Gottesdienst – Jesaja 54, 7-10
Zur PDFLätare, 02.03.2008, Jesaja 54, 7-10
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt…
Unser Bibelwort für die Predigt an diesem Sonntag steht beim Propheten Jesaja im 54. Kapitel:
Der Herr ruft dich zu sich zurück: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Im Zorn habe ich mich für einen Augenblick von dir zurückgezogen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
Damals nach der großen Flut schwor ich Noah: Nie mehr wird die ganze Erde überschwemmt werden! Und heute schwöre ich: Ich bin nicht mehr zornig auf dich, Jerusalem! Nie mehr werde ich dir drohen!
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel sollen hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Beides steht hier in diesen Versen des Jesaja nebeneinander: Zorn
Gottes und Erbarmen Gottes. Gericht Gottes und Gnade Gottes. Beides ist
möglich, beides gehört zu einem umfassenden Bild Gottes. Wer
nur vom lieben Gott redet, verkürzt die biblische Botschaft
genauso wie die, die nur vom richtenden Gott sprechen.
Man kann sich zu Zeiten von Gott verlassen fühlen und man kann ein
anderes Mal die Nähe Gottes als ganz starken Trost und
Geborgenheit erleben. Manchmal ist beides ganz nah beieinander. Rings
um die Arche, in der Noah und seine Familie und viele Tiere gerettet
werden, kommen Menschen und Tiere in einem gewaltigen Gericht um.
Gericht und Gnade, ganz nah beieinander.
Zwei Kreuze links und rechts neben dem Kreuz Jesu. An dem einen stirbt
einer und wird gerettet, am anderen haucht einer in Bitterkeit sein
Leben aus und geht in Ewigkeit verloren. Weil der eine seine Schuld
erkennt und bekennt und seine Hoffnung auf den Mann am Kreuz setzt wird
er in letzter Stunde gerettet. Gott erbarmt sich über ihn. Der
andere flucht und spottet bis zuletzt, stirbt mit seiner Schuld und
bleibt in der Gottesferne.
Eine Mutter schickt ihr Kind, das ungehorsam war und ihr böse
Worte an den Kopf geworfen hat, in sein Zimmer: „Da bleibst du jetzt,
bis du wieder zur Vernunft gekommen bist!“ Aber sie wartet bei ihrer
Arbeit im Haus sehnsüchtig darauf, dass die Tür des
Kinderzimmers wieder aufgeht und das Kind zu ihr kommt und sich
entschuldigt. Sie möchte doch so gern in Frieden mit ihrem Kind
leben, das sie lieb hat. Ein Satz würde genügen: „Mama, es
tut mir leid!“ Und sie würde ihr Kind in die Arme schließen
und ihm vergeben.
So wird uns in der Bibel auch Gott gezeigt. Er will nicht den Tod des
Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. Gottes Zorn, der
ja gerechtfertigt ist, will nicht die Trennung vom Menschen, sondern
dass der Mensch, der Gottes Gericht erfährt, Gottes Gnade sucht.
Der strafende Gott nimmt uns, die wir vor ihm weglaufen, manchmal etwas
weg, hält aber noch Größeres für uns bereit, wenn
wir zu ihm zurückkommen.
In dem Film „Quiero Ser – Gestohlene Träume“ wird das Leben zweier
elternloser Straßenkinder in Mexiko City geschildert. Die
Brüder Juan und Jorge schlagen sich als Straßenmusikanten
durch. Ihr Nachtquartier haben sie in einer leer stehenden Lagerhalle.
Dort verstecken sie auch in einer Blechdose ihre Ersparnisse. Juan, der
Jüngere von Beiden, der lesen und schreiben kann, führt genau
Buch. 88 Pesos haben sie schon. Mit 100 Pesos können sie eine
Lizenz für einen Ballonverkauf erwerben und die nötige
Grundausstattung an Ballons dazu. Juan spart eisern. Er hat das Ziel
vor Augen.
Da nimmt der ältere, Jorge, der sich in ein Mädchen verliebt
hat, heimlich zwanzig Pesos aus der Dose um sich ein neues Hemd zu
kaufen und seine Freundin zum Essen einzuladen. Juan sieht die beiden
zufällig im Restaurant, geht in die Lagerhalle und entdeckt beim
Zählen des Ersparten, dass ihn sein eigener Bruder bestohlen hat.
Tief enttäuscht wartet auf dessen Rückkehr und stellt ihn zur
Rede: Man hat uns Geld gestohlen.“ Er will dem Bruder die Chance geben,
seinen Fehler zuzugeben. Aber der stellt sich ahnungslos und meint
entrüstet: „Wenn ich das Schwein erwische, mach ich es fertig.“
Juan sieht ihn traurig an, teilt dann das verbliebene Geld und
verlässt den Bruder, der ihn betrogen hat, für immer. Allein
schafft er es und wird erfolgreicher Geschäftsmann. Der Bruder
bleibt bettelnder Straßenmusikant.
