Gottesdienst – Jesaja 5,1-7
Zur PDFPredigt zu Jesaja 5,1-7 am Sonntag Reminiszere 12.3.06 – Pfarrerin Birgit I. Bauer
Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg
Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Liebe Gemeinde,
wieder einmal liegt uns ein biblischer Abschnitt vor, der zu den Meisterwerken der Weltliteratur zählt. So könnten wir ihn genussvoll hören und uns gleichmütig zurücklehnen, hat sein scharfer Inhalt doch scheinbar nichts mit uns zu tun.
Es ist ein altes Bänkelsängerlied, das hier angestimmt wird über einen Freund und seinen Weinberg. Dass es eine traurige Geschichte wird, ahnt man zunächst freilich nicht. Ursprünglich vorgetragen wohl auf dem Weinlesefest im Herbst, erwartete das ausgelassen geneigte Publikum eine der pikanten erotischen Geschichten vom betrogenen Liebhaber, stand doch der Weinberg bekanntermaßen als Chiffre für die Geliebte.
Dem Propheten konnte es nur recht sein, wenn die sich um ihn drängenden Menschen auf derlei aus waren. Ihre Aufmerksamkeit war ihm auf diese Weise gewiss. Was die Festgemeinde sich allerdings nach harmlosem Anfang sagen lassen muss, mag erschüttern und ins Herz treffen. Spätestens beim letzten Vers wird Israel wissen, woran es elend zugrunde geht.
Die Bibel ist nicht prüde. Sie erzählt die Geschichte von Gott und seinen Geschöpfen oft und oft als eine Liebesgeschichte. Gott sehnt sich nach seinem Volk, so erfahren wir, wie der Mann nach der Frau seiner Liebe. „Lustgarten“, „Pflanzung seiner Wonnen“, in unserer jüngeren Übersetzung leider abgeschwächt zur „Pflanzung, an der sein Herz hing“ – das ist Israel für Gott.
Nur Israel? Dann bräuchten wir uns jetzt in unserem Gottesdienst nicht damit zu befassen. Nein, es geht in der Zusammenschau der Bibel nicht nur um Israel. Gilt nicht für die Leute des neuen Bundes, für uns Christen, noch viel deutlicher, dass Gott ihr unendlich Liebender ist? Unsere Glaubensgeschichte, die mit Christus anhob, zeigt sie sich nicht einzig als eine Geschichte der Zuwendung und Wohltat Gottes zu allen?
Denn „gepflanzt“ sind wir „auf einer fetten Höhe“, wie Jesaja bildlich beschreibt. Dürfen wir das auch so verstehen: das Wort Gottes wird reichlich verkündigt unter uns – weckend, entlastend, befreiend, ermutigend, ermahnend, beglückend? Ihr Lieben, auf jeden Fall ist alles da, damit unser Leben wirklich gute Frucht bringen kann!
Beste Hege und Pflege wird uns täglich zugedacht – erkennen wir die liebevoll zarten und die kräftig prägenden Spuren Gottes an uns? An mir vielleicht wieder anders als bei dir, eben sehr besonders und einzigartig in meinem Lebenslauf!
Und die schmerzlichen Heimsuchungen unseres Daseins? Auch sie sollen wir im Licht Jesu begreifen lernen als Ausdruck der unerforschlichen Liebe, mit der Gott uns je und je zu sich ziehen will. In Freuden und im Leiden, in beidem will uns das Heil des Herrn aufscheinen. Ihr und ich, wir lernen das langsam, nicht wahr?
Ich bin Teil von Gottes Weinberg, und ich weiß, es stimmt: „Gott grub diesen Weinberg um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.“
Aber was passiert? Von Gott her so gut angelegt und vorbereitet – trägt der Weinberg trotzdem Herlinge, Herblinge, harte und saure Beeren, Stinkzeug. Das Lied wird zum Lied von Gottes Enttäuschung: So viel investierte Mühe. Und so wenig brauchbarer Ertrag!
Wir vergessen nicht, dass das Lied vom Weinberg dabei eigentlich nicht von uns Einzelnen redet, sondern vom erwählten und berufenen Gottesvolk. Das heißt, wenn wir das nach Anleitung des Neuen Testaments in unsere Gegenwart überführen: Gott ist enttäuscht von seiner Kirche. Der Prediger Wilhelm Stählin fasste es schon 1962 in einer Rundfunkansprache in folgende Sätze:
„Die Kirche als das Gottesvolk des Neuen Bundes, als die Gemeinde der heiligen und geliebten Kinder Gottes, bereitet der göttlichen Liebe eine große Enttäuschung. Alle Sicherheit und Selbstzufriedenheit der Kirche, alles äußere Gepränge, das einen geistlichen Mangel verdeckt, aller Machtwille, der das Kreuz des Herrn verleugnet, die Streitigkeiten der Theologen, die Gottesdienste ohne das Feuer der Liebe, des Gotteslobs und der Hoffnung: ist nicht dieses alles und vieles andere eine bittere Enttäuschung, nicht nur für die Menschen, die wir uns darüber beklagen, sondern für die Liebe Gottes selber?
