Gottesdienst – Jesaja 55, 6-12

Zur PDF

Sonntag
Sexagesimae, 11.02.2007, Jesaja 55, 6-12

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten
in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir
bitten dich, erhöre uns. Amen.

Das Wort der Heiligen Schrift für die Predigt
steht im 55. Kapitel des Propheten Jesaja:

Sucht
den Herrn, solange er zu
finden ist! Ruft ihn an, solange er nahe ist! Der Gottlose lasse von
seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und
bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen. Er kehre um zu
unserem Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

Denn meine
Gedanken sind nicht euere Gedanken und euere Wege sind nicht meine
Wege, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, sind
auch meine Wege höher als euere Wege und meine Gedanken
höher als euere Gedanken.
Denkt an den Regen und den
Schnee! Sie fallen vom Himmel und bleiben nicht ohne Wirkung: sie
tränken die Erde und machen sie fruchtbar. Alles
sprießt und wächst. So bekommt der Bauer wieder
Samen für die nächste Aussaat und Brot zu essen.
So soll
das Wort, das aus meinem Munde geht auch sein: Es wird nicht wieder
leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir
gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr
sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.

„Der
Mensch denkt und Gott lenkt.“ Jeder von uns hat das schon erlebt: man
plant und bereitet vor, dann kommt ein unvorgesehenes Ereignis, – aus
der Traum.

Ein Urlaub ist gebucht, der Koffer gepackt, die Flugtickets
in der Tasche. Ein Ausrutscher auf der Treppe und aus den zwei Wochen
Kreta werden vier Wochen Krankenhaus.

Da plant einer jahrelang, was er im wohlverdienten
Ruhestand alles machen will, im Haus, im Garten, lange Reisen und Zeit
für das Hobby. Aber wenige Wochen nach dem letzten Arbeitstag
stehen die Verwandten und Freunde betroffen um sein Grab.

Ein tüchtiger Unternehmer macht eine Erfindung,
meldet sie zum Patent an, plant die Produktionsanlagen, errechnet
insgeheim schon Gewinne, da bringt die Konkurrenz, die einen Tick
schneller war schon das neue Produkt auf den Markt.

Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken und euere
Wege sind nicht meine Wege, sondern so viel der Himmel höher
ist als die Erde, sind auch meine Wege höher als euere Wege
und meine Gedanken höher als euere Gedanken.
Haben wir nicht alle schon große Enttäuschungen
erlebt und mussten Pläne aufgeben. Das ist hart! Und man fragt
sich dann meist: Warum? Aber man bekommt keine Antwort. Manchmal
begreift man es ein Leben lang nicht. Tatsache ist, dass wir nicht
alles planen können und dass über unseren
Lebensentwürfen und -träumen noch ein anderer steht,
der auch Pläne hat. Gute Pläne, die nur durch ihn und
mit seiner Hilfe Wirklichkeit werden können. Der sagt:

Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken und euere Wege sind nicht meine Wege, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, sind auch meine Wege höher als euere Wege und meine Gedanken höher als euere Gedanken.

Es gibt einen himmelhohen Unterschied zwischen
unserem Denken, Planen und Handeln und dem Denken, Planen und Handeln
Gottes. Wenn er spricht, so geschieht’s, wenn er
gebietet, so steht’s da (Ps.33, 8) Und wir
verstehn’s einfach nicht. Ob das daran liegt, dass unsere
Wege nicht Gottes Wege sind, wie es hier heißt, sondern
unsere eigenen. Unsere Wege, unsere Überlegungen, unsere
Pläne und Entscheidungen, bei denen Gott nicht vorkommt.

In den 60ger startete eine Boeing 707 in Tokio. Sie sollte
über Hongkong, Kalkutta, Rom und Frankfurt nach London
fliegen. Die Maschine kam in Tokio gut von der Startbahn und zog mit
donnernden Triebwerken hinauf in den wolkenlosen Himmel. Bald konnten
die Fluggäste Japans höchsten Berg, den Fudschijama,
sehen. Da kam dem Piloten der Gedanke, den fast 3800m hohen Vulkan zu
umkreisen, um seinen Fluggästen einen einzigartigen Blick zu
ermöglichen.

Er verließ den festgelegten Kurs und ging auf
Sichtflug über. Dabei verlässt das Flugzeug den
programmierten Kurs und die automatische Navigation und entzieht sich
dem Einfluss der Bodenkontrolle. Der Flugkapitän sah den
Krater dicht unter sich, über sich nur weiten leeren Luftraum.
Kein anderes Flugzeug in Sicht, alles im Griff. Der
Höhenmesser zeigte 4000m. Nicht sichtbar waren aber die
Fallwinde und Böen, die zu dieser Stunde stets um den
Fudschijama tobten. In ihren Sog geriet die Maschine, zerbrach in der
Luft und stürzte ab. Sämtliche Passagiere und
Besatzungsmitglieder fanden den Tod.