Nur ein ehrliches Wort, ein Geständnis hätte genügt und
Juan hätte dem Bruder vergeben. Aber ohne das Eingeständnis
der Schuld blieb das Vertrauen gebrochen, gab es keine gemeinsame
Zukunft.
Die Geschichte des Volkes Israel war eine Geschichte des immer wieder
gebrochenen Vertrauens gegenüber Gott. Gott bietet seinem Volk
immer wieder die Freundschaft an, verheißt Segen, erhört
Gebete, rettet vor Feinden, bewahrt in Gefahren, aber sein Volk
betrügt ihn, vergisst ihn, verliebt sich in Macht und Besitz und
wendet sich anderen Göttern zu. Propheten stellen im Auftrag
Gottes das Volk zur Rede. Sie nennen das Unrecht beim Namen, prangern
soziale Ungerechtigkeit an, dass Reiche immer reicher und Arme immer
ärmer werden. Sie warnen vor fremden Göttern, aber nur selten
werden sie gehört. Oft werden ihre Warnungen nicht ernst genommen.
Man lacht sie aus, verspottet, verjagt sie, trachtet ihnen nach dem
Leben.
Immer wieder hat das Volk die Aufforderung zur Umkehr nicht befolgt und
nach zahlreichen Warnungen war Gottes Antwort Gericht. Er entzog seinem
Volk für einige Zeit seinen Schutz, seinen Segen, seine
Führung. Nicht weil er es nicht mehr liebte, sondern weil er
wollte, dass sie erkannten, dass sie Gott brauchen. Gott zog seine Hand
ab, die schützend und segnend für sein Volk gesorgt hatte. Er
überließ die, die ihn nicht wollten sich selbst und den
Feinden.
Ohne Gottvertrauen und Gehorsam konnte es keine Zukunft mit Gott geben.
Die Folge waren damals verlorene Kriege, Verschleppung, Zerstörung
und Leid. Viele kamen um. Wenn sich aber die Menschen in diesen
Gerichten und Nöten an Gott wandten, wenn sie Schuld bekannten und
den gnädigen Gott suchten, dann ließ er sich auch finden.
Gott wartet auf sein Volk, auch wenn es ungehorsam war und abgefallen
ist von ihm. Er will vergeben, er will Gnade vor Recht ergehen lassen. Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen. Das galt und gilt für sein Volk und das galt und gilt für jeden Einzelnen Menschen.
Manchmal erleben wir Zeiten, in denen wir den Eindruck haben, dass Gott
uns verlassen hat. Nichts will gelingen, überall bläst uns
der Wind entgegen, bauen sich Widerstände auf, gibt es
Rückschläge. Bei den Kindern in der Schule läuft es
nicht so, wie es sollte, in der Ehe stimmt es auch nicht, die
Waschmaschine geht kaputt, ein Unwetter setzt den Keller unter Wasser
und zu allem Überfluss auch noch ein Blechschaden am Auto.
Manchmal kommt so viel zusammen, dass wir es nicht mehr aushalten. Und
dann fragt man sich, warum denn andauernd alles nicht klappt. Warum
muss denn bei uns immer alles schief gehen? Bei den anderen ist das
doch nicht so. – Denkt man wenigstens. – Da haben die Kinder gute Noten
in der Schule, die Eltern sind beruflich erfolgreich, wohnen in einem
tollen Haus, fahren zweimal im Jahr in den Urlaub und jetzt haben sie
auch noch im Gewinnspiel gewonnen. – Nur bei uns klappt nix!
Und dann fängt man schnell an mit Gott zu hadern. Warum? Wir sind
doch auch nicht schlechter als die! Haben wir nicht immer versucht
alles richtig zu machen? Was soll das? Hab ich nicht einen Anspruch
darauf, dass Du, Gott, was für mich tust? Haben wir einen
Anspruch? Nein, einen Anspruch haben wir nicht. Aber wir haben den
Zuspruch: Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.
Anspruch oder Zuspruch, das ist ein riesengroßer Unterschied. Der
Anspruch fordert: Gott, du musst doch das tun, was ich mir vorstelle!
Der Anspruch klagt an: Warum bin ich krank und nicht der andere? Das
ist ungerecht! Warum wird mir nicht das Glück zuteil, das der
andere hat?