Viele Menschen sind von der christlichen Kirche enttäuscht, das wissen wir. Aber nicht dieses ist das Schlimmste, sondern dass Gott selber so sehr von seiner Christenheit enttäuscht sein muss.“ So weit diese Einschätzung vor vier Jahrzehnten, die heute anhand moderner Beispiele konkretisiert werden könnte. Der Kurs unserer Kirche im Ganzen lässt manche bedenklich den Kopf schaukeln.
Nur: Schauen wir lieber nicht auf die Unmöglichkeiten der anderen. Schauen wir auf uns. Ungehorsam und selbstsüchtig. Gierig nach Habhaftem. Zweifelnd und kleingläubig. Treiben wir es nicht oft so mit unserem Gott? Jesus lassen wir in vielem links liegen, verachten das Kreuz, verleugnen den heiligen Geist und verneinen seine Kraft – wie wird in Gottes warmem Herzen kalt herumgetrampelt unter uns. In einer Untersuchung der EKD antwortete ein Drittel der Kirchenmitglieder auf die Frage „Kommt es vor, dass Sie beten?“ mit „nein“. Kein Kontakt mit Gott …
„Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Gott sieht Christen vor sich, an die er sein Bestes gewandt hat, und hinter der frommen Fassade, zuweilen sogar schon auf den ersten Blick sieht er: Trägheit des Geistes. Bewusstes oder leichtfertiges Hinweggehen über die Not von Mitmenschen. Mangel an Opferbereitschaft. Ständiges beschäftigt sein mit sich selbst und der eigenen kleinen Welt. Verfangensein in die eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten.
Natürlich, Gott unterlag nie irgendwelchen Täuschungen. Er durchschaut das „arm Gemächte“ von Anfang an. Unsere Schwachheiten, unsere Feigheit und Grobheit sind ihm nichts Neues. Aber auch wenn er unser Inneres, das trotzige und verzagte Ding, bis auf den Grund kennt, so mindert das nicht den Schmerz seiner Enttäuschung.
Können wir uns ansatzweise hineinfühlen in das, was Gott mit uns durchmacht? Es stünde uns sicher wohl an, die Geschehnisse da und dort von Gott her zu betrachten, und möchte manche unserer Enttäuschungen zurechtrücken, die wir gern empfinden. Vielleicht hören wir dann damit auf, ihn anzuklagen für das, was uns nicht gefällt, und fangen an, uns anzuklagen für das, was ihm nicht gefällt!?
Wo habe ich mich tatsächlich schon verändern und lösen lassen in seinem Sinn? Manchmal muss ich zutiefst über mich selbst erschrecken. Natürlich, es sind gute Früchte gewachsen – Gott sei Dank, doch die schlechten Früchte, ich kann sie, wenn ich aufrichtig bin, nicht übersehen.
Aus dem lockeren Lied ist längst ein Leichenlied geworden. Gott selber spricht das Urteil: hartes, verdientes Gericht. Worin es besteht? Darin, dass er alle Fürsorge einstellt. Dass er seinen Schutz zurückzieht. Dass er seinen Weinberg sich selber überlässt. Vertrocknen wird seine Geliebte, verwüsten, zuwuchern mit dornigem Gestrüpp.
Gerade, wenn wir hier aufmerken und verstehen, muss Jesajas Bild nun auf uns allerdings einen trostlosen Eindruck machen. Wer kann dem Schuldigwerden entrinnen? Wie sollen wir dem hohen Anspruch der göttlichen Forderung gerecht werden?
Liebe Gemeinde, wir hätten wirklich verspielt, unwiderruflich, auf der gesamten Linie, wenn Gott nicht das von Jesaja angesagte Gericht, die konsequente Katastrophe, selbst auf sich genommen hätte. Der vernichtende Stoß des Zornes Gottes traf den Mann am Kreuz. Wir als Kirche und als Einzelne leben davon, dass unser Herr allein alles gebüßt hat, was uns belastet und gegen uns spricht.
Von daher wirft uns dieses Lied Jesajas einmal mehr und fester in Jesu Arme, stellt uns unter sein Kreuz. Ohne ihn – hätten wir keinerlei Zukunft. Ist uns das allen klar? Kürzlich erst äußerte sich eine evangelische Christin völlig anders. Nachdem ich aus gegebenem Anlass auf Jesus hingewiesen hatte, bekannte sie: „Also, mit Jesus habe ich es nicht so. Mit dem Herrgott schon.“
Wie soll das gehen? An Jesus vorbei gibt es überhaupt keinen Weg zum himmlischen Vater. Die Liebe Gottes meint nicht, er drücke ein Auge zu. Nur da, wo wir das Heil beim Gekreuzigten suchen, erfassen wir Sünde als ernst und schwer, so ernst und schwer, dass der Tod darauf steht.
Und dann heißt es, in Jesus Christus neu zu leben. Jesus selbst ruft Israel und uns bis heute zu: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mark 1,15)
Erstaunlich und wunderbar, nicht wahr? Die Rettung wird gerade denen angeboten, die sich im Weinbergslied des alten Propheten Jesaja wiedererkennen! Hast du dich wiedererkannt? Amen.