Gottesdienst – Jesaja 65,17-25

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Predigt zu Jesaja 65,17-25 am Toten- und Ewigkeitssonntag 26.11.06 – Pfrin. Bauer

Liebe Gemeinde,

vor zwei Jahren lief im Kino der vieldiskutierte Film des Hollywood-Stars Mel Gibson mit dem Titel „Die Passion Christi“. Brutal die Szenen; zum Schreien schlimm, wie Jesus Unrecht und Gewalt erleidet; unfassbar seine Geduld, seine Liebe. Gelebtes und geschautes Menschsein in Extremen. Vielleicht waren Sie dabei.

Als er, bereits misshandelt und blutig, nach Golgatha zur Hinrichtung getrieben wird und auf dem Weg entkräftet zusammenbricht, begegnen ihm Frauen, die das tun, was mancher Zuschauer vor der Leinwand auch tat: weinen.

Da erhebt Jesus langsam den Blick, sieht mit wunden Wangen hoch und weit über das gesammelte, zerschundene Elend hinaus und spricht die Worte, die uns im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung der Zukunft Gottes überliefert sind: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Off 21,5)

Tief berührt hat mich dieser Satz angesichts der schier unerträglichen Realität der Umstände. „Siehe, ich mache alles neu.“ Alles. Ausholend umfasst die Zuversicht des Sterbenden, was unseren Augen und Ohren, unseren Händen und Herzen wehtut. „Siehe, ich mache alles neu.“ Den gebrochenen Leib und die verletzte Seele. Die verwahrloste Hoffnung und die verlorene Kraft. Die bröckelnde Stadt und den schwer atmenden Wald. Die gesamte Schöpfung: Menschen, Tiere, Pflanzen.

Können wir uns ausmalen, wie es dann einst sein wird? Eine alte Legende erzählt: Zwei Mönche, die gemeinsam mit anderen in einem Kloster leben, haben seit vielen Jahren fast nur über ein Thema miteinander gesprochen: Wie wird es nach dem Tode sein?

Jeder von beiden hat seine Vorstellungen davon, jeder beschreibt dem anderen, wie er sich die neue Welt Gottes denkt. Aber immer, wenn einer das Jenseits in bunten Farben geschildert hat, winkt der andere ab: „Aliter!“ – wie unter Mönchen im Mittelalter üblich natürlich in Latein – also: Anders wird es sein, anders als du es dir vorstellst! Aliter – anders.

Schließlich vereinbaren sie: wer von ihnen zuerst stirbt, soll dem anderen im Traum erscheinen und ihm erzählen, wie es nun wirklich ist. Tatsächlich erscheint der eine nach seinem Tod dem anderen im Traum, und der fragt ihn gespannt: Wie ist es denn nun wirklich? Darauf die Antwort: Totaliter aliter – ganz anders!

Die Bibel steckt voller Bilder, die andeutend beschreiben, wie es einst sein wird. Bilder, die Trost spenden und wachrufen zum Glauben. Es wird ganz anders sein. Im alten Buch des Propheten Jesaja lesen wir für heute einen Abschnitt im 65. Kapitel:

Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde, als dieser unser Predigtabschnitt vor etwa 2500 Jahren entstand, war das jahrzehntelange babylonische Exil des Volkes Israel gerade beendet, und die Gefangenen konnten allmählich heimkehren in die alte Heimat, die – aus der Ferne herrlich erdacht und golden ersehnt – winkte. Was die Menschen aber in Wirklichkeit vorfanden, schlug sie zu Boden: Ruinen, Chaos, Tod. Zerstört das Land der Träume, verstört die Menschen der Freiheit.

Inmitten des schrillen Leidens und leisen Verzweifelns nun hörte Jesaja die Stimme Gottes. „Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.“

Freude. Im biblischen Bild des Welt- und Lebenslaufes steht sie und nichts anderes für alle Gläubigen immer am Ziel, Ihr Lieben. Gott hat die Welt geschaffen, nicht als einen Anlass zu ewigwährender Traurigkeit. Er hat sie geschaffen zum Finale der Freude. Und zwar nicht allein in dem Sinn, dass wir Menschen uns schließlich freuen sollen. Sondern in jenem erstaunlichen umgekehrten Sinn: Gott will sich über uns freuen! Ertragen wir einen solchen Perspektivwechsel? Lassen wir uns über all unseren Gefühlen bereitwillig sagen, was Gott fühlt?

Noch kann Gott das nämlich offensichtlich nicht, sich freuen über uns und die gegenwärtige Welt. Ja, da ist zuviel aus der Ordnung gefallen bei uns, zuviel verkehrt und durcheinander geraten. Wir lassen Gott ja längst nicht mehr Gott sein. Wir greifen ihn an oder vergessen ihn. Wir scheren uns wenig um sein Wort und Gebot und schreiben unsere eigenen Wege und Gesetze. Der Mensch, mehr klug als weise, überflutet allen göttlichen Sinn mit einem trüben und herrschsüchtigen Strom der Sinnlosigkeit. So ausufernd, bis der göttliche Sinn manchmal unterzugehen scheint.

