Gottesdienst – Joh. 12, 12 -19

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Gottesdienst am Palmsonntag, 5. April 2009 in Bayreuth, Kreuzkirche

Joh. 12, 12 -19

Liebe Gemeinde,

manchmal überlege ich, warum Menschen plötzlich zu singen anfangen. Ich meine jetzt weniger hier in der Kirche, da braucht man die Nummerntafel und das Orgelvorspiel, aber z.B. im Fußballstadion. Oder vorgestern auf dem Bahnsteig in Nürnberg und in der Bahnhofshalle. Plötzlich haben sie alle gesungen. Das war nicht der Windsbacher Knabenchor, sondern begeisterte Fußballfans des FC in Erwartung auf den Sieg. Und ihre Begeisterung hat andere angesteckt und dann sangen die auch. Nur die viele Polizei schaute kritisch. Solch eine Begeisterung muss es damals dort in Jerusalem vor dem Stadttor gewesen sein. Menschen laufen zusammen, nachdem sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen hat: Jesus kommt. Und mit ihm eine Erwartungs-Atmosphäre vom Sieg des anbrechenden Reich Gottes. Alle menschliche Sehnsucht konzentriert sich auf ihn. Endlich Frieden, endlich mehr Gerechtigkeit auch für die einfachen Leute, endlich soll es allen gut gehen. So hoffen sie. Begeisterung kommt auf und sie fangen an zu singen. „Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn. Der König von Israel.“ Aber auch da stehen einige und schauen kritisch: die Pharisäer. Bis heute wird das erzählt und zweimal jedes Jahr werden wir daran erinnert, am 1. Advent und am Palmsonntag, der seinen Namen von den damals vor Begeisterung geschwungenen Palmwedeln hat.

Aber angefangen hat diese Gnadenstunde dort ganz unscheinbar mit einem einfachen Satz, der beim Evangelisten Matthäus steht. „Geht hin und sagt: Der Herr bedarf ihrer.“ Und die, um die es da ging, das waren zwei Esel, ein alter und ein junger. Der Herr bedarf ihrer. Eines der großen Ereignisse im Reich Gottes fängt so an, dass Jesus etwas braucht, er , der doch gekommen ist um zu helfen und zu heilen, er braucht eine Eselin braucht und ihr junges Füllen dazu. Und all das Folgende, die Menschen, die da für einen Augenblick etwas begreifen von dem Morgenglanz der Ewigkeit, der da aufleuchtet mit dem, der hier geritten kommt, sie kommen alle erst hinterher auf die Bühne des Weltgeschehens. Das andere ist vorweg gegangen: Der Herr bedarf ihrer.

Danach erst kommt das göttliche Wunder, dass sich das mit Jesus angebrochene Reich Gottes von dort aus über die irdischen Straßen dieser Erde ausbreitet. Immer wieder wird es passieren wie an diesem Tag: Tore gehen auf und Menschen begreifen: Dieser Jesus kommt im Namen des Herrn, von Gott auf die Erde gesandt, und sie öffnen ihren Mund und loben Gott und singen.

Und da macht es nicht viel aus, dass sie dort aus ganz verschiedenen Motiven gekommen sind, aus Freude an Jesus oder auch nur, weil sie von der Sensationsgeschichte des Lazarus gehört hatten, den Jesus aus der Grabeshöhle ans Tageslicht geholt hatte. Ein gemischter Haufe, wie es bis heute ist.

Die einen aus tiefer Glaubensüberzeugung und die anderen mit der Philosophie von Beckenbauer: „Schaumermal“. Schaumermal, was dran ist an Jesus und an seiner Kirche, wo doch auch so viel andere Heilswege angeboten werden.

Und dabei ist passiert, dass jener erste Satz sich selbständig gemacht und eine Eigendynamik entwickelt hat: Geht hin und sagt: Der Herr bedarf ihrer. Er hat sich tausendmal vervielfältigt und wurde gehört und verstanden und befolgt. Er ist von den Eseln zu den Menschen übergesprungen, vielleicht weil es da ja manchmal eine gewisse Ähnlichkeit gibt.

