoberhaupt auf der Feuerleiter den Vortritt erhält.
Der Zutritt zur Feuerleiter wird daraufhin erst einmal durch Sicherheitsbeamte hermetisch abgeriegelt, bis die protokollarische Reihenfolge geklärt ist. Die Rauchschwaden, die durch die Ritzen der inzwischen geschlossenen Türe hereindringen werden dichter. Man hört bereits das Prasseln des Feuers im Treppenhaus.
Es wird im ganzen Saal heftig diskutiert und gestikuliert. Schließlich greift der Staatspräsident selber ein und schlägt vor, einen Ausschuss zur Bearbeitung der Angelegenheit einzusetzen, was allgemeine Zustimmung findet. Es geht gerade um die Wahl des Ausschussvorsitzenden, da schlagen die ersten Flammen unter der Türe durch.
Robert, der die ganze Aufregung dazu benutzt hat sich unbemerkt Kaviarhäppchen einzuverleiben, spült den letzten Bissen mit einem großen Schluck Champagner hinunter und findet kopfschüttelnd den Tod. Auch alle anderen im Saal kommen um.
Am nächsten Morgen berichten die Medien von den vergeblichen Bemühungen der Rettungsmannschaften zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Es wird eine Regierungskommission gebildet, um den Sachverhalt aufzuklären, die Schuldigen zu ermitteln und einen abschließenden Bericht zu fertigen.
Natürlich ist diese satirische Geschichte frei erfunden und dass sie im Politiker- Milieu spielt, wohl eher zufällig, aber eines macht sie drastisch klar: Wenn es um dringende Entscheidung geht, darf nicht gezögert werden. Dann können umständliche Debatten und lange Diskussionen tödlich sein.
Es ist Zeit zum Handeln, nicht zum Diskutieren, das ist auch der Kern unseres Predigttextes aus dem 12. Kapitel des Johannesevangeliums. Da berichtet der Evangelist vom Tag vor der Kreuzigung Jesu. Ein letztes Mal fordert der Herr die Menschen zur Nachfolge auf:
Wer mir dienen will, der folge mir nach… und wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
(12,26/32)
Es ist höchste Zeit, letzte Zeit und Jesus weiß das. Er bietet Entscheidung und Rettung an, aber die Menschen erkennen den Ernst der Lage nicht. Sie reden und diskutieren, haben Bedenken und bringen Einwände und Fragen vor:
Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt. Wieso sagst du dann, der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?
Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet.
Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. Und obwohl er solche Zeichen vor ihnen tat, glaubten sie doch nicht an ihn.
Am übernächsten Tag meldete der Jerusalem Kurier unter „Lokales“ mit großer Überschrift: ‚Aufrührer hingerichtet’ und in der Zeile darunter, etwas kleiner: ‚Jesus von Nazareth durch Pontius Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt.’
Für die meisten Bürger von Jerusalem war damit die Diskussion beendet und das Thema Jesus erledigt. Sie glaubten nicht an das Licht, solange sie es noch hatten und so wurden sie nicht Kinder des Lichts, nicht Kinder Gottes, weil ihnen die Hürden ihrer Vernunft den Zugang zur Rettung durch Jesus verstellten.
Der Sohn Gottes war anders als die Vorstellung, die sie von dem Christus hatten. Weil er äußerlich so ganz Mensch war, zweifelten sie an seiner göttlichen Vollmacht und seinem Auftrag. „Bist du wirklich der Christus? Warum nennst du dich Menschensohn?“
Jesus hatte sie noch einmal direkt angesprochen, ihnen noch eine letzte Chance gegeben:
– Wer an mich glaubt, der wird leben!
– Ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.
– Ich bin der gute Hirte.
– Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.
Und noch viele andere ähnlich eindeutige Aussagen berichtet uns das Johannesevangelium. Aber die Frommen hatten da ihre Vorbehalte und Einwände. Sie wollten zuerst alles ganz genau wissen, prüfen, diskutieren, bevor sie sich festlegten.
Ist es nicht typisch, wie die Leute hier fragen? Sie stellen distanzierte Wissensfragen. Fragen, die mit ihnen persönlich nichts zu tun haben. Fragen, die man immer wieder kontrovers diskutieren kann. Fragen, durch die man seine eigene Klugheit gut unter Beweis stellen kann. Aber alles, was sie selbst hinterfragen würde, lassen sie nicht zu.
Jesus dagegen geht es nicht um theologische und philosophische Grundsatzfragen. Er will die Menschen erreichen, gewinnen, verändern, um sie schließlich zu retten. Er will die ganze Umkehr zu Gott, den vertrauensvollen Glauben. Er geht nicht auf die vorgeschobenen Einwände ein, sondern bietet noch einmal an, was nur er hat und was sie alle brauchen: Glaubt an das Licht, solange ihrs habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet. Jetzt geht es um euch persönlich und um euere Zukunft! Greift zu! Glaubt mir! Folgt mir! Dann seid ihr gerettet: Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet aller Welt Enden, denn ich bin Gott und sonst keiner mehr. (Jes.45,22)
Wie ist es bei uns? Viele reden und klagen über Gott und die Welt, über Kirche und Geld. Man versucht die Kirche mit organisatorischen Veränderungen zu retten, beauftragt Werbeagenturen, entwirft Logos. Auf Kongressen, Synoden und bei Konferenzen wird diskutiert, werden Papiere verteilt, mit ausgewogenen Stellungnahmen und klugen Konzepten. Andere beobachten die Diskussionen kritisch, kopfschüttelnd oder Kaviarhäppchen essend. Manchmal sind es auch nur Chips, das Gerede wird schnell langweilig und dann zappen sie weg.