Das alles sieht Gott, auch wenn es die Menschen auf Erden nicht sehen. Und er leidet Schmerz an dieser seiner Welt, sichtbar geworden eben im Gesicht Jesu Christi auf dem steilen Pfad zum Kreuz. Dürfen wir ganz menschlich von großen Geheimnissen reden, so müssen wir mit der Bibel erkennen: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe …“, was sehr gut war, ist längst nicht mehr gut, und Gott ist traurig und zornig darüber.

Noch mehr sieht Gott: Dass wir Menschen selber da nicht mehr herauskommen. Weil Leid und Schuld und Tod stärker sind als wir: trotz aller sozialpolitischen Errungenschaften, trotz aller psychologischen Entdeckungen, trotz aller medizinischen Ergebnisse.

Immer noch und wieder werden Kinder für einen frühen Tod empfangen. Eigenheime werden gebaut, die dann verkauft werden müssen und von Fremden bewohnt. Die allgemeine Lebenserwartung ist zwar gestiegen, doch die Lebensnöte klettern ebenso in die Höhe. Arbeit gibt es genug, nur oft kaum Bezahlung. Gebete laufen scheinbar ins Leere. Und nicht bloß in der Tierwelt vermögen Wolf und Schaf nicht friedlich beieinander zu hausen.

Wir könnten uns in der schrecklichen Realität verlieren. Wollen wir das? Ich will es nicht. Darum höre ich mit Jesaja auf Gottes Stimme. „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“

Hier wird neue Realität angekündigt. Andere Realität. Totaliter aliter. Unvorstellbar wunderbar wird das sein. Ich danke und lese. Ich hoffe und staune. Und da geschieht auf einmal schon Zukunft: Der Glanz des Neuen leuchtet in mein altes verkratztes, beschädigtes Leben. Ich kann Ewigkeit atmen und spüren. All das, was jetzt schwer ist, wird eines Tages nicht mehr ins Gewicht fallen. Es geht vorbei.

Weil ich dem lausche und glaube, kann ich die Last der Gegenwart heben und tragen. Ein Stück weit nur soll ich das tun, bis sie mir eines Tages abgenommen wird. Nein, das Leid mit seinen bitteren Fratzen muss mich nicht überwältigen. Nein, die Schuld mit ihren langen Fangarmen soll mich nicht erdrücken. Nein, die Trauer mit ihren schwarzen Schleiern darf nicht das letzte Wort haben.

Gott ist nicht ein Gott der Düsternis und Ausweglosigkeit, kein Gott der Toten. Er wird wieder und wieder bezeugt als ein Gott des Lichts und der Liebe, ein Gott der Lebendigen. Auch die Blumen etwa, mit denen wir Gräber schmücken, sind ja doch nur schön als das Bild des neuen Lebens, das aus Dunkel und Verwesung sprießen will. Nicht die dauernde wehmütige Traurigkeit an Särgen geziemt uns Christen, sondern die Hoffnung auf die große Wandlung.

Ja, ich glaube „an Jesus Christus, unseren Herrn, … gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, … am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen … Ich glaube an den Heiligen Geist, … Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“

Gott wird alle Tränen abwischen von unseren Augen. Das ist uns verheißen. Wir sollen Geduld haben und die mitunter mühsame Aufgabe des Wartens erfüllen. Aber wo Gottes Stimme mich im Innersten erreicht, da verliere ich meine Trostlosigkeit. Da erahne ich, wie groß und umfassend unser Gott ist.

„Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ In seiner Hand findet sich die Zeit aufgehoben in die Ewigkeit. Damit lässt sich dieses unser irdisches Leben freudig und zuversichtlich bestehen. Wir sind nicht die Ersten, die das entdecken dürfen, und werden vielleicht auch noch nicht die Letzten sein.

(Manfred Siebald): „Noch haben wir sie nicht gesehn, noch warten wir darauf. Noch nehmen wir für unsre Hoffnung Spott und Hohn in Kauf und wissen doch: es kommt ein Tag, da hört das Warten auf, denn grade dann, wenn jedermann es nicht für möglich hält, dann werden wir sie sehen: Gottes neue Welt.

Noch warten wir darauf, noch haben wir sie nicht gesehn, noch haben wir in dieser Welt ein Leben zu bestehn. Schon heute soll in unserm Leben Gottes Wort geschehn, denn so nahe sich ein jeder hier an Gottes Worte hält, genauso nahe ist er Gottes neuer Welt.“ Amen.