Gottesdienst – Jesaja 52, 7-10

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4. Advent, 23.12.2007, Jesaja 52, 7-10

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …

Das Schriftwort für die Predigt am 4. Advent steht beim Propheten Jesaja im 52. Kapitel. Was war der Hintergrund?

Jerusalem, 539 v. Chr.. Unruhig patrouillieren die Wächter auf den
Mauerresten von Jerusalem. Immer wieder schweifen ihre Blicke in die
Ferne, wo von den Hügeln her die Wege auf die Stadt zu
führen. Sie erwarten Nachricht. Sie wissen, es ist Krieg zwischen
dem Babylonierkönig Nebukadnezar und dem Perserkönig Kyros.
Wer wird die entscheidende Schlacht gewinnen? Davon hängt so viel
ab.

Wird die harte babylonische Unterdrückung weitergehen, die
Ausbeutung, die Exilzeiten? Oder wird es neue Hoffnung geben unter
Kyros, der den bedrückten Völkern Freiheit versprochen hat?
Angespanntes Warten bei den Wächtern und bei den geschundenen
wenigen Bewohnern Jerusalems, die bei der Deportation in den
Trümmern zurückgeblieben sind.

Da, ganz in der Ferne bewegt sich was. Eine kleine Staubwolke, eine
weiße Fahne, mit schnellen Schritten nähert sich ein Bote
der Stadt. Schau hin! Siehst du das? So läuft nur einer, der gute
Nachricht bringt. Die Wächter lachen sich an und klopfen sich auf
die Schultern. Der Perserkönig Kyros hat gesiegt! Jetzt kann es
nur noch besser werden. Sie drehen sich der Stadt zu, recken die
Hände hoch und rufen die Botschaft laut über die Trümmer
hinaus: Sieg! Der Retter kommt! Jetzt wird alles anders! Freut Euch!
Wir sind befreit! Die Bedrückung hat ein Ende.

Davon schreibt der Prophet Jesaja im 52. Kapitel, unserem Schriftwort für die Predigt heute:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander, denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und rühmt mit einander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker, dass aller Welt sehen das Heil unseres Gottes.


Wie sind zu allen Zeiten die Freudenboten sehnsüchtig erwartet
worden, die gerufen haben: der Krieg ist aus! Es ist Frieden! Wissen
Sie noch, wie sich Menschen aus Ost und West in den Armen lagen und die
Tränen der Freude flossen, als am 9. November 1989 die Grenzen
geöffnet wurden und in den Wochen danach die Mauer fiel. Eine
Nachricht hatte genügt und die Botschaft verbreitete sich wie ein
Lauffeuer. Einer wurde dem anderen zum Freudenboten.

Vorausgegangen war damals in Israel große Not. Wirtschaftliche
und menschliche. Man konnte nichts machen gegen die Willkür der
Herrscher, die das Land aussaugten und die Menschen in Angst und
Schrecken hielten. Nur beten und die Hoffnung und den Glauben nicht
aufgeben, dass Gott eingreifen würde. Irgendwie, irgendwann, nur
bald. Bald!

War es nicht auch vor der Wende so: Man konnte nichts machen gegen die
Willkür der Herrschenden in der DDR. Sich dem System beugen und
mitmachen, oder beten und die Hoffnung und den Glauben nicht aufgeben,
dass Gott eingreifen würde. So haben es die gemacht, die den
Glauben nicht aufgeben wollten. Man traf sich zu Gottesdiensten und
Gebeten, immer mit dem Wissen, dass man beobachtet wird und
ausgespäht. Jahre vergingen, in denen keine Veränderung kam.

Als dann schließlich die Freudenboten kamen, war nicht sofort
alles anders. Die Wirtschaft war immer noch marode und die
Straßen in schlechtem Zustand. Niemand wusste so recht, wie es
nun weitergehen würde. Aber es gab Hoffnung und der Druck war weg.
Freiheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie Freiheit dann
gestaltet wird, wie man mit ihr umgeht, wie man die neuen
Möglichkeiten nutzt, das ist dann eine andere Sache.

Hier bei Jesaja geht es um die Wende, die die Freudenboten Jerusalem
und dem Volk Israel verkünden: Unser Gott ist König! Wir
dürfen unseren Glauben wieder leben, unseren Tempel wieder
aufbauen, unsere Gottesdienste wieder feiern! Seid fröhlich
und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr
hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.


Können Trümmer rühmen? Ja, in vorweggenommener Freude.
Wir spüren: Für die Freude und das Empfinden der Menschen ist
es nicht notwendig, dass schon alles fertig und neu ist. Man hält
Leid, Not und Schmerzen aus, wenn es nur Hoffnung gibt. Man ist
motiviert für große Anstrengungen, wenn man den Durchbruch
sieht und ein Ziel hat und Hilfe in Sicht ist.