Und so ziehen hinter den trippelnden Eseln unübersehbare Scharen durch die Jahrhunderte. Verkündiger des Evangeliums, die durch die Lande und über die Meere zogen und es immer wieder ausgerichtet haben: Der Herr bedarf ihrer. Und er kann sie alle brauchen: Menschen, die helfen, das Evangelium weiterzusagen, und solche, die Kranke und Alte mit der Liebe Jesu pflegen trotz ansteckender Krankheit oder Demenz, und Mütter, die mit ihren Kindern betend am Bett sitzen, Lobsänger und Bläser in Chören und all die Unzähligen, die jungen Menschen das Evangelium und die Liebe Jesu nahe bringen. Sie haben es kapiert: der Herr bedarf ihrer. Und immer wieder gehen Türen auf für das Wort Gottes und gehen Herzen auf, dass Menschen angerührt werden und glauben, was ihnen angeboten wird. Und dann singen sie. Und dann gehen auch Geldbeutel auf und streuen Barmherzigkeit aus und schreckliche Not wird gelindert. Und sogar verhärtete, verschlossene Beziehungen voller Feindschaft gehen auf und Verkrustetes wird weich und versöhnt und barmherzig.

Und irgendwann kommt der Satz auch uns entgegen. Und wir merken es und möchten uns umdrehen nach dem, der jetzt gemeint sein könnte. Aber da ist niemand hinter uns und wir merken: Das gilt ja mir. Diesmal bin ich gemeint. Der Herr bedarf deiner. Man kann nicht ausweichen: tatsächlich, der Herr bedarf deiner.

Und dann möchten wir vielleicht abwehren. Nein, nein, es ist doch umgekehrt. Ich bedarf doch seiner. Ich brauche doch Jesus, den Heiland, der mein Leben heil macht und mir zu Hilfe kommt.

Und wenn der Satz trotzdem nicht verschwindet, sondern ganz aufdringlich stehen bleibt: „O doch, es ist schon so gemeint, der Herr bedarf deiner“, dann möchten wir andere Ausflüchte herbei zitieren: Aber ich will doch nicht schon wieder ein Esel sein, der immer seinen Buckel hinhalten muss. Andere laden mir doch ohnehin schon viel zu viel auf. Es muss doch einmal genug sein. Nicht immer noch mehr. Auch in der Gemeinde oder in der Gruppe. Nicht immer noch mehr.

Doch dann geht uns auf, es ist ja nicht noch irgendeine Last, nichts, was den Stress des Lebens noch weiter vergrößern soll. Du musst ja zunächst gar nicht noch etwas machen, aber er bedarf deiner, er, der seinen Rücken auch für dich hingehalten hat und der Lasten getragen hat, von denen du selber eine warst. Er bedarf deiner als jemand, der sich zu ihm bekennt und bei ihm bleibt, weil so viele von denen, die am Anfang „Hosianna“ gesungen haben, verstummt sind oder inzwischen in ihrer Enttäuschung gar das „Kreuzige“ rufen, weil Jesus sich nicht so verhält, wie sie es für richtig halten, und weil seine Kirche nicht so ist, wie sie soll. Da bist du wichtig, dass du dich nicht an ihm ärgerst und dass der Lobgesang nicht verstummt: Gelobt sei der da gekommen ist im Namen des Herrn.

Wenn es gut geht, sind wir bereit, in den Lobgesang einzustimmen und zu singen: „Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzenstür dir offen ist.“ Aber da müssen wir aufpassen, dass wir nicht einem Irrtum erliegen. Das Leben mit Jesus wird kein königlicher Triumphzug werden. Zwar hat man in der Kirche seit 2000 Jahren immer geglaubt, einen Siegeszug aus dem Weg Jesu machen zu sollen. Und so hat man sehr viel Gold verbaut in wunderbaren Kathedralen. Und hat das Kreuz zum Schmuckstück gemacht, auf der Brust zu tragen und am Anzug als Ehrenzeichen, und man hat Titel erfunden, hat über die Schwestern Oberschwestern gesetzt, über die Hirten Oberhirten, und hat schlichte Gläubige zu Heiligen befördert und hat solchen, die um ihres Glaubens willen auf harten Gefängnisschemeln saßen, goldene Altäre unter die Füße gebaut. Und man hat Besitzansprüche angemeldet und festgelegt, wer die richtige und wer die ganz richtige Kirche ist und wer vom Brot des Lebens essen darf und wer nicht. Und hat die lebensvollen Worte Jesu zu starren dogmatischen Sätzen gemacht, die man mit eiserner Faust verteidigen muss, und hat nicht gemerkt, wie lächerlich manches wird, wenn man es übertreibt. Und manchmal wird es sogar ganz böse, wenn man Evangelium sagt und nichts anderes meint als Macht, Herrschaft über andere. Unter dem Deckmantel, es nur gut mit ihnen zu meinen. Es ist eine besondere Versuchung des Menschen, in die eigene Meinung verliebt zu sein. Die erscheint einem immer besser als das, was andere sagen. Und so ist es eine Versuchung in der Kirche geworden, sich selber zu überschätzen, sich wichtiger zu nehmen als es ihr Herr gemeint hat, damals, als er Demut und Barmherzigkeit und Einfachheit als wichtige Grundregeln gebot. Und auf dem Esel geritten ist. Da hat man vergessen, dass jene Stunde der Begeisterung der Anfang des Leidensweges zum Kreuz war.