Leben nicht viele nach dem Sichtflugverfahren? – und
scheitern damit. Sie richten sich nur nach dem, was sie sehen,
missachten alle Begrenzungen und Kontrollen, Ordnungen, Regeln und
Warnungen Gottes. Sie haben alles im Griff, meinen sie. Eine Zeit lang
scheint das auch fantastisch zu klappen. Aber dann kann man schnell in
Fallwinde geraten in Strömungen und Kräfte, die einen
zerbrechen, die zum Absturz führen.

Nicht umsonst wird uns das Wort, das der Apostel Paulus an
die Philipper schreibt, in vielen Gottesdiensten in Erinnerung gerufen:
„Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.“(Phil.4,7)
Paulus hat die Erfahrung gemacht, dass Gottes Führung sich
nicht durch menschliche Vernunft ersetzen lässt. Er steht
haushoch über allem, was wir fassen können. Und er
wirbt darum, dass wir uns nach seinem Willen richten. Dass wir auf
seinem Kurs bleiben. Wer abdreht und von einem Leben in Gottvertrauen
und Achtung seiner Gebote, zum Sichtflugverfahren nach eigenem Ermessen
übergeht, der begibt sich in höchste Gefahr.

Vielen ist Gott so nebensächlich geworden, dass
sie nicht mehr ihre Bibel zur Hand nehmen, kaum noch beten und
Gottesdienste nur noch an Weihnachten oder bei Familienereignissen
besuchen. Sie fliegen auf Sicht durchs Leben. Und wir anderen, die wir
Gottesdienste besuchen, müssen uns auch fragen lassen, ob das
für unser tägliches Leben von Bedeutung ist. Ist
unser Alltagskurs bestimmt von Jesus? Oder leben wir zweigleisig. Eine
fromme Sonntagsschiene und ein Alltagsgleis.

Ist das nicht auch eine Form der Gottlosigkeit, wenn Gott
den ganzen Tag über, die ganze Woche über, nicht oder
kaum vorkommt? Wenn ich mich in meinem Reden und Verhalten nicht von
Gottlosen unterscheide. Wenn ich schweige zu ihrem Fluchen und
Lügen, wenn ich mitmache bei den Intrigenspielchen und beim
Ablästern über den Chef oder Kollegen.

Der Prophet Jesaja spricht hier beide an, die
erklärtermaßen Gottlosen und die
selbstverständlich Glaubenden, die aber doch in der Praxis
Gott vergessen. In Gottes Auftrag warnt er: Der Gottlose
lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen
Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen.
Er kehre um zu unserem Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

Da ist es schon wieder, dieses ärgerliche Wort,
das so viele nicht mehr hören können und wollen:
„Sich bekehren“! Umkehren zu Gott. Ja, wie oft denn noch?

Der eine sagt: Ich will nicht! Mir gefällt mein
Leben grad so, wie es ist.

Ein anderer meint: Umkehren hab ich nicht nötig.
Passt doch alles. Ich bin in Ordnung, so wie ich bin.

Und der dritte lebt in der Sicherheit: Ich hab mich
bekehrt, damals vor zwanzig Jahren, bei irgendeiner Veranstaltung.

Ob das Gott genügt? Ob er einverstanden ist mit
unserer Art zu leben, zu reden, zu handeln?

In allen Bereichen des Lebens gibt es inzwischen
Controlling und Evaluation, Überprüfung und
Rückfragen, ob die Ziele noch im Blick sind. Nur im Glauben
darf man nicht mehr zu kritischer Überprüfung des
Lebens, zu Buße und Umkehr aufrufen. Da ist Sichtflug
angesagt sei die Sicht auch noch so eingeschränkt. Die
Bußtage und Predigten wurden abgeschafft.

Je länger ich mich mit dem Wort Gottes
beschäftige, je mehr ich in der Bibel lese, um so mehr erkenne
ich, dass es in vielen Bereichen nötig ist umzudenken und
umzukehren und mich von Jesus und dem Wort Gottes auf den richtigen
Kurs bringen zu lassen. Martin Luther war so gar der Meinung, dass das
täglich durch Reue und Buße geschehen
müsse.
In einem gesunkenen U-Boot saßen zwei Marinesoldaten und
warteten darauf, dass der Sauerstoff ausgehen würde und sie
ersticken müssten. „Hast du eigentlich an Gott geglaubt?“
fragte der eine. Der andere: „Bloß wenn’s brenzlig
wurde.“ Was ist das für ein Glaube? „Bloß
wenn’s brenzlig wird“.

Die Bibel gibt uns da eine andere Empfehlung: „Heute,
wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen
nicht.“ (Wochenspruch Heb. 3,15) Heute, jetzt ist seine
Stimme zu hören in diesen Worten des Propheten. Jetzt redet
Gott mit uns, mit Worten, die nicht wirkungslos, nicht kraftlos sind.
Sie sind wie Regen, der eine Wüste zum Blühen bringt,
der die Saat aufgehen lässt auf den Feldern. Auch Wort Gottes
geht auf. Es kommt nicht wieder leer zurück zu Gott, wie
Jesaja hier sagt, sondern es hat Wirkung. Es tröstet,
stärkt, baut auf, macht Mut. Manchmal trifft es oder mahnt,
warnt, fordert zur Umkehr und zu klaren Entscheidungen auf, wenn wir
uns nicht verschließen.

