Gottesdienst – Joh. 1, 29-34

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1.Sonntag nach Epiphanias, 07.01.2007, Joh. 1, 29-34

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Gestern noch haben wir von der Ankunft der Weisen an der Krippe in Bethlehem gehört, von ihren Geschenken und ihrer Anbetung. Sie sahen in dem unscheinbaren Säugling schon den großen König und beugten sich vor ihm. Eine schöne Geschichte, in unseren Weihnachtskrippen phantasiereich und liebevoll dargestellt. Am nächsten Tag sah alles schon ganz anders aus. Am nächsten Tag suchten die Soldaten des Herodes nach dem Königskind, um es zu töten. Am nächsten Tag waren Maria, Josef und das Kind schon auf der Flucht nach Ägypten, Stall und Krippe leer. Gottes wunderbarer Plan erfüllte sich weiter. Und wir heute, am nächsten Tag, hören, worauf Gottes Plan abzielt. „Am nächsten Tag“, so beginnt auch unser Predigttext aus dem 1.Kapitel des Johannesevangeliums, obwohl inzwischen wohl 30 Jahre vergangen waren:

Am nächsten Tag sieht Johannes (der Täufer), dass Jesus zu ihm kommt, und spricht:

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich.
Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser.
Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem Heiligen Geist tauft.
Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn

Am nächsten Tag.
– Haben Sie Ihre Krippe schon weggeräumt? In vielen Häusern
ist das ja so eine Tradition, die Weihnachtskrippe an Epiphanias oder
am nächsten Tag wieder abzubauen. Da nimmt man dann die Figuren
aus dem Stall und der Umgebung, wo sie nun zwei Wochen lang zwischen
Moos und Steinen, Ästen, Wurzelwerk, Heu und Stroh standen, lagen
oder schwebten.

Es ist ja eine eigenartige Mischung aus Engel, Menschen und Tieren, die
in unseren Weihnachtslandschaften ihren Platz haben. Hirten und
Könige, Frauen, Männer und Kinder. Es gibt
Krippenlandschaften in denen ganze Dörfer dargestellt sind. Man
kann lange davor stehen und immer Neues entdecken: Den Schmied und den
Töpfer, den Händler und den Soldaten, die Marktfrau und die
Magd.

Bei den Tieren nicht nur die obligatorischen Ochs und Esel und die
Schafe mit dabei, sondern auch Kamele und Kühe, Ziegen und Zebras,
Pferd und Pfau, Hühner und Gänse. Der Bindlacher
Holzschnitzer Robert Bittermann hat in seiner privaten Weihnachtskrippe
sogar ein Mäuslein, kaum größer als ein Stecknadelkopf.
Manchmal findet er es selbst nicht mehr.

Menschen und Tiere zusammen als erlösungsbedürftige
Schicksalsgemeinschaft um die Krippe und das Jesuskind versammelt. Auch
wenn die meisten Figuren menschlicher Phantasie entsprungen sind und
keinen biblischen Hintergrund haben, ist das deswegen nicht falsch. Es
ist vieles, was uns verbindet. Oft ziehen wir die Vergleiche selber:
„Ach, ich Esel, hab schon wieder vergessen, den Geldbeutel mitzunehmen!“

Wir nennen uns selbst oder andere Rindvieh und Kamel, Schaf oder Fuchs,
Geier oder Hyäne. Auch der Bär oder das Chamäleon
müssen als Vergleichsobjekte herhalten oder ganz und gar nicht
schmeichelhaft, das Schwein oder die Schlange. Meist geht es bei
solchen Kosenamen weniger um das Aussehen, als um bestimmte
Eigenschaften, die man den jeweiligen Tieren zuordnet und auch bei
einem Menschen zu entdecken glaubt.

Da klettert jemand wie eine Katze, stiehlt wie ein Rabe, ist scheu wie
ein Reh, dickhäutig wie ein Elefant oder heult wie ein
Schlosshund. Viele Fabeln bedienen sich dieser Parallelen zwischen
Mensch und Tier. – Hoffentlich schläft jetzt während der
Predigt keiner wie ein Murmeltier. – Auch Jesus hat derlei Vergleiche
verwendet: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!
(Matth. 10,16) Er warnt vor falschen Propheten in Schafskleidern, die
aber doch inwendig reißende Wölfe sind (Matth. 7,15). Ein
besonders beliebtes, ja liebevolles Bild ist der Gute Hirte, der das
verlorene Schaf sucht, findet und heimträgt.

„Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin

über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu
bewirten, der mich lieb hat, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.“

(EG 593,1) So singen wir schon mit unseren ganz Kleinen und es ist
gewiss keine Zurücksetzung, ein Schäflein des Herrn Jesus zu
sein.