Und so müssen alle, die zu Jesus gehören wollen, hinein in diese Spannung. Einerseits ist es etwas Wunderbares, zu Jesus eine unmittelbare Beziehung haben zu dürfen. Ich bin dein und du bist mein. Nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Kind Gottes! Wer staunt noch wirklich darüber, welcher Adel das ist? Aber dann ist schnell auch das andere dabei. Wer mit Jesus geht, dessen Weg kann ein Kreuzweg werden. Dann bekommt man Anteil an seiner Ohnmacht und leidet unter der Anfechtung, dass diese Welt in 2000 Jahren nicht wirklich christlich geworden ist. Weil sein guter Geist, der Geist der Liebe und Gnade immer wieder auf so viel Ungeist trifft, auf Gehässigkeit und Unfrieden. Und dann sehr persönlich zugespitzt: Warum bin ich immer noch nicht so, dass ich ganz zu ihm passe, ich kenne ihn doch schon so lange? Habe sein Wort schon hunderte Male gehört, auch geglaubt, trotz mancher Zweifel. Aber ich bin immer noch nicht so, wie mich Gott gedacht hat, wenn er sagt, ich darf sein Ebenbild sein. Ich müsste doch noch viel mehr Liebe und viel mehr gläubiges Vertrauen haben. Und ich weiß ja zum Beispiel, dass ich in einem reichen Land wohne und dass es mir besser geht als Millionen auf dieser Erde, die doch auch Gottes geliebte Kinder sind. Und dann bin ich immer noch an vielen Stellen so unzufrieden. Und ich weiß auch ganz genau, dass Gott noch viel mehr Barmherzigkeit von mir erwarten darf.

Wenn ich dankbar bin dafür, dass Gott es in so vieler Hinsicht gut mit mir meint, habe ich auch mehr Widerstandskraft gegen die Versuchungen unserer Zeit, gegen die Maßlosigkeit, als müsse alles noch mehr, noch größer, noch besser sein. Wer nicht vergisst, dass Jesus auf dem einfachen Esel geritten ist, muss sich nicht anstecken lassen vom Geist der Unersättlichen. Der Esel wäre kein brauchbares Symbol für die Deutsche und die Dresdner Bank.

Man muss gar nicht dauernd gewinnen wollen mit oder ohne die 1 zu drücken. Und es weiß inzwischen ja auch jeder, dass man nicht reich werden kann, wenn man gar nicht wirklich vorhandenes Geld zu großen Spekulationsblasen aufbläht. Man muss nicht alles haben und kann doch zufrieden sein.

Gleich singen wir es wieder in der Abendmahlsliturgie: „Hosianna in der Höhe. Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn.“ Ob da in unserem Herzen etwas von jener Begeisterung dabei ist: Jesus kommt!? Da wollen wir uns doch nicht von den Fußball-Fans ausstechen lassen.

Da ist sie wieder die spannungsvolle Wechselwirkung: Der Herr bedarf deiner, dass du ihn lobst – und du bedarfst seiner und darfst alles haben: Für dich gegeben und vergossen.

„Alle Welt läuft ihm nach,“ haben die kritischen Pharisäer damals geklagt. Nein, noch nicht. Aber am Ende der Zeit wird es einmal so sein. Aber schon jetzt gilt: Siehe dein König kommt zu dir. Tatsächlich: Er kommt zu dir, zu uns. Diesen Zug kann niemand stoppen. Ein Grund zum Singen. Amen.

Lied: EG 13, Tochter Zion, freue dich