Der Zuspruch ist ein Geschenk. Ich kriege, was ich nicht verdient habe,
was ich mir niemals selber schaffen könnte. Und Gott sagt: Du bist
nicht vergessen, du bist nicht verlassen. Auch das, was dir jetzt zu
schaffen macht, werde ich zum Guten wenden und einbauen in den
Segensplan, den ich für dein Leben habe.
Es sollen wohl Berge weichen und Hügel sollen hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Es kann eine Menge geschehen, es kann sich vieles
verändern. Das ist ja ein gewaltiges Bild, das da verwendet wird:
Berge weichen, Hügel fallen hin. Manches baut sich vor uns auf wie
ein Berg. Arbeit, die man einfach nicht schaffen kann, Krankheit, eine
bevorstehende Operation oder Behandlung, Lernstoff und Prüfungen,
von denen viel abhängt. Das können alles Berge sein, die uns
unüberwindlich erscheinen.
Ich kenne das auch gut. Da muss bis zu einem bestimmten Termin etwas
fertig sein und es geht nicht vorwärts. Immer neue Dinge, die
dazwischen kommen, die einen aufhalten. Wenn man einen Berg von weitem
sieht, dann sieht er meistens gar nicht so groß aus. Wenn man
aber nah dran ist, wenn man am Fuß der Felswand steht, dann
scheint kein Weg nach oben zu führen. Aussichtslos! Nicht zu
schaffen!
Gott aber sagt, dass er die Berge weichen lässt. Er hilft uns
über sie weg, wie hoch und schwierig sie auch sein mögen.
Manchmal machen uns schon kleine Dinge zu schaffen. Wenn man
erschöpft ist und müde, keine Kraft mehr hat, dann ist schon
ein kleiner Hügel ein Hindernis. Gegen Ende eines Marathonlaufs
fürchtet man schon eine kleine Steigung. Aber hier steht der
Zuspruch, dass auch die Hügel hinfallen sollen, wegfallen, flach
werden.
Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen spricht der Herr, dein Erbarmer.
Diese Verheißung gilt nicht dem, der Ansprüche stellt, der
von Gott fordert, der ihn verklagt, sondern dem, der um Gottes Erbarmen
bittet.
Wenn wir „Augenblicke“ der Gottverlassenheit erleben, die nach unserem
menschlichen Zeitempfinden manchmal endlos sein können, dann gilt
es herunterzusteigen vom hohen Ross, nicht zu fordern und zu klagen,
sondern uns vor Gott zu beugen und sein Erbarmen zu suchen. Wer das
sucht, der findet es auch.
Philipp Friedrich Hiller, der bedeutendste Liederdichter des
schwäbischen Pietismus verlor durch eine Krankheit seine Stimme
und konnte seinen Beruf als Pfarrer nicht mehr ausüben. Da hat er
angefangen zu schreiben und Lieder zu dichten. Er hat in einem Lied
seine Erfahrung so ausgedrückt:
Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren,
mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
Und rühme die Barmherzigkeit.
Und in der folgenden Strophe wird klar, dass der, der Gottes Erbarmen
so erlebt, vorher nicht gefordert hat, sondern sein Versagen und seine
Schuld wohl erkannt hatte:
Ich hatte nichts als Zorn verdienet
Und soll bei Gott in Gnaden sein?
Gott hat mich mit sich selbst versühnet
Und macht durch’s Blut des Sohns mich rein.
Wo kam dies her, warum geschiehts?
Erbarmung ist’s und weiter nichts.
Wenn es hier heißt, dass Berge weichen sollen, dann sind damit
auch Berge von Schuld gemeint, die sich in unserem Leben
aufgetürmt haben. Und es ist das Besondere des Christentums, dass
in unserer Religion die Vergebung von Schuld so ein großes Thema
ist. In Jesus Christus und durch seinen Tod am Kreuz hat Gott das ganz
groß gemacht: Es gibt auch für die Gnade und Erbarmen, die
schuldig geworden sind, denen es an Liebe fehlt und an Treue mangelt,
die immer wieder etwas vergessen und versäumen Es gibt Erbarmen
für die, die böse waren und trotzig. Die sollen und
dürfen kommen und um Vergebung bitten. Für die gibt es einen
Bund des Friedens und Gnade, die nicht weicht, sondern bleibt.
Gott droht denen nicht, die ihre Schuld bekennen, sondern er nimmt sie
in seine Geborgenheit hinein, wie die Mutter das Kind in die Arme
nimmt, das aus seinem Zimmer kommt und sie um Vergebung bittet.
Im Zorn habe ich mich für einen Augenblick von dir zurückgezogen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
Gott, der du reich bist an Erbarmen,
reiß dein Erbarmen nicht von mir
und führe durch den Tod mich Armen
durch meines Heilands Tod zu dir;
da bin ich ewig recht erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel@, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168