Als die verschütteten 11 Bergleute in Lengede im Oktober 1963 nach
10 Tagen noch nicht gefunden waren, hatten sie sich schon fast
aufgegeben. Jost Müller-Bohn beschreibt das in seinem kleinen
Büchlein „Das Wunder von Lengede“

„Es kam die 10. und fürchterlichste Nacht.
Körperlich und seelisch waren sie alle am Ende. Ständig stand
ihnen das Gespenst des Todes vor Augen. < > Dann kam der Sonntag,
der 3. November. < > In dumpfer Ergebenheit lag jeder da. Doch
was war das? Mitten in die trostlose Einöde des finsteren Grabes
kam Leben! Zuerst hatte es nur einer wahrgenommen. Dann reckte sich ein
anderer empor und rief: ’Hört ihr! Was rauscht denn
da?’


Alles kam in Bewegung. In den kraftlosen Körpern schlug
das Herz höher. Sie alle hörten das Geräusch. Es klang
wie das Rauschen eines fahrenden Schnellzuges. Das Geräusch nahm
kein Ende.- Es kam näher und wurde immer deutlicher! ‚Sie
bohren!’ schrie einer.


‚Ja, sie bohren!’ schrieen andere. Die schlafenden
wurden geweckt mit dem Freudenschrei: ‚Sie bohren! Die Rettung
ist unterwegs!’ < > Das surrende Geräusch kam
näher und näher. Dann schoss plötzlich Wasser von oben
herein. < > Jeder war auf dem Sprung, sich in irgendeine Ecke zu
drücken. Aber es war kein Wassereinbruch, sondern das mechanische
Surren eines Bohrers.


Plötzlich brach das Geräusch ab. Niemand wusste
warum. Einer tastete sich auf allen Vieren durch die dunkle Umgebung.
‚Mein Gott, mein Gott’, schrie er, ‚hier ist etwas!
Ein Bohrer!’ Mit beiden Händen griff er das feuchte Eisen.
Schnell nahm er sein Messer und klopfte dreimal kurz und kräftig!
– Ein metallischer Klang, der in allen Hoffnung weckte. – Gespannt
lauschten sie alle auf Antwort von oben. – Da! Ganz klar kam aus
scheinbar großer Entfernung eine deutliche Antwort! ‚Eins –
zwei – drei! – ‚Eins – zwei – drei!’


Sie haben uns gehört! Sie haben uns gefunden! Sie retten
uns doch noch! Mein Gott – mein Gott!’ < - > Sie lachten
und weinten zugleich. Keiner schämte sich seiner Tränen.
Rettung von oben! Von der lichten Welt war Rettung unterwegs! Sie
hatten das Gefühl, als würden sie von neuem geboren! Das
Leben sollte von neuem und richtig beginnen.“


Und der Autor des Berichts fügt das Wort aus dem Johannesevangelium hinzu: „Ihr müsst von neuem geboren werden, sonst könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen! Eine Forderung, die Jesus an uns alle stellt.“

Ganze vier Tage hat es von da an noch gedauert, bis die 11 Bergleute
das Tageslicht wieder sahen, aber vom ersten Durchbruch des Bohrers an,
war die Freude schon da auf Rettung und die Hoffnung auf Hilfe gab
Kraft und Ausdauer zum Warten, bis sie vollendet war. Zwischendrin
waren schon immer wieder Zweifel, ob die Rettung gelingen oder im
letzten Moment noch die Höhle einstürzen würde. Sie
waren ungeduldig. Aber immer wieder waren da die Verheißungen von
oben: habt Geduld, wir holen euch raus! Wir sorgen für Euch! Wir
sind da! Wartet noch eine kurze Zeit.

Wir sind kurz vor Weihnachten, dem Fest, an dem wir alle Jahre wieder
uns diese Situation bewusst machen. Wir sind gerettet. Unsere Gebete
und Hilferufe sind angekommen. Der Retter kommt für uns in die
Tiefe. Wir hören, wie er näher kommt. Auch der Raum den wir
zum Leben haben, ist nicht sicher. Wir sind bedroht von vielen
Gefahren, manchmal scheint die Finsternis um uns oder in uns
undurchdringlich.

Mächte greifen nach uns: Angstmächte, Trauermächte,
Zweifelsmächte, Sorgenmächte, Krankheitsmächte.

Geister gehen uns nach und wollen uns greifen: Zeitgeist, Rachegeist, Kritikgeist, Jammergeist.

Dämonen wollen unser Denken dirigieren: Vergiss den Retter,
sagen sie, er kommt doch nicht! Leb dich hier und jetzt aus,
versprechen sie, dann geht’s dir gut! Lass deiner Lust und Laune
freien Lauf, locken sie, dann lebst du leicht!

Aber nicht auf sie sollen wir hören, sondern auf die Freudenboten,
die schon über die Berge eilen und uns zuwinken und zurufen: Du
bist gerettet! Vertrau deinem Gott! Halt dich an den Retter. Solange
die Rettung noch nicht abgeschlossen ist, solange uns die Dunkelheit,
die Mächte, die Geister, die Dämonen noch zu schaffen machen,
kommen immer wieder Hilfen, Lichter und Trostworte von oben.

So wie damals unter Tage in dem Stollen „Alter Mann“, als die Wartenden
ungeduldig wurden und nicht verstanden, warum es so lang dauert, bis
man sie endlich rausholt. Man schickte ihnen Essen und Trinken
hinunter, versorgte sie mit kleinen Lichtern, sprach ihnen Mut zu.
Sogar Bundeskanzler Adenauer kam an den Schacht und versicherte den
Eingeschlossenen, dass alles für sie getan würde.