Ein Maler hatte ein Gemälde fertig gestellt. Es
zeigte eine Szene aus der Offenbarung des Johannes, in der Christus
sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an!“ Der
kleine Sohn des Malers besah sich das Bild und hörte die
Erklärung des Vaters und meinte dann nach kurzem
Überlegen: „Aber eins hast du falsch gemacht, Papa: Es fehlt
außen an der Türe die Klinke. Der Herr Jesus kann ja
gar nicht aufmachen und reingehen.“ „Er kann es nur“, erklärte
der Vater, „wenn man ihm von innen öffnet und wenn man ihn
haben will. Darum habe ich die Klinke außen weggelassen.“

Jesus zwingt niemanden sich zu öffnen. Er steht
vor der Tür und klopft an. Einmal, zweimal, in seiner
großen Geduld vielleicht auch noch öfter. Aber es
könnte auch einmal das letzte Mal sein.

In den 80ger Jahren erlebte ein Pfarrer Folgendes: Er
wollte mit einigen Kollegen von einer internationalen Tagung in Oslo
zurückfliegen. Der Abflug verzögert sich.
Plötzlich fährt mit Blaulicht und Polizeieskorte eine
gepanzerte Limousine vor und Alois Mertes, damals Staatsminister im
Auswärtigen Amt steigt aus. Er setzt sich neben die beiden
Wartenden und sie kommen ins Gespräch. Er fragt: „Kenne ich
Sie?“ – „Nein, aber wir kennen Sie.“ – „Ja, was sind Sie denn von
Beruf?“ – Pfarrer.“ – „Pfarrer? Ja, dann hab ich ein Hühnchen
mit Ihnen zu rupfen: In allen kirchlichen Beerdigungen, die ich
miterlebe, wird so getan, als ob da der perfekteste, tadelloseste,
gutmütigste Mensch beerdigt würde. Wenn ich einmal
sterbe, dann möchte ich, dass über meiner Beerdigung
steht: Wenn du, Herr, Sünden zurechnen willst – wer
wird bestehn? Aber bei dir ist Vergebung.“ Und dann fuhr
Mertes fort: „Ich könnte meinen Beruf als Staatsminister nicht
ausüben, die Verhandlungen nicht führen, wenn ich von
Vergebung nichts wüsste. Ich weiß doch nicht, was
richtig ist. Wir versuchen das Beste zu tun, aber vielleicht machen wir
genau das Falsche.“

Zwei Tage nach dieser Begegnung auf dem Flughafen kam die
Nachricht in den Medien: Staatsminister Mertes überraschend
verstorben. Und über den Traueranzeigen stand: So
du, Herr, Sünden zurechnen wirst – wer wird bestehn? Aber bei
dir ist Vergebung.“
(Psalm 130,4)

Wenn der heilige Gott einen Strich unter unsere
Lebensrechnung macht, wer wird dann bestehen? Ich möchte es
nicht darauf ankommen lassen. Ich klammere mich lieber an das andere:
Aber bei dir ist Vergebung! Hier bei Jesaja heißt es sogar:
… bei ihm ist viel Vergebung. Und wenn einer umkehrt zum
Herrn, so wird er sich erbarmen.

Es ist so viel Vergebung und so viel Erbarmen bei unserem
Herrn, dass wir alle an jedem Tag davon erbitten und nehmen
dürfen, so viel wir nötig haben. Vergebung
für alle Lieblosigkeit und Gedankenlosigkeit, für die
Lügen und Gemeinheiten, für unseren Stolz und unseren
Hochmut, für unsere Rechthaberei und Streitsucht. Vergebung
für unsere Zweifel und Unreinheit, für unseren Neid
und Zorn.

Über jeden, der umkehrt der und zu ihm kommt, wird
sich der Herr erbarmen. Wer nicht umkehrt, wer seine Missetat nicht
erkennt, der verzichtet auf Vergebung und Erbarmen Gottes.
Möchten Sie das? Kann eines unter uns sagen: Rechne ruhig
zusammen, Herr, was in meinem Leben an Schuld da ist, ich kann vor dir
bestehen.

Hoffentlich denkt niemand unter uns so. Es wäre
ein furchtbarer Irrtum. Aber wenn wir uns neu vor Gott beugen, ihn
bitten dass er vergibt und uns neu auf seinen Kurs bringt, dann
können wir in Freuden aus diesem Gottesdienst ausziehen und
werden im Frieden geleitet. So verspricht es Gott hier durch den
Propheten dem Volk Israel und so gilt es dem Volk Gottes zu allen
Zeiten: Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden
geleitet werden.

Amen.

Herr, wir wollen uns wieder ganz zu dir bekehren. Wir
wollen uns dir und deinem Wort öffnen, dir vertrauen und von
deinem Erbarmen und deiner Vergebung leben. Schenk uns die Freude, die
nur du geben kannst und den inneren Frieden der höher ist als
alle Vernunft.

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168