Niemand bemerkt, dass die Rauchschwaden um sie herum immer dichter werden und das Prasseln des Feuers schon zu hören ist. Es wäre höchste Zeit die Diskussion abzubrechen und den einen möglichen Rettungsweg zu betreten. Auf den zu hören, der sagt: Kommt! Ich weiß den Weg aus dem Verderben! – Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben! Das ist der einzige Rettungsweg.
Um bei einem Brand gerettet zu werden, muss ich nicht erst das Prüfgutachten der Feuerleiter lesen. Die Bestätigung, dass das der richtige Weg ist, bekomme ich unterwegs. Wer glaubt, erlebt etwas mit Gott. Wer aus dem Fenster steigt und die Feuerleiter betritt, der bekommt wieder Luft, der kriegt den Rauch aus der Lunge und kann wieder sehen. Auf dem Weg des Glaubens wird einem manches klar. Die Wirklichkeit Gottes bestätigt sich mit jedem vertrauensvollen Gebet, im treuen Lesen des Wortes Gottes und indem ich mich zu Gemeinde und Verkündigung halte. Da erfahre ich Trost, Geborgenheit und Frieden.
Persönlich wird Gott immer dann erlebt, wenn ich sein Wort ernst nehme, wenn ich ehrlich bin, meine Schuld vor ihm erkenne, wenn ich mich vor ihm beuge und im Namen des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus Vergebung meiner Sünden bekomme. Dann ist seine Liebe zu spüren, das Herz von seinem Frieden erfüllt, dann fange ich an ihn zu lieben, ist es mir ein Bedürfnis ihn zu loben und zu ehren.
Aber mit allem religiösen Diskutieren und klugen Reden über Fehler der Kirche und ihrer Mitarbeiter lenkt man nur von sich selber ab. Von den dunklen Stellen im eigenen Leben und davon, dass Umkehr nötig wäre. Jesus will nicht über etwas reden, sondern er redet mit Menschen. Er spricht Sie und mich an, um uns zu helfen: Du, wo sitzt Deine Verzweiflung? Welche Angst lähmt Dich? Welches Feuer bedroht Dein Leben? Welcher Rauch nimmt Dir den Atem und die Sicht? Welchen Schatten wirst Du nicht los? Sag es mir. Ich bin bei dir.
Jesus bietet seine Hilfe an. Er will Licht an die dunklen Stellen bringen, aus verzweifelten Tiefen herausführen, Klarheit in verworrene Verhältnisse bringen. Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet.
Dieses Licht, das unverfälscht verkündigte Evangelium, wird nicht immer und überall angeboten. Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Dr. Martin Luther schreibt zu diesem Vers (Christl. Wegweiser für jeden Tag, Andacht vom 16.Februar): „Die Predigt des Evangeliums ist keine ewig währende, bleibende Lehre, sondern ist wie ein fahrender Platzregen, der dahinläuft; was er trifft, das trifft er; was fehlt, das fehlt. Er kommt aber nicht wieder, bleibt auch nicht stehen, sondern die Sonne und die Hitze kommen hernach und lecken ihn auf.
Die Erfahrung lehrt auch“, so Luther, „dass an keinem Ort der Welt das Evangelium lauter und reiner bleibt über eines Mannes Gedenken, sondern so lange die geblieben sind, die es aufgebracht haben, ist es gestanden und hat zugenommen.
Wenn dieselben dahin waren, war das Licht auch dahin und folgten bald darauf Rottengeister und falsche Lehrer.“
Martin Luther lässt daraus den Ruf folgen: „Liebe Schwestern und Brüder, kauft so lange der Markt vor der Tür ist. Sammelt, so lange die Sonne scheint und gutes Wetter ist. Nützt Gottes Gnade und Gottes Wort, so lange es da ist.“
Dass die Zeit begrenzt ist und genützt werden muss, das gilt nicht nur für die ökologischen Fragen und die wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit. Das leuchtet auch für unsere Gesundheit und unsere Kräfte ein. Wenn man sich lange genug überfordert oder zu lange wartet, bis man einem Schmerz oder einer Krankheit auf den Grund geht, dann kann es irgendwann zu spät sein. Dann sagt der Arzt: Warum sind Sie denn nicht früher gekommen. Jetzt kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen.
Auch in unserem Glauben und geistlichen Leben gibt es ein „zu lange gezögert“ oder „zu viel diskutiert“ oder „zu halbherzig geglaubt“. Jesus will uns vor solchem „zu spät“ bewahren.
Manchmal haben wir den Eindruck, dass es in unserer Welt an allen Ecken und Enden brennt und wir haben oft das Gefühl, dass wir als Einzelne gegen solche Flächenbrände nichts ausrichten können. Wie die Feuerwehrleute, die zurzeit in Australien versuchen die etwa eine Million Hektar Buschbrände zu löschen. Es scheint hoffnungslos: die Feuerwehrmänner mit den Wasserschläuchen hier und dort, die Löschhubschrauber, die Wasser abwerfen, das wie ein Tropfen auf einem heißen Stein verdampft auf den riesigen brennenden Flächen. Um das ganze Feuer zu löschen, muss wohl der Himmel eingreifen, mit kräftigem Regen. Aber einzelne Häuser und Siedlungen können gerettet werden, wenn man rechtzeitig das Nötige veranlasst hat.
So können auch wir uns rechtzeitig an Jesus wenden, ihm ganz anvertrauen, mit allen Nöten und Sorgen, Ängsten und Entscheidungen. Wir dürfen ihn an jedem Tag um seinen Schutz, seine Führung, seine Vergebung bitten. Noch ist Zeit. Noch dürfen wir in seinem Licht und von seinem Licht leben. Wer an ihn glaubt, der wird nicht in der Finsternis leben, sondern Licht des Lebens haben.
Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168