Gottesdienst – Jesaja 9, 1-6 (Christvesper)
Zur PDFChristvesper 2005, Kreuzkirche Bayreuth, Jesaja 9, 1-6
die Krippe und das Kreuz sind seine Zeichen.
Gott kommt zu uns
und unsre Trauer soll der Freude weichen,
denn Gott lässt uns durch seine Liebe leben,
dass wir sie andern liebend weitergeben.
Gott kommt zu uns.
(Johannes Jourdan)
Der Friede der Heiligen Nacht sei mit euch allen. Amen.
Herr, wir bitten dich, rede du selbst jetzt mit uns durch dein Wort
der Liebe und wirke an uns durch deinen Heiligen Geist. Amen.
Schon lange vor der Geburt im Stall von Bethlehem hat Gott durch seine
Propheten Hoffnung geweckt auf den Erlöser und Retter, seinen Christus.
Zu allen Zeiten hatten die Menschen Sehnsucht im Dunkel der Zeit, Sehnsucht
nach Licht und Hilfe. Der Prophet Jesaja schreibt davon im 9. Kapitel:
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor
dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich
ist, wenn man Beute austeilt.
Denn uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt! Er
wird die Herrschaft übernehmen. Man nennt ihn „Wunderbarer Ratgeber“,
„Starker Gott“, Ewiger Vater“, Friedensfürst“. Er wird seine Herrschaft
weit ausdehnen und dauerhaften Frieden bringen.
Uns ist ein Kind geboren! Das ist auch heute noch eine große Freude.
Für manche Väter und Mütter ist es nach ihren eigenen Angaben
das großartigste Erlebnis, das es gibt. Uns ist ein Kind geboren.
Die Freude über ein neugeborenes Kind überstrahlt alles andere.
Die vorausgegangenen Wehen, die Schmerzen und Anstrengungen der Geburt,
die Ängste einer Mutter während der Schwangerschaft. Wenn das
Kind erst da ist und lebt, dann zählt nur noch eins: Uns ist ein
Kind geboren!
Diese unbeschreibliche Freude muss hinaus in die Welt. Das große
Ereignis muss bekannt gemacht werden Darum lassen viele frischgebackene
Eltern ihrer Phantasie freien Lauf und gestalten eine schöne Geburtsanzeige
damit manâs auch in der Zeitung lesen kann: Leute, uns ist ein
Kind geboren! Man stellt eine liebevolle Grußkarte mit einem
Bild des neugeborenen Kindes her und verschickt sie an Freunde und Verwandte.
Die Botschaft: Freut euch mit uns, denn uns ist ein Kind geboren. Können
Sie sich nicht mehr erinnern wie das war?
Diese Freude überstrahlt alle anderen Nöte und Umstände
der Geburt. Wie und wo die Geburt auch gewesen sein mag. Und wo sind schon
überall Kinder zur Welt gekommen! Auf Bahnhöfen und in Taxis,
in Omnibussen und Flugzeugen, im Stau auf der Autobahn, im Krieg und auf
der Flucht, in Gefängnissen und Lagern, in Elendshütten und in
Palästen. In sterilen Kreissälen genauso wie auf ärmlichen
Betten und unter freiem Himmel. In den meisten Fällen hat der Anblick
des Kindes die Mütter und Väter mit tiefer Freude und mit Glück
erfüllt.
Auch Maria in jenem Stall von Bethlehem hat wahrscheinlich nicht die
Spinnweben über ihrem Kopf beachtet. Sie hat sich nicht am Stallgeruch
gestört, sondern ihr Kind angesehen und es von tiefer Freude erfüllt,
an sich gedrückt. – Uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns
gegeben! – Und all die bedrückenden äußeren Umstände
der Geburt waren in dem Augenblick nicht wichtig.
Als dann ihr Kind, dieses besondere Kind, von Gott durch die Propheten
angekündigt, in der schäbigen Futterkrippe lag, in Windeln gewickelt,
auf ein wenig Heu oder Stroh, da hat die junge Mutter nicht über das
elende Kinderbett geklagt, sondern das Kind gesehen, hat Jesus gesehen,
ihr von Gott geschenkt und war voller Freude und Dank.
Jedes Kind, das geboren wird, ist ein Zeichen dafür, dass Gott
die Welt noch nicht aufgegeben hat. Ein neugeborenes Kind zeigt etwas von
der Kraft, die Gott in seine Schöpfung gelegt hat. Es ist eine Bestätigung
und zugleich eine Herausforderung menschlicher Liebe und Verantwortung.
Gott steht zu seiner Welt. Er ist da, auch in all ihren Dunkelheiten und
Nöten.
Wir reden vom „Licht der Welt“, das ein Kind erblickt und zünden
Geburtstagskerzen an. Kinder in ihrer Zartheit und Unschuld sind Lichtblicke
und bringen oft wieder den Sonnenschein des Lächelns in traurige Häuser.