Das Schaf hat unter den Tieren ohnehin noch einmal eine besondere
Stellung. Es ist zwar weder besonders stark, noch besonders schlau,
auch nicht besonders wertvoll oder selten. Es ist nicht schnell genug
um seinen Feinden, dem Bären, dem Wolf oder dem Löwen zu
entkommen. Frisch geschoren macht es oft einen erbärmlichen
Eindruck und ungeschoren, mit dickem zotteligem Wollpelz, wirkt es
recht unbeholfen.

Trotzdem hat Gott sich gerade das Schaf ausgesucht als sein Wappentier. Und der Sohn Gottes, Jesus Christus, wird in der Bibel vielfach als Lamm Gottes bezeichnet. In der Offenbarung des Johannes lesen wir vom Thron des Lammes und vom Hochzeitsmahl des Lammes. Nachher, vor dem Abendmahl, werden wir anbetend singen: Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt, erbarm’ dich unser.

Johannes der Täufer, als mahnender Bußprediger am Jordan
wirkend, entdeckt plötzlich unter all den Menschen, die über
ihre Schuld erschrocken sind, Jesus, der sich unter die
bußfertigen Sünder eingereiht. Er zeigt auf ihn hat und ruft
laut:

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!


Er meint das auch nicht als Beleidigung oder Herabsetzung, sondern als Ehrentitel.

Was hat denn das zu bedeuten? Was hat denn das Lamm für
Eigenschaften, die man mit göttlichen Zügen vergleichen
könnte? Andere Gottheiten wurden in Gestalt von Löwen oder
Adlern, Stieren, Schlangen oder Elefanten dargestellt, um
auszudrücken, wie stark, überlegen, gerissen und wehrhaft sie
sind.

Aber was kann ein Schaf oder gar ein kleines schwaches Lamm? Es kann
leiden. Es kann ertragen. Es wehrt sich nicht. Es kann eigentlich nur
Opfer sein. Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Ein Lamm,
das gefesselt am Boden liegt, wehrt sich nicht. Es kämpft nicht um
sein Leben, es brüllt nicht wie am Spieß, versucht nicht die
Stricke zu zerreißen, sondern ergibt sich in sein Schicksal.

Wahrscheinlich hat man schon deshalb im alten Israel mit Vorliebe
Schafe und Lämmer als Opfertiere verwendet, weil man mit ihnen den
wenigsten Ärger und Stress hatte. Dem Sündenbock wurde in
einem symbolischen Akt die Schuld des Volkes aufgelegt und mit dem Blut
des Opferlammes wollte man den berechtigten Zorn Gottes von sich
abwälzen. Mit dem Blut eines geschlachteten Lammes an den
Türpfosten hielten die versklavten Israeliten den Todesengel von
ihren Häusern ab.

Unzählige Opferlämmer, meist makellose erstgeborene Tiere,
die noch kein Jahr alt sein durften, mussten für die Sünden
ihrer Besitzer bluten und sterben. Bis Gott selber diesem Umgang mit
Schuld ein Ende bereitete. Er gab seinen Sohn, den der so unschuldig
und süß, neugeboren in die Krippe gelegt wurde und der dann
an einem alten Holzkreuz immer noch unschuldig, aber ganz und gar nicht
süß, verblutet ist.

In prophetischer Vorausschau sieht Johannes der Täufer das, – Gott hat es ihm gezeigt – und ruft auf Jesus zeigend:

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

Er will damit sagen: Auf ihn dürft, nein, sollt ihr
euere Schuld abwälzen. Er ist der Blitzableiter für den
verdienten Zorn Gottes für all unsere Sünde. Weil sein Blut
fließt, dürfen wir leben!

Er, Jesus, Gottes Lamm, wehrt sich nicht, sondern übernimmt diese
undankbare Aufgabe willig und gehorsam. Er sagt mit Paul Gerhardts
Worten (EG 83, 3):

Ja, Vater ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will dir’s tragen; Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.“ O Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst – was nie kein Mensch gedacht -Gott seinen Sohn abzwingen.

Nicht ein böser heimtückischer Plan steckt dahinter
sondern göttliche Liebe, die aussichtslos Verlorene retten will: O Liebe, Liebe, du bist stark, du streckest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen (EG 83,3). Es ist eine starke Liebe zum Verlorenen, die Gott, den Allmächtigen dazu bringt unser Lamm zu werden.