Die oben wussten, dass sie sie keinen Fehler machen durften, sondern
ganz vorsichtig zu Werk gehen mussten, damit die Rettung gelingen
würde. Die unten konnten es nicht verstehen, was da so lange
dauert. Geht es nicht auch uns so, dass wir vieles nicht verstehen?
Warum es so lange dauert? Warum so viel Schlimmes geschieht? Immer
fragen wir warum. Warum muss da ein kleines Kind bei einem Brand
sterben, wie vor ein paar Tagen in Weismain? Warum stürzt ein
Flugzeug ab? Warum bebt die Erde? Warum hab ich diese Krankheit? Warum
krieg ich keinen Job? So viele Fragen!

Und wir kriegen keine Antwort. Gott weiß warum. Vielleicht ist es
barmherzig, dass er uns manches nicht wissen lässt. Die Retter von
Lengede haben den Verschütteten nicht die tatsächlichen
Gründe gesagt, warum es so lange dauert. Sie haben sie nicht
darüber informiert, wie gefährlich die Rettungsaktion war und
wie leicht ihre Höhle noch im letzten Augenblick durch die
Erschütterungen des Bohrers hätte einstürzen
können. Die unten wären sonst vor Angst verrückt
geworden.

So bekommen auch wir keine Antworten auf unsere vielen Fragen, sondern
den Rat, auf die Verheißungen von oben zu hören: Werft euer Vertrauen nicht weg! Es hat eine große Belohnung. (Heb. 10,35) Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig. (Matth,10,22) Oder wie es hier bei Jesaja heißt: Aller Welt Enden werden sehen das Heil unseres Gottes.

Lasst sie lachen, lasst sie spotten, lasst sie zweifeln, lasst sie
lästern, lasst sie nur der menschlichen Vernunft trauen, eines
Tages werden auch sie das Heil unseres Gottes sehen. Wartet nur darauf
und lasst euch nicht irre machen. Damals, nach etwa 60 Jahren
babylonischer Unterdrückung erlebten die Israeliten, wie ihr
Unterdrücker besiegt und entmachtet wurde. Damals war es
Nebukadnezar, ein mächtiger Herrscher.

Lassen sie mich noch einmal unsere jüngere deutsche Geschichte
ansprechen: Am 13. Februar 1945 fand der verheerende Bombenangriff der
Alliierten auf Dresden statt, dem viele tausend Zivilisten zum Opfer
fielen. Die Stadt stand in Flammen, auch die Frauenkirche, deren Kuppel
zwei Tage später einstürzte. Das spätere DDR-Regime
ließ die Trümmer ganz bewusst liegen. Nicht nur als
sozialistisches Mahnmal für den Frieden, sondern auch als Triumph
über den Westen, die Kirche und den christlichen Glauben.

1989 bildete sich eine Initiative Dresdner Bürger, mit dem Ziel,
die Frauenkirche wieder aufzubauen. Mit 130 Millionen Euro, die
dafür aus der ganzen Welt gespendet wurden, konnte das
Unglaubliche geschehen: Im Oktober 2005, gut sechzig Jahren nach ihrer
Zerstörung, wurde die Dresdner Frauenkirche wieder zum
gottesdienstlichen Gebrauch geweiht. Das gottlose Regime, das sich an
ihren Trümmern gefreut hatte, war bereits 16 Jahre vorher
zusammengebrochen.

Seit über zwei Jahren reißt nun der Strom derer nicht ab,
die dieses Gotteshaus besuchen und dort Predigten, Andachten und
geistliche Musik hören. Eine mächtige Orgel begleitet die
Choräle der Gemeinde, die Gott lobt und in den nächsten Tagen
erklingt auch dort wieder die Weihnachtsbotschaft von Christ, dem
Retter. Mich wundert, dass manche diese Demonstration der
Überlegenheit Gottes nicht wahrnehmen.

Vorhin haben wir im Introitus (Psalm 24) gesungen: „Wer ist der
König der Ehre? Es ist der Herr, stark und mächtig im Streit.
Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre!“
Und hier beim Propheten Jesaja heißt es: Dein Gott ist König!
Was heißt denn das? Das ist doch ein Appell, eine Erinnerung,
eine Mahnung an alle, die zum Volk Gottes gehören: Mensch, vergiss
es nicht! Lass dich nicht blenden oder täuschen von irgendwelchen
Scheinmächten oder von solchen die sich für Könige,
Kings, halten oder von anderen dazu gemacht werden.

Dein Gott ist König! Er ist der König der Ehre. Der
Herrscher, der die letzte und größte Macht hat und der aus
den Trümmern dieser Welt einmal seine neue Welt baut. Die
Vorbereitungen laufen schon. Freut euch, er ist schon unterwegs!



Er wird nun bald erscheinen in seiner Herrlichkeit

Und all euer Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud.

Er ist’s, der helfen kann; halt’ eure Lampen fertig

und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.

Amen. (EG 9, 6)

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168