Kinder helfen Weihnachten wieder verstehen lernen und nehmen uns nüchterne
Erwachsene wieder mit hinein in das wunderbare staunende Geheimnis der
Heiligen Nacht.
Liebe Weihnachtsgemeinde, was für die vielen Kinder dieser Welt
gilt, wie viel mehr gilt das alles für jenes Kind, an dessen Geburt
wir heute denken.
Wie viel mehr ist das Kind in der Krippe von Bethlehem, Jesus, das sichtbare
und erfahrbare Zeichen, dass Gott seine Welt noch nicht aufgegeben hat.
Das Kind, das uns geschenkt, der Sohn Gottes, der uns gegeben ist,
der unser Heiland wurde.
So wie sich Eltern über ihr neugeborenes Kind freuen, dürfen
wir uns über unseren Gott freuen, der so menschlich, so zart, so wunderbar,
so friedlich ist, dass er ganz Mensch wird. Er kommt mitten in unser Leben.
Auch da, wo es eng wird, wo es ganz dunkel ist, wo nicht alles so ist wie
es sein sollte. Das stört ihn nicht. Und wer ihn ansieht, wer ihn
wirklich sieht, der kann darüber die unmöglichen Umstände,
die persönlichen Nöte und Bedrückung vergessen.
Gott wird Mensch, dir Mensch zugute! Gott wird Mensch! Mensch, mir zugute!
Wirklich und wahrhaftig so geschehen in der kleinen judäischen Stadt
Bethlehem vor 2000 Jahren. „Da geht mir ein Licht auf!“ so sagen
wir doch, wenn wir anfangen etwas zu begreifen. Zuerst war mir alles rätselhaft,
unverständlich, ich tappte im Dunkeln, aber jetzt geht mir ein Licht
auf.
Ist Ihnen das Weihnachtslicht schon aufgegangen? Oder tappen
sie, trotz vieler Kerzen und Lichter immer noch im Dunkeln? Ist ihnen das
Wunder der Liebe Gottes schon ins Herz gedrungen? Das Wunder, dass der
Heilige Gott ausgerechnet Sie lieb hat. Mit all ihren Fehlern, Ihrer Vergangenheit
und Gegenwart. Das Wunder, dass Gott sich mit diesem Kind gerade Ihnen
zärtlich zuwendet und Sie freundlich ansieht, jetzt, heute, aber auch
dann, wenn wieder Alltag ist.
Der Weg dieses Kindes führt von der Krippe zum Kreuz und er hat
nur den einen Sinn, uns mit Gott zu versöhnen, Uns wieder hereinzuholen
in die Familie Gottes, in die Geborgenheit des Glaubens in das Vertrauen
zu Gott.
Ist ihnen dieses Weihnachtslicht schon aufgegangen? Entdecken Sie
staunend, dass dieses Fest viel mehr zu bieten hat als Kugeln, Baum und
Kerzen; dass die Liebe Gottes wertvoller ist als jedes Geschenk; dass diese
gute Nachricht von Jesus Christus den Lebenshunger viel besser stillt als
der beste Weihnachtsschmaus.
Das Volk, dem dieses Licht noch nicht aufgegangen ist, lebt im Finstern,
sagt der Prophet. Lassen wir uns von den vielen Lichtern nicht täuschen
und von den abertausenden Glühbirnchen in Fenstern und Läden
nicht blenden. Finster ist es trotzdem um uns herum und manchmal in uns.
Wo ich auch hinschaue, was ich auch gehört habe, in den Wochen vor
Weihnachten. So viel Dunkelheit, so viel Leid! So viel Not und Angst!
Immer noch Bombenterror im Irak, über 5 Millionen Arbeitslose,
Familientragödien allerorten. Eheleute, die sich belügen und
betrügen. Jesaja machtâs kurz und sagt: Finsternis bedeckt das Erdreich
und Dunkel die Völker! – Unterscheidet sich da unsere Zeit von der
Zeit des Propheten Jesaja? So wie die Menschen damals, brauchen auch wir
heute das Weihnachtslicht. Brauchen auch wir einen, der das Licht der Welt
ist, der uns Licht und Hoffnung gibt.
Er ist zu schwach, denken Sie? Er ist doch nur ein Kind? Sein Licht
reicht nicht aus? – O doch! Es kann ein ganzes Leben hell machen. Auf den
Philippinen erzählt man sich folgende Geschichte:
Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er
einen der beiden zu seinem Nachfolger einsetzen. Er gab jedem seiner beiden
Söhne fünf Silberstücke und sagte: Geht, und füllt
damit die Halle unseres Schlosses bis unter die Decke. Womit euch das gelingt,
was ihr für das Geld besorgt, ist eure Sache.
Da ging der ältere Sohn hin und brachte für die fünf
Silberstücke ausgedroschenes Zuckerrohr in die Halle und füllte
sie damit bis unter die Decke an.