Das schwache Lamm, das sich nicht wehrt, nicht klagt, nicht schreit, trägt der Welt Sünde. Der Welt Sünde!
Das sind drei kleine Worte, das sagt sich so leicht! Das ist eine
fromme Floskel geworden und ist doch so umfassend, so inhaltsschwer, so
voller Leid und Tränen. Der Welt Sünde! Das sind die
Kriegssünden, die millionenfaches Sterben und Leid verursacht
haben, die Morde der Soldaten des Herodes an den Kindern von Bethlehem
und all die anderen Kindsmisshandlungen und -schändungen. Die
Morde an den Ungeborenen, den Behinderten, deren Leben man für
lebensunwert hielt.

Der Welt Sünde, das ist die Ungerechtigkeit in der
Verteilung der Güter, der Raubbau und die Ausrottung in der Natur,
der Umgang mit Schadstoffen, Wertstoffen und Giftstoffen. Der Welt Sünde,
das sind gedachte, gesprochene, geschriebene, gesendete Gemeinheiten.
Lügen und Verleumdungen, Vorurteile und Gerüchte.

Der Welt Sünde? Wer ist denn die Welt? Die anderen?
Regierende, Publizierende, Verwaltende, Bewaffnete, Lehrende,
Richtende, Predigende, Hörende, Schweigende, Handelnde,
Untätige. Ja, sie sind alle Teil dieser Welt, mit Beteiligte an
der Welt Sünde. Ich und Sie! Der Welt Sünde, das sind nicht
vor allem die anderen, sondern das bin vor allem ich. Ob ich es will
oder nicht, ob ich es zugebe oder nicht, ob ich es weiß oder
nicht.

Mit Absicht oder versehentlich, gedankenlos oder rücksichtslos, in
der Schule, im Beruf, in der Freizeit, bei Tag und in der Nacht
produzieren wir alle permanent Schuld der Welt. Wir verletzen und
versäumen, wir vergessen und verachten, oft merken wir es gar
nicht. Wir haben nur uns, unser Wohlergehen, unsere Wünsche,
unsere Interessen im Blick.

Was wird auf dieser Welt alles produziert! Panzer und Patronen, Autos
und Automaten, Computer und Konsumgüter, Überschüsse
werden produziert und klimatische Veränderungen. Aber am meisten
und pausenlos wird Schuld produziert. In jedem Land, in jeder Stadt, in
jeder Straße und in jedem Haus werden ständig neue
Beiträge geleistet zur Schuld der Welt. Wer das nicht sieht oder
wer meint, er hätte damit nichts zu tun, der lebt in einer totalen
Verblendung und vergrößert damit immer noch weiter seine
Schuld und die Schuld der Welt.

Einmal wird die Welt an ihrer Schuld zugrunde gehen. Eigentlich ist sie
schon verloren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Und es ist die
Frage für jeden einzelnen unter uns, ob wir mit verloren gehen
oder ob wir uns an das Lamm Gottes wenden, das die Schuld der Welt,
auch unsere Schuld trägt. Jesus, Gottes Lamm, ist der einzige, der
uns aus der Verlorenheit und vor dem Untergang retten kann. Nur mit ihm
und durch ihn wird uns die Last der Schuld abgenommen. Nur mit ihm und
durch ihn können wir mitten in der verlorenen Welt Boten des
Friedens und der Liebe Gottes sein.

Christus, das Lamm Gottes, macht uns frei von aller Sünde, wenn
wir uns schuldig geben und von ihm Vergebung erbitten. Gott hat in der
Bibel absichtlich dieses Bild der Schwachheit gewählt, ein Lamm,
um seine Macht zu zeigen. Das wehrlose Opferlamm, zermalen und
zerrieben von der Schuld der Welt, wird zum siegreichen Lamm auf dem
Thron, vor dem sich alle Mächte des Himmels und der Erde
verneigen. Wer auf dieses Lamm sieht, Gottes Lamm, das der Welt
Sünde trägt, der wird befreit, der wird gestärkt, der
wird gerettet und getröstet, wird aufgehoben angenommen.

Manchmal wissen wir nicht, wie es mit der Welt oder mit uns weitergehen
soll, wissen nicht, was am nächsten Tag sein wird. Lassen wir uns
von Johannes den Blick weglenken von dem, was uns drückt, auf den
der mitten unter uns ist, Jesus:

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

Der trägt auch deine Sünde, deine Fehler, deine
Ängste, deine Zweifel. Der trägt auch dich, trägt dich
heim, trägt dich bis in seine Herrlichkeit.

Das soll und will ich mir zunutz
zu allen Zeiten machen;
Im Streite soll es sein mein Schutz,
in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll’s sein mein Wasserquell,
in Einsamkeit mein Sprachgesell
zu Haus und auch auf Reisen.


(Paul Gerhardt, EG 83,6)

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168