Einige Zeit später kam der jüngere Sohn und ließ
alles Stroh aus der Halle entfernen. Dann stellte er nachts vor den Augen
seines Vaters eine Kerze in den großen Raum. Er hatte sie für
den Bruchteil des Geldes erworben. Er zündete die Kerze an und ihr
Schein füllte den Raum bis in den letzten Winkel.
Da sagte der König zu ihm: Du sollst mein Nachfolger sein, denn
du hast die Halle nicht mit nutzlosem Stroh gefüllt, sondern mit dem,
was die Menschen am meisten brauchen: Mit lebendigem Licht. (Kühner,
Überlebensgeschichten. 13.12.)
Was beschaffen Sie sich? Was füllt ihre Lebenshalle aus? Das Weihnachtslicht,
das Licht des Glaubens, mit seiner Wärme und Helligkeit oder füllen
Sie diese Zeit mit Weihnachtsstroh, das in einigen Tagen wieder weggeräumt
oder abgefahren wird und sonst keine nennenswerten Spuren hinterlässt?
Weihnachtslicht? – Dein Wort, so hat einmal einer im Alten Testament
gesagt, ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
Und ein anderer im Neuen Testament ruft uns heute zu: Das Wort wurde
Mensch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.
In einem zweiten wunderbaren Schöpfungsakt in der Mitte der Zeit
sagte Gott noch einmal: Es werde Licht! – Und es wurde Licht! – Licht im
Herzen aller Menschen, die Jesus Christus als ihren Herrn und Heiland anbeten.
Dieses Licht verändert die Welt. Dieses Licht verändert das
Leben. Vielleicht ist noch eine Not da, aber sie ist nicht mehr hoffnungslos.
Vielleicht ist noch Traurigkeit da, aber es ist einer der tröstet
und Tränen trocknet. Vielleicht ist da noch Schmerz und Angst, aber
es ist einer da, der sagt: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, ich
helfe dir.
Liebe Festgemeinde, wenn wir in das Weihnachtslicht der Liebe Jesu sehen,
dann strahlen unsere Augen dieses Licht wieder. Wenn wir Jesus nicht aus
den Augen verlieren, dann bekommt unser Leben einen ganz neuen Glanz.
Selma Lagerlöf erzählte von einem Ritter zur Zeit der Kreuzzüge.
Er hatte geschworen aus dem Heiligen Land eine brennende Kerze mitzubringen,
die er an der heiligen Flamme vor dem Grab Christi anzünden wollte.
Brennend wollte er sie von dort in seine Heimatstadt Florenz bringen. Dieses
Vorhaben, die Flamme zu bewahren, machte aus dem Ritter einen anderen Menschen.
Es verwandelte den Kriegsmann in einen Menschen des Friedens. Als er
unterwegs überfallen wurde, wehrte er sich nicht. Er gab den Räubern,
was sie wollten, wenn sie ihm nur sein Licht nicht auslöschten. Sie
nahmen Rüstung, Pferd, Waffen, Geld und ließen ihm nur einen
elenden alten Klepper.
Auf dem ritt er nach vielen überstandenen Abenteuern nach Florenz
ein. Rücklings saß er auf dem Pferd um mit seinem Körper
die Flamme vor dem Wind zu schützen. – Schließlich entzündete
er damit die Kerzen auf dem Altar des Domes.
So dürfen wir unsere ganze Kraft, unseren ganzen Glauben darauf
richten, dass wir Jesus, das Licht, das Gott uns anvertraut, bewahren.
Wenn wir dabei alles andere verlieren würden, wäre es noch nicht
schlimm, denn wir hätten ja ihn noch, Jesus, das Licht der Welt, das
Licht des wahren Lebens. Nehmen Sie es mit, das Weihnachtslicht. Bewahren
Sie es und lassen Sie es nicht verlöschen! Auch nicht nach den Feiertagen,
Auch nicht im Alltag.
Der Stern über Bethlehem, der die Weisen zu Jesus geführt
hat, lädt auch uns zur Krippe ein. Er ist auch ein Stern über
unserer Stadt und über Ihrem Leben. In unseren Herzen dürfen
wir alle dieses Licht mitnehmen. Gott hat die Welt noch nicht aufgegeben
auch Sie nicht. Er ist Licht und Hoffnung für uns auch an diesem Weihnachtsfest.
Aus dem Licht das uns aufgegangen ist, wird dann ein Auftrag. Der Auftrag,
dieses Licht weiterzugeben an andere, die in unserer finsteren Zeit leben,
die auch Licht brauchen.
Das Licht einer Kerze kann man weitergeben ohne dass man es selbst verliert.
An einer Kerze kann man tausend andere Kerzen anzünden und sie brennt
immer noch. Ein Licht ist klein und schwach, aber viele Lichter erhellen
die Welt! Jesus Christus ist das Licht, das auch uns hell macht.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther
Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168